Wie tickt Tourismus … — IG Kultur

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INHALT 04/2012

 

Wie tickt Tourismus …

Dietmar Nigsch

und was braucht regionale Kulturarbeit?

Im Verlauf meines Lebens bin ich beruflich immer wieder mit dem Tourismus konfrontiert worden, sei es in der Gastronomie, im Lebensmittelhandel oder seit geraumer Zeit in der regionalen Kulturarbeit. Aufgewachsen in der touristischen Hochzeit der 1980er- und 1990er-Jahre, wo in wöchentlichen „Heimatabenden“ in gleich bleibender Beharrlichkeit, Sommer wie Winter, den „Fremden“ scheinbar bodenständige Kultur gewitzt vorgejodelt und vorgetanzt wurde. Das Bild hat sich überholt – und doch nicht so ganz, wenn man einen etwas genaueren Blick auf die großen Tourismusdestinationen unserer Alpenregionen wirft. Noch immer etwas zu tief sitzt der Glaube, zu wissen, was der vermeintliche Gast von Heute bevorzuge, was natürlich als folgenschwerer Denkfehler zu werten ist, da sich wohl nie eine derart inhomogene Menschengruppe je in ein „abgestimmtes“ Kulturprogramm packen ließe. Ein über lange Zeit gut funktionierendes Unterhaltungsmodell lässt sich scheinbar doch nicht so schnell aus manchen Köpfen verbannen.

Welchen Stellenwert hat die regional/örtliche Kulturarbeit – und in welchem Verhältnis steht sie zum Tourismus?

Ein Mehr an Wissen um die eigene dörflich/regional gewachsene Kultur fördert die Fähigkeit zur Neugierde, die wiederum imstande sein kann, eigene Begrenzungen und Vorurteile zu überwinden.

Das Erspüren und Wieder-sichtbar-Machen einer gewachsenen Kultur in einer Region, in einem Dorf, verbunden mit dem ständigen Austausch der dort lebenden Menschen sind in meiner Arbeit von immenser Bedeutung. Nur mit dem Wissen um die Kraft einer eigenen kulturellen Identität kann letztlich nachhaltige, spannungsvolle und erfreuliche Kulturarbeit im ländlichen Raum entstehen und bestehen. Daher stimme ich vehement für eine qualitätsvolle Kulturarbeit mit den Menschen an Ort und Stelle. Gelingt dies, und davon bin ich schon oft überzeugt worden, dann lässt sich keine Aktivität hinter dem Berg verstecken, die Menschen entdecken sie, freuen sich und genießen. Gelebte und ungekünstelte Aktivitäten sind spürbar, schaffen weiträumig Atmosphäre und sind stark nachwirkend.

Die „Kultur“ bekommt in unserer hoch entwickelten Gesellschaft ein immer stärker werdendes Gewicht. Dieser nicht sehr klar abgegrenzte Begriff ist inzwischen als einträglicher Wirtschaftsfaktor anerkannt. Keine Frage, das Kulturthema im Tourismus ist auch im hintersten Dorf angekommen. Man lässt sich Kulturkonzepte erstellen, sammelt Ideen, unternimmt Exkursionen und besucht Managementkurse, um nicht die einträgliche Nische des „Kulturtourismus“ zu verpassen. Das ist gut so, und die Übung kann auch gelingen, wenn einige grundlegende Punkte in der Zusammenarbeit nicht ganz außer Acht gelassen werden. Das wäre zum Einen die Verfügbarkeit der notwendigen Zeit, um kulturelle Projekte erstellen zu können – und das ist meiner Erfahrung nach schon eine erste Diskrepanz zwischen Kulturschaffenden und Touristikern: Sie geben und nehmen sich nicht die erforderliche Zeit, sie ticken im Sekundentakt, um möglichst viel in die Saisonen hineinzupacken – lose aneinander gereihte, meist konventionelle Veranstaltungen im wiederholenden Zeitabstand –, und nach Möglichkeit soll es ja nicht zu anspruchsvoll sein (was auch immer damit gemeint sein mag). Wir wollen doch keinem unserer (nicht deutsch sprechenden) Gäste unterstellen, dass er ein „anspruchsvolles Kulturprogramm“ eh nicht so recht versteht!

Kulturarbeit in Tourismusregionen muss unweigerlich einem anderen Rhythmus folgen. Sie verlangt nach einer beständigen Entwicklung und Weiterführung, gerade auch zu den Zeiten, wo die straff organisierte Betriebsamkeit der Hochsaison ihr Ende findet und die ortsansässige Bevölkerung wieder Zeit für kulturelle und soziale Kontakte finden kann.

Eine neue Art von Zusammenarbeit braucht eine neue Art von vertraulichem Umgang!

Ein Zusammenwirken von Kultur und Tourismus ist wohl nicht mehr außer Frage zu stellen, vielmehr geht es nun darum, neue Formen der Begegnungen zu schaffen, um sich im Gespräch näher kennen lernen zu können. Ein gelungenes Beispiel dieser Art ist für mich die Plattform für Kultur & Tourismus, welche in regelmäßigen Abständen die Vorarlberger Kulturschaffenden mit den international tätigen Tourismusorganisationen des Landes vernetzt und zusammenbringt. Die Kulturabteilung der Vorarlberger Landesregierung und der Vorarlberg Tourismus sind die Initiatoren und Gastgeber dieser interessanten Plattform. Diese Konstellation muss auch auf kleinere Einheiten herab gebrochen werden.

Wenn Tourismusverantwortliche verstärkt die Nähe der Kulturschaffenden suchen und deren Kreativität auch für ihre Arbeit entdecken, so kann sich diese Allianz nur in der gegenseitigen Wertschätzung und im Vertrauen in die jeweilige Arbeit des anderen entwickeln. Mit dem Antreffen einer Arbeitsbasis auf gleicher Augenhöhe lässt sich leichter die Gefahr einer möglichen Instrumentalisierung der Kulturarbeit für touristische Zwecke hintanstellen.

Bliebe noch die Frage nach den Ressourcen zu stellen: Mit steigender Bedeutung der Kulturarbeit im Tourismusbereich müsste ja folgerichtig auch eine Steigerung der kulturellen Mittel einhergehen. Wie sich dies aus dem Kultur- und Tourismusbudget gestalten lässt, könnte in naher Zukunft möglicherweise relevant werden.

Dietmar Nigsch war bzw. ist Kaufmann, Kellner, Sozialarbeiter und Schauspieler. 1988 gründete er das Projekttheater Vorarlberg, seit 2004 ist er künstlerischer Leiter des Walserherbst Festivals.

Anmerkung

Der vorliegende Artikel ist – nach Beiträgen von Juliane Alton (Heft 2/2012) und Martin Fritz (Heft 3/2012) – der dritte Teil eines Kulturrisse-Debattenforums zum Thema „Kultur(förder)politik und Tourismuswirtschaft“.

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