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INHALT 2/2012

 

Million Dollar Dream: Cobra Clutch // Common Common!

@matahari_etc

Ein Rant ist im Internet-Jargon nichts anderes, als seinem_ihrem Grant ein wenig Freilauf zu verschreiben – neben #Katzenkontent Verbreitung eine der wichtigen Funktionen von Web 2.0-Anwendungen. Wie Realraum-Jünglingen von Stammtischen bekannt ist, kann die Qualität des Rantings sehr variieren, und am besten ist es immer noch, sich selbst ein Urteil zu bilden.

@lenadoppel, ihres Zeichens versierte Kennerin von #catcontent und #rant (wenns notwendig ist), sah sich bemüßigt, eben einen solchen vom Stapel zu lassen. Auslöser war ein Artikel von Walter Wippersberg über den grassierenden Raub, die Enteignung, den Diebstahl, die Piraterie – und der Umstand, dass sein vor 20 Jahren in Oberösterreich gedrehter Film Das Fest des Huhnes (eine sogenannte Mockumentary, die in exotisierender Weise das Leben der oberösterreichischen Eingeborenen von einem afrikanischen Ethnolog_innen-Team erforschen lässt) auf YouTube zu finden ist. In den sich überschlagenden Wellen zwischen schlechter ökonomischer Lage von Künstler_innen und berechtigten Sorgen um Bürger_innenrechte im Web, ergießt sich gerade eine Kund_innenbeschimpfung, die den Kreativen selbst am meisten schadet.

@lenadoppel schreibt Walter Wippersberg in ihrem Blog, in dem sie sich als „Nichtpiratin, Kaumdownloaderin, Käuferin hunderter, wenn nicht tausender Produkte der Unterhaltungsindustrie-Kunst und besorgte Bürgerin MIT IT-Kenntnissen“ beschreibt, die es mehr und mehr satt hat, beschimpft zu werden, dass Downloadraten nicht gleich Verkaufsentgang bedeutet. Die vielerorts und im Speziellen von @kunsthatrecht geforderte Durchsetzung bzw. Verschärfung des Urheberrechtes würde mit all seiner Abmahnindustrie mehr Geld den Anwält_innen als den Kreativen bringen. Ja, Walter Wippersberg möchte gerne selbst bestimmen, wie seine Werke verwendet werden dürfen, wann sie gratis und wann für sie bezahlt werden soll. Das ist völlig richtig, nur mit den derzeitigen Voraussetzungen ist dies nicht möglich, denn offiziell heißt es bei den Verwertungsgesellschaften ganz oder gar nicht: nix mit Selbstbestimmung. Was das bedeutet, exerziert gerade die GEMA in Deutschland vor. Walter Wippersberg, ein Fürsprecher der Creative Commons?

Manche Teile des Wippersbergschen Rantes haben aber selbst mich auf die Palme getrieben. Die Verurteilung der „Freibier-Mentalität“ kommt nämlich im Kontext einer postkolonialen Ethnografie-Kritik bei mir gar nicht gut an. So schrieb ich: „Diese Ethnografen, die vom geistigen Eigentum reden, fress ich zum Frühstück“ und forderte gar als „Eingeborene meinen Anteil am Raub unserer Commons“ zurück. Der Film Das Fest des Huhnes ist voll mit Volkskultur, mit Freiwilligenarbeit, mit Musik und Dorfgemeinschaften, die keinerlei Erwähnung finden. Etwa die im Innviertel weltberühmten Dudlerinnen und Gstanzlsängerinnen, deren gesangliche Leistung einfach in kolonialer Manier angeeignet wurde. Keine Musikkapelle, keine Feuerwehr, nicht mal ein wichtiger Bürgermeister wird erwähnt – oder einfach die Ortschaften, die am Dreh mitgewirkt haben. Wäre ich extra grantig, würde ich behaupten, der Wippersberg Walter hat auch noch Freibier und Gratishendl bekommen und die Ehr dazu. Doch wie, müsste an dieser Stelle gefragt werden, würde eine Ökonomie gestaltet sein, die respektvoll mit den materiellen und immateriellen Einsätzen umgeht, die zu einem künstlerischen Werk beitragen? Und was würde ein Bewusstsein über kollektive Produktionsweisen mit dem untoten, weißen, männlichen, eurozentrischen, heterosexuellen Künstlergenie anstellen? Ihn ins Nirwana schicken?

Anmerkung

*die mit @ beginnenden usernamen beziehen sich auf user_innen auf
Twitter/identi.ca

Bonustracks: storify.com/wrestling_moves

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