Das Wien Museum besetzen? — IG Kultur

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INHALT 2/2012

 

Das Wien Museum besetzen?

Robert Foltin

Zur Ausstellung Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern in Wien.

Von 12. April bis 12. August 2012 findet im Wien Museum Karlsplatz die Ausstellung Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern statt. Meine Erwartungen waren gedämpft, da es im Vorfeld kein Eingehen auf von Aktivist_innen gestellte Bedingungen gab, wie zum Beispiel, dass die digitalisierten Dokumente unter die Creative-Commons-Lizenz gestellt werden oder der Eintritt immer gratis sein müsse. Vom Inhalt wurde ich trotzdem positiv überrascht. Der Schwerpunkt liegt auf der Besetzung des Auslandsschlachthofes, der Wiener Arena, auch weil die Idee zu dieser Ausstellung durch eine Spende von (Bild-)Material über die Arena entstand. Dieser Abschnitt der Besetzer_innenbewegung in Wien ist am ausführlichsten dokumentiert und das sowohl was die Vorgeschichte, den Ablauf, als auch die längerfristigen Wirkungen anbelangt. Dahinter fallen zwar alle anderen Dokumentationen der Ausstellung zurück, diese bilden aber den Rahmen für die gesellschaftliche Einordnung und die Beschreibung des Umfeldes, in dem sich die Arenabewegung entfalten konnte.

Zur (Vor-)Geschichte der Besetzer_innenbewegung

Die Ausstellung beginnt mit der Vorgeschichte von Besetzungen durch den sogenannten Heimspartakus (dessen Geschichte endlich einmal genauer aufgearbeitet werden müsste), mit der Besetzung der Gottschalkgasse in Simmering 1975 sowie des Amerlinghauses im gleichen Jahr – einem Projekt, das noch immer besteht und dessen Geschichte bis heute nachgezeichnet wird. Wie schon erwähnt, vermittelt das umfangreiche Material ein ausgezeichnetes Bild über die Entwicklung der Arena und ihrer Nachfolgeprojekte wie dem kleineren Veranstaltungsort im Inlandsschlachthof, dem von vielen der damals Beteiligten der Name „Arena“ abgesprochen wird. Ausführlich wird auf die Reaktion der Gemeinde Wien und der Medien eingegangen. Weitere Abschnitte befassen sich mit dem Rotstilzchen, einem gemieteten selbstorganisierten Objekt im 5. Bezirk, dem Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) und dem FrauenLesbenMädchenZentrum, im ehemaligen TGM (Technologisches Gewerbemuseum) situiert. So wie beim Amerlinghaus wird bei Letzterem auf die aktuelle Bedrohung des Projekts durch finanzielle Aushungerung hingewiesen.

Die Bewegungen der 1980er-Jahre beginnen schon 1979 mit dem Kampf um Rasenfreiheit im Burggarten und werden mit den Anfängen einer Hausbesetzer_innenbewegung fortgesetzt, auf die die Gemeinde Wien mit der Unterstützung von Projekten antwortet: Objekte werden mit „Prekariumsverträgen“ (keine Miete, nur Betriebskosten, jederzeit kündbar) zur Verfügung gestellt. So wird die Entstehung der RosaLilaVilla dokumentiert. Ausführlicher wird die Gassergasse (GAGA) behandelt, die auch ein Treffpunkt für radikalere Gruppierungen und Subkulturen wie Punks und Anarchist_innen war. Nach Polizeischikanen und Angriffen von Rechtsextremen und Anrainer_innen wurde dieses Projekt im Sommer 1983 durch einen Polizeieinsatz beendet.

Ein weiterer Abschnitt ist dem Kampf um die nebeneinander liegenden Häuser Spalowkygasse und Aegidigasse gewidmet, die sowohl ein subkultureller Treffpunkt als auch ein Zentrum der autonomen Bewegung waren. Auch wenn die Häuser geräumt wurden – mit so viel Gegenwehr wie selten in Wien –, entstanden daraus einige Folgeprojekte wie etwa das inzwischen etablierte Flex, aber auch das Ernst-Kirchweger-Haus (EKH), das noch immer das wichtigste soziale Zentrum Wiens ist. Die Ausstellung wird mit dem EKH, mit dessen Bedrohung durch einen neuen rechtsradikalen Besitzer und mit der Abwendung einer Räumung 2005 sowie mit der Aufzählung von Besetzungen der letzten Jahre abgeschlossen. Seit Mitte der 2000er-Jahre haben – auch ohne die Hörsaal-Besetzungen im Rahmen von unibrennt mit zu berücksichtigen –, mehr Besetzungen stattgefunden, als in den gesamten 1970ern und -80ern, wenn auch keine davon so spektakulär war wie die in der Arena 1976.

Spannend ist auch, sich im Rahmen der Ausstellung die Fernsehsendungen von damals anzusehen. Besonders in Ohne Maulkorb wurde bis Ende der 1970er Jahre nicht mit den inzwischen üblichen schnellen Schnitten gearbeitet, sondern Musikstücke oder Gespräche wurden in einem Block gesendet, was einerseits den heutigen Hör- und Sehgewohnheiten widerspricht, aber sehr viel von der Intensität der damaligen Atmosphäre der Arenabewegung vermittelt.

Die Attraktivität und Aktualität der Bewegung

2010 war in der Pankahyttn eine Ausstellung über und namens Punk in Wien zu sehen, die ihren Schwerpunkt auf die Aufarbeitung autonomer Geschichte in den 1980ern gelegt hatte und daneben (oder doch hauptsächlich) auch über die Punkbewegung seit ihren Anfängen informierte. Der Rahmen dort war – unter anderem aufgrund der kompetenten Führungen – natürlich „authentischer“, trotzdem kann auch die Ausstellung im Wien Museum empfohlen werden. Es wird ein Bild vermittelt, das Besetzungen attraktiv erscheinen lässt, wenngleich die Repression und das Scheitern durch Räumung oder Anpassung dagegen zu sprechen scheinen. Der Katalog ist informativ und mit einem Teil der Bilder aus der Ausstellung sehr schön illustriert.

So nebenbei hörte ich im Wien Museum die Äußerung, dass dort nur Leute hinkommen, die sich selbst auf den Bildern finden wollen. Vielleicht drückt das breite, von älteren und jüngeren Menschen artikulierte Interesse an dieser Ausstellung aus, dass radikale emanzipatorische Bewegungen wieder auf der Tagesordnung stehen und dass das auch Aktivist_innen von früher interessiert. Die Musealisierung könnte auch das Gegenteil bedeuten. Aber ich bin ja bekannt für meine optimistische Sichtweise.

Robert Foltin schreibt über soziale Bewegungen. Sein Buch „Und wir bewegen uns doch“ zu sozialen Bewegungen in Österreich zwischen 1968 und 2000 erschien 2004, dessen Fortsetzung „Und wir bewegen uns noch“ 2011 beim Wiener Mandelbaum Verlag.

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