Bedürfnisse reflektieren, artikulieren, demonstrieren — IG Kultur

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INHALT 2/2012

 

Bedürfnisse reflektieren, artikulieren, demonstrieren

Sabina Holzer

Zur dritten Ausgabe von CROSSBREEDS, der Plattform für künstlerische Positionen im Dazwischen.

Im_flieger (1), Freiraum und Experimentierfeld für Tanz, Performance und angrenzende Kunstformen, ist eine Organisation von KünstlerInnen für KünstlerInnen aus der Freien zeitgenössischen Tanz- und Performance-Szene. Im_flieger hat dieses Jahr zum dritten Mal zu CROSSBREEDS – Plattform für künstlerische Positionen im Dazwischen eingeladen.

Wie immer gab es eine öffentliche Ausschreibung mit der Möglichkeit, sich zu bewerben. Zum ersten Mal allerdings war ein Thema gestellt und zwar: ÜBER LEBEN/S KUNST.

CROSSBREEDS 2012 wollte in Zeiten zunehmender Flexibilisierung und Prekarisierung aktuelle künstlerische Positionen, Strategien und Praktiken des Über_Leben/s generieren und sammeln. Ebenfalls zum ersten Mal fand CROSSBREEDS nicht wie bisher im WUK statt, sondern im Palais Kabelwerk. Keine vier Tage wie sonst, sondern diesmal zwei Tage. Denn: Im_flieger war im Sommer 2011 aufgrund von strukturellen Uneinigkeiten mit dem autonom organisierten Tanz- und Performancebereich des WUK aus dem WUK ins freie Feld geflogen. Und sah sich auch selbst mit der grundlegende Frage konfrontiert: Wie würde es möglich sein, weiter zu arbeiten?

„Weiter zu arbeiten“, bedeutet für Im_flieger: KünstlerInnen bei der Entwicklung neuer Konzepte und künstlerischer Zusammenarbeit zu unterstützten. Wobei das Vorstellen neuer künstlerischer Setzungen möglichst ohne Druck der gängigen Veranstaltungs- und Produktionspraktiken gewährleistet sein sollte.

Bisher war es Im_flieger möglich, eine Vielzahl von KünstlerInnen zu fördern und relativ spontan auf Bedürfnisse zu reagieren, ohne selbst der Dynamik des freien Marktes ausgesetzt zu sein. Im_flieger wird durch eine Jahressubvention (MA7/Freien Gruppen und bmukk/Abt.IV/4) finanziert, mit der bis jetzt – weil im WUK verankert – keine Kosten für Raummiete, für den jährlichen Betrieb, für Proberäume und für Öffentlichkeitsarbeit aufgewendet werden mussten. Diese Situation hat sich nun radikal verändert. Im_flieger bezog im September 2011 temporär die Räumlichkeiten der ehemalige LABFactory, 1020 Wien. Hier wurden ein Koordinationsbüro eingerichtet, für Produktionen geprobt, kleinere Veranstaltungen durchgeführt, CROSSBREEDS 2012 geplant und kuratiert. Die Kosten für die diesjährige Plattform wurden von Im_flieger alleine getragen. Aus knapp 80 Einreichungen wurden 16 transdisziplinäre Arbeiten vorwiegend lokaler darstellender und bildender KünstlerInnen ausgewählt.

Freies künstlerisches Arbeiten – ein alternatives Überlebens-Modell?

Das diesjährige Thema ÜBER LEBEN/S KUNST hatte neben der akkumulierten Präsentation von künstlerischen Positionen das Ziel, den Diskurs über Arbeits- und Produktionsverhältnisse in der Freien Szene anzuregen und vor allem den Austausch zwischen KünstlerInnen zu stimulieren. Die Gelegenheit sollte genutzt werden, um die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen zu thematisieren und mehr Bewusstsein über den Kontext zu schaffen, in dem freie zeitgenössische Tanzschaffende und bildende KünstlerInnen arbeiten. Anita Kaya, Brigitte Wilfing, Katrin Hornek (als Kuratorinnen des Festivals) und Sabina Holzer (als associated artist von Im_flieger) haben eine vierwöchige praktisch-theoretische Auseinandersetzung rund um die Begriffe des Prekariats, des Eigenen und Fremden, des Körpers und seiner möglichen Analogien in uns umgebenden Systemen initiiert.

Dieses mittlerweile vielzitierte „Prekariat“ (lat. precarium = ein bittweises, auf Widerruf gewährtes Besitzverhältnis) sollte jedoch nicht nur als Mangel verstanden werden. Freies künstlerisches Arbeiten wurde als alternatives Modell und Versuch befragt, um dem ewig propagierten Wachstum, dem oftmals damit einhergehenden zwanghaften Produzieren (welches von keinem politischen, gemeinschaftlichen Modell der Nachhaltigkeit gestützt wird), der Ausbeutung von Ressourcen und dem daraus entstehenden Empfinden des „Niemals-genug-tun“, „Niemals-genug-sein“ gegenzusteuern. Die existentiellen Konsequenzen dieser Arbeitsbedingungen und Lebensumstände waren freilich immer Teil dieser Auseinandersetzung.

Das öffentliche Thematisieren von prekären Arbeitsbedingungen

Diese Auseinandersetzung in Form eines „Labors“ diente einerseits als Grundlage für das Kuratieren von CROSSBREEDS 2012. Andererseits waren die Ideen und Spuren dieser Fragen in Form des Salon Precarious Pleasures als Prozess einer künstlerischen Übersetzung Teil der Plattform. Dieser Salon Precarious Pleasures war eine Rauminstallation, die von den BesucherInnen aktiv mitgestaltet werden konnte. Gleichzeitig war er ein Ort des Austausches, wo vorhandene Materialien Anregungen gaben, um mehr über Lebens- und Arbeitssituationen zu erfahren, nachzudenken und zu sprechen.

CROSSBREEDS 2012 wollte Positionen des Anders-Sein im Verhältnis zu einer propagierten, allgemeinen Norm aufzeigen. Es wurden Verschiebungen von Wahrnehmungen angeboten, auf Möglichkeiten von Ermächtigungen im Ausgesetzt-Sein hingewiesen und Verbindungen mit anderen (Werte-)Systemen thematisiert. Auch Zusammenhänge von ästhetischen, politischen und sozialen Perspektiven wurden aufgezeigt. (2) Wie ist es möglich, als freischaffende/r KünstlerIn zu leben? Was gibt es für soziale und politische Parallelwelten? Was für Strategien und Visionen werden von Einzelnen entwickelt? Was wirkt unterstützend? Welche Formen von Gemeinsamkeiten gibt es, und wie könnte man diese für eine gerechtere Umverteilung – auch im Kunstfeld – nützen?

Was ist los in Österreich?

Die freie zeitgenössische Tanz- und Performance-Szene in Österreich ist eine kleine, lose Gemeinschaft, in welcher der Druck auf die Einzelnen sehr groß ist, den Gesetzen, die der Markt mittlerweile ausgebildet hat, zu entsprechen, um ein „Überleben“ zu gewährleisten. In den letzten Jahren sind die KünstlerInnen recht still geworden, obwohl sich die Produktionsbedingungen keineswegs verbessert haben. Haben diejenigen, die derzeit gefördert und unterstützt werden, wegen ohnehin permanenter Überarbeitung, keine Ressourcen übrig, um politisch initiativ zu werden? Und haben diejenigen, die gerade nicht im Sog der Attraktivität stehen, nicht die Möglichkeiten und den Esprit, andere KollegInnen zu mobilisieren und Druck zu machen?

Tatsache ist, dass schon die enormen Anstrengungen der Freien Szene von 2004 bis 2009, progressive kulturpolitische Veränderungen voranzutreiben, die sozialpolitische Lage und Absicherung nicht wesentlich verbessern konnten. Die Konzepte, die zum Beispiel in verschiedenen Arbeitsgruppen des Round Table für Tanz und Performance in Österreich gemeinsam von KünstlerInnen, VeranstalterInnen und der IG Freie Theaterarbeit – den ExpertInnen – ausgearbeitet und an die Politikern herangetragen und diskutiert wurden, sind längst in einer völligen Ignoranz der Politik gegenüber der Freien Szenen und ihren Institutionen untergegangen. Dabei ging es vor allem um die infrastrukturellen Notwendigkeiten zur nachhaltigen Entwicklung und somit um Perspektiven der Sparte.

Auch die jahrelangen Verhandlungen der Interessenvertretungen von KünstlerInnen mit den PolitikerInnen führen – trotz der vorliegenden Studie zur sozialen Lage der KünstlerInnen in Österreich – zu keinen konkreten Ergebnissen zur Verbesserung der prekären Situation. Warum ist es in Österreich nicht wie zum Beispiel in Belgien oder Frankreich möglich, adäquate soziale Modelle für freischaffende KünstlerInnen zu entwickeln, die den tatsächlichen Produktionsbedingungen und möglichen Lebensformen entsprechen und das Berufsfeld der freien (Tanz-/Performance-) Schaffenden nicht mit UnternehmerInnen gleichsetzt oder bestenfalls mit der Kreativwirtschaft koppelt?

Gegen freiwillige Selbstausbeutung

In Österreich, so scheint es, gibt es keine FürsprecherInnen und keine politische Lobby für die Freie Szene. Das System der Ko-Produktionshäuser hat das Feld in den letzten Jahren grundlegend verändert. Sie sind attraktive, viel versprechende Anziehungspunkte für ChoreografInnen und PerformerInnen geworden, erzeugen aber auch einen Zwang, die Arbeiten in diesen Häusern unterzubringen, um sie so quasi zu „legitimieren“ und/oder überhaupt möglich zu machen. Die Ko-Produktionshäuser sind ihrerseits immer größerem neoliberalem Druck vonseiten der Politik ausgesetzt und müssen um ihre eigenen Interessen und Bedingungen kämpfen. Diese decken sich zwar zum Teil mit denen der KünstlerInnen, aber eben nur zum Teil. Um das Feld, das die Zusammenhänge generieren, kümmern sich im Moment nur sehr wenige. Es sind die Zonen, die sich vor und zwischen den institutionell geregelten Abläufen abspielen, diese immer wieder infrage stellen und an Arbeits- und Lebenspraktiken rückbinden. Es liegt an den ChoreografInnen, PerformerInnen, TänzerInnen – an denjenigen, die Strukturförderungen, Projektförderungen oder keine Förderungen (mehr/gerade nicht) bekommen –, sich zusammenzufinden. Es liegt an all denjenigen, die den Wildwuchs schätzen und wissen, dass ohne ihn wesentliche gesellschaftliche Zusammenhänge einmal mehr in Verzug geraten und rigiden Bürokratiesystemen Vorschub geleistet wird. Gerade deshalb müssen KünstlerInnen ihre eigenen Bedürfnisse reflektieren, artikulieren und demonstrieren. Es wird niemand für sie tun.

Viele der darstellenden KünstlerInnen, die in der Freien Szene arbeiten, leben (immer wieder und) nun schon seit drei Generationen, in einem existentiellen Spannungsfeld. Dieses bewegt sich zwischen einer Mindestsicherung von ca. 700 Euro im Monat ohne die Möglichkeit von Zuverdienst, einem Nebenerwerbsjob und einer – wie auch immer gearteten – privaten finanziellen Unterstützung. Das betrifft auch diejenigen, die ihre Arbeiten derzeit an den repräsentativen Institutionen wie Tanzquartier Wien, Brut, WUK, Garage X, ImPulsTanz und Österreich Tanzt oder auch beim steirischen Herbst oder der Szene Salzburg realisieren und präsentieren. Doch dieser Sachverhalt kommt in den Selbstdarstellungen von Kunstschaffenden selten vor, er bildet einen verdrängten Subtext – wohl auch deshalb, weil dessen Preisgabe das Eingeständnis eines vermeintlichen Scheiterns oder eines Defizits zu bedeuten scheint. Der/die auf freiwillige Selbstausbeutung setzende Künstler/in ist nicht zuletzt deshalb zum role model einer neo-liberalen Ökonomie geworden, die einer Politik, die auf Strukturen sozialer Absicherungen lieber verzichtet, sehr entgegenkommt.

Sabina Holzer ist Choreografin, Performerin und Autorin. Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Anita Kaya entstanden.

Fußnoten

(1) Im_flieger – Verein zur Förderung performativer Kunst, www.imflieger.net

(2) Das gesamte Programm ist unter: www.imflieger.net/deutsch/projects/crossbreeds/platform2012/programm zu finden.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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