Hong Kong City Telling — IG Kultur

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INHALT 02/2011

 

Hong Kong City Telling

Elke Krasny

Wege treffen Aussagen über Städte. Wege geben Aufschluss darüber, wie sich eine Stadt als Stadt denkt, erfindet, räumlich durchsetzt, Vernetzungen herstellt, Infrastrukturen installiert, Transportsysteme befördert.

Hong Kong, April 2011. Der Kai Tak Airport ist Erinnerung. Er wurde 1998 geschlossen. Die letzte halbe Stunde vor der Landung sorgte er für Gesprächsstoff mit meinem Sitznachbarn. Der Kai Tak Airport lag nördlich des Victoria Harbours. Die beiden Namen erzählen die grundlegenden Paradigmen der Hong Konger Stadtentwicklung. Kai Tak Airport: Ho Kai und Au Tak gründeten 1922 eine Kapitalanlagegesellschaft. Ihr Ziel war Landgewinnung. Reclaiming nennen es die Hongkonger_innen. Das Land wird zurückgewonnen, eine anthropomorphe Sicht auf den Ozean, der den Menschen das Land nimmt. Die kapitalanlegenden Gesellschafter Ho Kai und Au Tak stehen für die vielen, die Landgewinnung betrieben. Das gewonnene Land akkumulierte Gewinn. Die Rendite bestimmt die Entwicklung der Stadt, Reclaiming und Entrepreneurship als Motoren der Stadtentwicklung. Victoria Harbour: Der Hafen ist seit 1861 nach Queen Victoria benannt. Der Name erinnert an die koloniale Geschichte, an die gouvernementalen Stadtentwicklungsstrategien des British Empire. Alles Land war Queen’s Land.

Wir, Howard Chan vom Hong Kong Community Museum Project und ich, fahren vom Flughafen nach Kowloon. Wir nehmen den Airport Express. Wir nehmen den MTR, Mass Transit Railway System. In den 1960er Jahren hatte die Hong Konger Regierung mit den Planungen der U-Bahn begonnen. Wirtschaftswachstum und Massenverkehrsmittel hängen eng zusammen. Allererste Priorität der Stadtbenutzung, die alle Hong Konger_innen, mit denen ich gesprochen habe, nannten, ist Convenience, gefolgt von Efficience. Am besten, man wohnt in einem Gebäude, in das eine MTR-Station integriert ist, in der man auch alle Einkäufe erledigen kann. Die Planungen der 1980er Jahre spiegeln diese Paradigmen, Einkaufszentren integriert in die Massentransportmittelstationen.

Straßen und Grenzen

Wir fahren vom Flughafen nach Kowloon, Endstation Boundary Street. Die Geschichte entlang des Weges lässt nicht locker. Die Boundary Street war im 19. Jahrhundert die Grenze, der südliche Teil war britisch, der nördliche Teil chinesisch, bis 1898, dann für 99 Jahre britisch bis 1997. Die Straße war keine Straße, sondern eine aus Bambus gebildete Grenze, eine Barrikade, nicht Transport, sondern dessen Verhinderung. Straßen und Grenzen erzählen staatlichen Logiken, laufen als raumgewordene Gouvernementalität durch die Körper und Bewegungen der Stadtbewohner_innen. Wenn wir uns auf ihnen bewegen, bewegen wir uns in den hegemonialen Gesetzen, die der Raum artikuliert. Wir bewegen uns aber auch in unseren eigenen Artikulationen, die wir als Stadt erzeugen.

Gehen als Wissensproduktion

Die nächsten 14 Tage gelten dem Gehen als Wissensproduktion. In dem Projekt City Telling sammle ich Aussagen entlang der Alltagswege von Menschen. Es geht um die Verbindungen von Gehen und Sprechen, von individueller und kollektiver Stadt. Individuelle Geschichten setze ich mit Megakonstellationen der Konfiguration Stadt in Verbindung. Die Relationen zwischen Makroebene und mikropolitischen Bewegungen lässt sich durch die individuellen Wege-Erzählungen und die Macht-Bewegungen in Stadtentwicklung und Stadtgeschichte herstellen. Auf Einladung des Hong Kong Community Museum Project wurde City Telling Teil von „Dislocated – Home Moving Amid Sham Shui Po Redevelopment“, das sich mit den Wirkungen des Stadtumbaus auf Einzelne beschäftigt. Was bedeutet Urban Renewal in den Biographien urbaner Subjekte? Wie verändern ihre Wege die Stadt?

Die Urban Renewal Authority (1), 2001 gegründet, hat die Aufgabe der Koordinierung der Aktivitäten, die Abriss alter Bausubstanz, Neubau, Re-Housing sowie Kompensation der Bewohner_innen, Mieter_innen und Besitzer_innen betreffen. Die alten Gebäude werden resumed. Wurde das Land vom Meer reclaimed, zurückgefordert, zurückgewonnen, so werden die über 30 Jahre alten Gebäude resumed, wiedererlangt. Seit 2001 gibt es einen intensiven Politisierungsprozess um das Recht auf Wohnen in Hong Kong, aktivistische und künstlerische Aktivitäten, Gründung von Concern Groups und solidarischen Nachbarschaftsaktionen. Die Forderungen auf das Recht auf Stadt, das Recht auf die eigene Stadtgeschichte stieg exponentiell.

Urban Renewal und die Artikulationen des Alltags

Die vier Familien, mit denen die Walks stattfanden, wohnten in Sham Shui Po. Die Methode besteht aus dem Mit-Gehen, dem Sprechen entlang des Weges. So entstehen die Artikulationen des Alltags, die oft unausgesprochen bleiben, subaltern durch ihr Verschwiegenwerden. Diese Artikulationen werden relational in den Parametern der Stadtentwicklung und der Stadtgeschichte gelesen. Die vier Familien wurden vor zwei Jahren relocated. Sham Shui Po ist traditionell einer der ärmsten Bezirke der achtzehn Hong Konger Bezirke.

Einer der vier Wege beginnt in der neuen Wohnung von Mr. Lee. Die Wohnung ist in einem Public Housing Estate, namens Harmonie II. Sui Keung Lee hatte seine Automechaniker-Garage/Wohnung als Treffpunkt für die selbstorganisierten Abendessen der Concern Group genutzt. Sein aktivistisches Engagement führte ihn und seine Frau zu vielen neuen sozialen Verbindungen, das Netzwerk der Nachbar_innen erweiterte sich um Künstler_innen, Aktivist_innen, Forscher_innen. Bevor wir den Weg beginnen, zeigt er seine aktivistischen Memorabilia, Flyer, Zeitungsausschnitte, Fernsehinterviews. Wiewohl die neue Wohnung von der alten Nachbarschaft eine gute halbe Stunde zu Fuß entfernt ist, sind die Verbindungen aufrecht. Mr. Lee hat keine Garage mehr. Deshalb ist er regelmäßig in der alten Nachbarschaft anzutreffen. Er hat seine Arbeit räumlich dezentralisiert, auf das Netzwerk der Nachbarschaft aufgeteilt, sein Werkzeugkoffer ist unter der Abwasch im kleinen Gemüseladen untergebracht, der Parkplatz vor dem Gemüseplatz wird zum Autoreparaturarbeitsplatz, die Garage gegenüber wird manchmal zu seinem Arbeitsplatz. Er teilt die Arbeit dann mit den anderen. Die Arbeit als Mechaniker kommt zu ihm, über sein altes Klientennetz, über seine neuen sozialen Beziehungen aus dem aktivistischen Umfeld.

Wir gehen gemeinsam los, Mr. Lee, Mrs. Lee und ihr kleiner Sohn. Der Alltagsweg beginnt mit dem morgendlichen Tee, der in einem kleinen Restaurant in einem alten Einkaufszentrum gegenüber der Wohnanlage eingenommen wird. Einkaufen ist teurer in der neuen Umgebung, auch deshalb gehen sie in die alte Nachbarschaft. Bestritt Mr. Lee den ersten Teil des Wegs mit Erzählungen über Treffen mit Aktivist_innen, die ihn in ganz Hong Kong einladen und über die Organisation seiner Arbeit, so wird Mrs. Lee entlang des Weges die aktive Erzählerin. Sie ist vor einigen Jahren aus Mainland China eingewandert. Einkaufen, mehr noch die Erfahrung der Waren mit den Augen, das Sprechen über die Angebote, die Bewegung durch die Frische des Marktes, zwischen Obst, Fleisch, Gemüse und Fisch, ist ihre urbane Freude. Der Markt verbindet das Öffentliche, das Ökonomische und das Private. Bei jedem Gemüse erklärt sie die Bedeutung und ihre Essvorlieben. Entlang des Weges gibt es ihre Geschäfte: für spezielle Teile vom Schwein, für spezifisch gebratenes Tofu, für frisches Obst, für die Medikamente, die sie für ihre Familie in Mainland China kauft. Jedes Geschäft ist eine soziale Interaktion. Sie verwandelt die Begegnung in halböffentliche Gastlichkeit auf dem Parkplatz. Stühle werden aus dem Gemüsegeschäft geholt, die frische Sojamilch kommt vom Tofuladen, das frische Obst von einem anderen Geschäft. Kam Tai Motors als Zentrum der Nachbarschaftsorganisation gibt es nicht mehr. Die Treffen vermissen die beiden. Jedoch, sie schätzen den Komfort und die Qualität ihrer neuen Wohnung im Estate, die Wohnsituation hat sich verbessert.

Der Prozess des Urban Renewal führte für Mr. Lee und Mrs. Lee zu einer politischen und aktivistischen Resubjektivierung, zu unerwarteten sozialen Beziehungen. Ihre Stimme wird öffentlich wahrgenommen. Der Radius in der Stadt erweiterte sich. Mr. Lee wurde zu einem nomadischen Arbeitssubjekt, der neoliberale Kennzeichen der Ich-AG verknüpft mit dem Geselligen, dem Teilen, dem politischen Engagement. Mrs. Lee will die Auswahl, das Gustieren im Wet Market nicht missen. Die sozialen Begegnungen, die Gespräche mit den Geschäftsbesitzerinnen der kleinen Geschäfte sind ihr Sozialleben. Im Estate ist sie einsam. Deshalb nimmt sie den langen Weg, der mit ihrem kleinen Kind beschwerlich ist, in Kauf. In die sozialen Beziehungen in der Stadt investiert sie. Ohne diese wäre sie isoliert.

Wege von Neoimmigrant_innen aus Mainland China

Auch die anderen Geschichten, die hier nur in aller Kürze vorgestellt werden, sind ähnlich komplex und widersprüchlich. Bei der zweiten Familie, die ebenfalls Lee heißt, handelt es sich um Neoimmigrant_innen aus Mainland China. Mrs. Lees Radius in der Stadt ist marginal, 500 Meter: der Markt, der Kindergarten der jüngeren Tochter. Ihr eigentliches Sozialleben, ihre Freund_innen sind acht Stunden Busreise entfernt. Familie Yeung übersiedelte weit, sie verlor die alte Nachbarschaft. Auch sie sind eingewandert. Beide Eltern arbeiten, die Familie wird durch die Großmutter, die immer für drei Monate aus Mainland China einreist, zusammengehalten. Der Radius der Großmutter ist klein, 600 Meter: der Markt, der Kinderspielplatz mit der Enkelin. Ihr Problem ist die Kommunikation. Sie spricht kein Kantonesisch. Für Mr. Choi, der mit seiner Familie in St. Petersburg, London und Shanghai gelebt hat, liefert der Weg von der Arbeit zur Wohnung im Social Housing Estate eine physisch-spirituelle Ertüchtigung. Er will Missionar in Beirut werden. Dafür trainiert er Körper und Geist. Die Stadt liefert die Möglichkeiten, inklusive 300 Stufen. Mr. Choi betrachtet nichts, kauft nichts ein, bleibt nicht stehen. Die Stadt dient seinem strengen Ritual. Den Weg hat er gefunden, indem er der Route des Busses von seinem Zuhause zur Arbeit folgte, die weiteren Hindernisse und Herausforderungen kamen im Lauf der Zeit als Entdeckungen dazu.

Stadt entwickelt sich auf vielen Ebenen. Policylogik und Investorenlogik trifft auf Bewegungen, Forderungen und Adaptionen der urbanen Subjekte. Entlang von dividuellen Stadtwegen wird die Geschichte in ihren Widersprüchlichkeiten, Konflikten und Potenzialen akut. Das Improvisierte und Nicht-Kodifizierte erzeugt auf dem Erdgeschossniveau jene Urbanität, die in die Dauerbetriebsamkeit Hong Kongs individuell erlebbare Soziabilität einschreibt. Wird dieses durch Maßnahmen neuer Shopping-Malls, die Ausschließung durch Design betreiben, und durch die Verlagerung der öffentlichen Funktionen in die Vertikalität verdrängt, dann verschwinden genau die Qualitäten, die die Bewohner_innen entlang ihrer Wege als Zugänge und als Nutzungen, als soziale Aktivitäten und als Austausch erzeugen und die in ihrer Gesamtheit auch aufzeigen, wie durch die Stadtproduzent_innen das, was die Regeln der Planung erdacht haben, transzendiert werden kann, wenn die Planung das historische Nebeneinander von Stadt, das Aufeinandertreffen von Geplantem und Ungeplantem zulässt.

 

Fußnote
1 www.ura.org.hk

 

Literatur
Certeau, Michel de (1980): Kunst des Handelns. Berlin: Merve Verlag.

Krasny, Elke/Nierhaus, Irene (Hg.) (2008): Urbanographien. Stadtforschung in Kunst, Architektur und Theorie. Berlin: Reimer Verlag.

Krasny, Elke (2010): „Die Schritte und die Wort. Gehen als urbanistische Wissensproduktion und kulturelle Bildungspraxis“. In: Thuswald, Marion (Hg.): urbanes Lernen. Bildung und Intervention im öffentlichen Raum. Wien: Löcker Verlag.

Scott, James C. (1998): Seeing like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed. New Haven and London: Yale University Press.

 

Elke Krasny
ist Stadtforscherin, Kulturtheoretikerin, Kuratorin, Senior Lecturer an der Akademie der bildenden Künste am Institut für das Künstlerische Lehramt sowie am Institut für Kunst und Architektur.

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