Von Kampfkunst und Konsolenkids — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
 

Von Kampfkunst und Konsolenkids

Matthias Posth

Capoeira zwischen Tradition und Kommerzialisierung.

Die Begeisterung für die afro-brasilianische Kunstform Capoeira begann für mich, wie für so viele meiner Generation, zu Hause auf dem Sofa. Genauer gesagt mit dem 1997 erschienenen Videospiel Tekken und dessen Figur Eddie Gordo. Dieser stammt laut Storyboard aus Brasilien und befindet sich auf einem Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Eltern. Im Kampf gegen seine GegnerInnen bedient er sich dabei den Techniken der Capoeira.

Eddie versinnbildlicht deutlich jene Veränderungen, die die Capoeira im Zuge ihrer globalen Verbreitung und Kommerzialisierung kennzeichnen. Die einstige Widerstandskultur, entstanden im Schatten der portugiesischen Kolonialherrschaft, hat im Laufe ihrer Verbreitung viele ihrer ursprünglichen sozialen und politischen Bedeutungen verloren. Heute führt sie vielerorts ein entkontextualisiertes und auf ihren kommerziellen Nutzen hin reduziertes Dasein.

Capoeira Gestern und Heute

Die Capoeira verbindet Elemente von Kampf, Tanz und Musik miteinander. Bei uns wird sie heute vor allem als eine brasilianische Kampfsporttechnik gehandelt, die man durch regelmäßiges Training in einem Verein oder im Rahmen des Kursprogramms von Universitäten, Fitnessstudios, etc. erlernen kann.

Neben ihrer sportlichen und musikalischen Seite kann die Capoeira auch soziale und politische Funktionen erfüllen. In den Armenvierteln von Brasiliens Großstädten stellen Capoeiravereine für Kinder und Jugendliche ein soziales Netzwerk zur Verfügung, das ihnen Perspektiven auf eine bessere Zukunft bietet. Der Verein Irmãos Guerreiros aus São Paulo ist nur einer von vielen, der diese Arbeit mit antirassistischem Engagement verbindet. Damit knüpft die Capoeira in ihrer soziokulturellen Bedeutung an ihre koloniale Vergangenheit an, in der sie vor allem für eine widerständige und auf Selbstbestimmung ausgerichtete Praxis stand.

Im Laufe ihrer Geschichte hat sich die Capoeira immer wieder weiterentwickelt und verändert. Die uns heute bekannten Formen sind maßgeblich in den 1930er-Jahren in Brasilien geprägt worden: die Capoeira Regional und die als traditioneller geltende Capoeira Angola. Spätestens in den 1980er-Jahren etablierten sie sich auch in der westlichen Öffentlichkeit. Medien, die Unterhaltungs- und Tourismusindustrie erkannten ihre Anziehungskraft und zogen ihren Nutzen daraus. So ist die Capoeira zu einem wichtigen Bestandteil des Werbeimages für Brasilien geworden. Heute reihen sich daher neben Eddie weitere Protagonisten aus Spielfilmen und Werbung in die Liste bekannter Capoerista ein.

Auch das Erlernen der Capoeira selbst wurde durch die weltweite Verbreitung immer beliebter. Für viele Brasilianer bot die Eröffnung einer eigenen Schule eine gute Möglichkeit, außerhalb Brasiliens eine neue Existenz aufzubauen. In der Fremde veränderte sich jedoch auch die Praxis.

In Europa findet man heute in jeder größeren Stadt eine Gruppe, die Capoeira trainiert. Das einstige Monopol der brasilianischen Trainer ist dabei längst gebrochen. Heute unterrichten sowohl BrasilianerInnen als auch auch KroatInnen oder ÖsterreicherInnen, Männer wie Frauen. Ein Bezug zur afro-brasilianischen Kultur ist dabei längst nicht mehr notwendig. Und wer keinen Zugang zu einer Schule oder einem Kursangebot hat, dem bleibt noch immer die Möglichkeit, Capoeira über das Schauen von Youtube-Videos zu lernen.

In vielen Fällen wird die Capoeira dabei auf einige wenige ihrer Elemente reduziert. So erfährt der Kampfaspekt oft eine Überbetonung, da die Capoeira häufig nur für ihre kämpferischen und akrobatischen Elemente geschätzt wird. Andere Elemente wie das Musizieren rücken in den Hintergrund. Oftmals werden die traditionellen Gesänge überhaupt nicht gelehrt oder von den SchülerInnen lediglich nachgesungen, ohne deren Inhalt zu verstehen.

Nicht zuletzt wird Capoeira zu einem Geschäft. Für den Unterricht in Vereinen werden hohe monatliche Beiträge verlangt, und die Teilnahme an einem Workshop kann schnell mehrere hundert Euro kosten. Damit wird die sie zu einem Sport wie jeder Andere und der Unterricht zu einem Angebot, das sich nur zahlungskräftige „KundInnen“ leisten können. Sie bekommt so einen exklusiven Charakter und steht damit im Gegensatz zu ihren politischen und sozialen Dimensionen.

Zwischen Tradition und Anpassung

Die Capoeira gerät unter den Bedingungen ihrer globalen Verbreitung somit in einen Zwiespalt zwischen dem Erhalt der eigenen kulturellen Traditionen einerseits und dem Druck der Anpassung an die veränderten Umstände andererseits. Dieser Prozess geht vielerorts mit einem Verlust der sozialen und politischen Dimension der Capoeira einher, während die zunehmende Kommerzialisierung ihr ihren eigenen Stempel aufdrückt. Unter diesen Umständen fällt es manchmal schwer, bei der Capoeira noch von einer kollektiven und politisierten Kulturpraktik zu sprechen.

Doch birgt dieser Bedeutungswandel auch Chancen für die Weiterentwicklung der Capoeira. Denn unter dem Einfluss der Überzeugungen und Wertvorstellung einer neuen und globalen Generation von SchülerInnen gewinnen Themen wie zum Beispiel Hierarchien oder Sexismus an neuer Bedeutung. In der Anpassung und Veränderung stecken demnach auch Möglichkeiten, die Capoeira für neue Themen zu sensibilisieren. In Zukunft sollte es darum gehen, jene letztgenannten Aspekte stärker in den Fokus zu nehmen, um somit an ihre emanzipatorische Tradition anzuschließen und der Kommerzialisierung etwas entgegenzusetzen.

Matthias Posth studiert Internationale Entwicklung und ist Mitglied im Verein Capoeira Angola Irmãos Guerreiros Viena

Literatur

Assunção, Matthias Röhrig (1999): Capoeira. Zur Geschichte einer afro-brasilianischen Kunstform zwischen Anpassung und Widerstand. In: Dietmar Rothermund (Hg.) Aneignung und Selbstbehauptung. Antworten auf die Europäische Expansion. München: Oldenbourg, 317–44.

Onori, Piero (1988): Sprechende Körper. Ein afrobrasilianischer Kampftanz. Berlin: Edition Dia.

Paulinha, Paula Barreto: Capoeira und Anti-Rassismus. Köln

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien