Spitzensport Kunst — IG Kultur

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INHALT 2/2012

 

Spitzensport Kunst

Sylvia Köchl

Woher kommt das Geld zum Leben in der Bildenden Kunst?

„Wie viele Teile deines Einkommens stammen aus deiner künstlerischen Arbeit?“, wollte ich von ein paar Bildenden Künstler_innen aus meinem Bekanntenkreis wissen. „Alle – aber nur, weil ich Kunstvermittlung als künstlerische Tätigkeit betrachte. Sonst hätte ich derzeit gar kein Einkommen als Künstler“, antwortete B. „Zurzeit lebe ich von meiner Arbeit als Künstlerin, davor habe ich aber Arbeiten aller Art verrichtet“, so die Antwort von A. Und C. schrieb mir, sie arbeite heute zwar ausschließlich als Künstlerin, in den ersten ca. 20 Jahren nach ihrem Kunststudium sei jedoch „eine unendlich lange, sehr vielfältige und daher recht unterhaltsame Liste“ an nicht-künstlerischen Zweitjobs zusammengekommen.

Keine 900 Euro im Monat

Solche Erwerbsverläufe und Arbeitsbiografien sind (nicht nur) für Künstler_innen recht typisch, und zwar trotz ihrer üblicherweise hochwertigen Ausbildung. Prekär ist daran aber vor allem, dass Existenzkampf und Kampf um Etablierung im Kunstfeld und damit schließlich auch am Kunstmarkt für die meisten nicht enden wollen.

Die bislang letzte große Studie (1) zur sozialen Lage der Kunstschaffenden in Österreich aus dem Jahr 2008 bestätigt, dass es Künstler_innen finanziell mehrheitlich eher schlecht geht. Im Vergleich mit anderen Erwerbstätigen lagen die Einkommen von Kunstschaffenden demnach fünfmal so oft unter der Armutsgefährdungsgrenze. 40 Prozent der Künstler_innen in Österreich erzielten ein persönliches Jahreseinkommen unter 10.000 Euro – und mit Einkünften rein aus der künstlerischen Tätigkeit lagen sogar 75 Prozent der Kunstschaffenden unter der 10.000-Euro-Grenze (das entspricht 833 Euro monatlich). Bei mehr als der Hälfte der Befragten lag das künstlerische Jahreseinkommen sogar unter 5.000 Euro.

In der Bildenden Kunst, in der sich eine Mehrheit der Künstler_innen in Österreich verortet (genaue Zahlen gibt es nicht), arbeiten 95 Prozent ausschließlich als „Neue Selbstständige“. Die Durchschnittseinkommen lagen laut der Studie hier und bei den Literat_innen im Vergleich mit anderen künstlerischen Berufsgruppen besonders niedrig – jedenfalls wenn nur die Einkommen aus der künstlerischen Arbeit betrachtet werden. Bildende Künstler_innen sind also zum großen Teil gezwungen, zusätzliche Arbeit anzunehmen. Damit kamen sie dann auf ein Medianeinkommen von 10.600 Euro, das sind 883 Euro im Monat.

Rücklagen hatte ich noch nie“

Erfragt wurde in der Studie auch die Wochenarbeitszeit – und bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten, die Arbeitszeit als Selbstständige mit wechselnden Auftrags- und Beschäftigungslagen zu beziffern, konnten die Studienautor_innen zeigen, dass sich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei Künstler_innen zwischen 38 und 45 Stunden bewegt. Zum Vergleich: Unselbstständig Beschäftigte arbeiten real ca. 46 Stunden pro Woche.

Bekanntlich haben Selbstständige aber keinen bezahlten Urlaub und tragen das Risiko von Einkommenseinbußen im Krankheitsfall selbst. Damit relativieren sich die genannten Einkommen noch einmal, denn Rücklagen lassen sich auf dieser Grundlage keine bilden. Die 40-jährige Bildende Künstlerin C. dazu: „Ich lebe vom Überziehungsrahmen meiner Bank, den ich mir einmal bei einem größeren Projekt ausgehandelt habe, und dafür zahle ich auch viel. Kredit bekommt man ohne regelmäßiges Einkommen keinen. Rücklagen hatte ich noch nie.“

Existenzängste sind gerade bei den überwiegend Selbstständigen Dauerbegleiterinnen. In der Bildenden Kunst, so die Studie zur sozialen Lage, ist das Belastungsniveau am höchsten. Die dabei wichtigsten Faktoren: die Frage der sozialen Absicherung bei Krankheit, Unfall und Alter, die Sorge darum, immer wieder ein Einkommen, das zum Leben reicht, erzielen zu können, und die Frage, ob die eigene Kreativität und Produktivität perspektivisch gesehen ausreichen werden, um sich irgendwann etablieren zu können. Das „subjektive Wohlbefinden“ ist dementsprechend bei Künstler_innen im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung deutlich geringer. Um es mit dem Künstler und Kunstvermittler B. auszudrücken: „Kein gesichertes Einkommen zu haben, heißt viel Kraft und Energie durch Unsicherheit verlieren.“

Viel Kraft und Energie müssen selbstständige Bildende Künstler_innen aber auch aufbringen, um bezahlte Arbeit zu generieren: Projekt- und Stipendienanträge, Einreichungen für Festivals und Ausstellungen, Einreichungen für Preise und Ankäufe, Anfragen bei Galerien u. Ä. sind sogenannte Overhead-Arbeiten, die niemand bezahlt und die auch nicht immer zum Erfolg führen müssen.

Das eigene Honorar „vergessen“

Von einem „guten Leben“ sind die meisten jedenfalls weit entfernt, wie auch meine Mini-Umfrage ergab. Die Frage „Kannst du von deinem Einkommen als Künstler_in leben?“ beantworteten alle mit „Ja“. Die Antwort auf die Frage „Kannst du von deinem Einkommen als Künstler_in gut leben?“ lautete hingegen „Nein“. Etwa von B.: „Kein Urlaub, keine freien Wochenenden, kein Essen auswärts usw. Also wirklich nur die nötigsten Lebensausgaben.“ Und auch von C.: „Alle Ausgaben sind auf das absolute Minimum reduziert: kein Urlaub oder Reisen, keine Investitionen in die Arbeitsgeräte, Wohnung, Kleidung etc.“

„Ich lebe nicht konsumorientiert“, erklärt A. dazu, „und bin es gewohnt, mit wenig auszukommen. Ich achte aber streng auf bezahlte Kunstarbeit bzw. fordere stets Honorar – von jeher in Opposition zur im Kunstbereich oft gehörten Argumentation, es sei ja Werbung für die Künstlerin, irgendwo dabei zu sein.“ Auch D. sieht hier eine der größten Hürden, wenn es darum geht, von der Arbeit als Künstlerin zu leben: „Grundsätzlich denken sehr viele Auftraggeber_innen, dass die Bildenden Künstler_innen praktisch umsonst arbeiten, da sie sich eh freuen, wenn sie irgendwo ausstellen können. Das andere Problem, vor allem bei jüngeren Künstler_innen, ist die Zusammenarbeit mit Galerien, die oft ohne Vertrag geregelt ist. Darüber hinaus können sich (übrigens gerade die etablierten) Galerist_innen Verzögerungen beim Zahlen, bei der Refundierung von Kosten etc. erlauben.“

„Noch immer gibt es das antiquierte Bild vom Hungerkünstler“, ergänzt A. „und die Vorstellung, dass eine bessere Absicherung eine Art Spende wäre oder dass man die Künstlerin durch den Kauf ihrer Arbeit mildtätig unterstützt. Dass Kunst Arbeit und eine Leistung ist und Kunstarbeit ein Beruf, muss viel stärker ins Bewusstsein – zum Teil auch der Künstler_innen selbst – treten durch die gesellschaftliche Anerkennung, zum Beispiel in Form einer besseren und gleichgestellten sozialen Absicherung.“

Wenn es konkret darum geht, etwa im Finanzierungsplan für eine Projekteinreichung, die Höhe des eigenen Honorars zu beziffern, scheinen sich tatsächlich viele Künstler_innen selbst zu niedrig einzustufen. Am 18. April 2012 fand in der IG Bildende Kunst eine Veranstaltung im Rahmen der Kampagne „Über Geld reden“ statt, in der es um die Bedingungen bei Festival-Einreichungen ging. Paul Stepan, kaufmännischer Leiter von Soho in Ottakring, bestätigte dabei, dass es mehr Selbstbewusstsein brauche, um eigene Honorare einzuplanen. Es sei immer wieder der Fall, dass die Einreichenden gar keine Honorare einkalkulieren, weil es schon so üblich ist, gratis zu arbeiten. Auch Dagmar Höss, Bildende Künstlerin und Vorstandsmitglied beim Festival der Regionen, bestätigte, dass immer wieder einmal Künstler_innen in ihrer Projektkalkulation die eigenen Honorare schlicht „vergessen“. Richtlinien für angemessene oder übliche Honorierungen oder wenigstens Markierungen für Untergrenzen wären hier ein große Hilfe.

Grundeinkommen und Solidarität

Die niederschmetternden Ergebnisse der 2008 veröffentlichten Studie zur sozialen Lage blieben nicht ohne Konsequenzen. Das Kunstministerium initiierte endlich – nach Jahren des Drängens der Interessengemeinschaften der Kunst- und Kulturschaffenden – interministerielle Arbeitsgruppen (IMAGs), zu zahlreichen Sitzungen waren auch die Interessengemeinschaften eingeladen. Die Ergebnisse sind bisher eher dürftig ausgefallen, längere Zeit stand der IMAG-Prozess überhaupt still. Ohne den (regierungs-)politischen Willen zur Verbesserung werden sich bestimmte Probleme aber nicht beheben lassen: die konkreten Mängel bei der sozialen Absicherung, das unzeitgemäße Urheber_innenrecht, die Barrieren, die das Fremden(un)recht vor der (auf der anderen Seite stark erwünschten) internationalen Vernetzung, aber auch vor jeder_m einzelnen Künstler_in aufbaut, der_die einen anderen Pass als den österreichischen besitzt.

Neben diesen konkreten Baustellen, die sowohl in der Studie zur sozialen Lage als auch von den von mir befragten Bildenden Künstler_innen als zentral thematisiert wurden, wünschen sich viele jedoch mehr, da sie sich bewusst sind, dass ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse auf immer mehr Menschen in anderen Berufen in ähnlicher Weise zutreffen. Die gesellschaftliche Anerkennung zeitgenössischer künstlerischer Arbeit, die gleichzeitig die Demokratisierung des Zugangs zu Kunst voraussetzen würde, ist so ein Wunsch, der beispielsweise in der Studie geäußert wurde. Aber auch „das Recht auf bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum für alle“ (Künstlerin A.), „ein solides Grundeinkommen für alle, mehr Solidarität der Kunstschaffenden untereinander und mit anderen Bevölkerungsgruppen, sozialen Klassen und Schichten“ (Künstler B.), „ein nicht auf Wachstum im kapitalistischen Sinne ausgerichtetes Denken, wenn es um Kunstproduktion geht, und weniger Konkurrenz und mehr solidarisches Verhalten im Kunstbetrieb“ (Künstlerin C.).

Wie im Spitzensport

„Beim Beantworten deiner Fragen hat mich der Ärger gepackt“, schrieb mir D. noch, „weil ich gerne mit einer positiveren Stimmung daran gegangen wäre“. Seit Beginn der 1990er Jahre, so die Autor_innen der Studie zur sozialen Lage, werde die Entwicklung des Kunst- und Kultursektors beforscht und erkannt, dass sich hier „die voranschreitende Deregulierung der Arbeitswelt“ samt Auswirkungen auf die Einkommen und auf das sozialversicherungsrechtliche Gefüge „wie unter dem Vergrößerungsglas“ beobachten lässt. Handlungsbedarf besteht also schon lange.

Und die Kunstministerin Claudia Schmied? „Dieses Thema (die prekären Arbeitsverhältnisse, Anm.) werde ich nicht lösen können“, wurde sie am 8. März 2012 von der Tiroler Tageszeitung (2) zitiert. „Entscheidet man sich dafür, Künstler zu werden, muss man sich klar sein, dass es nur einige wenige in die ökonomische Unabhängigkeit schaffen werden. Die Situation ist hier nicht viel anders als im Spitzensport.“ Rote Karte, Frau Ministerin, denn das ist ein klassisches Foul!

Sylvia Köchl ist kulturpolitische Sprecherin (als Karenzvertreterin) der IG Bildende Kunst.

Fußnoten

(1) Schelepa, Susanne / Wetzel, Petra / Wohlfahrt, Gerhard: Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich. L&R Sozialforschung 2008 (im Auftrag des BM für Unterricht, Kunst und Kultur). Download Unter: www.bmukk.gv.at/kunst/bm/studie_soz_lage_kuenstler.xml

(2) www.tt.com/Tirol/4438657-2/streiterin-für-eine-freie-kunst.csp

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