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Von Würdigungen und Würdelosigkeit!

Stefan Haslinger

„Fast überall werden sie heuer besonders gewürdigt. Nicht nur, weil sie in dieser Zeit schwindsüchtiger Budgets ohne Honorar arbeiten.“ Das schrieb Herr Klaus Huber in den Oberösterreichischen Nachrichten am 10. März 2011. Mit „sie“ hat Herr Huber – der das übrigens im Kontext volkskulturellen Engagements formulierte – die Freiwilligen, die Ehrenamtlichen, die guten, anständigen SystemerhalterInnen gemeint. Das war jetzt zynisch – Entschuldigung –, ich nehme es zurück.

Das – nachgerade – Furchtbare an diesem Zitat ist die unumwundene Wahrheit. Obwohl die Einfügung eines „aber auch und vor allem“ dem Ganzen noch mehr zur Wahrheit gereichen würde. Denn: „Nicht nur, aber auch und vor allem, weil sie in dieser Zeit schwindsüchtiger Budgets ohne Honorar arbeiten, gibt es eine besondere Würdigung.“

Freiwilligenarbeit als Instrument der Krisenrettung

Von der EU-Kommission abwärts, bis auf die Länderebene, wurde die Freiwilligenarbeit als Instrument der Krisenrettung deklariert. Vorsichtig deklariert, als mögliches Surplus zur Krisenbewältigung. Alleinrettungsanspruch haben sie nicht, die Freiwilligen. Aber was sie haben, sind Belastungen, soziales Burnout und oftmalige Hilflosigkeit. Denn in den Teufelskreis der Freiwilligenarbeit ist eingeschrieben, dass wer sich engagiert, sich weiter zu engagieren hat. Aussteigen aus der Freiwilligenarbeit ist schwierig, weil dies mit großem gesellschaftlichem Druck verbunden ist. Oft ist es ein heimliches Wegdriften in der Hoffnung, nicht beobachtet zu werden. Von der anderen Seite der Teufelskreisbewegung kommt die legitimierte Öffentlichkeit und erhöht den Druck, spricht von Krise der Pflege, des Staates und allgemein und redet ihnen ins Gewissen, den Freiwilligen.

Sicherlich, das gängige Argument wäre: Freiwilligkeit muss auch heißen, dass ich zu nichts gezwungen werden kann. Aber selbst das stimmt nur begrenzt. Denn wenn jemand gebraucht wird – nehmen wir nur als Beispiel den Katastrophenschutz –, dann wird er oder sie dann gebraucht, wenn er oder sie gebraucht wird und nicht wenn er oder sie Zeit hat. Es gibt also einen impliziten Zwang, dem vielleicht noch schwieriger zu entkommen ist als einem aufoktroyierten.

Und – nochmals zurück – dann gibt es noch den Staat. Gabriele Michalitsch hat im Rahmen des Symposiums Erst kommt das Fressen und dann das Ehrenamt sinngemäß formuliert, dass der Sozialstaat zu einem Fürsorgestaat zurück gebaut wird. Dabei würde aber nicht mehr der Versuch im Vordergrund stehen, durch ausgleichende Maßnahmen an einer Ermöglichung von Gleichstellung zu arbeiten, vielmehr werden paternalistische Prinzipien eingeschrieben. Abhängig vom Goodwill des Vaters. Die Mutter muss ohnehin freiwillig Hausarbeit machen.

Gesellschaftliche Systeme verselbstverständlichen sich. Sie werden Usus, werden Common Sense. Sie werden nicht mehr hinterfragt oder kritisiert.

Das europäische Jahr der Freiwilligenarbeit im Praxistest

Das europäische Jahr der Freiwilligenarbeit hätte alles, was es braucht, um Freiwilligenarbeit auf ein anderes Level zu heben. Ein Level, wo soziale Absicherung gegeben ist, wo Weiterbildung ein Thema auch für Freiwillige ist, wo es einen Ausgleich dafür gibt oder zumindest die Möglichkeit, Aufgaben strukturell anders zu lösen.

Doch die Umsetzung auf österreichischer Ebene gestaltet sich anders. Hier geht es (noch?) nicht um Substanzielles, auch wenn Minister Hundstorfer ein „Freiwilligengesetz“ ankündigt. Noch geht es um Wohlfühlkampagnen. Auf der Website www.freiwilligenweb.at ist davon einiges zu spüren. Einer großartig inszenierten Eröffnung in Salzburg folgten Aktivierungsworkshops für Freiwillige, Aktionen werden aus der Taufe gehoben, die Freiwillige zur Freizeitbetreuung in Alten- und Pflegeheimen animieren sollen. Nicht als Ersatz für professionelles Pflegepersonal, wie dabei immer wieder betont wird.

Gabriele Michalitsch hat hierzu formuliert: „Ehrenamt kann nicht die sozialstaatlichen Institutionen ersetzen. Sozialstaatlichkeit ist institutionalisierte Solidarität, die nicht durch individualisierte Solidarität schlicht und einfach substituiert werden kann. Ich denke, dass es darüber hinaus angesichts der extremen Polarisierung der letzten beiden Dekaden durchaus eine Ausweitung von Sozialstaatlichkeit in Hinblick auf spezifische Integrationsfelder geben sollte.“

Da, wo Michalitsch von einer Ausweitung spricht, tritt der Rückbau zu Tage. Denn das Killerargument, dass es ja auch Freiwillige gibt, die spezifische Arbeiten leisten, ist allerorts zu hören, noch gekoppelt mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit für die Gesellschaft, während im Hintergrund die Rechenmaschine den Takt angibt.

Gabriele Michalitsch führte in ihrem Vortrag noch einen zweiten Punkt an, der notwendig ist, um im Kontext von Freiwilligenarbeit auch von freiwilliger Arbeit sprechen zu können. Dabei geht es um die Gleichverteilung von Arbeitszeit, um das Feld der Freiwilligenarbeit zu demokratisieren. Dies steht aber im Zusammenhang mit einer Veränderung der Lebensbedingungen als Voraussetzung für freiwilliges Engagement. Michalitsch: „Das heißt vor allem, dass die Frage nach dem, wie Erwerbsarbeit reguliert wird, wie Erwerbsarbeitszeiten gestaltet sind, gestellt wird. Und zwar für alle, nicht also Teilzeitbeschäftigung für die einen und übermäßige Erwerbsbelastungen für die anderen, wie das ja sozusagen das gängige Muster ist.“

Noch ist das Jahr jung. Zurzeit wird noch überall besonders gewürdigt. Aber irgendwann muss auch wieder Politik gemacht werden.

 

Anmerkungen

Eine Audiodokumentation des Symposiums Erst kommt das Fressen und dann das Ehrenamt, das am 9.2.2011 in Linz stattfand, ist unter: www.kupf.at/audio_video abrufbar.

Ein Video des Panels „Ehrenamt und Freiwilligenarbeit“, das im Rahmen der Konferenz Wert und Nutzen des Netzwerkens am 29.10.2010 in Wien stattfand, ist unter http://igkultur.at/igkultur/aktuell/1288260551 abrufbar.

 

Stefan Haslinger

ist in der Geschäftsführung der KUPF tätig, im Vorstand der IG Kultur und Botschafter zum europäischen Jahr der Freiwilligenarbeit.

 
 

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