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Ich verdiene jetzt Geld damit, dass ich dich beschreibe

Daniela Koweindl

„Jetzt bin ich wirklich undercover. Ich bin jetzt ein V-Mann. Und merke: Es ist etwas völlig anderes, in einem Milieu zu recherchieren und dabei sein Selbstbewusstsein insgeheim aus der Differenz zu diesem Milieu zu beziehen, als diesem Milieu anzugehören. Jetzt kann ich endlich wieder nett sein.“ Auf 250 Seiten beschreibt Thomas Mahler sein Jahr auf Hartz IV. Vom aussichtslosen Jobben zur nicht minder aussichtslosen Arbeitsagentur, die ihm immerhin etwa 50 Euro mehr Monatseinkommen bescheren wird, ohne jedoch dafür Bierkisten schleppen oder Nachhilfe geben zu müssen: „Bezahlte Sommerferien!“

Dennoch: Sowohl Thomas Mahler als auch Katja Kullmann, die in Echtleben immer wieder einige Seiten ihrer Berliner Hartz IV-Erfahrung widmet, tun sich (anfangs) schwer, „Vater Staat um Taschengeld anzupumpen“ (Mahler). Der Abgrenzungsbedarf von den Anderen ist groß. Nur bloß nicht dazugehören, zu den „Als“, den Mitgliedern des „Unexklusivsten Clubs Deutschlands. Leistungsträger müssen leider draußen bleiben“ (Mahler). Erst als nichts mehr geht (Mahler mit Gipsfuß, Kullmann vor der Entscheidung, das letzte Geld für Teile der eingegangenen Rechnungen oder Lebensmittel in den kommenden Wochen zu verwenden) und innere Widerstände überwunden sind, ist es so weit: der erste Besuch bei der Arbeitsagentur. Kein Recherchevorhaben, sondern ökonomische Notwendigkeit.

Sie war der Staat, ich ein Fall

Das Fahrrad wird in ausreichender Distanz abgestellt. Die Personen, mit denen Kullmann und Mahler in den Fluren warten, werden optisch nach Klischees abgeklopft, die Räume mit fotografischem Blick aufgenommen, die Beobachtungen später anschaulich niedergeschrieben. „Augenringe, raue Stimmen, Kippen, Kippen, Kippen. Enttäuschend, es nicht anders erzählen zu können als eine RTL-Reality-Doku“ (Kullmann). „Die cremegelben Wände sind mit dickem Edding, Filzstiften und Kugelschreiber vollgekritzelt. Aber es sind hier keine umstürzlerischen Parolen oder Forderungen nach Umverteilung zu lesen. (...) Noch nicht mal ein simples SCHEISS AUF DAS AMT. Überhaupt nichts Politisches.“ Thomas Mahler hat gerade sein Philosophiestudium abgeschlossen, Katja Kullmann ist Journalistin. Für beide ist (anfangs) klar, es handle sich nur um eine kurze Überbrückungshase, sie gehören hier nicht dazu. Kullmann: „Etwas in mir hatte gehofft, dass die Frau bei meinem Eintritt ins Behördenzimmer laut loslachen würde: ,Was wollen denn Sie hier?‘“

Vor Freund*innen und Familie wird die neue Existenzsicherung – „Ich bin jetzt übrigens auch von Amts wegen reich“ (Kullmann) – weitgehend geheim gehalten. Mahler weiht seinen Bruder ein, Kullmann die Landschaftsgärtnerin. Die Landschaftsgärtnerin hat zweieinhalb Jahre Erfahrung in „Leistungsempfänger-Diplomatie“, Kullmann holt sich Instruktionen. Wenn schon ökonomisch, dann auf keinen Fall auch noch sozial verarmen. Den Schein wahren ist die Devise. Doch das kostet, und eingespart wird ab sofort beim Essen: „Ich trank Leitungswasser und lernte die vielfältigen Möglichkeiten kennen, die ein Laib Toastbrot bietet.“ Während Kullmann auf keinen Fall ihren Beruf aufgeben will (und durch gelegentliche Aufträge in ein laufendes An- und Abmelden vom Leistungsbezug gerät), findet sich Mahler bald in den Mühlen der Arbeitsagenturmaßnahmen wieder: Zunächst ein Bewerbungstraining, etwas später steht eine so genannte „Arbeitsgelegenheit“ (Ein-Euro-Job) auf dem Programm.

Glückwunsch, du bist safe

Doch dann das – für das spätere Entstehen dieser Bücher notwendige? – Happy End: Mahler bekommt einen Vertrag mit einem Verlag inklusive Honorarvorschuss, Kullmann eine befristete Stelle als Redakteurin. Es geht bergauf. Damit wird der erlebte Hartz IV-Alltag endlich zum Ausnahme- bzw. Untersuchungsgegenstand erklärt, den sie mit Distanz, in der ersehnten Rolle der außenstehenden Betrachter*innen wahrnehmen können. Nun ist das Erlebte Reportagestoff, der den Ausstieg aus demselben ermöglicht (hat). Jetzt, mit dem Gefühl, die Seite gewechselt zu haben, kommen bei Mahler Organisierungsgedanken auf: „Ich stelle mir vor, wie angenehm es jetzt wäre, (…) für die Hartzer (…) einzutreten und an ihrer Seite zu kämpfen.“

Den Genuss, sich nun von der Erwerbslosigkeit abzumelden, zelebrieren beide Autor*innen. „Höchstpersönlich wollte ich darauf hinweisen, dass ich meine Tätigkeit aus eigener Kraft aufnahm, dass es von Agenturseite kein einziges Job-Angebot in zwölf Monaten gegeben hat“, schreibt Kullmann und beginnt sogar auszurechnen, in wie vielen Monaten sie mit Steuern aus dem neuen, gut bezahlten Job, auf denselben Betrag kommen würde, den sie im vergangenen Jahr als Transferleistungen bezogen hatte: „Ich kam auf vier Monate. Dann wären wir wieder quitt, der Staat und ich.“

Auch Mahler will den Moment auskosten, ein letztes Mal macht er sich auf den Weg zum Amt: „Mein Fahrrad stelle ich direkt vor dem Eingang des Arbeitsamtes asozial in den Weg. Ich mache einen Hüpfsprung in das Gebäude hinein. (…) Lässig reihe ich mich in die Schlange ein.“

„Handfestes Understatement“ gegenüber der Arbeitsagentur-Sachbearbeiterin ist angesagt, um erst allmählich auf den Punkt zu kommen: „Ich kann mir vorstellen (…), irgendwie halt so ‘n längeren Text beziehungsweise ein Buch zu schreiben. (…) Ich dachte halt vielleicht so über Hartz IV. (...) [I]ch habe bereits einen Vertrag und auch schon Geld bekommen.“

Daniela Koweindl setzt sich mit der Prekarisierung von Arbeit und Leben auseinander und wünscht sich mehr Belletristik und Filme zum Thema.

 

Anmerkung

Titel dieses Texts ist ein Zitat von Thomas Mahler, Zwischentitel sind Zitate von Katja Kullmann.

Literatur

Kullmann, Katja (2011): Echtleben. Frankfurt/Main.

Mahler, Thomas (2011): In der Schlange. Mein Jahr auf Hartz IV. München.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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