Gender\====/Bending the Wall* — IG Kultur

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Gender\====/Bending the Wall*

Marty Huber

Ich wuchs am (gefühlten und propagierten) Ende der Welt auf und spielte Tennis gegen die Wand. Die Wand, die in unseren Breiten Vorhang hieß, schien nicht nur undurchdringlich, sondern schon allein der Grenzstreifen war eine Zone der undefinierten Gefahren. Nichtsdestotrotz frönte ich dem neuen Volkssport und spielte Tennis. Seit den frühen 80er Jahren bis zum Ende der Sowjetunion mit Beginn der 90er – ach ja, ich sollte 1990er sagen – übte ich mich im weißen Sport, trainierte mehrmals wöchentlich und schlug mich wacker in den Turnieren am Wochenende. Konnten mir Popidole gestohlen bleiben, gab es im Tennis sehr früh ein Duell, das eine Spielerin für sich entscheiden konnte. Chris Evert und Martina Navratilova waren die Superstars im Damentennis dieser Zeit, und meine Entscheidung war klar: Ich spielte gegen die Wand der CSSR und obwohl Martina schon lange nicht mehr dort war, schien ihr irgendwie immer noch etwas von dem Land, dem sie entflohen war, anzuhaften. Sie war anders, Chris hingegen war, wie soll ich sagen, das Mädchen von nebenan: Adrett, mit kurzem Tennisröckchen und nicht zu muskulös. Martina wiederum hatte kantige Züge, definierte Muskelpartien und eine Trainerin, die einmal ein Mann gewesen war. Renée Richards ließ 1975 ihr Geschlecht operativ anpassen und war die erste Transsexuelle, der es nach rechtlichem Kampf erlaubt wurde, im Turniertennis weiter zu spielen. Nicht nur dieser Umstand trug dazu bei, über Körper und Sexualität von Martina Spekulationen anzustellen.

Die Geschichte begann schon kurz nach Ende des Zweiten. Weltkrieges, wo Frauen im kapitalistischen Westen, die während des Krieges ihren „Mann“ gestanden hatten, wieder zurück an den Herd geschickt wurden. Dem Frauenbild im kommunistischen Osten entsprach das Heimchen am Herd nicht, da hieß das Anpacken für die Revolution stark werden und stark sein. Das machte sich insbesondere im Sport bezahlt, so sehr, dass der Westen im olympischen Wettstreit und kalten Kriegsfieber Sorge bekam, die UdSSR würde ihnen den ersten Rang ablaufen. Was sie auch tat und was wiederum das Internationale Olympische Komitee veranlasste, die sogenannten Gender Verification Tests einzuführen. Es war nämlich das Gerücht im Umlauf, die Kommunist_innen würden Männer in die Frauenbewerbe schicken und auch nicht davor zurückscheuen, zu diesem Behufe Geschlechter operativ anzupassen. Besonders verdächtigt wurden die Leichtathletiker_innen und Geschwister Irina und Tamara Natanovna Press, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar gewesen sein soll. Sie stoppten ihre Karriere noch vor den Tests, womit der Westen sich in seinem „reinen“ Geschlechterkampf bestätigt fühlte. „Erwischt“ hat es stattdessen ein_e Sportler_in aus dem neutralen und blockfreien Österreich, der Olympia-Siegerin Erika Schinegger wurde ihre Goldmedaille aufgrund von Intersexualität aberkannt. Erik Schinegger durfte nie wieder im österreichischen Schiteam antreten. Mit Ende des Ostblocks fanden langsam, aber sicher die verpflichtenden Geschlechtertests ihr Ende, die „natürlicher“ Weise immer nur an „Frauen“ und nie an „Männern“ durchgeführt wurden. Heute wird nur noch auf Verdacht hin geprüft, und die Achse scheint sich von West – Ost nach Nord – Süd gedreht zu haben. Die queeren Körper werden nun an einem anderen Ort vermutet, bspw. in Südafrika mit Caster Semenya oder in Indien mit Santhi Soundarajan.

* Anm. Dieser Text ist Teil der Lecture Performance, die ich im Zuge der Queer-Konferenz halten werde.

 
 

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