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Das Einfache, das schwer zu machen ist

Monika Mokre

Zum 100. Jubiläum des internationalen Frauentags ließ sich die österreichische Qualitätspresse, in diesem Fall repräsentiert durch den Standard, etwas Besonderes einfallen: Als Vorkämpferin der Meinungsfreiheit veröffentlichte sie besonders krause Meinungen zu den Zielen der hundertjährigen Kämpfe um Frauenrechte. Da wurde Besorgnis über eine Frauenquote in Aufsichtsräten geäußert, die die Qualität dieser Gremien und damit den österreichischen Wirtschaftsstandort gefährden könnte. Was angesichts der bisherigen Besetzungsstrategien, die sich bekanntlich ausschließlich an Expertise und Kompetenz orientieren, eine leicht nachvollziehbare Angst ist. Und da kam ein angeblich bedeutender deutscher Männerforscher zu Wort, der auf geradezu bewundernswerte Weise Quote, Obsorge, Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und die Selbstmordraten junger Männer in einer Art vermischte, die deutlich machte, dass er jedes einzelne dieser Probleme ebenso wenig verstanden hat wie die Zusammenhänge zwischen ihnen.

Im Sinne der Meinungsfreiheit fanden sich dann auch Gegenstandpunkte – zwar nicht in der Print- oder Onlineausgabe des Standard, aber auf diestandard.at, während Rassismus auf dastandard.at entgegengetreten werden kann. So finden alle Diskriminierten ihre Plattform, und Migrantinnen können sich ihre sogar noch aussuchen – oder sich vielleicht um die Schaffung der intersektionalen Version diedastandard.at bemühen.

Und es ist gut und wichtig, dass es diese Plattformen gibt. Wir haben lange, mühsam und schmerzhaft gelernt, wie viele Mechanismen erfolgreich eingesetzt werden, um strukturelle Minderheiten mundtot und unsichtbar zu machen. Und dass sich diese Mechanismen nur bekämpfen lassen, indem Notlösungen gefunden werden. Geschützte Räume, weil der demokratische Schutz in öffentlichen Räumen so unzureichend ist. Quoten, weil Gleichstellungsparagraphen den subtilen Methoden des Ausschlusses nicht gewachsen sind. Positive Diskriminierung, weil die gleiche Freiheit aller noch immer ein fernes Ziel ist.

Aber auch als fernes Ziel bleibt sie doch das Ziel. Der Horizont demokratischen Handelns ist nicht die Anerkennung als muslimische Migrantin oder prekarisierte Lesbe, sondern die Anerkennung als Person mit gleichen politischen Rechten. Und der Skandal ist die Notwendigkeit, diese Anerkennung überhaupt einfordern zu müssen.

Hannah Arendt schreibt: „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich auch als Jude wehren.“ Das ist eine Kampfansage in einer konkreten politischen Situation – die Kampfansage einer Frau, die sich nie auf die Identität der Jüdin reduzieren ließ. Eine politische Position ist keine Identität – auch wenn sie auf Identitätszuschreibungen reagiert. Und der Kampf gegen Diskriminierungen zielt letztendlich nicht auf die Abschaffung konkreter Diskriminierungen ab, sondern auf die Schaffung gleicher Freiheit für alle.

Das ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Weil die konkreten politischen Situationen, von denen hier die Rede ist, oft länger als ein Lebensalter andauern. Was es schwierig macht, aus einem lebenslangen politischen Kampf keine Identität zu konstruieren. Und weil offizielle Antidiskriminierungsaktivitäten immer engere Identitätszuschreibungen zur Voraussetzung individueller Bekämpfung von Diskriminierung machen.

All das ist nicht gerade neu, sondern sogar sehr althergebracht. Aber auch nach 100 Jahren multipler Kämpfe an vielen Fronten sollte doch nicht vergessen werden, dass es nie um viele Standards ging, sondern um eine/n Standard für alle.

 
 

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