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INHALT 01/2010

 

Plus ça change, plus c’est la même chose

Monika Mokre

Je nach Perspektive ist es entweder nicht leicht, über Kulturhauptstädte zu schreiben oder ganz einfach – zumindest wenn eines das schon öfter mal getan hat: Festivalisierung, austauschbare internationale Projekte, vernachlässigte heimische Kulturszene und die ewige Frage, wozu das eigentlich gut sein soll und was es mit Europa zu tun hat – viel mehr lässt sich dazu kaum sagen. Sodass dieses Thema entweder zum Schweigen einlädt oder zu einer Recyclingübung älterer Texte.

Die Kulturhauptstädte 2010: Istanbul, Pécs, Essen
Oder ist das ein ganz falscher Zugang zu den Kulturhauptstädten 2010? Denn schließlich ist doch einiges anders als in den letzten Jahren. Auf den ersten Blick etwa fällt auf, dass es heuer drei Kulturhauptstädte gibt. Abgesehen vom Jahr 2000, in dem zur Feier der Jahrtausendwende zehn Hauptstädte gekürt wurden, waren es sonst maximal zwei Städte, meist nur eine. Und eine dieser drei EUKulturhauptstädte befindet sich nicht in einem EU-Land. Das gab es zwar schon (Bergen und Reykjavik 2000, Stavengen 2008), aber nicht allzu oft – und in Zukunft wird es nicht mehr vorkommen; ab 2011 können sich nur mehr Städte aus EU-Mitgliedsländern um den Titel der Kulturhauptstadt bewerben. (Daraus ließe sich nun freilich eine Geschichte über die zunehmend rigideren Identitätskonstruktionen der EU spinnen; realiter aber erklärt sich diese Entscheidung, die schon im Jahr 2006 getroffen wurde, wohl eher daraus, dass die Zahl der Kandidatenstädte aus den Mitgliedstaaten ständig zunimmt.)

Und im Fall von Istanbul 2010 hat sich die Türkei dafür entschieden, ihre bedeutendste und international bekannteste Stadt zu nominieren. Zumeist werden eher solche Städte Kulturhauptstädte, denen dieser Titel intuitiv nicht zuerkannt würde. Diese Entscheidung mag daran liegen, dass sich die Türkei – offensichtlich zu Recht – von dieser Kandidatur größere Chancen erhoffte. Und/oder dass die Regierung ihre EU-Fähigkeit zeigen will, indem sie die westlichste Stadt der Türkei vorführt. Und/oder dass so ein Kulturhauptstadtjahr eine gute Gelegenheit ist, Dinge durchzusetzen, die sonst schwer argumentierbar sind – je nach Anlass lässt sich das als window of opportunity oder als Sachzwang verkaufen. Auf diese Art lassen sich ebenso Marketingmaßnahmen für weithin bekannte Sehenswürdigkeiten, wie die Hagia Sofia oder das Topkapi-Museum, verkaufen, wie auch die Räumung und Schleifung des weltweit ältesten Stadtviertels von Roma und Sinti.

Einen gänzlich anderen Weg wählte Ungarn, wo es in heftigen Debatten gelang, nicht Budapest, sonder Pécs zu nominieren – ein vermutlich dringend nötiger symbolischer Schritt zur Dezentralisierung dieses extrem Hauptstadt-lastigen Landes. Allerdings können symbolische Schritte dieser Art auch reale Entwicklungen gefährden. Wenn der ARD etwa meint, dass Pécs „ziemlich brachial aus seinem Dornröschenschlaf an der Peripherie wachgerüttelt“[1] wird, dann stellt sich die Frage, wie dieses Erwachen wohl aussieht und welche laufenden Projekte der Brachialgewalt des Großereignisses geopfert werden – insbesondere wenn Pécs versucht, sich mit ihren „Konkurrentinnen“ zu messen.

Denn außer Istanbul und Pécs tritt auch das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt 2010 an – eine Region, die sowohl an Bevölkerung wie auch an finanziellen Mitteln reicher ist als Pécs. Wobei – per definitionem – nicht das Ruhrgebiet diesen Titel trägt, sondern die Stadt Essen, stellvertretend für die Region. Die Präsentation einer Region statt einer Stadt im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs gab es bisher erst einmal, als im Jahr 2007 Luxemburg für die Region Saar-Lor-Lux antrat – wobei dieses Projekt aufgrund der Einbeziehung von drei Ländern (Luxemburg, Deutschland und Frankreich) zumindest von der Konzeption her einen besonderen Reiz hatte.

Kulturhauptstadt zwischen Identitätsfindung und Imageverbesserungen
Gemeinsam ist den drei diesjährigen Kulturhauptstädten wohl, dass sie der Identitätsfindung und -repräsentation dienen. Zwar kann dies von so gut wie allen Kulturhauptstädten behauptet werden, doch im Jahr 2010 sind diese Bemühungen besonders deutlich, da sie Kultur weniger zur Verstärkung bestehender Identitätskonstruktionen als zu deren Neuerfindung einsetzen: die europäische Stadt außerhalb der EU; die Kulturhauptstadt eines Landes, von dem die Welt zumeist nur die politische Hauptstadt kennt; das abgehalfterte Industriegebiet, das sich als Kulturregion präsentiert.

Gemeinsam ist den Städten auch, dass sie auf eher althergebrachte Formen der Stadt- und Regionalentwicklung durch Kultur setzen: Tourismusförderung durch Vermarktung des kulturellen Erbes, Stadtentwicklung über Kreativwirtschaft und Umwidmung desolater Industriebetriebe in Kulturschauplätze. Während sich also theoretische Diskurse zu Kreativität und Wirtschaftsentwicklung immer mehr der Wissensökonomie zuwenden, dem Umbau von Bildungssystemen und der Entwicklung virtueller Netzwerke zu ökonomischen und politischen Hauptakteurinnen, werden unter dem Label der Kulturhauptstadt noch immer Fassaden behübscht. Dabei bedienen beide spätkapitalistische Formen der Kapitalakkumulation über Information, Wissen und Symbole. Und verbinden dabei die wunderbar diffusen Aushängeschilder Kultur und Kreativität mit harten Wirtschaftsindikatoren. Auch wenn es auf den ersten Blick beim Umbau von Bildungs- und Erwerbssystemen um weitreichende strukturelle Eingriffe geht und bei Kulturhauptstädten und anderen Festivals um kurzfristige Events, so sollte doch nicht übersehen werden, dass die Reduktion kultureller Präsentationen auf Festivals bereits seit 30 Jahren Methode hat und daher ebenso als Systemveränderung zu begreifen ist. Und Imageverbesserungen, etwa durch Kulturhauptstädte, werden auch in der Hoffung versucht, Unternehmen und deren MitarbeiterInnen anzuziehen, die im Bereich der Wissensproduktion agieren.

Maloche, Schweiß und schlechtes Bier
Wobei natürlich auch im Rahmen von langfristigen und geographisch weit verbreiteten Entwicklungen Tücken und Chancen im Detail liegen und daher etwa die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet von manchen als längst nötige Aufwertung industrieller ArbeiterInnenkultur gefeiert wird. Das ist nicht unwichtig – die Definition des kulturellen Erbes hat stets hegemonialen und damit ausschließenden Charakter. Der Rückblick auf eine Art Kultur, die heutzutage zumeist eher ungeliebtes Relikt als hoch gehaltenes Erbe ist, kann daher Sichtweisen verändern. Ob dies zu mehr als einer spezifischen Art von Nostalgie führt, bleibt dabei allerdings zweifelhaft.

Worum es wohl jedenfalls nicht geht, ist eine Debatte von Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung in der industriellen Vergangenheit und der post-industriellen Gegenwart. Das wäre wohl auch zu viel verlangt von einem Festival, dessen Aufgabe es ist, eine Region im besten Licht erscheinen zu lassen. Allenfalls passen kritische Rückblicke in so ein Feierprogramm – wie sie etwa auch im Fall von Linz09 in Hinblick auf den Nationalsozialismus stattgefunden haben –, doch keinesfalls sind Problematisierungen gegenwärtiger Verhältnisse erwünscht. „Das Kulturhauptstadtspektakel verdrängt mit viel Geld die soziale Realität aus Massenarbeitslosigkeit, Niedriglohn und Kinderarmut“, heißt es dazu in dem Protest der „Überflüssigen“ zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Essen. Und weiter: „Die Selbstinszenierung von Maloche, Schweiß, von schlechtem Bier und Grönemeyer soll die real existierende Klassengesellschaft und die lange Geschichte von Widerstand und Klassenkämpfen unsichtbar machen.“

Im Ruhrgebiet hat sich aus diesen Gründen eine AG kritische Kulturhauptstadt gebildet, die die Folgen und Folgenlosigkeiten des Kulturhauptstadtprojekts laufend kommentiert und sich durch ihre grundsätzliche Auseinandersetzung mit dieser Form der Veranstaltung und ihrer Philosophie wohltuend von beleidigten Aufschreien abgelehnter Kulturschaffender in anderen Kulturhauptstädten unterscheidet. Hier heißt es etwa: „Der ‚Strukturwandel‘ zur Kulturhauptstadt wird genauso an der Mehrheit der BewohnerInnen des Ruhrgebiets vorbeigehen wie schon die Technologieparks der 80er und 90er Jahre. Und mehr noch: Die von der De-Industrialisierung zurückgelassenen Menschen spielen für einen ,Wandel durch Kultur‘ auch keine Rolle.“[2]

Kulturhauptstadt als Elitenprojekt
Spätestens an diesem Punkt wird nun deutlich, dass sich die Auseinandersetzung mit Kulturhauptstädten doch lohnt. Weil ihre Programme zwar ebenso wie ihre Organisationsstrukturen langweilig und austauschbar sind, sich aber genau in dieser Austauschbarkeit strukturelle Züge der kulturellen/kreativen Bewirtschaftung von Städten und Regionen zeigen.

Wie etwa die Vernachlässigung großer Teile der Bevölkerung in zeitgenössischen Umsetzungen der Wissensgesellschaft. Während (zweifelhafte) Kriterien der Exzellenz von Forschungs- und Lehrinstitutionen ständig verfeinert werden, verschlechtern sich die Bedingungen an Pflichtschulen aufgrund von Sparmaßnahmen kontinuierlich. Fast paradigmatisch ist hier, dass erhebliche Gelder in die Kulturhauptstadtaktivitäten des Ruhrgebiets fließen (auch wenn 60 Millionen für 53 Städte im Vergleich zu den 70 Millionen für Linz09 recht bescheiden anmuten) und zugleich eine Grundschule in Essen geschlossen wurde.
Ähnlich ausgrenzend ist das Versprechen neuer Arbeitsplätze, das sich jedenfalls nicht an diejenigen richtet, die ihre Arbeit im Zuge der De-Industrialisierung verloren haben, sondern eher an eine internationale Elite, die durch kulturelle Aktivitäten aller Art – von Hochkultur bis Kreativwirtschaft – angezogen werden soll. Wobei die kulturelle Infrastruktur ebenso wie die unterstützenden Leistungen für die wissenschaftliche Elite von unterbezahlten Wissens- und KulturarbeiterInnen in prekären Verhältnissen geliefert werden.

„Ziel des Programms ,Kulturhauptstädte‘ ist es, die große Vielfalt der europäischen Kultur hervorzuheben, ohne dabei den gemeinsamen Ursprung zu vergessen, auf den vieles zurückgeht“, heißt es auf der Website der Europäischen Union. In der – begrenzten – Vielfalt von Programmen und Organisationsstrukturen der Kulturhauptstädte zeigt sich deutlich der gemeinsame Ursprung dieser Events in der Kulturalisierung von Ökonomie und der Ökonomisierung von Kunst, Kultur und Kreativität. Und auch das gemeinsame Ziel ist offensichtlich: Wirtschaftsentwicklung über Information, Wissen und Symbole – oder in den Worten der Lissabon-Agenda, Europa „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ zu machen. Und hier lässt sich auch lernen, wer die NutznießerInnen dieser Zielsetzungen sind und wer für ihre Kosten aufkommt.

1 Zitiert nach Pester Lloyd
2 vgl. AG Kritische Kulturhaupstadt Ruhr 2010

Monika Mokre ist Vorstandsmitglied bei FOKUS, Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien.

 
 

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  • Leporello, 1010 Wien
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