Eine längst verlorene Schlacht — IG Kultur

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Eine längst verlorene Schlacht

Martin Wassermair

Kulturrisse: Was bedeutet Information in einem afrikanischen Kontext?

Nana Nzepa: Zugang zu Information bedeutet in erster Linie Zugang zur Macht. Das ist auch einer der Gründe, warum die meisten Empowerment-Programme in Afrika darauf abzielen, Menschen mit Informationen zu versorgen. Die entscheidende Frage der Gesundheit liegt etwa in der Verfügbarkeit von Informationen. Jene, die keinen Zugang dazu haben, erleiden in Folge, was wir als Armut bezeichnen.

Kulturrisse: Google hat große Pläne, afrikanischen Content für seine Zwecke nutzbar zu machen. Was ist darunter zu verstehen?

Viele sehen in Afrika den neuen „Westen“, ein großes Land mit vielen neuen Möglichkeiten. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass die gesamte Menschheit in Afrika ihren Ursprung hat. Umso mehr müssen wir auf die Begehrlichkeiten nach afrikanischem Content ein Auge werfen. Noch vor wenigen Jahren ist man wegen der Medizin auf pflanzlicher Basis nach Afrika gekommen, um diese mit Patenten zu versehen. Nun müssen genau jene, die dieses Wissen bewahrt haben, schon bald für den Zugang bezahlen. Deshalb bin ich auch hinsichtlich einer e-Kolonisierung besorgt. Google hat ganz aktuell in Kamerun mit einem der Mobiltelefonie-Anbieter eine Partnerschaft geschlossen. Wenn die Verantwortlichen nach Afrika drängen, um den kulturellen Zugang zu erweitern, dann bin ich gerne mit dabei. Wenn aber Google das Unwissen bezüglich des kulturellen Reichtums zum eigenen Vorteil ausnützen will, dann ist meine Sorge groß.

Kulturrisse: Wie lassen sich die afrikanischen Staaten bei der Aneignung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) vergleichen?

Es gibt Staaten, die Informationstechnologien energisch eingeführt haben und mittlerweile auf einer hoch entwickelten Stufe nutzen. Demgegenüber befinden sich jene Länder, die zwar vom Potenzial der IKT wissen, aber auf der Bremse stehen. Die Trennlinie hat sehr viel mit dem Führungsstil der Staatsoberhäupter zu tun. Es gibt kleine Staaten wie Ruanda, die in kurzer Zeit große Anstrengungen im IKT-Bereich unternommen haben. Und es gibt Staaten wie Kamerun, wo aufgrund der Machtstreitigkeiten keine guten Entscheidungen getroffen werden. Noch immer erreicht die Internet-Durchdringungsrate nicht mehr als drei Prozent. Im Senegal, einem Staat vergleichbarer Größe, liegt diese Rate bei zwölf Prozent. Da war aber auch Präsident Wade beim World Summit of Information Society (WSIS) unmittelbar involviert. Ähnlich ist die Situation in Ghana. Diese Länder sind eben sehr konsequent und verstehen IKT als Instrumente der Veränderung. Nigeria hat sogar einen eigenen Satelliten gestartet. In der Wirtschaftsmacht Südafrika zählen IKT zu den wichtigsten Voraussetzungen. Auch Kenia ist ganz vorne mit dabei. In Zentralafrika hingegen lässt die politische Performance noch immer zu wünschen übrig.

Kulturrisse: Welchen Einfluss haben IKT auf die Entwicklung und Demokratisierung Afrikas?

Wir müssen mittlerweile einsehen, dass wir es nicht mit einer Glaubensfrage oder gar Magie zu tun haben. IKT als Instrumente der Demokratisierung müssen von einer transparenten Politik getragen werden. Das ist eine der Voraussetzungen, die wir in Kamerun allerdings noch nicht vorfinden. In anderen afrikanischen Staaten wie Senegal, Elfenbeinküste oder Ghana haben IKT im Zuge der Veränderungen der letzten zehn Jahre auch eine kritische Funktion eingenommen. Aber IKT werden die Fundamente dieser Länder nicht verändern, solange die Regierenden das zu verhindern wissen. Positiv ist, dass immer mehr Menschen IKT zu nutzen verstehen. Es ist also den afrikanischen Staaten zu wünschen, dass auch deren Oberhäupter aufholen und die Handhabung dieser Tool beherrschen lernen. Aber nicht in dem Sinne, diese in Schach zu halten.

Kulturrisse: Zum Recht auf freie Meinungsäußerung: Es gibt Kritik an afrikanischen Regierungen, dass sie unter dem Eindruck des sogenannten „arabischen Frühlings“ Informationstechnologien zunehmend unter ihre Kontrolle bringen möchten. Was ist davon zu halten?

In Kamerun sagen wir: Du kannst das Meer nicht mit bloßen Händen aufhalten. Ich sehe Informationstechnologien als dieses sinnbildliche Meer. Ob man sie mag oder nicht, man muss damit leben. Dazu kommt, dass Angst meist mit Unkenntnis zu tun hat. Die Staatsspitzen sind in einer politischen Kultur aufgewachsen, in der man jederzeit eine Radiostation oder die Presse ausschalten kann. Aber wie sollen auf lange Sicht eine Online-Zeitung, SMS, Twitter oder Facebook verhindert werden? Aus diesem Grunde halte ich das für eine längst verlorene Schlacht. Freie Meinungsäußerung ist wie die Luft, die wir atmen. Dafür nützen wir eben jene Tools, die uns zur Verfügung stehen. Informationstechnologien zählen immer mehr dazu, weswegen auch immer mehr Menschen Gebrauch davon machen. Darum macht es auch keinen Sinn, das lokale TV abzudrehen, denn viele sehen bereits über Satelliten fern. Die Menschen sehen heute, was sie sehen wollen. Das muss ganz einfach bedacht werden, vor allem von einer Techno-Politik, die nicht der Revolution, sondern einer organisierten IKT-Entwicklung den Weg ebnen will.

Kulturrisse: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Olivier Nana Nzepa ist Leiter der École Superieure des Sciences et Techniques de l'Information et de la Communication (ESSTIC) an der Universität Yaoundé I in Kamerun.

Martin Wassermair ist am World-Information Institute tätig und lebt zurzeit in Nordkamerun. Das Interview ist Teil der Vorbereitungen für das Projekt Africa World-Information Cameroon.

Links

www.world-information.org/wii
www.wassermair.net

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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