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Verstören als guter Anfang

Mima Simić

Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts eines neuen politischen Aktivismus haben die ProtagonistInnen des Kampfes für die Ansprüche von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgenders (LGBT) in Kroatien diverse politische Strategien eingesetzt, um für Sichtbarkeit und ihre Rechte – sowohl auf Gleichstellung als auch auf Anderssein – zu kämpfen. Die Form von politischem Aktivismus, die ich an dieser Stelle verhandeln möchte, ist jener der Prides, weil sie das eigentliche Symbol der Sichtbarkeit von LGBT sind und als solches eine zentrale Rolle in den entsprechenden Politiken spielen.

2002 „outete“ die erste Zagreber Pride Parade Homosexualität in Kroatien, verortete sie in der kroatischen Realität und ebnete so den Weg für einen öffentlichen Diskurs über Lesbisch- und Schwulsein in Kroatien. Überraschend schnell haben kroatische AktivistInnen seither auf die wichtigsten politischen Strategien zurückgegriffen, die im Allgemeinen mit den Kämpfen unterdrückter Gruppen assoziiert werden: Identitätspolitiken, Politiken der Differenz, aber auch queere Politiken. Es ist bemerkenswert, wie diese Strategien in einem ehemals kommunistischen, EU-orientierten und katholischen Land einander überlappen, miteinander, aber auch gegeneinander arbeiten und so einen ganz eigenen Diskurs über Homosexualität begründen.

Keine Monster im Schrank?

Gemäß Sanja Sagastas in The European Journal of Women’s Studies veröffentlichter Untersuchung über Lesben in Kroatien markierten die 1990er Jahre den Beginn konsequenter, organisierter aktivistischer Arbeit mit dem Ziel, eine lesbische Community in Kroatien aufzubauen und lesbische Sichtbarkeit zu fördern. Gleichzeitig herrschte in dem Land ein Krieg, der das Erbe wirtschaftlicher Unsicherheit und eines scharfen Nationalismus hinterlassen sollte und den Beginn des Neo-Patriarchats unter der Führung der rechten Kroatischen Demokratischen Union markierte. Erst mit den Parlamentswahlen 1999, als mit der Koalition der Sozialdemokratischen Partei Kroatiens und der Liberalen Demokraten eine neue politische Ära begann, setzte ein nennenswerter Umschwung der öffentlichen Meinung ein. 2002 wurde mit Iskorak der erste LGBT-Verband gegründet, gleichzeitig ließ sich die seit 1997 aktive lesbische Gruppierung Kontra als lesbische Organisation eintragen. Gemeinsam machten beide Organisationen einen bedeutenden Schritt in Richtung lesbischer und schwuler Sichtbarkeit, als sie im selben Jahr beschlossen, erstmals eine Pride Parade in Kroatien zu organisieren, eine Form der Kundgebung, die sich in der Folge erfolgreich in Kroatien etablieren sollte.

Die meisten Pride Parades in westlichen Ländern sind den Weg der Entpolitisierung gegangen und haben sich zu prachtvollen karnevalesken Feiern der Verschiedenheiten entwickelt. Der ersten kroatischen Pride Parade ging es hingegen um das Gleichsein. „Aus dem Schrank herauszukommen“ – um die englischsprachige Wendung für Outing ins Deutsche zu wenden –, bedeutete auch zu zeigen, dass im Schrank keine Monster warteten: Als ich mit der Parade schritt, zum Schweigen gebracht durch das Gegröle der Skinhead-Hooligans und durch die Aggression, die aus den Seitenstraßen zu uns hinüber schwappte, konnte ich eine Verkäuferin (sie war aus dem Laden getreten, um sich die Freak Show anzusehen) sagen hören: „Wow, die sehen ja total normal aus!“

Während es in westlichen Ländern eine lange Tradition von Kämpfen um die Rechte sexueller „Minderheiten“ gegeben hatte und sich deren ProponentInnen erlauben konnten, anders, extravagant, laut und anmaßend zu sein, musste Iskorak-Sprecher Dorino Manzin verlautbaren, dass es ein Anliegen der LGBT-Community sei, „auch die positive Seite sexueller Minderheiten“ darzustellen. Diese „positive“ Seite fasste er wie folgt zusammen: „Wir wollten nicht nackt tanzen oder unsere bloßen Hintern herzeigen und ähnliches, wir wollten nur gehört und akzeptiert werden.“ Es waren die „Ts“ unter den im Kürzel LGBT zusammengefassten Menschen, die den Preis für die „positive“ Identität zahlen sollten, die Dorino Manzin zu etablieren versuchte. Seine unglückliche Aussage bewirkte die Ausgrenzung derjenigen, die innerhalb der Community als anders wahrgenommen wurden (TransvestitInnen, Transsexuelle, SM-Praktizierende, ExhibitionistInnen etc.), und bestätigte erneut die Hierarchie von positiv/negativ (normal/anormal), die durch das Vordringen von Schwulen und Lesben in die Öffentlichkeit erschüttert worden war. Das Beispiel der ersten Zagreb Pride zeigte, dass die ausschließenden Kräfte im Schrank selbst genauso stark waren wie außerhalb und dass einige der Monster erstaunlicherweise unter den AktivistInnen selbst zu finden waren.

Identität vs. Differenz auf Kroatisch

Die Pride Parade 2003 wurde organisiert, um Gesetzesinitiativen zu unterstützen, viel öffentlicher Raum wurde der Debatte um Homo-Ehe bzw. eingetragene PartnerInnenschaften gewidmet. Eine wichtige Veränderung der politischen Strategien der LGBT-Bewegung setzte erst mit der dritten Pride Parade 2004 ein. Dorino Manzin hatte nach der ersten Parade viel Kritik für seine vorschnelle transphobische Aussage geerntet, mit der dritten Kundgebung sollte sich etwas für diejenigen ändern, die beim ersten Event ausgeschlossen gewesen waren. Diversität und Anderssein sollten gefeiert werden. Der Impuls für diese Richtungsänderung ging in erster Linie von Kontra aus, die die Organisation der Veranstaltung für 2004 übernommen hatten. Die meisten Kontra-Mitglieder waren altgediente Feministinnen und hatten ein Gespür für alle Formen der Diskriminierung sowohl innerhalb der Mehrheitsgesellschaft als auch innerhalb der aktivistischen Kreise. Sensibilisiert für die Gefahren, die von Identitätskategorien ausgehen und von deren Tendenz, Instrumente regulatorischer Regime zu sein, wählten die Kontra-Frauen eine andere Taktik. Ein Ziel der Parade unter dem Motto Vive la différence war, die Debatte hin zu Transgender zu öffnen und „den öffentlichen Raum für verschiedenen Formen der Äußerungen von Geschlecht“ zu öffnen. Das andere Ziel war, sich dem Druck aus der vermutlich mächtigsten Institution Kroatiens entgegen zu stellen: der katholischen Kirche.

In diesem Zusammenhang kam es zu einer Art bittersüßem, spezifisch kroatischem Beitrag zur Debatte um Identitätspolitiken vs. Politiken der Differenz. Die Parade war die erste, die sich gegen in der Mehrheitsgesellschaft verankerte Werte wendete und es wagte, sich mit der katholischen Kirche anzulegen. Konsequenz dieser Strategie war, dass das Thema Transgender in der öffentlichen Rezeption komplett ausgeblendet wurde und in der medialen Berichterstattung kaum vorkam. Von den zahlreichen Redebeiträgen während der Parade bekamen die mit pathetischen Anti-Kirchen-Parolen die meiste TV-Sendezeit; Parolen, die – aus dem Kontext gerissen – nur eine ablehnende Haltung der überwiegend katholischen Bevölkerung provozierten.

Aus der Reihe der Praktiken von Differenz, die auf der Kundgebung gezeigt wurden, ist der Auftritt von Salome erwähnenswert. Salome, eine transsexuelle Performerin, trat mit einem Kylie Minogue Act auf und zeigte den ReporterInnen ihre Brüste. Schwule und Lesben reagierten ambivalent, viele von ihnen waren der Ansicht, dass „solche Leute“ die „aufrechten Schwulen“ diskreditierten. Auf kroatischen Schwulen- und Lesben-Internetforen entbrannten erbitterte Diskussionen. „Wir wollen nicht von solchen Leuten repräsentiert werden“, hieß auch hier ein Argument, und so veranschaulichten auch politisch eigentlich nicht aktive Schwulen und Lesben, dass Identitätspolitiken für sie die erste Wahl in der politischen Auseinandersetzung sind.

2005 oblag die Organisation der Veranstaltung Iskorak, doch die VeranstalterInnen machten in letzter Minute einen Rückzieher mit dem Argument, die Parade durch die Stadt irritiere Zagrebs BürgerInnen! Eine informelle feministische Initiative, Epikriza, sprang ein, organisierte die Kundgebung und machte damit gleichzeitig auf den größer werdenden Bruch innerhalb der LGBT-AktivistInnen sowie auf Unstimmigkeiten in ihren politischen (Nicht-)Praxen aufmerksam.

Öffnung für neue politische Anliegen

Die bis jetzt interessanteste, komplexeste und politisch ambitionierteste Parade war The International Pride 2006, erstmals organisiert von einem unabhängigen Komitee. Die Pride Parade wurde als osteuropäische, also dahingehend regionale Veranstaltung konzipiert, dass sie Platz bieten sollte für alle lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, transsexuellen und queeren Menschen, die in ihren Ländern keine Prides veranstalten können. Ebenso spezifisch war die breite Fächerung der politischen Anliegen, neben LGBT-Rechten wurde auch die Umsetzung von Rechten und Anliegen der ArbeiterInnen, der Feministinnen, der Friedens- und der Tierrechtsbewegung eingefordert. Die virtuelle Gemeinschaft war (schon wieder!) nicht zur Solidarität bereit – die kyrillischen Buchstaben auf dem Plakat und die rote Farbe evozierten für viele das „dunkle kommunistische Zeitalter“. Es gab auch kein Verständnis dafür, was die Rechte anderer Gruppierungen mit „uns“ zu tun haben.

Die Pride Parade 2005 war möglicherweise die am meisten einschließende, die am meisten queere, wenn man so will – ihre größte Leistung aber lag nicht in dem, was sie erreichte, sondern in dem, was sie nicht erreichte: Ihre Leerstellen verwiesen auf ein generelles Fehlen von Solidarität innerhalb benachteiligter sozialer Gruppen, den Hauptgrund für sozialen Stillstand im Allgemeinen.

Die letzten drei Prides waren eher „ereignisarm“ (mit mehr Polizeischutz, weniger Gewalt, weniger Skandalen). Was allerdings im Kampf der AktivistInnen für Rechte und Anerkennung auftauchte, war eine neue Pro-EU-Rhetorik. 2008 erklärten die OrganisatorInnen, dass „jeder Angriff auf lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle und queere Menschen ein Angriff auf die europäische, demokratische und freie Gesellschaft ist“. Bei zahlreichen Gelegenheiten forderten sie europäische Organisationen auf, auf die kroatische Regierung einzuwirken. Aber sind der Beitrittsprozess und die Lobbyingaktivitäten internationaler Organisationen wirklich so nützlich, wie viele AktivistInnen glauben? Es besteht die Gefahr, dass aus Kroatien nach einem Beitritt zur EU ein neues Polen wird, dass dann kein Druck mehr auf die kroatische Regierung bzw. die politische Willensbildung mehr ausgeübt werden wird, was die bereits bestehende nationale Gesetzgebung bzw. die Implementierung neuer LGBT-Rechte betrifft.

In diesem Jahr begeht die kroatische Pride Parade ihr zehnjähriges Jubiläum und wird auf eine Dekade des Aktivismus für die Rechte und die Sichtbarkeit von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, transsexuellen und queeren Menschen zurückblicken. Was sich genau bis zu welchem Grad verändert hat, ist nicht einfach zu beantworten. Obwohl das Erreichte auf eine stärkere Akzeptanz innerhalb der kroatischen Gesellschaft hindeutet, zeigt sich, dass die Entwicklungen rasend schnell, aber ohne substantiellen Background eingetreten sind. Und sie waren von massivem Widerstand begleitet: seitens der Hooligans, der politischen Rechten, der katholischen Kirche – und auch seitens der eigenen Community. Es ist auch so, dass die popkulturelle, politische und akademische Ebene in Kroatien nach wie vor heterosexuell dominiert ist; nur eine Handvoll Menschen aus dem öffentlichen Leben haben sich geoutet und helfen, das Bewusstsein für LGBT-Anliegen zu schärfen.

Um gesehen, gehört und wirklich anerkannt zu werden, kann es nicht genügen, einmal im Jahr seine Mitmenschen zu verstören – aber es ist zumindest ein guter Anfang.

Mima Simić
ist Schriftstellerin, LGBT-Aktivistin, Gender- und Medientheoretikerin. Ihre Kurzgeschichten finden sich in zahlreichen kroatischen und internationalen Anthologien. Bisheriger Höhepunkt ihrer aktivistischen Karriere war die Teilnahme an der kroatischen Versionder Millionenshow, um sich dort als Lesbe zu outen. Sie wurde mit 125.000 Kuna honoriert.

Übersetzung aus dem Englischen: Patricia Köstring

 

 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

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  • Leporello, 1010 Wien
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