The Industrial Turn — IG Kultur

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INHALT 01/2010

 

The Industrial Turn

Gerald Raunig

Mitten in eine Live-Sendung eines großen französischen TV-Senders interveniert plötzlich eine bunte Truppe von AktivistInnen, die die gerade laufende Casting-Show mit einer Demonstration in eigener Sache unterbricht. Sie stellen sich als Intermittents du spectacle vor, als jener Gruppe von KulturarbeiterInnen zugehörig, die in Frankreich seit den 1960er Jahren das Privileg der so genannten „kulturellen Ausnahme“ genießt oder vielmehr bis 2004 genoss. Auf Basis der exception culturelle wurden KulturarbeiterInnen, sofern sie zwischen zwei Produktionen keine Einnahmen hatten und im Laufe eines Jahrs eine gewisse Gesamtstundenanzahl an Arbeit nachweisen konnten, aus der Arbeitslosenkasse bezahlt. Aus ihrer eigenen Perspektive umfasst der Begriff der Intermittents nicht nur die Kerndisziplinen der Kunstproduktion, deren Arbeitsbedingungen die Unterbrechung geradezu die Regel gibt, sondern weite Teile all jener Personen, die im kulturellen Feld beschäftigt sind oder wie sie selbst schreiben: Beteiligte sowohl an der Kunst wie auch an der Industrie.

Ein paar Minuten herrscht Unklarheit, erhitzte Diskussion zwischen den Intermittents und dem Moderator, der trotz erkennbarer Abneigung gezwungen ist, seine moderierende Rolle live weiterzuspielen; dann kommen die Sendungsverantwortlichen auf die naheliegende Idee, eine ziemlich lange Werbepause einzuschieben. Im Video, das die Intermittents selbst gleich nach der Aktion produziert und publiziert haben, sieht man auch, was hinter den Kulissen und während dieser Werbepause passiert: Die AktivistInnen werden von privaten Sicherheitskräften brutal hinausgeprügelt, damit die Live-Sendung mit ihrer exhibitionierenden Vereinnahmung von Alltagskreativität wie gewohnt ihren Lauf nehmen kann.

Re- und Deterritorialisierung der Zeit
In den geschlossenen Institutionen der industriellen Disziplinargesellschaft funktionierte die Reterritorialisierung der Zeit über die vorgängige Reterritorialisierung der Räumlichkeit. Es ging zunächst darum, den potenziellen FabriksarbeiterInnen ihren Wandertrieb auszutreiben. Die räumlich extremen Anstalten des Klosters, der Kaserne, der Fabrik, des Arbeiterquartiers etc. schufen allerdings auch schon die perfekten Bedingungen der Disziplinierung und Selbstdisziplinierung des gesamten Menschen. Die Reterritorialisierung der nomadischen ArbeiterInnen funktionierte nicht nur über die gemeinsame und strikt hierarchisierte Räumlichkeit der Fabrik. Sie implizierte auch eine strenge Rasterung und Standardisierung der Zeit.

Die Kerbung der Zeit betraf allerdings nicht nur die Arbeitszeit, sondern neigte auch schon im 19. Jahrhundert zur totalen Inwertsetzung der Existenz. Reterritorialisierung meinte hier schon einen Zugriff auf die gesamte Zeit der ArbeiterInnen; das Zeitregime war nicht nur eines der sozialen Repression in der gekerbten Zeit der Fabrik, sondern auch eines der Gouvernementalität, der Selbstdisziplin und Selbstkontrolle in jenen Zeiten, die nicht in der Fabrik verbracht wurden. Für die einst nomadischen ArbeiterInnen bedeutete dies zunächst Sesshaftwerden, dann Einübung in gemeinschaftliche Vereins- und Assoziationsarbeit und schließlich – anstelle der reinen Reduktion auf ein heteronomes Rädchen in einer riesigen industriellen Maschine – die Übernahme von Verantwortlichkeit für das Ganze.

Die totale Vernutzung der Zeit inkludierte schon in der Ära der Industrialisierung auch jene Tages- und Lebensphasen, die außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit lagen. Und dennoch waren diese Zeiten noch zugleich in sich selbst streng segmentiert und voneinander unterschieden. Die auf verschiedene Weise gekerbten Räume von Fabrik und Arbeiter-Heim prägten die strenge (geschlechtsspezifische) Differenzierung und Kerbung der Zeiten.

Diese konkrete Form der Segmentierung von Zeit glättet sich mit der Entwicklung eines neuen Paradigmas. Heutige Subjektivierungsweisen in der Zerstreuung sind zweifelsohne Effekte dieser Glättungsprozesse, in denen die Orte der Produktion ebenso diffus werden wie die Zeiten. Die gouvernementale Logik der Selbstdisziplinierung verschwindet dadurch keineswegs, sie wirkt unter zusehends deterritorialisierten Bedingungen weiter, nun aber auch unter zunehmender Überschreitung der Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit.

Die Zeit ist nach diesen Parametern nicht mehr klar zuordenbar, ihre Kerbung und Glättung erfolgt jenseits dieser Zuordnungen, und zugleich ist die gesamte Zeit aufgesplittert in viele verschiedene Zeitlichkeiten, die auch die klassische Arbeitszeit quasi ausfransen lassen: etwa eine Zeit der Arbeitssuche, eine Zeit der Ausarbeitung neuer Projekte, eine Zeit für nicht bezahlte Projekte, eine Zeit zur Reproduktion, eine Zeit der Aus- und Weiterbildung, eine Zeit zum Knüpfen der Netzwerke etc. All diese Zeitlichkeiten lassen sich als neue und poröse Formen der Zeit-Kerbung begreifen, mal bezahlt, mal nicht bezahlt, manchmal völlig in die Zeiten und Räume dessen verwoben, was früher mit dem Wort „Freizeit“ belegt war.

Vor dieser Folie, mit dem Wort „Kreativitätsindustrie“ auf den negativen Begriff gebracht, ist es nicht nur ineffektiv, sondern schier unmöglich geworden, die alten Widerstandsformen und Forderungen aus den gekerbten Räumen und Zeiten der Industrialisierung anzuwenden, welche reterritorialisierende Antworten auf die Reterritorialisierung von Arbeit und Leben gaben. Die nationale Gewerkschaft, der klassische Streik und die traditionelle Sabotage stellen heute höchstens noch Details in einem notwendigerweise wesentlich breiteren Spektrum von Widerstand dar. Doch auch die pure Anrufung der Deterritorialisierung, von Nomadismus, Dezentralität und Zerstreuung reicht nicht aus, um Fluchtlinien aus dem gegenwärtigen, diffusen Gefüge von sozialer Unterwerfung und Selbstregierung zu ziehen. Aktuelle Formen des Widerstands müssen mehr denn je beide Bewegungen vollziehen und erneuern, die der Reterritorialisierung und die der Deterritorialisierung.

industria als wilde Betriebsamkeit und Reterritorialisierung der Zeit
Die Industrie war nicht immer, was sie im 18. Jahrhundert geworden ist. industria ist ein lateinisches Wort, das im klassischen Latein soviel wie „Tätigkeit“, „Regsamkeit“, „Betriebsamkeit“ bedeutete. Im englischen industrious scheint diese Bedeutung etwa heute noch aufgehoben. Diese Bedeutung ist es auch, die aufs Neue aktualisiert werden kann, um eine Subjektivierungsweise zu entwickeln, die die „Souveränität“ über die Zeit zurückgewinnt: industria als selbstbestimmende Wiederaneignung der Zeit, als wilde Betriebsamkeit, die glatte und gekerbte Zeiten in den Flüssen der Re- und der Deterritorialisierung neu entstehen lässt.

Damit tritt nun auch die volle Ambivalenz im Titel dieses Textes zu Tage: industrial turn ist hier keineswegs im Sinne der vielen sozial-, kultur- oder literaturwissenschaftlichen Beschwörungen von turns zu verstehen, die eine erfolgte (gesellschaftliche) Transformation auf einen begrifflichen Nenner bringen und möglichst gut beschreiben wollen. Der Begriff „industrial turn“ soll nicht nur jene Transformationen empirisch erfassen, die von der klassischen Industrie über die Kulturindustrie zu den creative industries führen, er soll auch den Industriebegriff selbst zum Schillern bringen, jene andere Seite neu erfinden, die die gängigen Zeitregime durchbricht. Der industrial turn impliziert also keineswegs einfach ein deskriptives Verfahren, sondern ein Begehren, ein Sollen.

Glatte Zeiten, gekerbte Zeiten: Die neue Form der Verweigerung besteht weder in einer Wiederholung der Reterritorialisierungsweisen noch im romantischen Bestehen auf eine deterritorialisierende Flucht aus jedweder Reterritorialisierung. Sie entwickelt neue Weisen der De- und der Reterritorialisierung der Zeitregime. Deterritorialisierung muss sich hier exakt auf die Unterbrechung des gesamten – nunmehr in seiner Gänze deterritorialisierten – Zeitregimes beziehen, nicht nur desjenigen, das die Arbeit regiert, sondern desjenigen, welches das gesamte Leben umfasst. Und Reterritorialisierung heißt die neuerliche Kerbung dieses gesamten Zeitregimes in einem spezifischen Sinn, nämlich im Sinn der selbstbestimmten Nutzung für eine Verlagerung der Produktion selbst, für eine Verschiebung der Logik der creative industries hin zu einer Industrie der Kreativität.

Der Kampf der Intermittents ist sieben Jahre nach der katastrophalen Reform der exception culturelle wohl objektiv für verloren zu erklären. Aber die vielen Erfahrungen des Austausches über die prekären Lebens- und Arbeitsweisen, die militanten Untersuchungen, die kollektiven Forschungen sind eine experimenteller Erfahrungsschatz, der die glatten Räume und Zeiten seiner Subjekte in neuer Weise gekerbt hat. Die Intermittents haben das „Privileg“ der „kulturellen Ausnahme“ genutzt, um eine selbst gewählte Form der glatten Zeit zu erproben. Zugleich füllten sie aber auch die unterbrochene Zeit mit der neuen, betriebsamen Industrie ihrer Streiks, Interventionen und Aktionen. Intermittenz bedeutete damit nicht mehr nur die prekäre Existenz im glatten Dazwischen des kulturellen Felds, sondern auch eine Kette von de- und reterritorialisierenden Brüchen jener totalen Zeitlichkeit, in der kein reguläres Verhalten mehr existiert, sondern nur eine Kontinuität von Diskontinuität.

Das Modell der „kulturellen Ausnahme“ wirkt aber erst dann als Industrie neuer Art, wenn es nicht mehr im Sinne eines Berufsstandsprivilegs nur für die „sowohl an der Kunst wie auch an der Industrie“ Beteiligten eingefordert, sondern wenn die gesellschaftliche Absicherung der Prekären im kulturellen Feld als beispielhaft für alle Prekären verstanden wird und die eigenen, zunächst begrenzten Forderungen erweitert werden in einen allgemeineren Kampf um soziale Rechte. Hier gilt es, immer neue adäquate Formen der Unterbrechung zu finden, sowohl auf der Ebene des temporären Bruchs der glatten Zeit, als auch auf der Ebene der Dauer, die uns grundlegende Möglichkeiten schafft, all die „kulturellen Ausnahmen“, die das Kunstfeld so bietet, für eine wilde Wiederaneignung unserer Zeit zu nutzen und diese Form der Industrie als Exempel anderen Bereichen zur Verfügung zu stellen und zu transversalisieren.

LITERATUR
GlobalProject / Coordination des Intermittents et Précaires d'Ile de France (2004): „Spektakel diesseits und jenseits des Staates. Soziale Rechte und Aneignung öffentlicher Räume: die Kämpfe der französischen Intermittents“. In: transversal 07/04

Treiber, Hubert/Steinert, Heinz (2005): Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen: Über die „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, Münster (Westfälisches Dampfboot)

Gerald Raunig ist Philosoph und arbeitet an der Zürcher Hochschule der Künste und am European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp).

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

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