Claqueure und Querulant_innen — IG Kultur

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INHALT 02/2011

 

Claqueure und Querulant_innen

Radostina Patulova

Aufgestemmter Asphalt samt betörendem Straßenbohrer-Lärm vor dem Morgenkaffee, Sandwich samt entfernter Sitzbänke zu Mittag, Open Air (Hoch-)Kulturevents samt multikulti (Kulinar-)Konsum am Abend, öffentliche Konzerte und Volxkinos samt nicht enden wollender Abenddämmerung – wie man es auch dreht und wendet: Es ist endlich Sommer! Alle strömen hinaus, die Stadt wird umgebaut und verwandelt. Bevor man aber in die von der Tourismusbranche bevorzugten Literaturgattungen abschweift, fragen wir lieber, für wen die Stadt – und wie sie – nutzbar gemacht wird bzw. wie sie durch verschiedene Nutzungsformen verändert wird.

Bekanntlich ist das Urbane durch die wechselseitige Beziehung zwischen Raum und Herrschaftstechnologien gekennzeichnet: Innerhalb von wenigen Jahren wurde z. B., so erinnert uns die Geschichte, die schützende Funktion der Stadtmauern im 19. Jahrhundert militärisch überholt. Erst ihre Verwendung als Schutz vor den eigenen Truppen zur Zeit der bürgerlichen Revolutionen aber veranlasste ihre Schleifung. Argumentiert wurde dabei mit Modernisierung und Erweiterung. Nicht anders, als man die mittelalterlichen Gässchen städteplanerisch präzise umbauen und in neuer Form so anlegen ließ, dass die Armee im Falle erneuter Aufstände schnell vorrücken konnte, um sie nieder zu bügeln. Die Stadt zu formen aber verlangt mehr als nur Niederreißen und Kontrollieren, es bedeutet Fördern wie Hindern zugleich: Als man die Revitalisierung des „Gürtels“ in Wien beschloss und Lizenzen für die heute so beliebten Stadtbahnbögen-Lokale vergab, etablierte man zugleich auch Massenevents wie die Nightwalks. Freilich mussten dafür im Vorfeld die Sexarbeiter_innen das Feld räumen. Den aus dieser Verdrängung resultierenden Problemen mit den Anrainer_innen in den Ausweichbezirken begegnet man aktuell mit Prostitutionsgesetzen, die auf die Bedürfnisse der Sexarbeiter_innen kaum Rücksicht nehmen …

Trotz des Abwürgens von nicht kommerziellen Nutzungen mit infrastrukturellen Argumenten (Stichwort Wagenplätze), des Unsichtbarmachens von Armut durch Bettelverbote oder der Festivalisierung und wachsende Kommodifizierung von öffentlichen Räumen entlang des seit der Antike beliebten Konzepts von „Brot und Spielen“ – die Grenze zwischen den Angeboten an die Stadtbewohner_innen und den Begehrlichkeiten, ihre Bedürfnisse maximal auszuweiten und gezielt zu formen, bleibt so dünn wie fließend.

Diese Grenze wird jedoch schnell sichtbar, sobald man die Stadt anders zu nutzen beginnt. Welche Rolle Plätzen und Straßen zukommt, kann schon allein an den Bemühungen abgelesen werden, die Bewohner_innen als Claqueure der Verhältnisse einzusetzen. Die Tatsache aber, dass Plätze, zumindest seitdem sie einmal schon Agoras geheißen haben, den Kern des Gemeinschaftlichen bilden (können), wurde uns spätestens durch die Ereignisse vom Tahrir-Platz wieder eindrücklich in Erinnerung gerufen. Ob Straßen oder Plätze, ob Kairo oder Madrid, sie stehen für das aufkommende Begehren, Städte nicht mehr nur als funktionalisierte, kommerzialisierte, historisierte oder festivalisierte Orte zu begreifen, sondern sie für Diskussionen, Auseinandersetzungen und gemeinsame Entscheidungsfindungen zu öffnen: als Umschlagplätze, auf denen Verhandlungen stattfinden, Positionen zueinander kommen, neue Wege der Artikulation gesucht werden, Solidarität aufkommt und ungeahnte Lösungsansätze gefunden werden. Als kollektive Orte, an denen das Gemeinsame gemeinsam geltend gemacht und durchgesetzt wird, als Sinnbilder für die Suche nach neuen, offenen, friedvollen und revolutionierenden Formen gesellschaftlichen Ausverhandelns lösen sie ein genuines Versprechen ein: die Straße als einen Ort der Querulanz zu betreten, der uns aus den wahlpolitischen Ghettos samt ihrer Tristesse befreit.

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