Die kreative Normierung — IG Kultur

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INHALT 01/2010

 

Die kreative Normierung

Armin Medosch

Das abgelaufene Europäische Jahr der Kreativität und Innovation 2009 dient als Anlass, einen erweiterten analytischen Ansatz zu entwickeln, der Kultur als strukturelle Form im Funktionszusammenhang der postfordistischen Regulationsweise untersucht. Die These lautet, dass die erhöhte Bedeutung, die der Kultur im Neoliberalismus zugeschrieben wird, nicht bloß zufällige Begleiterscheinung ist, sondern eine systemische Eigenschaft des vorherrschenden Akkumulationsregimes.

Wissensbasierte Ökonomie und die Regulationsweise der kulturellen Sphäre
Die in Frankreich in den 1970er Jahren entstandene Regulationsschule baut auf dem von Marx untersuchten zentralen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital auf, hinterfragt aber die Automatik der Übereinstimmung zwischen Produktionsformen und Konsumnormen. Die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt jeweils gegebene Verbindung zwischen einem führenden techno-ökonomischen Paradigma und einer bestimmten Regulationsweise definiert ein Akkumulationsregime, bestehend aus der „Gesamtheit institutioneller Formen, Netze und expliziter oder impliziter Normen, die die Vereinbarkeit von Verhaltensweisen [...] sichern“ (Lipietz 1985: 121, zitiert in Klinger et al. 2007: 167). Besondere Bedeutung kommt dabei dem von Michel Aglietta geprägten Begriff der „strukturellen Formen“ zu, womit bestimmte soziale Praktiken gemeint sind, die gemeinsam mit der materiellen Transformation des Produktionsmodus entstehen und den Ausgleich von Produktionsformen und Konsumnormen sicherstellen (Aglietta 1979: 189).

Diese Begrifflichkeit freizügig interpretierend wird vorgeschlagen, die Regulationsweise der kulturellen Sphäre als strukturelle Form zu verstehen, durch die Konsumnormen erzeugt und vermittelt werden. Um diesen Funktionszusammenhang genauer zu untersuchen, wäre es nötig, zuerst die strukturellen Formen im Zeitalter des Fordismus zu untersuchen und dann zum Postfordismus fortzuschreiten, was hier aus Platzgründen nicht geschehen kann. Zu fragen wäre, auf welche Art Kultur eine Vermittlungsebene zwischen Waren und Konsument_innen herstellt und welche strukturellen Formen dafür in jeweils unterschiedlichen Perioden maßgeblich sind.

Das gegenwärtige Akkumulationsregime wird von verschiedenen Autoren als eine vom Finanzsektor dominierte, wissensbasierte Ökonomie (z.B. Jessop 2002) definiert. Dieses Regime ist gekennzeichnet von einer enormen Zentralisierung der Akkumulationsfähigkeit, ermöglicht durch die Anwendung der fortgeschrittensten Technologien in Informatik und Telekommunikation (Sassen 2001). Die in diesem Akkumulationsregime angewandten Techniken der Produktion, des Feedbacks und der Kontrolle breiten sich in konzentrischen Kreisen von lokalen Zentren der hegemonialen Ordnung, den Global Cities, aus und bedingen verallgemeinerte Produktions- und Funktionsweisen der Gesellschaften. Gemeint ist jedoch keine einseitige Determinierung des Kultursektors durch eine vorhergängig gedachte Wirtschaftsrevolution, sondern ein Wechselspiel, wobei die strukturellen Formen der Kultursphäre sich zugleich mit dem neuen „Regime“ entwickelt haben.

Wettbewerbsstaatlichkeit und die Förderung von Kreativität und Innovation
Die Politiken der Privatisierung und Deregulierung haben, wie Sassen (2008) erläutert, nicht zur Schwächung des Staates als Ganzes geführt, sondern eine Expansion der Macht der Exekutive auf Kosten parlamentarischer Kontrolle bewirkt. Der Staat wurde umgebaut zu einem Schumpeter'schen Wettbewerbsstaat (Jessop 2002: 96-103), welcher Kreativität und Innovation auf Basis einer wirtschaftlichen Maxime favorisiert. In den Global Cities und ihren kleineren Schwestern wie Wien oder Berlin entstehen Agglomerationseffekte im Bereich der dem Finanzsektor zuarbeitenden Produzentendienstleistungen. Diese bilden einen wissensintensiven Sektor, der vorwiegend intangible Güter produziert (Sassen 2001). Neben Anwälten und Steuerberater_innen können diesem weite Teile der Creative Industries zugerechnet werden. Die hier tätigen Forscher_innen, Designer_innen, Softwareentwickler_innen und PR-Berater_innen beackern nicht nur Tätigkeitsfelder, die sich mit jenen von Kulturproduzent_innen überschneiden, oft kreuzen sich auch deren biografische Wege oder treffen in ein und derselben „flexiblen Persönlichkeit“ (Holmes 2001) zusammen. Die Aufgabe der kreativen Produzentendienstleister_innen ist es, neue Designmuster für die sich immer stärker diversifizierende Produktion im Zeitalter der „flexiblen Spezialisierung“ (Piore und Sabel 1984) zu entwerfen. Kunst- und Kulturproduzent_innen verleihen den für diese Produktionsweise typischen hyperinflationären Individualisierungsschüben Legitimität. Die Kultur eröffnet zudem Kommunikationsräume, in denen Investment, Politik und Produzentendienstleistungssektor zusammentreffen.

Damit die Kultur als Transmissionsriemen zwischen den verschiedenen Schichten in der wissensbasierten Ökonomie funktionieren kann, war es nötig, dass der Schumpeter'sche Wettbewerbsstaat die Regulationsweisen der strukturellen Formen der Kultur entscheidend verändert hat. Seit den 1980er Jahren hat der Staat aktiv an der Öffnung aller Bereiche der Kultur für den Einfluss von Konzernen mitgewirkt (Wu 2002). So konnten sich private Mäzene wie etwa die Sammlung Essl, die Generali Foundation oder diverse Bankenstiftungen ausbreiten, welche die Illusion eines funktionierenden „Marktes“ erzeugen. Der Markt hält am obsoleten Künstlerbild des Individualgenies fest und konditioniert so Künstler_innenverhalten. Das staatlich geförderte Kunstsponsoring durch Konzerne perpetuiert mythologisierte Formen post-bürgerlicher Kunstautonomie, deren Genre-Unterschiede fast schon vernachlässigbar sind. Relevant ist die Einbindung von Kunst- und Kulturproduktion in korporative Event- und PR-Strategien, bei denen der Staat oft den Zuhälter markiert.

„Freiheit“ und Selbstdisziplinierung der „flexiblen Persönlichkeiten“
Die Unterordnung der Kultur unter die Standortpolitik ist auf den Produzentendienstleistungssektor zugeschnitten, um dessen Personal anziehen und halten zu können. Das artikuliert sich als ein von oben geführter, permanenter Kulturkampf. Die Favorisierung dieses Sektors bedingte eine Umordnung der Subventionspolitiken hin zur Förderung angeblicher „Exzellenz“ in allen Disziplinen. Diese auf EU-Ebene vereinheitlichte Strategie leistet der Elitenbildung auf Kosten der Kreativität der Vielen Vorschub. Dabei kommt es allerdings auch zu negativen Akkumulationseffekten, die Teilen der kulturellen Produzentendienstleister_innen selbst die wirtschaftliche Basis entziehen. Das Ergebnis sind Neid, Konkurrenzkämpfe und extreme Fragmentierung der Kulturszene. Die strukturelle Uneinigkeit der kreativen Dienstleister_innen harmoniert bestens mit dem Interesse der Konzerne an outgesourcter, billiger „Kreativität“. Die Selbstdisziplinierung der „flexiblen Persönlichkeiten“ ermöglicht die Stabilisierung autoritärer Formen unter neoliberalen Vorzeichen, indem sie die Ware Kreativität verbilligt und die kollektive Subjektbildung erschwert.

Die Vermachtung der Kultursphäre von oben funktioniert nicht nach der Art totalitärer Systeme, sondern gibt den Protagonist_innen einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen sie sich als subjektiv „frei“ erleben können. Diese Freiheit ist jedoch umrahmt von einem ausgeklügelten System konvergierender sanfter Überwachung durch IT und Datamining auf der einen Seite und nackter Brutalität auf der anderen. Die Kanalisierung der Triebkräfte der kreativ tätigen Produzentendienstleister_innen korreliert notwendigerweise mit der Überwachung und Disziplinierung jener Schichten, auf deren Rücken sich die Konzentration und Zentralisierung des Kapitals vollzieht, wie etwa Migrant_innen, Minderheiten oder Arbeiter_innen in Niedriglohnsektoren. Die – in Wien sozialdemokratisch organisierte – Strukturierung des Kultursektors von oben bedient sich des Mittels des Outsourcings an pseudo-unabhängige Träger, welche die „Last“ auf sich nehmen, die Prekarität der anderen zu organisieren.

Die Eventkultur konnotiert nicht nur die völlige Subsumption der Kultur unter die wettbewerbsorientierte Standortpolitik, sondern artikuliert am konsequentesten die Rolle der Kultur als strukturelle Form im Kontext der Entwicklung neuer Konsumnormen. Die Dauerbeschallung und visuelle Berieselung mit „Events“ erweckt den Eindruck eines gewissen Pluralismus der Genres und Formen einschließlich der Aufrechterhaltung der Illusion über die Existenz von „Freiräumen“ und „Gegenkultur“. Im Zentrum steht dabei aber vor allem die Fein-Kalibrierung der sozialen Schichtungen nach Alter, Einkommen, Gender etc. Während die elektronischen Medien mit Ausnahme einiger hart bekämpfter Nischen des Internets (z.B. Filesharing via Bittorrent) ohnehin völlig unter Kontrolle gebracht wurden, erlauben die spektakulären Formen der Eventkultur die Besetzung des öffentlichen Raums architektonisch ebenso wie symbolisch. Bürotürme in glanzvolle Lichterketten gehüllt und um Baugerüste drapierte Gemälde sind Ausdruck einer Mediatisierung der Lebenswelt, in der die Stadt als Interface zu hierarchisch strukturierten Formen des Konsums und der Freizeit-Erlebnisse dient. Die basale Schizophrenie des Kapitalismus, die darin besteht, dass die Produzent_innen zugleich die Konsument_innen sind, wird durch das Scheinhafte der digitalen Ästhetik in der kreativen Stadt verborgen; die Artikulation des Konflikts zwischen der privatisierten Arbeit und der Aneignung des Mehrwerts wird durch verheißungsvolle und Trost spendende kulturelle „Erlebnisse“ mundtot gemacht. Der Pluralismus kultureller Formen reproduziert die Klassenstruktur der Gesellschaft. Die Eventkultur produziert kulturelle Armut inmitten des Reichtums.

Kulturelle Produktion: New Boom or new Bubbles?
Diese Transformationen in den wissensbasierten Ökonomien unter der Vorherrschaft des Finanzsektors gehen nun schon so lange ihren Gang, dass die Gesellschaften des reichen Nordens so unkreativ wie nie zuvor geworden sind. Der Fokus auf die wirtschaftliche Urbarmachung der Kreativität hat diese fast völlig zum Versiegen gebracht. Der Künstler als Quelle spekulativen Reichtums (von Osten 2009) war zwar immer schon ein Teil der bürgerlichen Fetisch-Ideologie, doch nun hat sich diese Quelle selbst das Wasser abgegraben. Dieses Paradigma der post-fordistischen Regulation der kulturellen Produktion ist genauso bankrott wie Lehmann Brothers, hat aber die Fähigkeit, ständig neue Bubbles zu bilden, hinter deren fluktuierendem Neuigkeitscharakter sich der Absturz der kulturellen Währung verbirgt. Diese Prozesse sind jedoch weder unumkehrbar, noch naturwüchsig. Das Schema der kulturellen Normierung kann durchbrochen werden.

ANMERKUNG
Die vorgestellte Analyse beruht auf dem Ö1-Symposium „Creative Cities, das Versprechen der kreativen Ökonomie“ am 31.3.2009 im Radiokulturhaus, Wien, sowie einem begleitenden vierteiligen Radiokolleg in Ö1. Konferenz-Dokumentation: Creative Cities

LITERATUR
Aglietta, M. (1979): A theory of capitalist regulation: the US experience. London.
Holmes, B. (2001): „The Flexible Personality“. Unter: www.16beavergroup.org/brian/
Jessop, B. (2002): The future of the capitalist state. Cambridge.
Klinger, C./Knapp, G.-A./Sauer, B. (2007): Achsen der Ungleichheit: zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt/M.
Piore, M. J./Sabel, C. F. (1984): The second industrial divide: possibilities for prosperity. New York.
Sassen, S. (2001): The global city. New York, London, Tokyo. Princeton.
Sassen, S. (2008): Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Frankfurt/M.
Von Osten, M. (2009): Vortrag bei Konferenz Creative Cities, 31.03.2009, Private Notiz, unveröffentlicht.
Wu, C.-T. (2002): Privatising culture: corporate art intervention since the 1980s. London.

Armin Medosch ist Autor und Medienkünstler und lebt in London und Wien. Er ist PhD Research Student bei den Digital Studios, Goldsmiths, University of London und betreibt die kollaborative Research-Plattform www.thenextlayer.org.

 
 

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