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INHALT 02/2011

 

push it to the maximum

Daniela Koweindl

Die Diagonale 2011 präsentierte einen Spiel- und einen Dokumentarfilm, die jeweils prekäre Lohnarbeit als vorübergehende Einnahmequelle (während des Studiums) zum Thema machten: Zwei Freundinnen beginnen neben dem Studium für einen Escort-Service zu arbeiten (Tag und Nacht). Eine Hand voll junger Leute aus Österreich klappert in Bayern Haushalte ab, um Spenden für eine Hilfsorganisation zu keilen – ein Ferienjob auf Provisionsbasis, aber auch, so der Titel des Films, Ein Sommer voller Türen. In beiden Fällen ist die potenzielle Aussicht auf einen zumindest vorübergehend guten Verdienst Ansporn für die jeweilige Tätigkeit.

Reichtümer

Möglichst wenig Zeit für Erwerbsarbeit verlieren, möglichst gut dabei verdienen – das ist eine Überlegung, die auch der Entscheidung von Lea und Hanna in Sabine Derflingers Spielfilm Tag und Nacht zu Grunde liegt, sich in der Sexarbeit zu versuchen. „Und wenn es uns nicht taugt, gehen wir kellnern für acht Euro in der Stunde oder plakatieren, oder wir werden Statistinnen.“ Aber schon wird hochgerechnet, auf wie viel Geld im Monat sie nun kommen können. Die Entscheidung steht, die Jobs beginnen, bei jeder Auftragsankündigung durch die Agentur erscheint „Reichtümer“ als eingehender Anruf am Handydisplay. Das Bargeld in der Chanel-Schuhschachtel nimmt zu, ebenso die Souveränität im Job. Aber nicht auf Dauer. Lebensstil und Ausgaben werden angepasst, Gewalt und Drogen kommen ins Spiel, die langjährige Freundinnenschaft wird vor harte Bewährungsproben gestellt. Die Arbeit macht zu schaffen und beginnt, auch an der Beziehung zueinander zu zehren. Mit ihren neuen Erfahrungen sind die beiden ganz auf sich (zu zweit) gestellt. Kontakt mit anderen Kolleginnen gibt es kaum, nur gelegentlich mit der Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann die Agentur leitet und somit quasi auch eine Arbeitgeber*innenrolle, vor allem aber den Job nicht als Nebenbeschäftigung zu einem anderen, sehr abgegrenzten Leben hat: „Für euch ist das alles nur ein Spiel, aber für mich nicht. Für mich ist es mein Leben.“ Gemeinsam ausprobieren und gemeinsam auch wieder aufhören, haben sich Hanna und Lea vorgenommen. Nebenjobs sind austauschbar, das steht auch für die beiden von Beginn an fest, ist aber einfacher gesagt als getan. Nicht anders ist es bei den Spendenwerber*innen im Dokumentarfilm von Stefan Ludwig.

Na, du kleiner Malteser!?

„Zeigen wir, dass wir jung sind, dass wir fit sind, dass wir es drauf haben!“, motiviert der Teamchef seine Kolleg*innen in der Früh, push it to the maximum, heißt es am Abend. Der Arbeitstag ist lang, die Arbeit geht in der Unterkunft noch weiter. Rollenspiel, Feedbackrunden und Rhetoriktipps sollen selbstbewusstes Auftreten, Überzeugungskraft und folglich den Profit steigern – im Idealfall eine ökonomische win-win-Situation für die Mitarbeiter*innen und die Hilfsorganisation (die auf Spenden angewiesen ist, um soziale Dienste aufrechtzuerhalten). In jedem Fall geht die Rechnung für die Hilfsorganisation auf. Denn, so die Agentur, die die Werber*innen organisiert, bei „dieser Form der Fördermittelwerbung [bleibt] am meisten von der Spende übrig. Es gibt keine laufenden Kosten, nur die Bank“. In den ersten zwei Wochen gibt es eine Basiszahlung für die Werber*innen in der Höhe von 540 Euro, danach ist die Provision ausschlaggebend. Spesen für Unterkunft und Auto sind selbst zu tragen. Immer freundlich sein, immer ad hoc auf neue Situationen einstellen (Abfuhren ohne Ende, Beschimpfungen, Missverständnisse, aber auch freundliche Trinkgeldangebote, die es strikt abzulehnen gilt), immer motivieren – sich (gegenseitig) wie auch die Spender*innen, etwa bei der Suche nach der Kontonummer, um den Abbuchungsauftrag schließlich unter Dach und Fach zu bekommen: „So alt sind Sie ja nicht, dass Sie die nicht finden!“

Hier werden Haustiere gestreichelt („Na, du kleiner Malteser!?“), dort wird die Porzellanpüppchensammlung bewundert. Auch ein offenes Ohr für Krankengeschichten gehört dazu. Doch wo der Eindruck entsteht, dass letztlich nichts zu holen sein wird, ist es ratsam, den Kontakt bald wieder abzubrechen. Zeit ist Geld, und der Job hart genug. Etwa 30% brechen ihn innerhalb der ersten beiden Wochen wieder ab, für andere rechnet er sich allemal. Auf den persönlichen Einsatz kommt es an, „jeder Job ist lernbar“, „da trennt sich die Spreu vom Weizen, wenn man durchbeißt“, erklärt der Teamchef den Kolleg*innen. Feindselige Konkurrenzsituation werden in dem mit der Kamera begleiteten Keiler*innenteam nicht geschürt, gegenseitig anspornen ist die Devise. Mit ups and downs wird nicht hinterm Berg gehalten. Die wenige Freizeit verbringen die, die durchhalten, über mehrere Wochen hinweg schließlich auch gemeinsam.

Das kann jede*r

Die Arbeitszusammenhänge bei Tag und Nacht sowie in Ein Sommer voller Türen sind – abgesehen von den Kund*innenkontakten – äußerst eng und überschaubar. Auch darüber hinaus bestehen kaum Austauschmöglichkeiten. Lea und Hanna halten ihre Erwerbstätigkeit im Freund*innenkreis geheim („mobiler Hilfsdienst … das kann jeder“), die Keiler*innen sind fernab ihrer sozialen Zusammenhänge unterwegs. Auseinandersetzung findet folglich maximal innerhalb der Logik der Ausbeutungsverhältnisse, in die sich die Studierenden begeben haben, statt. Ob der Job gelingt oder nicht, schreiben die Spendenwerber*innen ihrem individuellen Potenzial oder Versagen zu. Die strukturellen Arbeitsbedingungen werden (vor der Kamera) nicht in Frage gestellt.


Daniela
Koweindl geht gerne ins Kino, einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist Prekarisierung von Arbeit und Leben.

Filme
Ein
Sommer voller Türen
Dokumentarfilm, DE/AT 2010, 73 Min., Regie: Stefan Ludwig.

Tag und Nacht
Spielfilm, AT 2010, 101 Min., Regie: Sabine Derflinger.

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