„Užas je moja furka“[1] — IG Kultur

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INHALT 01/2010

 

„Užas je moja furka“[1]

Tatjana Greif

Je mehr Ethik-Kodices es für JournalistInnen gibt, desto weniger sehen wir eine journalistische Ethik. Die slowenischen Massenmedien fühlen sich in nonchalanter Weise berechtigt, öffentlich xenophobische, rassistische und intolerante Ausdrücke zu verwenden. Eines Sommermorgens erzählt ein Journalist im öffentlich-rechtlichen Radio Witze: „Ich habe etwas bei einem chinesischen Restaurant bestellt, das mir von einem Bosnier geliefert wurde. Sehen Sie sich vor, wen Sie anstellen!“ Ein slowenischer TV-Sender veröffentlicht auf seiner Website ein Interview mit einem Priester, der in einem wütenden Ausbruch gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare erklärt: „Ich würde es riskieren, hier zu schießen.“ Auf die Presseaussendung der lesbischen Sektion von Sˇkuc in Ljubljana entgegnet ein Journalist einer rechten Wochenzeitung, dass „ein Fonds für medizinische Behandlung“ eingerichtet werden solle. Der Rock-Kritiker und Kolumnist einer Wochenzeitung in Ljubljana äußert ein Gefühl des Unbehagens über die Kolumne eines Kollegen, in der dieser Nazi-Skinheads kritisiert …

Chinesisches Essen wird also von einem Bosnier geliefert, man schießt auf Homosexuelle oder will diese zumindest heilen und fühlt Unbehagen angesichts der Kritik an Neonazis. Es gilt, die journalistische Ethik hinsichtlich dieser Diskurse genau zu untersuchen. Auf Schritt und Tritt stolpern wir über Auswüchse faschistischer, frauenfeindlicher, sexistischer, absurd feindseliger und rücksichtslos gladiatorenhafter Medienpraktiken, Kommentare und Kolumnen – alle im Stil der heute populären rechten Parole, die in Europa ihr Unwesen treibt: „Sei intolerant, sei normal.“ Das „arische“ Syndrom ist nicht verstohlen in den medialen Raum hineingeschlüpft, sondern regiert ganz im Gegenteil souverän die Redaktionen des Vaterlands.

Als Jerzey Buzek, ehemaliger polnischer Ministerpräsident und Mitglied der reaktionären europäischen Volkspartei, zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde, erhielten die slowenischen Medien eine Presseaussendung des Vorsitzenden der fraktionsübergreifenden Gruppe für die Rechte von Schwulen und Lesben im Europäischen Parlament, Michael Cashman. Dieser lud Buzek ein, öffentlich ein umstrittenes homophobes Gesetz zu verurteilen, das im Juni 2009 vom Litauischen Parlament verabschiedet worden war und jede Information über Homosexualität, Bisexualität und Polygamie in Schulen und öffentlichen Einrichtungen streng verbietet. Dieser Appell an den neuen Präsidenten am ersten Tag nach seiner Wahl war kein Zufall. Buzek hatte sich in seiner bisherigen Karriere oft offen feindlich gegenüber den Rechten Homosexueller gezeigt. Ebenso wenig ist es wohl kein Zufall, dass die slowenischen Medien diese Information nicht veröffentlichten und Buzek das problematische Gesetz nicht verurteilte. Dazu kommt, dass in Litauen, einem vollen Mitglied der Europäischen Union, explizit die Kriminalisierung von Homosexualität eingeführt wurde. Das Parlament verabschiedete eine Änderung des Strafgesetzbuchs, der zufolge die öffentliche Darstellung von homosexuellen Beziehungen und deren Finanzierung strafbar sind. Diese „innere Angelegenheit“ Litauens, wie es scheinen mag, ist eigentlich ein dramatisches Szenario, das sich auch auf andere Länder ausbreiten könnte.

Im Juli 2009 kam es zu einem kaltblütigen Anschlag in den Räumen der Gesellschaft für Lesben und Schwule in Tel Aviv, bei dem zwei Menschen starben und zehn verletzt wurden. Der mit einem Maschinengewehr während eines Treffens junger Schwuler und Lesben ausgeführte, gezielte Anschlag ist ein Fingerzeig, wohin eine politisch feindselige Sprache führt und wer davon profitiert. Niemand wird für die Morde verantwortlich gemacht, gewiss nicht die israelischen PolitikerInnen, die die Nation anhaltend gegen Homosexuelle aufgewiegelt haben. Ironischerweise wurde die Tat vom israelischen Premierminister, von SpitzenpolitikerInnen und Rabbis verurteilt. Doch warum hatten sie es verabsäumt, die Aufhetzung zur Intoleranz rechtzeitig entschieden zurückzuweisen?

Anfang August 2009 publizierte Human Rights Watch einen Bericht mit dem Titel „They Want Us Exterminated: Murder, Torture, Sexual Orientation and Gender in Iraq“ über die systematische Ermordung von Homosexuellen im Irak durch islamistische Milizen. Seit Beginn des Jahres 2009 wurden hunderte Homosexuelle getötet, und die irakischen Behörden haben nichts dagegen unternommen. Nach der Veröffentlichung des Berichts wurde der Irak aufgefordert, die tödlichen Überfälle, Exekutionen ohne Gerichtsverfahren und die Folterungen und Verstümmelung von Homosexuellen zu beenden. Obwohl auf gegenseitigem Einverständnis beruhende homosexuelle Beziehungen zwischen Männern im Irak nicht verboten sind, verbreiten „Todesschwadronen“ Terror im ganzen Land.

Die Leistungen der Bewegung und ihr Dilemma
Das Jahr 2009 markierte den 60. Geburtstag der legendären Unruhen von Stonewall, den Demonstrationen gegen eine Polizeirazzia in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 im Stonewall Inn in New York – des Aufstands gegen die Polizeigewalt gegenüber Homosexuellen und Transgenderpersonen. Das Ereignis in Stonewall, heute ein Ziel schwuler und lesbischer TouristInnen, gilt als historischer Wendepunkt und verkörpert den Beginn der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung. Bald nachdem die Gay Liberation Front in New York gegründet worden war, bildeten sich ähnliche Organisationen auch in anderen Teilen der Welt. Die erste männliche Homosexuellengruppe in den USA, die Mattachine Society, wurde´1950 gegründet, gefolgt von der ersten Lesbenorganisation, The Daughters of Bilitis, 1955. In Europa gab es sogar noch früher erste Homosexuellenorganisationen: COC wurde 1946 in den Niederlanden gegründet, während die Homosexuellenbewegungen in Dänemark und Schweden bereits in den 1940ern entstanden.

Anlässlich des Jubiläums der Bewegung zeigt sich ein Dilemma in Bezug auf die Errungenschaften und Effekte von mehr als 60 Jahren des Kampfes für die Rechte von Schwulen und Lesben. Es ist ein äußerst ernstes Dilemma, und ein Vergleich zwischen den Umständen damals und heute zeigt kaum eine erfolgreiche Errungenschaft. Was einst eine revolutionäre, radikale Bewegung war, stellt sich heute als konservatives, moderates Lobbying für Integration und Assimilation dar. Über die Jahre verblasste die Schärfe, verging die politische Schlagkraft und schwand die Radikalität. Heute transportiert die schwul-lesbische Bewegung, die mittlerweile umbenannt wurde in GLBT, GLBTI, GLBTIQ oder einfach Queer movement, keine eindeutigen politischen Botschaften mehr. Die „agenda“ (was für ein reizvoller, euro-bürokratischer Begriff !) ist voll von konservativen und sogar klerikalen Prioritäten, sodass das wichtigste Ereignis der Homosexuellen-Community im letzten Jahr sich mit dem Thema Theologie befasste. Die 13. Konferenz von ILGA-Europa, dem europäischen Regionalverband des Internationalen Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgenderverbands, fand im Oktober 2009 in Malta unter dem Titel Overcoming Religious and Cultural Barriers to LGBT Equality statt. Sie konzentrierte sich auf den Dialog mit religiösen Institutionen, die Rolle der Religion und von Gläubigen in der Abschaffung von Homophobie. Welche Rolle könnte jene Institution, die historisch gesehen die wesentlichste Unterdrückerin von Homosexuellen ist, darin einnehmen? Ein großer Teil des lesbischschwulen Aktivismus in der Welt umschmeichelt religiöse Institutionen, favorisiert unkritisch die gleichgeschlechtliche Ehe und singt Hände haltend bei Konferenzen. Er imitiert das Alte, anstatt das Neue zu verlangen. In einem solchen, spießigen Klima scheinen die sporadischen Aufforderungen, sich mit den Themen Rassismus und Xenophobie innerhalb des Homoaktivismus auseinanderzusetzen, direkt ketzerisch. Bei den World Outgames 2009 in Kopenhagen kam es zu einem Zwischenfall, bei dem die niederländischen VertreterInnen die nigerianischen VertreterInnen als Affen bezeichneten.

Der Abstieg in den Konservatismus spiegelt sich eindeutig wider im europäischen Aktivismus, und Slowenien ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Anstatt über eine Reihe von dringenden globalen und lokalen politischen Themen, die es zu behandeln gilt – Kriminalisierung von Homosexuellen, Todesstrafe und Verfolgung, Bewegungsfreiheit innerhalb der EU, Versammlungsfreiheit, hate speech, soziale Rechte, Klassendifferenz, sozialer Ausschluss, Armut, Marginalisierung, die Rechte von MigrantInnen und Asylsuchenden, Deportationen, das Recht auf Information, kulturellen Ausdruck und angemessene Bildung, das Recht auf Sicherheit vor Gewalt und Diskriminierung etc. –, denken europäische und slowenische AktivistInnen darüber nach, wie sie ihre Integration in und ihre Assimilation an das dominante System erreichen können. Ihr wesentlichstes Anliegen ist es, Homosexualität durch die Legalisierung von Heirat und Kindern zu normalisieren und damit das Modell der Heteronormativität zu übernehmen.

Die slawischen Brüder
In einem seiner Theaterstücke wiederholt der Kärntner Regisseur Marjan Sˇtikar auf brillante Weise die Phrase „Sport ist Mord!“ – Was für eine ironische, tausende von Malen verifizierte Wahrheit, bestätigt durch hunderte von Graffitis mit dem Wortlaut „Tod den Schwulen“ auf den Fassaden der serbischen Hauptstadt. Diese Beschmierungen sind die Widerspiegelung des mentalen Zustands der Fans der Fußballklubs Partizan und Crvena zvezda (Roter Stern). Die gleichen Hooligans wie jene Neonazis, die 2001 in Belgrad blutig den ersten Versuch einer Gay Pride Parade in Serbien zunichte machten, setzen eifrig ihre Namen darunter. Wegen der öffentlichen Aufforderung, Schwule zu töten, riefen serbischen NGOs die Vorstände beider Clubs dazu auf, diese Homophobie zu verurteilen. Doch die Fußballlobby hüllte sich in Schweigen. Im August 2009 beschuldigte der Europäische Ausschuss für soziale Rechte (ECSR), der die Umsetzung der Europäischen Sozialcharta überwacht, Kroatien der Verbreitung von Homophobie und von Vorurteilen in Schulbüchern. Mit der Herausgabe von Lehrbüchern, die erklären, Kondome würden nicht vor HIV schützen, gleichgeschlechtliche Beziehungen seien abartig und Frauen, die nicht arbeiten, seien bessere Mütter, verletzten die Lehrpläne zur Sexualerziehung das Grundrecht der SchülerInnen auf Information. Vielleicht sollte auch Slowenien angezeigt werden, da einige MedizinstudentInnen zusammen mit einigen schwulen Aktivisten leidenschaftlich behaupten, Kondome seien kein sicherer Schutz vor HIV, sondern Abstinenz, Monogamie, Treue und Heirat die einzige Möglichkeit. Eigentlich müsste der Vatikan dafür verurteilt werden.

Im letzten Sommer kam es in Zagreb, Rijeka, Ljubljana und Belgrad zu mehreren Angriffen auf Lesben und Schwule. In Belgrad wurden an die 200 Gäste der Schwulenbar Hrabro srce (Tapferes Herz) nach Tränengasangriffen evakuiert. AugenzeugInnen berichten, dass die Polizei über den Zwischenfall lachte. Einige Tage später schlug eine Gruppe von zehn Roter Stern-Fans in einem Nachtbus eine 30-jährige Lesbe und beschimpfte sie mit Ausdrücken wie „Lesbenfotze“ und „Kill the dyke!“ Sie traten ihr gegen Kopf, Bauch und Rücken, lange nachdem sie bereits das Bewusstsein verloren hatte. Weder der Buschauffeur noch die anderen Passagiere reagierten. Statt die Täter zu verhaften, wurde das Opfer verhaftet und des Gesetzesbruchs beschuldigt. Erst zwölf Stunden später wurde der Frau gestattet, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

1 Der Song „Užas je moja furka“ (Horror is my drive) stammt von dem Album „Sunčana strana ulice“ (The Sunny Side of the Street) der Rockband Azra, Zagreb, 1981.

ANMERKUNG
Dieser Text ist Teil einer Kooperation mit der Zeitschrift Reartikulacija, und erschien in Reartikulacija, no. 8, Ljubljana, 2009.

Übersetzung aus dem Englischen: Therese Kaufmann

Tatjana Greif ist Archäologin, lesbische Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der Buchreihe ŠKUC – Vizibilija und der Zeitschrift für Wissenschaftskritik, Ljubljana.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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  • Leporello, 1010 Wien
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