DMZ Botschaft — IG Kultur

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INHALT 01/2010

 

DMZ Botschaft

Farida Heuck und Jae-Hyun Yoo

Die Grenzsituation zwischen den beiden Koreas beschreibt zwar diesen speziellen sozialen Raum einer Übergangszone, kennzeichnet aber ebenso einen Ort der Zuspitzung von Konflikten, die das globale Geschehen dominieren. Im Speziellen wenn man davon ausgeht, dass sich Nord- und Südkorea jeweils in einer Art „Ausnahmezustand“ im Sinne Giorgio Agambens befinden und damit die Ausübung gesellschaftlicher Gewalt legitimiert wird. Diese Legitimierung ist jedoch nicht auf dieses Territorium beschränkt und findet auch im internationalen Kontext statt: Verfestigung ethnisierender Stereotype, ungleiche Arbeits-, Wohlstands- und Machtverteilung wie verschärfte Kämpfe um Ressourcen, die weiter an die Ränder und hinter die Kulissen gedrängt werden. Somit halten wir es für wichtig, die Situation Koreas nicht als Ausnahme, sondern als ein globales Exempel zu verstehen.

Welche Funktion hat ein Grenzraum neben der Durchsetzung einer Teilung? Dient er als aktive Zone des Unbestimmten, in der es Neues zu verhandeln gilt? Und hängen diese Handlungs- und Handelsräume nicht stets auch von der aktuellen politischen Lage ab? In Zeiten der Globalisierung dehnen sich die Grenzlinien zum aktiven Zwischenraum aus, und der kontrollierte Grenzbereich erstreckt sich immer weiter, über die eigentlichen Grenzzonen hinweg, in die angrenzenden Länder hinein. Die Grenzlinie wird zum Raum, zu einer Zone, die körperlich fühlbar ist und symbolisch inszeniert wird, ein Dogma bildet und zugleich eine Handlung voraussetzt. Diese Phänomene internationaler Grenzen lassen sich verdichtet an der demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Süd- und Nordkorea ablesen.

Der Blick auf die „andere Seite“
In unserer Installation wie in unserem Handbuch „DMZ Botschaft“ gewähren wir einen detaillierten Einblick in unsere Recherche über die sozialen, politischen und ökonomischen Bewegungen des Grenzraums zwischen Süd- und Nordkorea und untersuchen die durch die Teilung des Landes hervorgerufenen Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Dabei liegt der Fokus darauf, die Transformationsprozesse dieses Raums und dessen Grenzökonomien unter folgenden Gesichtspunkten deutlich zu machen: leben mit der Grenze, touristische Grenze, Grenze als Wirtschaftsfaktor und ethnografische Grenze. Wir konzentrieren uns bewusst auf die südkoreanische Grenzseite, da wir uns für den Blick auf den weißen Fleck Nordkorea interessieren, der als unscharfer Raum definiert werden kann.

In unserer Rauminstallation, einem roten Kasten mit fast acht Quadratmetern Grundfläche, ist eine Landschaft verborgen, die mit Videos und Tonfragmenten die tägliche Situation der Grenzregion zwischen Süd- und Nordkorea beschreibt. Sichtbar wird die innere Zone durch mehrere Okularpaare, die auf die touristischen Reisetouren in und an der DMZ verweisen. Denn auch mit den an der Grenze zahlreich errichteten Fernrohren bleibt der Blick auf die „andere Seite“ ein blanker, verschleierter Fleck fernab jeglicher Realität. Diesen Zustand visualisieren wir in unserer Installation mit einfachen Mitteln: Sobald mehrere Personen gleichzeitig durch die Gucklöcher hineinsehen, werden die Augen der anderen sichtbar, die jedoch wegen der Schwingungen des von der Decke herabhängenden mächtigen Kastens nur verschwommen zu erkennen sind.

Ambivalenzraum
„Internationale Historiker wie Bruce Cumings bezeichnen den Koreakrieg als den vergessenen Krieg. In Südkorea selbst könnte man stattdessen von einem unbewältigten Krieg sprechen, der sich in den Alltag eintätowiert hat (...). Dieser Krieg und die Frage nach seinen Schuldigen haben im Süden eine traumatisierende kollektive Leerstelle im Eigenen hinterlassen sowie, im Hinblick auf den bedrohlichen Anderen, ein politisch und ideologisch bestens einsetzbares Projektionsfeld hervorgebracht. Die aus dieser Symptomatik resultierende, auf den Norden gerichtete Konfliktprognose rückt den vergangenen Krieg permanent in die Gegenwart.“[1] Die politische, wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit von den USA verstärkt dieses Konfrontationsbewusstsein. Jenseits der bekannten Gegensätze hat sich, wie der südkoreanische Künstler Noh Suntag den „Fall Korea“ beschreibt, ein durch Ambivalenzen gekennzeichnetes Spiegelverhältnis zwischen Süd- und Nordkorea entwickelt, und beide Staaten zeigen ihre größte Ähnlichkeit in der Idealisierung des Eigenen und der Verteufelung des Anderen. Korea spiegelt dabei den Zustand einer Welt, die sich in festgeschriebenen Polarisierungen eingerichtet hat.

Bewegungen an und über die Grenze
Die militärische Demarkationslinie, d. h. die eigentliche Grenzlinie, befindet sich in der Mitte von der zu Südkorea und der zu Nordkorea gehörigen Seite der demilitarisierten Zone (DMZ) – der insgesamt ca. 4 km breiten Sicherheits- bzw. Pufferzone. Die DMZ hat ihre eigenen Gesetze. Sie ist ein anderer, politischer Raum, außerhalb des Systems souveräner Staaten gelegen und doch durch diese hervorgebracht. Die DMZ besteht heute hauptsächlich aus Militärstationen und aus dem militärischen Verhandlungs- und Passierort Panmunjom. Erstaunlicherweise gibt es aber auch ganz normales Leben in diesem Grenzstreifen, in dem das Leben mit der Grenze täglich praktiziert wird. Auf der südlichen und auf der nördlichen Seite der DMZ gibt es jeweils ein Dorf. Diese Dörfer besitzen, geprägt vom amerikanischen Militär, unterschiedliche Bezeichnungen: Das Dorf auf der südkoreanischen Seite wird „Freedom Village“, das Dorf auf der nordkoreanischen Seite hingegen „Propaganda Village“ genannt. Damit wird deutlich, wie politische Systeme Bedeutungen und ihre symbolische Besetzung instrumentalisieren. Das Dorf auf der südlichen Seite der DMZ ist vorwiegend von Bauern bewohnt und wird von der südkoreanischen Regierung scharf kontrolliert. Wohnen darf dort nur, wer bereits 1953, als die DMZ eingerichtet wurde, dort gewohnt hat oder von einem dieser Einwohner abstammt. Dieses Dorf unterliegt fast nationalstaatlichen Bedingungen, die dort im Mikrokosmos angewendet werden.

Seit Anfang 2000 werden geführte Reisetouren in die DMZ organisiert, und seitdem wird dieses spezielle Ereignis als touristische Grenze vermarktet. Mit einer geführten Reisegruppe ist ausländischen Reisenden aus bestimmten Ländern und SüdkoreanerInnen mit einer Genehmigung der Waffenstillstandskommission ein Besuch in der DMZ gestattet. Wenn der Raum „Grenze“ zu einer touristischen Attraktion wird, unterstreicht dies ein absurdes Phänomen: Für die einen wird sie zu einem kurzen außergewöhnlichen Abenteuer und für diejenigen, die mit ihr leben müssen, bleibt sie unverrückbare Realität. Auf unserer Recherchereise haben wir an einigen dieser organisierten Grenztouren teilgenommen, und es vertiefte sich dabei für uns immer wieder aufs Neue der Eindruck, dass wir uns in eine südkoreanisch gefärbte Propaganda-Veranstaltung verirrt haben.

Einer unserer Gesprächspartner beantwortete unsere Frage, wo für ihn die Teilung des Landes sichtbar wird, mit einem Fingerzeig auf seine Hose: „Diese Hose bester Qualität habe ich für einen Spottpreis erworben. Sie wurde in Nordkorea produziert.“ Und zwar im „Kaesong Industrial Complex“ (KIC): Geografisch befindet sich diese gesicherte Sonderindustriezone in Nordkorea nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. Nordkorea verpachtet das Land und stellt nordkoreanische Arbeitskräfte, die gegen Billiglöhne für südkoreanische Betriebe arbeiten. Hier spielt trotz der hermetisch abgeriegelten Situation die Grenze als Wirtschaftsfaktor eine wichtige Rolle. Die Handhabung dieser wirtschaftlichen Beziehungen spiegelt immer wieder aufs Neue das Verhältnis zwischen den beiden Staaten. Interessanterweise behauptet der Werbefilm des südkoreanischen Unternehmens KIC, die wirtschaftliche Kooperation mit Nordkorea sei ein wichtiger Schritt hin zur Wiedervereinigung des Landes. Wir halten es für zwiespältig, dass die Wiedervereinigung mit dem Einsatz von neoliberalen Strukturen befördert wird, doch kann ein wirtschaftlich stabiler Norden weniger Konfliktpotenzial bedeuten.

Die ethnografische Grenze wird besonders sichtbar in den so genannten Unification Observatories, die die Verständigung der beiden Koreas unterstützen sollen. Diese Museen ähneln ethnografischen Sammlungen, die mit dem Schlagwort „Looking into North-Korea“ das Leben der NordkoreanerInnen als verschwindendes Volk zeigen und damit die ambivalente Situation Koreas unterstreichen.

Annäherung an Grenzräume
Das Ziel unseres Projekts ist es, die beiden unterschiedlichen Perspektiven und die daraus resultierenden Darstellungen des jeweils auf der anderen Seite der Grenze liegenden Koreas sichtbar zu machen und damit gleichzeitig den dort noch immer existierenden kalten Krieg in den Blick zu nehmen. Dabei spielen natürlich die jeweiligen Propaganda- und Desinformationspolitiken der beiden Staaten eine entscheidende Rolle.

Die Annäherung an Grenzräume ruft immer Verwirrung, Zweifel, neue Erfahrung und Sichtweisenwechsel hervor. Feste Überzeugungen und Positionierungen sind hier fehl am Platz, da der Blick auf Grenzsituationen stets abhängig vom Standort seines jeweiligen Betrachters ist. Zu oft wird über Realitäten gesprochen, die letztendlich nur auf Vorstellungen basieren. Mit unserem Projekt möchten wir diese Tatsache substanziell darstellen. Durch unsere Installation und das Handbuch, das durch die Verschränkung von Interviews mit AkteurInnen vor Ort, mit theoretischen Texten und mit umfangreichem Bildmaterial verschiedene Blickwinkel erlaubt, möchten wir dieser Vereinfachung entgegentreten und einige unterschiedliche Sichtweisen erfahrbar machen.

1 Christ, Hans D./Suntag, Noh (2008): Ausnahmezustand. Hatje Cantz Verlag.

ANMERKUNG
Unser Projekt DMZ Botschaft basiert auf einer intensiven Recherchereise, die wir im Frühjahr 2009 in die südkoreanische Grenzregion unternahmen. Aus den von uns geführten Interviews, gedrehten Videos und angefertigten Fotografien entwickelten wir eine Installation und publizierten das Buch: „DMZ Botschaft. Grenzraum aktiver Zwischenraum“, Hg. Farida Heuck / Jae-Hyun Yoo, 2-sprachig: deutsch/koreanisch, b_books Verlag Berlin, 2009, ISBN: 3-933557-98-4.

Jae-Hyun Yoo ist Bildender Künstler und hat in Seoul wie in Berlin ein Studium der Bildenden Kunst abgeschlossen. Viele seiner künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich kritisch mit seiner damaligen Aufgabe, als Militärdienstleistender die südkoreanische Grenze zu beobachten. (www.globalalien.net)

Farida Heuck ist Bildende Künstlerin und beschäftigt sich mit Darstellung und Formen von Migration und Grenzüberschreitung. Ihre orts- und kontextspezifischen Installationen versteht sie als Schnittstelle, die mediale Repräsentation und das „Regieren von Migration“ zu entlarven. (www.faridaheuck.net)

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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