Wahrnehmung , Wahrsager und Wahrheit — IG Kultur

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INHALT 04/2012

 

Wahrnehmung , Wahrsager und Wahrheit

Gilda-Nancy Horvath

Mediale Roma-Bilder zwischen Mehrheitsgesellschaft und Selbstorganisation.

9/11, der Tag an dem die Twin Towers in New York fielen: Alle Menschen können sich genau daran erinnern, wo sie waren, was sie gerade taten und welches Kommunikationsmittel/-medium sie gerade konsumierten (TV, Radio, Internet, Handy), als das Unfassbare geschah bzw. sie davon erfuhren. Für jeden Menschen, auch für jene, die weit weg von der Katastrophe waren und keine Verwandten in der Stadt hatten, ist mit dieser Erinnerung eine Emotion verbunden. Aus dieser Emotion wuchs eine kollektive Ansicht zu jenem Tag, ein kollektiver Pakt, wie dieser furchtbare Moment in der Geschichte verweilen soll. Das ist zu einem erheblichen Teil ein Effekt, der durch Massenmedien entsteht.

Die Massenmedien bestimmen im 21. Jahrhundert die Wahrnehmung relevanter Entwicklungen und Phänomene. Wie wir etwas wahrnehmen, hängt davon ab, auf welche Art und Weise wir eine Information erhalten – und über welchen Kanal. Natürlich ist 9/11 ein drastisches Beispiel. Es illustriert jedoch hervorragend, wozu Medien imstande sind und wie stark sie unsere Wahrnehmung im Alltag beeinflussen.

Kurz gesagt: Medien beeinflussen unsere Wahrnehmung von Realität. Sie sind, abseits der zwischenmenschlichen Kommunikation, der erste Filter, durch den wir Ereignisse wahrnehmen. Medien tragen daher auch große Verantwortung. Der sprichwörtliche „Spiegel“, den die Medien der Gesellschaft vorhalten, sollte ein möglichst „objektives“ Bild zeigen, das die demografischen und gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigt.

Die Wahrheit ist aber vielmehr: Medien reagieren in sehr unterschiedlicher Art auf Umweltreize, sie wählen aus der enormen Vielfalt an Ereignissen und Themen nur einige wenige aus, betonen manche, verkleinern andere, sie setzen Akzente und rücken die Geschehnisse in ein bestimmtes Licht, sie interpretieren und formen Kontext. All dies tun sie auch (bewusst oder unterbewusst) als Akteure mit Eigeninteressen, um etwa bestimmte politische Positionen zu unterstützen oder zu schwächen. Zu alledem kommt auch noch die Tendenz, eher negative als positive Nachrichten zu verbreiten (Bad News is Good News).

Knick in der (Medien-)Optik

Die OSCE stellte 2010 bereits über Ungarn fest: „Jobbik officials and representatives have been particularly effective in using mass media to disseminate anti-Roma rhetoric as a central element in the party’s political platform“ (übersetzt: „Die Jobbik [Partei der extremen Rechten in Ungarn; Anm. der Redaktion] war sehr erfolgreich darin, Massenmedien als Plattform zur Verbreitung von Anti-Roma Rhetorik zu nutzen.“) Kein Einzelfall, wie ein Auszug aus der Wissenschaft zeigt: Sigona (2006) stellte in Italien im Forschungszeitraum von 2005-2006 die Fokussierung der Lokalpresse auf „Nomadencamps“ fest – und damit eine Instrumentalisierung der Roma durch rechtsextreme politische Einflüsse. Strauß (2005) erforschte die „medialen Negativbeispiele bei Pressemitteilungen der Polizei trotz Verbot der ethnischen Bezeichnung“ und erhielt ebenfalls negative Ergebnisse.

Während Migration und die dazugehörenden Menschen („die MigrantInnen“) eines der größten Themen unserer Zeit sind, haben in den Redaktionen des Landes eher wenige Menschen aus Minderheiten ihren Platz gefunden. Die Folge: Die Realität und ihre Darstellung sowie Abbildung in den Medien sind nicht deckungsgleich und unterliegen jenem Bild, das die Mehrheitsgesellschaft von ihnen zeichnet. Das Ergebnis nennt man dann „Klischees“. Wenn dann auch noch politischer Einfluss das ohnehin bereits verschobene Bild formt, kann das Ergebnis, wie in Ungarn, blanker Hass auf die Minderheit sein.

Roma in den Medien & Roma-Medien

Am Beispiel der Roma und Sinti kann man alle angesprochenen Phänomene hervorragend beobachten. Die Gruppe hat keine politische Lobby, keine mediale Lobby und eine von pseudoromantischen Vorstellungen sowie vom Holocaust geprägte Geschichte. Die Themen, mit denen Roma in den Medien Platz finden, sind vor allem Abschiebung, Bettelkrisen und Kriminalität. Auch wird in den Medien das Bild des „umherziehenden Zigeuners“ suggeriert, obwohl heute 98 Prozent aller Roma in Europa sesshaft leben. Dies ist tragisch, denn Medien sind auch ein Resonanzboden für den öffentlichen Diskurs.

Immer mehr Roma erkennen, dass es ein Ungleichgewicht gibt, zwischen dem, was man über Roma hört/sieht, und dem, was wirklich stimmt. Daraus entstand glücklicherweise bei einigen Menschen in Europa das Bedürfnis, „eigene“ Medien zu produzieren, die näher an der Realität sind.

Die „Traditionellen“

In Österreich sind die ältesten Print-Zeitschriften der Roma-Community (erscheinen vier- bis fünfmal jährlich) die Zeitschrift des Romano Centro (zweisprachig) sowie das Romano Kipo (deutsch) vom Kulturverein österreichischer Roma. Beide Vereine existieren seit über 20 Jahren. Ebenfalls zu erwähnen ist die Zeitung Romani Patrin (Roma Rad) des Vereines Roma Oberwart. Hier werden Veranstaltungen angekündigt, aktuelle Themen behandelt, aber auch die Nähe zur ungarischen Grenze ist in den Artikeln positiv spürbar. Ein guter Mix nach dem Motto: „Act local, think global.“ Alle Print-Pioniere haben den Sprung ins Internet mit den Vereins-Websites gut gemeistert.

Die „Digitalen“

dROMa (ein Wortspiel aus ROMA und dem Wort für „Wege“ DROMA) ist das Medienportal des burgenländischen Vereines Roma-Service. Dort kann man sowohl das viermal jährlich erscheinende Printprodukt dROMa herunterladen, als auch im Online Blog News aus aller Welt (mit Roma-Bezug) nachlesen. Zusätzlich gibt es seit 2011 online das Quartals-Format dROMa TV in Burgenland-Romani, das sich als Informationsquelle für die Roma in Europa sieht. Inhaltlich werden auch hochpolitische Themen behandelt, dabei bleibt man hier jedoch stets seriös und sensibel. Auf dem Cover des Print-Formates gibt es zum Beispiel statt Bildern aus Elendssiedlungen lieber Role-Models aus der Community. News werden abseits von alledem selbstverständlich auch auf Facebook und Twitter kommuniziert. Als kleinen Service gibt es hier außerdem eine lange Liste von Links rund um die Themen Roma, Medien und Politik. Von wegen Roma würden neue Medien nicht mögen …

Die „Öffentlich-Rechtlichen“

Es wäre unfair, jene Sendezeit, die der ORF den Roma zur Verfügung stellt, unerwähnt zu lassen. In Radio Burgenland entfallen wöchentlich immer montags zehn Minuten auf die Sendung Roma Sam, die von Burgenland-Romni Susanne Horvath gestaltet wird. Online bei Ö1 Campus gibt es ebenfalls wöchentlich die 25-minütige Online-Sendung Radio Kaktus. Die Themen variieren: Sowohl Abschiebungen in Frankreich werden behandelt als auch der jährliche Roma-Ball in Wien oder Burgenland. Die Sendungen sind anteilig sowohl in Deutsch als auch in Romanes gestaltet.

Im Fernsehen gibt es keine eigene Sendung für Roma im ORF. Im burgenländischen Magazin (zweimonatlich) Servus, Szia, Zdravo, Del Tuha werden jedoch alle zwei Monate auch stark die Belange der Roma Community behandelt. Genauso im überregionalen Wochenmagazin auf ORF 2 Heimat fremde Heimat.

Die „MigrantInnen“

Über die Hälfte der in Österreich lebenden Roma sind MigrantInnen. Viele von ihnen kommen aus Serbien. Der Quotenerfolg der Sendung Ex-Yu in Wien auf dem Wiener Community Kanal OKTO ist kein Zufall. Hochzeiten, nette Abende bei Live-Musik sowie die Präsentation von Restaurants locken die serbische (Roma-)Community vor den Bildschirm. Wer in der Sendung ist, der/die wird gesehen. Das Konzept ist einfach – und funktioniert.

Auch Gipsy Radio/Gipsy TV arbeiten im Internet mit Streams, Musikprogramm und Chat. Sie haben eine bunte User-Schar aus ganz Europa und veranstalteten vor zwei Jahren einen Gesangswettbewerb (The Gipsy Voice), der über Live-Stream im Internet zu sehen war. Die ZuseherInnen wählten anschließend per Telefon den/die SiegerIn.

Die „Watchdogs“

Was in Österreich noch fehlt, ist der nächste logische Schritt in der medialen Evolution:

nicht nur „eigene“ Medien zu produzieren, sondern die Darstellung der eigenen Volksgruppe in den Mehrheitsmedien zu dokumentieren und zu evaluieren. Und noch mehr als das: es auch öffentlich zu machen und aufzuzeigen, wenn Medien mit der Art ihrer Darstellung gegen sämtliche Regen der Menschenwürde verstoßen oder sogar mit einseitiger Darstellung Volksverhetzung betreiben. „Watchdogs“ nennt die neue Medienwelt solche Menschen/Organisationen, die darauf achten, dass der Spiegel, den wir vorgehalten bekommen, nicht schon völlig abseits jedes objektiven Blickwinkels ist.

Auf europäischer Ebene haben bereits einige Institutionen damit begonnen, zumindest zeitweise „Watchdogs“ zu sein. ROMMEDIA in Ungarn zum Beispiel produziert Filme über die Situation der Roma in vielen Ländern und glänzt mit Fakten statt Rührseligkeiten. Die Organisation sowie ihre Leiterin Katalin Barsony gewannen sogar den CIVIS MEDIEN PREIS für ihre Arbeit. Wie schwer ihre Arbeit in Ungarn derzeit beeinflusst ist, weiß niemand. Auch MECEM in der Slowakei, ein Online-News-Portal für Roma, zeigt regelmäßig die Verfehlungen von Mehrheitsmedien auf.

Wozu braucht man Watchdogs?

Vor einigen Tagen war Philipp Gut, jener stellvertretende Chefredakteur der Weltwoche, dessen Beitrag über „Räuberbanden“, „Kriminaltouristen“, „Bettelbanden“ und „verbrecherische Clanstrukturen“ im April zweifelhaftes Aufsehen erregt und dem Blatt eine Rüge des Schweizer Presserats eingetragen hatte, in einer TV-Diskussion zu Gast. Als besonders übel wurde empfunden, dass der Artikel mit einem manipulierten Foto illustriert war, das einen kleinen Jungen mit einer Spielzeugpistole zeigte. In der Diskussion verteidigte er den vom Presserat verurteilten Artikel als „gut recherchiert“ und „faktenbasierend“. Die Roma selbst werden bei solch großen und wichtigen Präzedenzfällen der Medienberichterstattung nicht einmal symbolisch gefragt, was sie davon halten.

Das sollten wir beenden. Wir sollten endlich eine von uns selbst institutionalisierte Meinung haben – über die Meinung der Medien über uns.

Gilda-Nancy Horvath ist 29 Jahre alt und in Wien als Angehörige der Lovara-Roma geboren. Sie ist als Journalistin der ORF Volksgruppenredaktion in TV/Hörfunk und online tätig sowie europaweit als Expertin und Aktivistin beschäftigt.

Literatur

Sigona, Nando (Hg.) (2006): Political Participation and Media Representation of Roma and Sinti in Italy. OSCE/ODIHR/CPRSI. Florenz.

Strauß, Daniel (2005): „Ziele – Zeichen – Wirklichkeit“. In: Matter, Max (Hg.): Die Situation der Roma und Sinti nach der EU-Osterweiterung. Göttingen. S.113-125.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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