Ein Riss in der kollektiven Wunschproduktion — IG Kultur

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Ein Riss in der kollektiven Wunschproduktion

Niels Boeing

Im Hamburger Park Fiction hat sich die Auseinandersetzung um das Haus des Golden Pudel Club zugespitzt.

In den letzten Jahren wandelt sich St. Pauli mit Macht zu einem konfektionierten Mythos. Die Reeperbahn, die Beatles-Legende, der Fußballclub, das Geschäft mit dem Sex und die frivol-seichte Unterhaltung: Sie alle sind nicht mehr Ausdruck eines wilden, unbürgerlichen Charakters, sondern zunehmend unique selling points für die Vermarktung einer Stadt, die mit anderen Metropolen um Besucherscharen buhlt. Das heißt nicht, dass der wilde Charakter St. Paulis verschwunden wäre. Er verstreut sich über Köpfe und Orte, die mit der sich breit machenden Slickness nichts am Hut haben. Ein solcher Ort ist Park Fiction, ein öffentlicher Park an der Hafenstraße, den die Anwohner_innen in den1990er-Jahren in einer kollektiven
Wunschproduktion gegen die Stadt durchsetzten, die dort einen Appartement-Riegel hatte hinsetzen wollen. Mit diesem neuen Planungsprozess, der sich den Zumutungen klassischer Stadtentwicklung widersetzte, verlangsamten die St. Paulianer_innen nicht nur die einsetzende Gentrifizierung. Sie schufen auch eine politische Plattform, die seit ihrer Fertigstellung in den Stadtteil hineinwirkt, ja diesen mit widerständigen Bewegungen in anderen Ländern verbindet. Im vergangenen Jahr etwa waren im Park in einem dreitägigen öffentlichen Teach-in Aktivist_innen aus Griechenland und Spanien zu Gast. Die afrikanischen Flüchtlinge, die derzeit in der benachbarten St. Pauli-Kirche leben, können hier mit Menschen aus dem Stadtteil zusammenkommen. Und für die Solidarität mit den Protesten in der Türkei hat sich der Park zu einem zentralen Ort, zum „Gezi Park Hamburg“ entwickelt.

Park und Pudel: wie Schwester und Bruder

Direkt davor, wo eine mit Treppen eingefasste Böschung vom Park zum Fischmarkt abfällt, steht der Golden Pudel Club, kurz „Pudel“. In dem Häuschen hat eine ganze Generation von Clubgänger_innen ihre Tags unter plockernden, fetten und anderen Beats an den Wänden zu einem eigenen Kunstwerk aufgeschichtet. Park und Pudel sind einander Schwester und Bruder: Sie verbindet die Idee, dass es anders gehen kann in einer Stadt, dass öffentlicher Raum keine gewinnträchtige Ressource ist, dass Eigensinn sich gegen den urbanen Neoliberalismus behaupten, eine Sache im Kollektiv betreiben und Freiräume öffnen kann. Diese Idee haben Park und Pudel immer wieder gemeinsam verfolgt. Das Planungskomitee für den Park rettete den Pudel 1997 in den Verhandlungen mit Stadt und Bezirk um die künftige Parkfläche
vor dem Abriss, und spendete 2006 einen ansehnlichen Betrag aus der Parkförderung für die Instandhaltung des Pudels. Der wiederum nahm das Park-Fiction-Archiv bei sich auf und teilte seine Toiletten mit den Park-Besuchern. Die Kombination aus Park und Pudel förderte die Stadt selbst noch einmal mit einem sechsstelligen Betrag für den Bau eines Amphitheaters, einer gemeinsamen Bühne, auf der beide räumlich und konzeptuell zusammenkommen. Das war umso wichtiger, als sich mit den benachbarten, schick restaurierten River-Kasematten bereits Begehrlichkeiten in das Ensemble aus Park und Pudel gereckt hatten. Das Ensemble gedieh bestens – bis sich Ende 2010 ein Riss im Pudel-Kollektiv auftat. Kein baulicher, das Gebäude war gerade erst instandgesetzt und ausgebaut worden. Aber mindestens ein sozialer. Die obere Etage des Pudel-Gebäudes entwickelte ein Eigenleben, das niemand vorhergesehen hatte, blockierte fortan auch das Amphitheater. Der Park schwieg lange dazu, um dem unteren Teil des Pudels, der selbst kaum glauben konnte, was da vor sich ging, nicht in den Rücken zu fallen. Bis Anfang Mai der Geduldsfaden riss. In einer öffentlichen Erklärung machte das Park-Fiction-Komitee seinem Ärger über das „Oberstübchen“, wie sich die Gastronomie in der oberen Pudel-Etage seit 2011 nennt, Luft: „Der von Vielen erkämpfte und ermöglichte Ort im Park Fiction ist seitdem enteignet.“ Die neue Slickness, die auf St. Pauli um sich greift, hat sich direkt in der Mitte von Park und Pudel eingenistet.

Der Konflikt zwischen Park und Fischmarkt

Zurück ins Jahr 2006. Park Fiction ist im Jahr zuvor vollendet worden, wenn auch mit unschönen Abstrichen. Der Seeräuberinnen-Brunnen und das Park-Archiv, das in einer an El Lissitzkys Wolkenbügel angelehnten Skulptur in den Schauermannspark sollte, sind vom Bezirk gekippt worden. Die Pudel-Crew fängt derweil an, die obere Etage des Häuschens auszubauen. Das Relikt aus einem anderen Zeitalter, in dem der Hafen noch kein Containerhafen war, gehört noch der Stadt Hamburg, die es langfristig an die Pudel-Crew verpachtet hat – auch dies ein Erfolg der Park-Planung. Als Inhaber und Geschäftsführer fungiert zu diesem Zeitpunkt Rocko Schamoni. Der Musiker, Autor und Mitglied des Comedy-Trios Studio Braun ist da längst zur Galionsfigur des Pudel in der Hamburger Kulturszene geworden. Schamoni übergibt die Geschäftsführung dann seinem alten Freund Wolf Richter, der den Ausbau energisch und fachkundig vorantreibt. Richter nimmt einen Kredit auf, und nach zwei Jahren ist der Bau rundum solide erneuert. Alle seien sie sich einig gewesen: „Das ganze Haus soll Pudel sein“, sagt Schamoni in der Rückschau. In der Etage über dem Club eröffnet der „Pudelsalon“, ins Dachgeschoss kommt der neue Geschäftsraum des Unternehmens Pudel, von dem aus das Booking betrieben wird.

Im selben Jahr, 2008, verkauft die Stadt Schamoni und Richter das Grundstück, diesmal ist es Schamoni, der den Kredit aufnimmt, um den Kaufpreis zu begleichen. Es sei auch ganz wesentlich darum gegangen, das Haus dem Markt zu entziehen, sagt er heute. Schamoni und Richter sind nun die Eigentümer, von denen die Pudel Music Club UG die Clubräume pachtet. Diese Pacht finanziert fortan das ganze Haus und bedient sowohl Richters als auch Schamonis Kredit. Geschäftsführer des Pudelsalons wird Wolf Richter. Ein nicht-kommerzieller Ort soll das sein, ein Café, von dem aus man auf den Hafen schauen kann, ohne dass der Mythos St. Pauli mit am Tisch sitzt, eine Bühne, ein immer auch politischer Veranstaltungsort. Latte Macchiato, das Hipster-Getränk, kostet ausdrücklich 10 Euro – den ästhetischen Begleiterscheinungen der Gentrifizierung, die 2008 St. Pauli längst erfasst hat, möchte man keinen Vorschub leisten. „Der Pudelsalon war als inhaltliche Erweiterung gedacht, für Lesungen, Debatten und für Aktionen, die in Park hineinspielen“, sagt das Park-Fiction-Komitee.
Aber ganz rund läuft der Pudelsalon nach zwei Jahren doch nicht. Im Sommer 2010 denkt man im Pudel-Kollektiv nach, was verbessert werden könnte. Aber man denkt offenbar nicht in ein- und dieselbe Richtung. Wolf
Richter ist da wohl schwer genervt, dass es nicht nach seinen Erwartungen vorangeht.
Im Oktober 2010 tauscht er in einer Nacht-und-Nebelaktion die Schlösser des Pudelsalon aus, kündigt dessen Belegschaft und sperrt nebenbei auch noch die Pudel-Crew aus dem gemeinsamen Geschäftsraum im Dachstuhl aus – samt Plattensammlung des Resident DJ. „Eine Notbremse, um sich nicht komplett wahnsinnig zu machen“, sagt Richter heute. Auch das Archiv von Park Fiction ist nun blockiert.
Das restliche Pudel-Kollektiv ist konsterniert, fühlt sich hintergangen. Die einen überlegen, die Schlösser gleich wieder zurückzutauschen, was nicht leicht ist, da Richter die verrammelte Etage zeitweilig bewachen lässt. Der andere Teil, darunter Schamoni, will mit Richter erst einmal reden und nicht eskalieren. Es folgen Mediationsgespräche, zuerst zwischen Schamoni und Richter, dann mit allen Pudel-Verantwortlichen, in denen sich eine Einigung anbahnt – die dann im letzten Gespräch scheitert. Der Riss lässt sich nicht mehr kitten.

Enteignung des Pudelsalon

Die obere Etage liegt weiter brach, und das Park-Fiction-Komitee muss anwaltliche Hilfe bemühen, um an die neuen Schlüssel zu kommen. Tatsächlich hat Park Fiction einen Vertrag – zunächst mündlich, später schriftlich – mit dem Pudel über die Auf-
nahme des Archivs geschlossen, der den Zugang garantiert. Dazu muss man wissen, dass es sich bei dem Archiv nicht nur um eine Kiste mit ein paar Erinnerungsstücken handelt. Park Fiction hatte schon Ende der 90er weit über Hamburg hinaus Furore gemacht: Der Planungsprozess der kollektiven Wunschproduktion brachte damals Kunst, Stadtplanung und Demokratie in einer Weise zusammen, die neu und aufregend war und die Bewohner_innen selbst zu Planer_innen machte. 2002 wurde schließlich die Park-Fiction-Dokumentation, die heute den Kern des Archiv bildet, auf der documenta 11 gezeigt. Das Archiv ist sozusagen ein Kulturgut, auf das die Stadt Hamburg sich etwas einbilden könnte, wenn sie denn einen Sinn dafür hätte.
Im Frühjahr 2011, nach acht Monaten Stillstand, öffnen sich die Türen des einstigen Pudelsalon wieder, der sich nun ins Oberstübchen verwandelt hat, mit dem Dachgeschoss als Lagerraum. „Wir finden das scheiße“, gibt die Pudel-Crew in einer Mitteilung bekannt. „Eine jahrzehntelange kühn geschaffene Realität und kollektive Vergangenheit aus Pudel, Park Fiction und ungezählten UnterstützerInnen ist somit beschädigt.“ Das mit den Jahrzehnten ist vielleicht übertrieben. Richtig ist aber, dass dem „gegenkulturell“ bewegten Pudel-Kollektiv bis auf weiteres zwei Etagen fehlen. Das Amphitheater ist nicht mehr bespielbar, weil es nun von der Außengastrofläche des Oberstübchen blockiert wird.
Richter hat als Unterstützung für den Oberstübchen-Betrieb die Gastronomin und frühere Club-Betreiberin Terry Krug ins Boot geholt. Das ist kein Überraschungscoup, die Pudel-Crew weiß von dem Plan schon länger. Einige haben zuvor versucht, Krug ins Gewissen zu reden, das Oberstübchen nicht mit zu eröffnen, solange der Konflikt zwischen Richter und Pudel-Kollektiv nicht gelöst ist. Man kennt sich ja seit Jahren, Krug ist zu der Zeit noch Geschäftsführerin des Hamburger Club-Kombinats, dem Verband der Hamburger Club-Szene, zu der auch der Pudel gehört, und Krug, Richter und Schamoni kennen sich schon aus Kindertagen. „Ich war immer für ein Miteinander“, sagt Krug, kurzzeitig habe es auch ein Einvernehmen gegeben, dass sie die Gastro-Etage unterstütze. Aber man habe ihr doch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie „kein Pudel“ sei.
Das Gastro-Konzept des Oberstübchen bricht bewusst mit der Idee des Pudelsalon. Die Wandtapete des alten Pudelsalon, ein Rapport aus Konterfeis von Anarchist_innen und Kommunist_innen wie Emma Goldman oder Rosa Luxemburg, ist einem hellen Putz gewichen. Neben kulturellen Veranstaltungen gehören nun auch Hochzeitsfeiern zum Programm. Sogar Justizsenatorin Jana Schiedek gibt sich mit ihrer Festgesellschaft die Ehre – eine Vorstellung, die bei der Pudel-Crew Kopfschütteln auslöst.
Wolf Richter bietet dem Pudel eineinhalb feste Tage in der Woche für kulturelle Veranstaltungen im Oberstübchen an, doch der Pudel winkt ab: Er will nicht „mit geduldeter Kleinstkultur als schlichter Mahlzeiten-Aufwerter herhalten, ohne über die Gesamtausrichtung des Etablissements mitbestimmen zu dürfen“. Draußen weist ein Schild darauf hin, dass sich im Oberstübchen „nicht das Park-WC“ befinde. Das Park-Archiv steht zwar weiterhin in der oberen Etage und ist laut Krug auch 24 Stunden zugänglich, aber es ist jetzt nicht mehr Teil eines Ganzen, sondern ein Fremdkörper, eingezwängt in einen geschäftigen Gastro-Betrieb, der zuerst kommerziell erfolgreich sein soll. Von den Erträgen fließt jedoch kein Cent in die Pacht, die der Pudel nun alleine aufbringt.

„In dem so geprägten Ambiente ist eine kritische Auseinandersetzung mit Stadtentwicklung, für die Park Fiction steht, absurd“, kritisiert das Park-Fiction-Komitee. Wolf Richter bezeichnet dessen Erklärung als „billigste Propaganda“, fühlt sich verkannt, weil weder seine Leistungen beim Ausbau noch seine Rechte als Besitzer und Miteigentümer der oberen Etage gewürdigt würden. Dass er mit seinem Konzept ein Loch in Pudel und Park gerissen hat, kommt ihm nicht in den Sinn. Kann ihm gar nicht in den Sinn kommen, denn sein Geschäftssinn steht dem anarchisch-kollektivistischen Non-Profit-Denken des Pudels diametral entgegen. Das agiert mit einem Geflecht von Absprachen unter Freund_innen und unterhielt bisher nur nach außen Schnittstellen zum bürgerlichen Rechtssystem. Das wird sich vielleicht auch ändern müssen, sonst wird das Ensemble aus Park und Pudel nicht wieder ganz „von der Schnauze bis zum Schwanz“.

Niels Boeing
(*1967) ist Journalist, Aktivist im Hamburger Netzwerk Recht auf Stadt und Autor des Buches Alles auf null. Gebrauchsanweisung für die Wirklichkeit (Edition Nautilus 2011). Er lebt in Hamburg St. Pauli.

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