Queere GenossInnen — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 02/2011

 

Queere GenossInnen

Hongwei Bao

Der Fokus dieses Artikels liegt auf dem chinesischen Ausdruck tongzhi, wörtlich Genosse, die offizielle Anredeform während Chinas sozialistischer Zeit von 1949-1978. Dieser Begriff wurde in der Zeit nach 1979 zu einem populären Ausdruck sexueller Minderheiten im postsozialistischen China. Um die Spuren der Genealogie des Begriffes und seine sozialen, kulturellen und politischen Dimensionen zu diskutieren, möchte ich die ideologischen Kämpfe, die diesen Begriff durchziehen, darlegen und sein Potenzial für queere Politiken analysieren.

Eine Genealogie von tongzhi

Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurde das Wort tongzhi zur offiziellen Anrede für Junge wie Alte, Männer und Frauen zugleich. Nach 1978 verlor tongzhi jedoch seine Popularität im politischen wie sozialen Leben der Menschen, nachdem China begann, seine „Reform- und Öffnungspolitik“ zu implementieren. Zudem wurde der Begriff in den 1990ern durch das Aufkommen queerer Diskurse in Hong Kong, Taiwan und den diasporischen chinesischen Communities kritisch hinterfragt. Es ist wichtig, hier anzuführen, dass die Verwendung von tongzhi als der sozialistische „Genosse“ als Top-Down-Prozess eingesetzt worden war. Der sozialistische tongzhi, wie sehr er auch egalitär und utopisch intendiert war, löschte die Differenzen von Gender, Sexualität, Alter, Klasse, Rasse und Ethnizität aus, welche dennoch Bedeutung für die Menschen bzw. für das Alltagsverständnis der Welt hatten. Somit verlor der Begriff seine Popularität, als die kommunistische Regierung ihre Kontrollfunktionen zu Beginn der postsozialistischen Zeit lockerte.

In seiner queeren Variante wurde tongzhi erstmals 1989 im chinesischsprachigen Kontext verwendet, als ein queerer Aktivist im Rahmen des ersten Lesben- und Schwulenfilmfestival in Hong Kong die Bezeichnung als indigene Form der Repräsentation von queeren Politiken einsetzte. Der Begriff wurde 1992 beim Taipei Golden Horse Film Festival in Taiwan vorgestellt und eingeführt. Seit dem gewann tongzhi immer mehr an Popularität in Hongkong, Taiwan und queeren, chinesischen Communities in der Diaspora, gerade aufgrund seiner „positiven kulturellen Referenzen, seiner Gender-Neutralität, der Desexualisierung des Stigmas der Homosexualität, seiner Politik jenseits einer homo-hetero Dualität und der Verwendung einer indigenen, kulturellen Identität, um das Sexuelle in das Soziale zu integrieren“, wie es der queere Aktivist Chou Wah-Shan beschreibt.

Die kulturelle Übersetzung des bislang in Hong Kong verwendeten Wortes tongzhi in den queeren Diskurs des chinesischen Festlands wurde durch regionale Bevölkerungsgruppen sowie ökonomische, kulturelle und mediale Strömungen begleitet. Eine öffentliche Diskussion über Homosexualität tauchte auf dem Festland Chinas in den 1980ern innerhalb medizinischer und akademischer Felder auf, einige der frühesten Publikationen verwenden Ausdrücke wie tongxinglian und tongxingai als Bezeichnung für sexuelle Minderheiten. Dennoch dauerte es bis Ende der 1990er Jahre bis tongzhi auch am Festland Chinas in der Gay Community als Begriff eingeführt und breiter akzeptiert wurde – und hier vor allem in informellen Diskursen, wie z. B. im Cyberspace. Mittlerweile wird die Bezeichnung tongxinglian selbst in Regierungsunterlagen, akademischen Publikationen und Zeitungsberichten verwendet. Zusätzlich wird auch der englische Begriff gay in Internetforen und lesbisch-schwulen Kontexten angewandt.

Die kulturellen Politiken von tongzhi

Die Prozesse des Exportierens, Importierens und Transportierens von tongzhi sind von zweifacher Bedeutung: Erstens fordert es den Zentrismus des Westens heraus – dem das Konzept des „Global Gay“ zugrunde liegt –, der behauptet, dass Sexualitäten in nichtwestlichen Ländern vom Westen importiert wurden. Es ist offensichtlich, dass die Hong Konger AktivistInnen, die die Verwendung von tongzhi als ein Ausdruck für queer initiierten, den chinesischen Kontext im Sinn hatten: So kann der Begriff als gekürzte Form für zhitong daohe („das gleiche Ziel teilen“), oder als Erinnerung an den Gründer der Volksrepublik China Sun Yat-sen und seinen berühmten Satz geming shangwei chenggong, tongzhi reng xu nuli („die Revolution ist noch nicht erfolgreich beendet, die GenossInnen müssen weiter kämpfen“), aber auch als Parodie des kommunistischen Systems des chinesischen Festlands verstanden werden. In der Zwischenzeit wenden sich die queeren AktivistInnen von einer westlich-zentrierten Lesben- und Schwulenpolitik ab und verorten queere Politiken in der chinesischen Gesellschaft und Kultur. Zweitens unterbricht diese Strategie einen Zentrismus der Volksrepublik China. Da die Volksrepublik China als das „reale“ China verstanden wurde, aus dem eine „authentische“ chinesische Kultur hervorgegangen ist und das in die „Peripherie“– gemeint sind zumeist Orte wie Hong Kong, Taiwan und Länder und Regionen der chinesischen Diaspora – importiert wurde. In diesem Sinne ist dies ein Beispiel für den Import eines Begriffes, der von der „Peripherie“ ausgeht und wo das „Zentrum“ der Empfänger des Imports ist. Somit fordert tongzhi nicht nur den westlichen Zentrismus in queeren Politiken heraus, sondern auch die gängige Konzeption von „China“ und „Chinesisch-Sein“ und eröffnet daher Raum für das kulturelle Imaginäre eines transnationalen Chinas.

Warum der queere Begriff tongzhi aus Hong Kong auch auf dem chinesischen Festland eine wachsende Popularität erfährt, lässt sich anhand der folgenden Faktoren erklären: Erstens ist tongzhi, verglichen mit den englischen Wörtern „gay“ und „queer“, ein indigener Ausdruck, der für chinesisch Sprechende leicht zugänglich ist. Zweitens sind die Bezüge von tongzhi indirekter und subtiler als andere Begriffe, wie tongxinglian, da er als ein Euphemismus für sexuelle Minderheiten fungiert. Drittens konstruiert der Begriff imaginierte Grenzen zwischen „Innen-“ und „AußenseiterInnen“, zwischen einem „Wir“ und einem „Sie“, da dieser Begriff in hetero- wie homosexuellen Communities unterschiedlich gebraucht wird und unterschiedliche Bedeutungen mitschwingen. Viertens wird der Begriff als Wortwitz, mit Humor und Ironie verwendet, um die Mehrheitsgesellschaft und -politik zu subvertieren und um eine „transgressive Lust“ zu erlangen. Fünftens ruft er für Menschen innerhalb der unterschiedlichen Regionen und auf dem chinesischen Festland Vorstellungen von „Modernität“ hervor, die, wie viele glauben, im kapitalistischen und kolonialen Hong Kong zu finden wäre. Sechstens feiert der Terminus„Chinesisch-Sein“ und erzeugt „imaginierte Communities“ für chinesischsprachige Queers auf der ganzen Welt. Zusammenfassend verknüpft er die Vergangenheit mit der Gegenwart, Tradition mit der Moderne und überschreitet auch gleichzeitig temporale wie räumliche Grenzen. Daher ist es ein Begriff, der im Festland China von Heterosexuellen wie Homosexuellen gleichermaßen eine breite Akzeptanz findet.

Dass diese Sexualitäten ausgesprochen und nicht mehr stillgeschwiegen werden, beinhaltet nicht nur Potenzial für Subversion, sondern auch noch politischen Aktivismus, der bei tongzhi-Politiken eingeschlossen ist. Weiters dient der Ausdruck als Subversion von Staatspolitik und dominanter Ideologie im Festland China durch die „Qu(e)erung“ der „ehrwürdigen“ kommunistischen Anrede und seiner unorthodoxen Aneignung. Während die kommunistische Verwendung von tongzhi Geschlechter- und sexuelle Unterschiede ausradieren will, hebt die queere Verwendung diese hervor und feiert sie. Außerdem ist die Anwendung des Begriffes tongzhi und seine Subversivität regional unterschiedlich zu werten: Einerseits „verqueerten“ Lesben und Schwule aus Hong Kong, Taiwan und Übersee den ehrwürdigen kommunistischen Begriff tongzhi, um das kommunistische Regime und seine Ideologie mit dem Vorsatz zu ironisieren, Kommunismus als altmodisch und homophob zu entblößen. Andererseits wird der Begriff auf dem Festland Chinas vom kolonialen und kapitalistischen Hong Kong übernommen, welches ansonsten als von „westlicher Dekadenz“ korrumpiertes Land dargestellt wird. Zusätzlich dient das tongzhi-Paradigma als Herausforderung westlicher schwul-lesbischer Identitätspolitiken sowie queerer Politiken. Es fordert westliche Theorieproduktion im Feld von Sexualitäten und Identitäten auf, „queer“ in einer nicht-westlichen Welt zu kontextualisieren und eigene Grenzen der Theoriebildung zu erkennen. In diesem Sinne ist tongzhi eine strategische Intervention gegen die Dominanz und Hegemonie westlich queerer Theoriebildung und Politik.

Tongzhi im Queeren Aktivismus

Ich möchte diese Diskussion zu tongzhi mit einem gegenwärtigen Beispiel aus der Gay Community in China abschließen: mit der von Eric Luo initiierten Kampagne „Hallo Genosse“ (tongzhi nihao). Luo forderte heterosexuelle Menschen auf, Fotos von ihren lächelnden Gesichtern auf eine Internetseite zu laden, um ihre Unterstützung für Schwule und Lesben in China zu zeigen. Seit Anfang der Kampagne am 20. Mai 2010 haben mehr als 4.400 Menschen, die sich als heterosexuell identifizieren – Männer und Frauen jeglichen Alters – an der Smile4gay-Aktion teilgenommen. Sprüche auf den in die Kameras gehaltenen Whiteboards waren unter anderem: „Liebe hat keine Grenzen“ oder „Einfach drauf los, Genossen!“ (Jiayou tongzhi). Andere zitieren den Satz von Dr. Sun Yat-sen „Die Revolution ist noch nicht erfolgreich beendet, die GenossInnen müssen weiter kämpfen!“ Eines der vielleicht bewegendsten Bildern ist ein Foto von einem alten Mann, der neben einem See im Zentrum von Peking mit einem großen Pinsel Kalligraphie malt. Eine der Freiwilligen fragt ihn, ob er an der „Hallo Genosse“-Kampagne teilnehmen würde. Er wusste nichts von der queeren Verwendung des Wortes „Genosse“. „Hat es etwas mit der Roten Armee zu tun?“, fragt er. Nach einer kurzen Erläuterung, erklärte er sich bereit, bei der Kampagne mitzumachen und malte dann die Zeichen für Jiayou tongzhi auf den Fußweg.

Ein weiteres Foto der Kampagne zeigt zwei junge Leute, die in grünen Uniformen der Mao-Armee stehen und ein Whiteboard hochhalten, auf dem steht: „Ich habe meine Wahl getroffen und bereue es nicht! Go for it!“ Die junge Frau auf dem Foto hält eine Ausgabe des „kleinen roten Buches“ von Mao Zedong in ihren Händen, und der junge Mann hält ein Abzeichen. Ihr Profil-Foto erinnert an die „Rote Garde“ von Mao, die bei der Kulturrevolution leidenschaftlich engagiert war, oder an die „ausgesandte Jugend“, die in die ländlichen Gebiete oder in die abgelegenen Regionen Chinas gefahren ist, um den sozialistischen Aufbau des Landes zu unterstützen und ihren eigenen Träumen nachzugehen. Was diese unterschiedlichen Generationen gemeinsam haben, ist ihre Leidenschaft, ihr Sinn für Verantwortung und ihre aktive Partizipation an der Geschichtsschreibung sowie ihre sehr zeitgenössische „kritische Haltung“. Die Verwendung des Begriffs tongzhi, die an die sozialistische Vergangenheit erinnert, eröffnet neue Möglichkeiten für gegenwärtige queere Politiken.

 

Weiterführende Literatur

Chou, Wah-Shan (2000): Tongzhi: Politics of Same-Sex Eroticism in Chinese Societies. New York: Haworth Press.

Wing Wah Ho, Loretta (2010): Gay and Lesbian Subculture in Urban China. London: Routledge.

Kong, Travis (2010): Chinese Male Homosexualities: Memba, Tongzhi and Golden Boy. Abingdon, Oxon, New York: Routledge.

 

Links:
„Hello, Tongzhi“ campaign: www.smile4gay.org/cn

„Queer Comrades“ (tongzhi yi fanren) community webcast: www.queercomrades.com

Film
„Queer China, Comrade China“ (zhi tong zhi) (directed by Cui Zi’en, 2008)

 

Hongwei Bao ist Lektor für Cultural Studies an der Universität Potsdam.

Übersetzung aus dem Englischen: Erika Doucette und Marty Huber

 

Eine Aufnahme des Vortrages Hongwei Baos zum Thema findet sich unter unseren Features.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien