Die Wahrheit der Kulturpolitik — IG Kultur

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INHALT 02/2011

 

Die Wahrheit der Kulturpolitik

Ljubomir Bratić

Anders als zur Frage des Wahlrechts oder des Zugangs zum Arbeitsmarkt geht es im Bereich der Kunst- und Kulturförderungen nicht ans Prinzipielle des Nationalstaates. Hier könnte der Staat relativ großzügig agieren, ohne allzu bedeutende interne Widersprüche im hegemonialen Arrangement zu entfachen. Daher bietet der Bereich Kunst und Kultur auch eine besondere Chance, nicht so sehr für die Verbreitung von politisch antirassistischen Diskursen im engeren Sinne, aber sehr wohl für die Verbreitung von Diskursen, die antirassistisch wirken, indem sie eine inter- und transkulturelle Normalität herstellen. Genau darin liegt auch die besondere Attraktivität dieses Feldes für eine liberale Politik. Diese kann, ohne sich selbst zu sehr herauszufordern, den eigenen antirassistischen Ansprüchen gerecht werden, indem sie inter- und transkulturelle Projekte fördert.

Die Wahrheit der Kulturpolitik

Die Kulturpolitik ist nie naiv. Deren Wahrheit ist diejenige, die sich in der Strukturierung des Alltags äußert. Die gegenwärtige Vorherrschaft der Ungleichheit hat auch kulturelle Wurzeln. Sie ist am engsten verknüpft mit der Kontrolle der Wahrnehmung, mit der Kontrolle dessen, was wahrgenommen und was nicht wahrgenommen wird, sowie dessen, was in diesem Zusammenhang als wirksam, also als Wirklichkeit, als Normalität gilt.

Wir verweilen aber nicht in einem totalen Ort, der ein für alle Male vorstrukturiert ist, sondern befinden uns in einem höchst dynamischen Raum, in dem andauernd Auseinandersetzungen über die vorgegebene Normalität geführt werden. Manche TheoretikerInnen nennen das Stellungskrieg, manche Antagonismus, manche wiederum Dissens … Wichtig ist festzustellen, dass es sich um einen veränderbaren Raum handelt und dass die Kämpfe um die Veränderung – egal ob deklariert oder stillschweigend – jetzt und hier stattfinden.

Entscheidend sind dabei zwei Interventionsstoßrichtungen, die sich zueinander in einem konträren Verhältnis befinden. Die Kräfte der Erhaltung des bestehenden, anerkannten Positionsgefüges, das ihnen die Position der Macht sichert, stehen den Kräften der Veränderung gegenüber, deren TrägerInnen sich zumeist aus den beherrschten gesellschaftlichen Gruppen zusammensetzen. Die erste Kraftlinie vertritt die Position der Allgemeingültigkeit ihrer Stoßrichtung, während die zweite genau diese bestimmte „Allgemeingültigkeit“ permanent – mittels ihrer Rückführung auf Prinzipien und mittels des Aufzeigens von Widersprüchen – in Frage stellt. Die erste Linie will erhalten, die zweite will verändern. Zweck der Veränderung ist, dass die TrägerInnen der materiellen und ideellen Erweiterung des Bestehenden eine Position der Definitionsmacht erhalten. Diese zwei Kraftlinien kommunizieren nur bedingt miteinander. Sie bekämpfen sich auch dann, wenn sie scheinbar nebeneinander existieren und gedeihen können. Solange die eine Macht zu entscheiden hat und die andere diesen Entscheidungen unterworfen ist, befinden wir uns im Bereich des Dissenses. Die Wahrheit der Kulturpolitik ist also eine Permanenz des Kampfes zwischen denen, die dazu gehören und denen, die auf eine zukünftige Position der Teilhabe prätendieren.

Bourdieu folgend können wir behaupten, dass zur Entstehung der Kultur im heutigen Wortsinne als Kultur auch die Schaffung eines relativ selbstständigen Feldes der Kultur gehört. Es ist ein Feld, in dem es neben der sichtbaren Kulturproduktion um die unsichtbare Kulturpolitik, d. h. um die Regeln der Fortschreibung und Vorantreibung dessen, was als Kultur definiert ist, geht. Dieses Reglement hat nicht nur eine ideelle, sondern vor allem, da mit der Zugänglichkeit zur Finanzen verbunden, eine materielle Bedeutung. In der Studie „Kultur, Kunst und Theater für Alle“ (vgl. Akbaba et al. 2009) ging es uns vor allem darum, diese Ebenen anzusprechen. Der Ausgangspunkt war die Tatsache, dass ein eklatanter Widerspruch zwischen der behaupteten Kultur für alle und dem stattfindenden und finanzierten kulturellen Leben und Schaffen feststellbar ist. Die Feststellung, die wir am Anfang der Arbeit an der Studie treffen konnten, war die, dass trotz der Beteuerung der Wichtigkeit der MigrantInnen für das Wiener Selbstbild (Diversitätskonzept) die MigrantInnen als KulturproduzentInnen kaum oder sehr marginalisiert an der Kulturpolitik des Stadt Wien beteiligt sind. Die Fragestellung der Studie war nicht nur eine analytische, sondern eine, die dazu gedacht war, eine interventionistische Funktion auszuüben.

Nun, wenn wir das heutzutage sich selbst so benennende politische Feld betrachten, können wir feststellen, dass es sich um eine Anzahl von Individuen handelt, die – gruppiert entlang des mehr oder weniger stringenten ideologischen Rahmens bestimmter Parteien, Interessenvertretungen und sonstiger Gerüste der Erklammerung und Erhaltung von Macht – sich folgendermaßen verhalten: Sie bemühen sich, für sich das Vertretungsrecht für die Gruppen zu vereinnahmen. Dazu setzen sie bestimmte rituelle Techniken ein, deren Zweck darin besteht, dass „private Interessen symbolisch zu solchen der Allgemeinheit erhoben oder aber offiziell anerkannte allgemeine Interessen symbolisch privat vereinnahmt werden sollen“ (Bourdieu 1993: 202). Sie versuchen, die Worte der größten Wählergruppen sich zu eigen zu machen, womit sie sich eine Einwirkung auf die Gruppe versprechen, damit sie weiterhin am Hebel der Macht bleiben können. Die politische Kaste ist wenig anderes als ein Mechanismus der Erhaltung gesellschaftlich tradierter Herrschaftsverhältnisse. In das politische Feld zu intervenieren, heißt, es mit diesem Typus Mensch zu tun zu haben. Die Frage, die sich diese Menschen stellen, ist die, wie groß die Wählergruppe ist und ob bzw. in welcher Hinsicht es sich auszahlen würde, sich das Vokabular anzueignen; d. h., inwiefern das bei der nächsten Wahl honoriert wird.

Die Position von MigrantInnen im Kulturfeld

Worüber reden wir aber, wenn wir den Begriff „MigrantInnen im Kulturfeld“ verwenden? Die Möglichkeiten des Kunst- und Kulturschaffens sind in der Gesellschaft entlang der allgemeinen systematischen Diskriminierungslinien ungleich verteilt. Die Bevölkerung Österreichs diversifiziert sich, und es sind mehr und mehr Menschen da, die für sich das Attribut „Migrationshintergrund“ beanspruchen können. Diese starke numerische Präsenz der MigrantInnen – in Wien machen sie ein Viertel der hier wohnenden Bevölkerung aus – steht im Gegensatz zur mangelnden öffentlichen Präsenz des Kunst- und Kulturschaffens, das von diesen und für diese Minderheiten betrieben wird. Personen mit Migrationshintergrund haben deutlich weniger Zugang zu jenen Ressourcen, die für das Kunst- und Kulturschaffen von Relevanz sind. Dieser Zustand ist Teil einer allgemeinen Tendenz, die den österreichischen Nationalstaat von anderen Staaten in der EU unterscheidet. Trotz zunehmender Kritik ist in Österreich nach wie vor ein Diskurs vorherrschend, der die Realität des Landes als de facto Einwanderungsland negiert. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen: Die politische Repräsentation der MigrantInnen ist mangelhaft und wird zum demokratiepolitischen Problem. Die MigrantInnen haben in der Mainstream-Öffentlichkeit keine legitimen RepräsentantInnen, die dafür sorgen, dass ihre Artikulationen u. a. gegen rassistische Diskurse wirksamer werden und dass sie für ihre eigenen (durchaus nicht homogenen) Interessen in politischen Konflikten – nicht zuletzt in der Kunst- und Kulturpolitik – Stellung beziehen können.

Angespannte Multikulturalität

Entsprechend dieser ausgrenzenden Tradition mündet die Einwanderung in Österreich in eine angespannte Multikulturalität, d. h. in ein Nebeneinander von Gruppen, die als kulturell unterschiedlich definiert und als Bedrohung wahrgenommen werden. Hier ist eine historische Kontinuität – von Josef II. über die Austromarxisten bis heute – zu beobachten. Nationale Unterschiede im Umgang mit universalistischem Gedankengut sind jedoch mit der einsetzenden Globalisierung nicht länger haltbar und führen zu immer größeren sozialen Spannungen. Die Selbstorganisationen der MigrantInnen und anderer Minderheiten sowie die Kunst- und Kulturschaffenden im Allgemeinen haben eine Schlüsselfunktion bei der Vermittlung neuer kollektiver Identitäten und der Verhinderung von gewaltsamen Eskalationen der gegenwärtigen sozialen Spannungen.

Eine im Zeichen der Diversität stehende, gesellschaftspolitisch proaktive Kunst- und Kulturpolitik muss versuchen, diese Funktionalitäten durch entsprechende Programme zu fördern, um das spannungsgeladene multikulturelle Nebeneinander in ein entspanntes transkulturelles Miteinander zu überführen. Anfang der 1990er Jahre wurde unter Bildungsminister Scholten erstmals ein Subventionstopf für multikulturelle Projekte gewidmet. Erhard Busek initiierte im Jahr 1995 den groß angelegten Forschungsschwerpunkt „Fremdenfeindlichkeit“. Es folgte eine Welle von Impulsen seitens des Bundes und auch der Stadt Wien. Mit der Abschaffung des Wiener Integrationsfonds 2003 kamen die Impulse in Wien größtenteils zum Erliegen. Und auf Bundesebene sind außer dem an Lächerlichkeit grenzenden Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs 2008 kaum mehr andere Impulse wahrnehmbar.

Dieser Stillstand ist jedoch nicht mehr lange aufrecht zu erhalten. Die Bevölkerungsentwicklung wird die Politik in den kommenden Jahren zum Umdenken und zum Werben um die Stimmen der MigrantInnen zwingen. Noch überwiegt allerdings das Ansprechen der Mehrheitsbevölkerung mittels privilegienzusichernder Diskurse. In den letzten beiden Jahrzehnten wurden in Österreich die politischen Weichen so gestellt, dass sich eine zweite Klasse in der Bevölkerung herausbildete, deren Integration in das nationale Kollektiv anders als in der Vergangenheit nicht mehr binnen weniger Generationen funktioniert. Diese Spaltung der Bevölkerung verstärkt das Klammern an Privilegien und den Rechtsruck in der ersten Klasse.

Die Veränderungen innerhalb der Wiener Kulturpolitik

Den Namen Shermin Langhoff hörte ich das erste Mal Anfangs dieses Jahrhunderts, als sie die Verantwortung für eine von Kanak Attack durchgeführte Großveranstaltung unter dem Titel „Dieser Song gehört uns!“ in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz in Berlin innehatte. Kennen gelernt habe ich sie bei einer Veranstaltung von b-books in Berlin, und persönlich traf ich sie im Jahr 2006 in der Kantine des Theaters HAU zu einem Interview, als ich die Berliner Szene zwecks oben erwähnter Studie untersuchte: eine selbstbewusste, theoretisch versierte und gut vernetzte Macherin; eine, die das Prinzip des „Tuns“ im Kulturfeld verinnerlicht hat. Dass sie die erste ist, die das übliche Wiener Berufungsklischee der IntendantInnen aus nördlichen Hemisphären brechen kann, sagt schon vieles über die Veränderungen aus, die sich innerhalb des Wiener Kulturfeldes langsam anbahnen.

Derzeit können wir, was dieses Kulturfeld betrifft, mit Galilei behaupten, dass es sich doch bewegt. Nicht spektakulär und noch immer ohne dezidierte Festlegungen und auch ohne große programmatische Ausrichtungen, aber es ist eine Tatsache, dass wir derzeit auf Interkulttheater, auf Hamakom, auf Garage X, auf Boem, auf dietheater, auf die sich anbahnende Übergabe des Kabelwerkes an dietheater, auf die im Hintergrund laufenden Vorbereitungen für diverse Beiratsbestellungen, möglicherweise auf die Vorbereitungen für einen speziell auf diese Thematik ausgerichteten Fonds usw. blicken ... vieles, von dem wir wissen und vieles, von dem wir nichts wissen.

Etwas bewegt sich also und bewegt sich doch auch nicht. Die Tatsache, dass Shermin Langhoff vom Kulturstadtrat und vom Hauptverantwortlichen der Wiener Festwochen bestellt wurde, sagt vieles, nicht aber, dass es zu einem generellen Überdenken der bisherigen Kulturpolitik gekommen ist.

 

Literatur
Akbaba, Ülkü / Bratić, Ljubomir / Galehr, Sarah / Görg, Andreas / Pfeiffer, Gabriele C. (2009): Kunst, Kultur und Theater für Alle! Impulse für eine transkulturelle Theateroffensive. Studie zu Perspektiven der Kunst- und Kulturpolitik in Wien 2010-2015. Mit besonderem Fokus auf Migrationsrealität. Wien, 2009. Verfügbar unter: Kunst und Kultur für Alle! PDF Download

Bourdieu, Pierre (1993): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt am Main.

Ljubomir Bratić ist Philosoph und Publizist, lebt in Wien

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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