Übersetzung als Filter — IG Kultur

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Übersetzung als Filter

Naoki Sakai

Zur Konstruktion eines Innen und Außen von Sprache.

In diesem Text beabsichtige ich, die Möglichkeit der Übersetzung von dem Fluch zu befreien, mit dem sie durch die um das Bild der Mitteilung organisierte Sicht auf Übersetzung belegt wird: die Mitteilung eines geschriebenen Textes von einer Sprache in eine andere. Übersetzung ist keine Aufgabe, die auf das geschriebene Wort beschränkt bleibt, sondern ein Konzept, das uns mit der Möglichkeit versieht, das soziale Handeln im Allgemeinen neu zu prüfen. Sie ist etwas, das uns Tür und Tor dafür öffnet, nach Sozialität selbst zu fragen. Die traditionelle Sicht auf Übersetzung hat diese mächtige Sozialität, mit der Übersetzung erfüllt ist, trotzdem ignoriert, indem sie an der Substanzialisierung „nationaler“ und „ethnischer“ Sprachen mitgewirkt hat.

Heute muss die bloße Annahme, dass eine Sprache ihr Innen und Außen hat, genau unter die Lupe genommen werden. Wir müssen das Übersetzungsregime in Frage stellen, demzufolge eine Sprache einer anderen gegenüber als räumlich äußerlich und ausschließend dargestellt wird. Ich habe mich auf dieses Übersetzungsregime als „homolinguale Adressierung“ bezogen. Meiner Ansicht nach müssen wir das Stigma dieses Übersetzungsregimes historisieren, während wir gleichzeitig Übersetzung als „heterolinguale Adressierung“ zu denken beginnen.i

Zum Titel

In der traditionellen Auffassung wird Übersetzung oft so begriffen, als würde sich eine bereits festgelegte „Bedeutung“ über eine Barriere hinwegsetzen. Von einem solchen Gesichtspunkt aus betrachtet ist der Filter ein Vorhang oder eine Barriere, eine halbdurchlässige Membran. Durchlässigkeit setzt die Existenz eines Vermittlers voraus, der sie durchquert, weshalb sie auch von Strömungen und Bewegungen durchzogen ist. Dadurch dass ein Filter eine Strömung dämmt, ist er auf bestimmte Weise gerichtet und wird von diesem Vermittler unter Druck gesetzt. Inspiriert von dieser Figur einer „Übersetzung als Filter“ können wir uns daher leider vorstellen, dass Übersetzung eine Situation ist, die nur dann entsteht, wenn es zwei Seiten gibt: Etwas sickert durch, und etwas anderes sickert nicht durch. Als Ergebnis werden die vorher frei zirkulierenden Objekte am Ort des Filters festgehalten und daran gehindert, auf die andere Seite zu schlüpfen. Das ist die Metapher, die sich als erstes abhebt, wenn wir die Begriffe „Übersetzung“ und „Filter“ miteinander verknüpfen.

Mitteilung und Übersetzung

Die Funktion der Unterscheidung, die dem Filter eignet, beschränkt sich nicht allein darauf, das Durchlässige und das Undurchlässige zu klassifizieren. Er teilt auch einen Raum in zwei verschiedene Bereiche, die mutmaßlich auf beiden Seiten miteinander verbunden sind. Er schneidet einen zusammenhängenden Raum auseinander. Diese Funktion des Filterns ist nur möglich, wenn das Filtern lediglich in eine Richtung weist, wenn der Filter als Schwelle wirkt, und die auf- und absteigenden Ströme nicht vermischt werden. In unserer Untersuchung zu Übersetzung erhält der Filter somit noch eine weitere metaphorische Funktion: Übersetzung dient als eine Grenze, die den Raum begrenzt. Ihre Rolle besteht darin, die Schwelle in einen Raum einzuführen.

Das Modell der Mitteilung kann nur dann beibehalten werden, wenn der übertragene Inhalt und die Regeln der Mitteilung klar abgrenzbar sind. Der übertragene Inhalt wird im Allgemeinen als „Information“ verstanden. Während der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts bahnte sich der Begriff der Information einen Weg durch die Felder der Ökonomie, der Kognitionswissenschaft, der Manufaktur, der Technologie und so weiter. „Information“ meint ein Wissen, das durch den Akt des Informierens übertragen wird. In anderen Worten: Information ist das, worüber man informiert wird. Die so kommunizierte Information trägt die Charakteristika einer Botschaft, die von eine_r Bot_in übermittelt wird.

Die Übersetzungswissenschaften begreifen Übersetzung größtenteils unter der Voraussetzung des Modells der Mitteilung. Sie verlässt sich folglich auf die Möglichkeit einer prinzipientreuen Unterscheidung zwischen Botschaft (Inhalt) und Code (Regel). Übersetzung übermittelt uns den Inhalt, doch sie bringt uns nicht die Grammatik einer anderen Sprache bei. Da die grammatikalischen Regeln oder die besonderen Eigenschaften in Zusammenhang mit der Organisation der Sprache von den Dingen, die den Filter passieren können, ausgeschlossen sind, wird die Materialität des Textes nicht wie etwas Übersetzbares behandelt und damit negiert. Infolgedessen wird die Unterscheidung zwischen dem Übersetzbaren und dem Unübersetzbaren allein auf der Ebene des mitgeteilten Inhalts (Botschaft) erwartet. Dem Modell der Mitteilung folgend, heißt das, dass das Unübersetzbare von vornherein als etwas festgelegt wird, das sich im Inhalt der Mitteilung findet: das Unübersetzbare wird nur als „der Teil der Botschaft, der nicht ankommt“ vorausgeahnt.

Die Symbiose von Kulturalismus und Subjektivität

Ferner können wir diese Ökonomie der Tropen mit den typischen Argumenten zu Subjektivität in Verbindung bringen. Eine Person erkennt Dinge in der Welt durch ein bestimmtes System von Kategorien. Die Objektivierung dieses Systems kognitiver Kategorien insgesamt ist nicht einfach, aber es mag vergleichsweise einfach scheinen, dieses im Sinne von Differenzen zwischen einer Sprache und einer anderen zu identifizieren. Die Einschränkung auf die eigene (Mutter-)Sprache mag wohl als Erklärung für die Einschränkung der eigenen Subjektivität auf die eigene (angeborene) Kultur dienen. Gerade in jenen Diskussionen über Subjektivität, die mit Übersetzung in die Repräsentation der Sprache verbunden sind, zeigen sich die konspirativen Verflechtungen des Modells der Mitteilung und des Kulturalismus sehr deutlich.

Der Filter, der das Durchlässige vom Undurchlässigen unterscheidet, ermöglicht die Repräsentation von zwei verschiedenen räumlichen Gebieten, aber das ist nicht alles. Er macht aus diesen Gebieten auch Räume, die von unterschiedlichen Systemen grammatikalischer Regeln durchtränkt sind. Die Sprache, die als ein potenzielles Regelsystem (der Phonetik, Morphologie, Syntax etc.) unterstellt wird, wird zu einer verräumlichten Figur, ganz so als wäre sie ein in sich geschlossenes Gebiet. In anderen Worten: Das von der Übersetzung gekennzeichnete Gebiet verwandelt sich in einen Raum, der eine ursprüngliche Zugehörigkeit ausdrückt, die das Schicksal des Individuums symbolisiert. Die Lokalisierung in diesem Raum wird als das Schicksal der eigenen kognitiven Fähigkeit vorgestellt, die vom Individuum nicht eigenmächtig verändert werden kann.

Um sich der Beschränkungen bewusst zu werden, die der kognitiven Fähigkeit in der eigenen „angeborenen“ Sprache immanent sind, braucht es in Bezug auf eine Fremdsprache die Erfahrung eines othering/Zum-Anderen-gemacht-Werden [ika]. Ohne „das Nichtverstehbare“ bzw. ohne eine Begegnung mit jemandem, der nicht verstanden wird, ist es unmöglich, sich der Einschränkungen der eigenen kognitiven Fähigkeit bewusst zu werden. Übersetzung faltet sich auf sich selbst zurück und hat einen Moment zur Folge, der wohl „Reflexion“ genannt werden kann. Verhält es sich, soweit es um die Ökonomie der Trope „Übersetzung als Filter“ geht, nicht so, dass die Herstellung der Identität einer Muttersprache bedeutet, Übersetzung als „Vermittlung“* zu postulieren?

Wie Übersetzung vorgestellt wird

Das Bild oder die Figur, die auf ein Blatt Papier gezeichnet oder auf einem Bildschirm entworfen werden, Fließdiagramme sowie verschiedene andere visuelle Figuren sind dafür da, um unsere Gedanken in Zusammenhang mit jenen Themen zu leiten, die wir uns unmittelbar nicht vorstellen können. Wann immer wir also auf die Repräsentation eines komplexen Themas stoßen, verlassen wir uns auf ein Bild, eine Gestalt, eine Trope und eine Figur. Das Schema ist im Bereich der Empfindung genau diese Art von Äquivalent, das in Zusammenhang mit einem unmittelbar nur schwer fassbaren Objekt verwendet wird. Durch den Rückgriff auf die Figur oder die Trope machen wir einen Gegenstand für das unmittelbare Nachdenken vorstellbar, und dieses Funktionieren des Schemas nennen wir „Schematismus“.

Aber wie bildet sich die Vereinbarung heraus, Übersetzung durch die Trope eines Filters zu repräsentieren? Verweisen wir zunächst auf zwei entgegengesetzte Richtungen, in denen sich das Bild entfalten kann: Die erste orientiert sich an der Gegenwart des Filters selbst und lässt die beiden durch den Filter geteilten Gebiete unbestimmt. Die Differenz zwischen diesen beiden Gebieten ist davon abhängig, welche Klassifizierungen der Filter vornimmt und was er filtert, wenn er uns explizit auf die Differenz zwischen einem vorgelagerten Raum, einem Gemisch aus Durchlässigem und Undurchlässigem im Prozess der gegenseitigen Durchdringung, sowie einem gesäuberten nachgelagerten Raum aufmerksam macht, in dem allein des Durchlässige zugegen ist. Doch es ist auch die genau gegenteilige Konzeption möglich: eine Orientierung auf jedes der geteilten Gebiete. Übersetzung wird dann als ein Akt verstanden, der zwei durch eine abgrundtiefe Kluft getrennte Gebiete miteinander verbindet, ein Vorgang des Überquerens, ein Sprung auf das gegenüberliegende Ufer. Der Filter wird in etwas Negatives, in das Symbol einer Abwesenheit verwandelt. Obwohl wir nunmehr aus einer entgegengesetzten Richtung kommen, basiert diese kontrastierende Auffassung von Übersetzung weiterhin auf allgemein üblichen Annahmen, nämlich dass Übersetzung zwei Gebiete als unterschieden voneinander einschreibt und bestätigt. Genau aus diesem Grund werden die beiden Figuren des Filters und der Leere gemeinsam wachgerufen. In beiden Fällen mobilisiert die Repräsentation der Übersetzung zwei Schemata und wird so repräsentiert, als handle es sich um eine Interaktion bzw. eine Überbrückung von zwei abgesonderten und verschiedenen Räumen. In anderen Worten: die Repräsentation von Übersetzung ist ein Prozess der Kofiguration.

Das Schema des Filters und die Welt

Thongchai Winichakul beschreibt den historischen Übergang, in dem sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts das Königreich von Siam von einem Königreich ohne klare territoriale Grenzen in einen souveränen Staat mit einem von nationalen Grenzen umfriedeten Territorium verwandelte.ii Er spürt dem Prozess nach, durch den sich zwischenstaatliche Beziehungen, die unterschiedliche Staaten über ein Tributsystem miteinander verbinden, in inter-nationale Beziehungen zwischen souveränen Staaten verwandelten, die anhand ihrer jeweiligen Territorien identifiziert wurden. In Siam Mapped bringt Winichakul das Konzept des „Geo-Körpers“ zur Anwendung. Der Geo-Körper verweist nicht einfach nur auf das kartographische Bild eines staatlichen Territoriums, sondern beschreibt auch die Nation als eine Gemeinschaft, die als Innerlichkeit repräsentiert und als umfriedetes Gebiet neu bestimmt wird. Ferner wurden Winichakul zufolge die Einwohner_innen nach und nach in einem einzigen souveränen Staat vereint, wohingegen es früher normal war, mehreren Staaten zugleich anzugehören. Die Vereinigung der „Bevölkerung“ oder der Nation des Thai-Staates wurde über Verhandlungen mit den Engländer_innen und den Französ_innen erreicht, die die Gebiete in der Peripherie Thailands nach und nach kolonisierten. Die englische und die französische Kolonisierung Indochinas sowie das Entstehen des modernen Thai-Staates standen dabei nicht im Widerspruch zueinander. Vielmehr handelte es sich um Prozesse, die sich wechselseitig ermöglichten.

Lassen Sie mich zwei Argumente dafür anführen, warum Winichakuls Untersuchung für das Nachdenken über Übersetzung wesentlich ist: Zunächst zeigt er, dass sich das Gebiet, in dem die Nation oder die Bevölkerung verortet sind, durch das Festlegen nationaler Grenzen herausbildete. Zuvor standen die technischen Mittel für eine bleibende nationale Grenze – die moderne Kartographie und die Methode der Triangulation – nicht zur Verfügung, und es bestand einfach kein Bedarf an einer Vereinheitlichung des Territoriums, da es viele Möglichkeiten gab, um Innen und Außen im Verhältnis zur Souveränität des Staates zu bestimmen. Mit der Verbreitung der Zölle, die rigoros zwischen menschlichen Wesen aus dem Inneren und jenen aus dem Außen bzw. zwischen Landsleuten und Fremden unterschieden, war die systematische Legitimierung der Souveränität des modernen Staates vollbracht. Es gibt noch einen weiteren Punkt, der betont werden muss. Die Etablierung der nationalen Grenze beinhaltet nicht nur die Anerkennung zwischen einem souveränen Staat, der ein Monopol auf das Territorium hat, und anderen benachbarten souveränen Staaten, sondern weist vielmehr auf die Zustimmung durch die inter-nationale Welt im Allgemeinen hin. Um zur Trope des Filters zurückzukehren: Die nationale Grenze erhält ihre Anerkennung nicht dadurch, dass der Raum in zwei Räume geteilt wird, sondern vielmehr, dass diese Räume, die durch die Abgrenzung des Raums unterteilt werden, umfriedete Gebiete bilden.

Das Verhältnis zwischen „hier“ und „dort“ oder die Beziehung zu den „Nachbarn“ repräsentiert das Leben, das wir auf jeweils verschiedene Weise leben. Durch die Repräsentation dieser Beziehungen wird das Leben auf bestimmte Weise angeordnet. In dieser Ordnung treffen wir auf Dinge, Ereignisse und Menschen und beginnen diese in unserer Lebenserfahrung zu verstehen. Lassen Sie mich das Bezugssystem unserer Lebenserfahrung „die Welt“ nennen. In der Welt gibt es eine Vielzahl von Registern: vom recht vertrauten Register des Zeitraums, in dem „hier“ und „jetzt“ ebenso wie die kontextuellen Beziehungen des Vorher und Nachher in Handlungen und Ereignissen bestimmt werden, über Register, die die Art und Weise ausdrücken, wie Räume in einer Unterkunft oder Alltagsobjekte angeordnet werden, die Register des Verlaufs der alltäglichen Zeit, die Register des Wissens um Plätze, an denen gekauft und konsumiert werden kann, sowie das Register der Kalenderdaten, bis hin zu jenem Register, in dem das Territorium des Nationalstaats repräsentiert wird. Diese Register sind auf komplexe Weise miteinander verschränkt und in ständiger Veränderung begriffen. Innerhalb dieser Ordnung treffen wir auf verschiedene Phänomene und begreifen diese, indem wir sie repräsentieren. Der Grund dafür, dass Übersetzung heute als eine Übertragung von Information von einer nationalen Sprache in eine andere betrachtet wird, liegt genau darin, dass wir derzeit lediglich versuchen, Übersetzung in diesem modernen Schema der Welt zu begreifen.

Die Repräsentation und der Akt der Übersetzung

Die Trope der Kluft, die dieses Ufer von jenem Ufer trennt, scheint die wesentlichen Momente der Übersetzung einzufangen. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass sie das unverzichtbare Moment der Übersetzung auslässt. Was ist dieses unverzichtbare Moment? Damit Übersetzung stattfindet, muss es irgendeine Form des Nichtverstehens oder Nichtbegreifens geben. Übersetzt wird, was nicht verstanden wird. Nichtverstehen kann jedoch nicht auf das Fehlen einer korrekten Interpretation oder auf den Mangel an eigentlicher Bedeutung reduziert werden.

Wenn wir in der Welt etwas verstehen oder artikulieren, scheint sich folgende Annahme daraus ableiten zu lassen. Nehmen wir einen Einschnitt zwischen „hier“ und „dort“ oder zwischen „nun“ und „bald“, um zu klären, was ich mit dieser Annahme meine. Hier steht eine Situation folgender Art zur Debatte: „Hier“ bedeutet das Grundstück meines Hauses, und „dort“ verweist auf das Gelände, auf dem das Haus meine_r Nachbar_in steht; „nun“ meint heute, während „bald“ morgen ist. Der Kalender dient dazu, zwischen „heute“ und „morgen“ eine Abgrenzung einzuführen. Oder es wird zum Beispiel die Trennlinie zwischen meinem Haus und dem Grundstück meine_r Nachbar_in ins Grundbuch eingetragen. Wir können einen Einschnitt vornehmen, weil mein Haus und das Haus meine_r Nachbar_in auf einem kontinuierlichen Land stehen, oder weil morgen auf heute folgt. Nur wenn es Kontinuität gibt, können wir einen Einschnitt vornehmen, wenn die Zeit in der chronologischen Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angeordnet wird, und wenn wir uns in der Welt als einem Schema befinden. Nichtverstehen ist aus dieser Welt der Kontinuität ausgeschlossen.

Offensichtlich ist der Filter eine Trope für diese Art von Einschnitt. Er markiert sowohl „Verständlichkeit“ (wakaru koto) wie „Teilbarkeit“ (wakerareru koto). Doch es wird von ihm erwartet, dass er den Schauplatz des Nichtverstehens anzeigt. Das heißt, der Filter ist ein Instrument, dessen grundlegende Eigenschaft darin besteht, „Nichtverstehen“ zu repräsentieren, und zwar so, als hätte man „verstanden“. Ich habe bis jetzt auf einer strengen Unterscheidung zwischen der Repräsentation und dem Akt der Übersetzung bestanden, da wir den Tropen des Einschnitts gegenüber vorsichtig sein müssen. Der Einschnitt bringt nicht Diskontinuität zum Ausdruck. Im Gegenteil, der Einschnitt dient als Affirmation der Kontinuität. Dementsprechend habe ich versucht, es mit dem Idiom „Übersetzung als Filter“ genau zu nehmen, gerade weil die Art und Weise, wie ein Einschnitt funktioniert, in dieser Trope beibehalten wird: Sie schließt Übersetzung im „Verstehen“ ein, und löscht so ihr wichtigstes Moment aus, das im Idiom „Ich verstehe nicht“ zum Ausdruck kommt. Um den Akt der Übersetzung nicht mit ihrer Repräsentation zu verwechseln, müssen wir uns mit dieser Situation des „Nichtverstehens“ konfrontieren.

Die heterolinguale Adressierung

Zunächst dürfen wir nicht übersehen, dass „Nichtverstehen“ im Grunde genommen eine Frage der Sozialität ist. „Nichtverstehen“ kann es nur geben, wenn ich mit „dir“ koexistiere. Das ist die Essenz der Sozialität. Es ist daher eher irreführend zu behaupten, dass „Verstehen“ auf die soziale Verbundenheit von Menschen verweist, während „Nichtverstehen“ einen Mangel an sozialer Verbindung zum Ausdruck bringt. Wenn „Verstehen“ einfach nur eine Situation ausdrückt, in der die Mitteilung gelingt, muss auch „Nichtverstehen“ eine Situation sein, in der sich eine Mitteilung ereignet. „Ich verstehe nicht“ bringt die Situation zum Ausdruck, in der sich die Beschränkungen des Modells der Mitteilung am offensichtlichsten zeigen.

Übersetzung findet nicht zwischen einer Sprache und einer anderen statt. Das Bild einer Sprache als einer umfriedeten und einheitlichen Totalität wird vielmehr gerade durch die Repräsentation von Übersetzung vorausgesetzt. Daher können wir sagen: Durch die Repräsentation von Übersetzung als Mitteilung zwischen einer Sprache und einer anderen können diese beiden Sprachen als umfriedete „Gebiete“ repräsentiert werden. Deshalb habe ich mich weiter oben auf das Schema bezogen, das wirksam wird, wenn wir Übersetzung als „Schema der Kofiguration“iii darstellen. Das Schema der Kofiguration erzeugt also institutionalisierte Erwartungen, denen zufolge die Differenz der Sprachen der Grund sein soll, weshalb etwas „unverständlich“ ist. Am Schauplatz des „Nichtverstehens“ versuchen unterschiedlichste Menschen in unterschiedlichster Weise zu übersetzen, und wir können diesen Schauplatz des „Nichtverstehens“ nicht immer in das Bild der halbdurchlässigen Membran oder des Abgrunds verwandeln, der zwischen räumlich repräsentierten Sprachen lokalisiert ist. „Nichtverstehen“ gibt es überall. Doch aufgrund der Gestaltung der internationalen Welt wird angenommen, dass wir in der Lage sein sollten, uns in ein- und derselben Sprache zu verstehen. Folglich beginnen wir uns eine Welt vorzustellen, in der Nichtverstehen und Verstehen kartographisch abgegrenzten Territorien staatlicher Souveränitäten sowie den Orten nationaler Sprachen und Kulturen zugeordnet werden.

Durch Zufall treffe ich auf ein_e Fremde_, aber ich verstehe nichts von dem, was sie sagt. Ich erkläre mir das vielleicht so, dass ich behaupte, der Grund für mein Nichtverstehen rühre aus der Kluft zwischen meinem Japanisch und etwas Unbekanntem. Indem ich auf diese Kluft zwischen zwei Sprachen anspiele, kann ich mein Nichtverstehen in ein Verstehen meines Nichtverstehens verwandeln. Doch durch die Repräsentation einer anderen Sprache als umfriedetes Gebiet, von dem ich zweifellos ausgeschlossen bin, verstehe ich meine Unfähigkeit das zu verstehen, was sie sagt, als eine Kluft zwischen zwei Sprachen. Dies ist eine idealistische Auflösung von „Nichtverstehen“, wie ich mich hinzuzufügen beeilen muss. Es gibt indes eine andere Art der Interaktion. Ich verstehe nicht, was sie sagt, und suche daher nach gemeinsamen Begriffen, nach Fragmenten eines kolonialen Erbes, das sie und ich möglicherweise teilen. Ich verfolge die Möglichkeit einer gemeinsamen Arbeit durch nichtsprachliche Texte wie Gesten oder Karten. Durch diese Methode soll weder die eigentliche Bedeutung noch die korrekte Interpretation gewonnen werden. Es ist einfach nur eine Weise, Nichtverstehen in eine Art von Verstehen zu verwandeln. Ohne zu zögern würde ich diesen Ansatz einen materialistischen Zugang zu Nichtverstehen nennen. Nichtverstehen ist eine Frage der Sozialität. Unser Versuch zu übersetzen, lässt erkennen, dass wir in viele potenzielle Verhältnisse von Nichtverstehen eingelassen sind, in denen wir uns selbst entdecken.

Anstelle einer Schlussfolgerung

Seit dem Beginn der deutschen Romantik im 18. Jahrhundert war Übersetzung – nebst den Argumenten von der Sorai-Schule oder in anderen Projekten vorgebrachten Argumenten, deren Denkmäler mein Verstehen übersteigen – die zentrale Institution der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaften. Ohne die Institutionalisierung der Übersetzung voll und ganz in Betracht zu ziehen, wäre es nicht möglich, die Formierung der modernen europäischen Sprachen oder der japanischen Sprache zu verstehen. Darüberhinaus ging das Regime der Übersetzung immer mit dem Projekt des Aufbaus einer Nation einher. So war es beispielsweise üblich, zu argumentieren, dass das Ideal der Demokratie nur mittels einer homogenen nationalen Sprache realisierbar sei. Diese Logik, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die auf der Annahme einer nationalen oder ethnischen Sprache basiert, und in dieser Gesellschaft dann Demokratie zu entwickeln, hat indes längst nicht mehr die Relevanz, die ihr einst zukam. Das demokratische Subjekt ist heute nicht mehr Teil der Nation oder der Ethnie, sondern ist die Migrant_in und der Flüchtling. Es ist notwendig, Demokratie nicht entsprechend der Figur der Nation zu denken, sondern sich diese vielmehr gemäß der Figur de_r Fremden in uns vorzustellen – das heißt, sich eine demokratische Gesellschaft auszumalen, die nicht auf nationalen Sprachen, sondern auf der Sprache der Übersetzung basiert.iv

Die moderne internationale Welt entwickelte sich um zwei grundlegende Achsen: Eine Achse ist die sich kontinuierlich ausweitende Bewegung der Kommodifizierung, während die andere die Bewegung der Eingrenzung ist, die die vielfältigen „unverständlichen“ Differenzen in dem Versuch einfängt, sie in Richtung „verstandener“ Differenzen des Systems koexistierender Nationalstaaten aufzulösen. Der Nationalstaat hegt und pflegt das „Leben“ der auf dem Territorium dieses Staates angesiedelten Bevölkerung zum Zwecke ihrer Verwaltung. Dies jedoch ist nur ein Aspekt der Biopolitik der Nationalität. Die Herstellung des nationalen Subjekts ist immer von Dispositiven der Abschiebung wie auch der Integration jener begleitet, die nicht Teil der nationalen Bevölkerung sind. Die Bewegung der Kapitalakkumulation ebenso wie die Bewegung der Klassifizierung der globalen Menschheit in Nationalstaaten wirken zusammen und sind Komplizinnen. Daher müssen wir, um uns mit der Globalisierung zu konfrontieren, zunächst die Struktur der nationalstaatlichen Herstellung von Subjektivität konfrontieren. Der Frage der Übersetzung kommen wir nicht aus, eben weil eine kritische Analyse des Kapitalismus nicht auf der Annahme eines nationalen Subjekts durchgeführt werden kann.v Denn die Repräsentation der Übersetzung postuliert die Einheit einer nationalen Sprache, und die Einheit einer nationalen Sprache bildete den inneren Kern der Techniken zur Herstellung nationaler Subjektivität. Durch die Erfindung einer anderen Weise, Übersetzung zu repräsentieren, können wir fortfahren, nach einem Modus kollektiven Seins zu suchen, der weder national noch ethnisch ist.

Naoki Sakai ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft und Asian Studies an der Cornell University. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der vergleichenden Literaturwissenschaft, Geistesgeschichte, Übersetzungswissenschaft, Studien über Rassismus und Nationalismus, Semiotikgeschichte sowie in vergleichenden postkolonialen Literaturtheorien.

Die Langfassung dieses Textes wurde am 25. März 2010 in der Online-Version der Zeitschrift Transeuropéennes. International Journal of Critical Thought veröffentlicht und kann dort auf Englisch und Französisch konsultiert werden; vgl.: http://www.transeuropeennes.eu/en/articles/200/Translation_as_a_filter.

Übersetzung: Birgit Mennel. Die Übersetzung orientiert sich sowohl an der englischen wie der französischen Übersetzung des Textes.

i Vgl. Naoki Sakai, „Introduction. Writing for Multiple Audiences and the Heterolingual Address“, in: Ders., Translation and Subjectivity: On ‚Japan‘ and Cultural Nationalism, Minneapolis: University of Minnesota Press 1997.

* Deutsch im Original

ii Thongchai Winichakul, Siam Mapped: A History of the Geo-body of a Nation, Honolulu: University of Hawaii Press 1994.

iii Vgl. die „Einleitung“ zu Translation and Subjectivity, op. cit.

iv Vgl. Étienne Balibar, „Schwieriges Europa: Die Baustellen der Demokratie“, in: Ders., Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen, übers. v. Olga Anders/Holger Fliessbach/Thomas Laugstien, Hamburg: Hamburger Edition 2003, S. 253–279, hier insb. S. 287 f.

v Vgl. Naoki Sakai u. Jon Solomon, „Introduction: Addressing the Multitude of Foreigners, Echoing Foucault“, in: Dies. (Hg.), Traces (4): Translation, Biopolitics, Colonial Difference, Hong Kong: Unversity of Hong Kong Press 2006, S. 1–35.

 
 

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