Wie tief sind urbane Furchen? — IG Kultur

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INHALT 04/2012

 

Wie tief sind urbane Furchen?

Bente Gießelmann

Ein Projektbesuch in Maribor, Kulturhauptstadt Europa 2012.

Unterstützung marginalisierter Gruppen – Am Rand furchen

„Die drei Stapel Papier sind grad auf dem Weg nach Belgrad, um noch einmal überarbeitet zu werden. Dann gibt es ein Wörterbuch Romanes-Slowenisch, das war der Wunsch der Roma-Community“, erläutert Shemsedin den Stand der Dinge für das Wörterbuch-Projekt. Er ist selbst Rom und arbeitet in dem Urban-Furrows-Projekt mit, das auf Forschung und Unterstützung für Roma und andere ethnische Communitys fokussiert. Wir sitzen in einer kleinen Kavana (Kaffeehaus) am Marktplatz in Maribor. Drei Mitglieder aus dem Team der Urban Furrows (Urbane Furchen) erzählen von den Projekten und Erkenntnissen ihrer Arbeit im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas. Urban Furrows ist eine von vier Gruppen, die in einem Fünf-Jahres-Plan Projekte entworfen haben und in einem Zeitraum von zwei Jahren (2011-2013) durchführen. „Im Gegensatz zu den anderen Gruppen haben wir Projekte nur auf dieser Seite des Flusses, denn hier leben die Menschen und Gruppen, mit denen wir arbeiten wollen“, sagt Matej, Koordinator der community-garden- und seed-library-Projekte. Maribor ist die zweitgrößte Stadt Sloweniens, auch innerhalb Sloweniens als Transit-Ort, „Stadt zum Durchfahren“ gesehen, und hat durch Emigration und Arbeitsmarktsituation mit einigen strukturellen Problemen zu kämpfen – „Slovenia is currently facing an economic, financial, energy, environmental and food crisis“.

„Alternative und autonome Produktion“ ist das Dach und der Name des frisch eingeweihten Centers (CAAP), in dem die bestehenden Projekte untergebracht werden. Urban Furrows ist ein multidisziplinäres (Forschungs-)Team, das in diesem Jahr sechs Projekte in den Bereichen alternative Lebensmittelproduktion, Biodiversität, Antidiskriminierung und Empowerment von Communitys initiiert und begleitet hat. Die Arbeit mit Roma und Migrant_innen sowie die community-gardens habe ich mir im September angeschaut und mit Mitgliedern von Urban Furrows über Ansätze und Umsetzungen gesprochen.

Wir fahren mit den Rädern durch die neueren Stadtteile, vorbei an den ersten Siedlungen für migrantische Bahnarbeiter_innen, die schon seit 20 Jahren saniert werden sollten, zu einer neuen Blocksiedlung, in der ungefähr 90 Roma-Familien leben. Sie wurden aus verschiedenen Wohngegenden in diese Wohnungen „vermittelt“ – gegen ihren Willen. „Es finden Segregationsprozesse statt, die die Roma selbst absolut nicht wollen. Aber weil diese Bauten so wie Sozialbauten funktionieren, also günstige Mieten haben, und die meisten Roma in dieser Gesellschaft durch schlechte Jobs und Diskriminierung in Bildungswesen und am Arbeitsmarkt ein geringeres Einkommen haben, passiert faktisch eine Segregation“, erklärt Matej. Auf dem Rückweg ist an eine Mauer in roter Farbe „cigani RAUS“ gesprayt.

Kulturpolitik und Migrationsgesellschaft – Gesellschaft gemeinsam beackern

Neben der Zusammenarbeit mit der Roma-Community thematisieren Urban Furrows Migrationspolitiken und die Situation von Migrant_innen und Asylwerber_innen in Slowenien. Abends stoße ich zu Anton* und Dhakil*, die das weitere Vorgehen gegen die Abschiebung von Dhakil besprechen. Er ist vor Jahren aus dem Iran geflüchtet und durch die Dublin-Regelungen von Norwegen und Deutschland wieder nach Slowenien gekommen. In drei Tagen wird sein Antrag auf Aufenthalt entschieden – entweder der Vater eines einjährigen Kindes wird abgeschoben oder bekommt eine Erlaubnis für sechs Monate Aufenthalt. Auf den Schutz von Kindern und das Zusammenbleiben von Familien oder Lebensgemeinschaften nimmt das slowenische Recht (noch) keine Rücksicht – genauso wenig wie das österreichische oder deutsche Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht übrigens. Seit Monaten wird Dhakil von Mitgliedern der Urban Furrows unterstützt, um seinen Aufenthalt zu erkämpfen. Slowenien beschreibt Anton als Transitland – viele der Antragsteller_innen auf Asyl und Staatsbürgerschaft gingen bald in andere Länder wie Italien oder Deutschland. Asylbehörden versuchen, Flüchtlinge, die im Rahmen von Dublin-II von Slowenien aufgenommen werden müssten, durch bürokratische Funkstille abzuweisen oder sie in illegalen Aktionen an die Grenze und in Nachbarländer zu bringen. Gesetze sind sehr unzureichend auf die gesellschaftliche Chancengleichheit, „Integration“ und Teilhabe von Migrant_innen ausgerichtet.

Später am Abend gehen wir in eine Schattentheater-Performance, die von einer Gruppe Schüler_innen im Rahmen der living courtyards – der lebenden/belebten Hinterhöfe – stattfindet. Es ist eine Geschichte von Orientierungslosigkeit, Industrie und Urbanität, von clowneskem Spiel in der Stadt. Später ruft die Freundin von Dhakil an und berichtet, dass er mit starken Bauchschmerzen in die Notaufnahme gefahren worden sei – sie versuchen nun, mit dem abgelaufenen Ausweis vom detention center eine medizinische Erstversorgung zu bekommen. Menschen mit ungeregeltem Aufenthaltsstatus bekommen weder Arbeitserlaubnis noch Krankenversicherung.

Das Rhizome Collective, im Rahmen dessen Tomaz (Urban Furrows) Studien und Empfehlungen zur Verbesserung der Situation von Migrant_innen initiiert hat, arbeitet mit der Methode des militant research. „Wir haben ein Projekt zur Situation von migrantischen Arbeiter_innen gemacht. Unser Job waren das Vorwort und die Übersetzung der Erfahrungen in eine akademische Sprache. Sie haben in freier Erzählung ihre Situation und Probleme aufgeschrieben und sogar Empfehlungen und Vorschläge gemacht. Wir haben das Ganze so in die Studie aufgenommen, Forderungen daraus erarbeitet und an die zuständigen staatlichen und administrativen Stellen geschickt.“ Trotzdem sei die Grenze zwischen „für“ und „mit“ Migrant_innen Arbeiten schwer zu ziehen und auch durchzuführen, meint Tomaz. Migrant_innen werden von Anfang an in paternalistisch funktionierende Institutionen und NGOs gebracht und zum Warten gezwungen, während man ihnen jede Initiative in gesetzlich legitimierter Form verunmöglicht. So entstehe bei vielen eine Haltung, die ein „Arbeiten mit“ schwer mache und dazu führe, dass Tomaz die Formulare eben doch schnell allein ausfüllt. „Viele halten die Füße still, bis sie die Staatsbürgerschaft haben – das macht politische Arbeit schwer und ist trotzdem verständlich in diesem repressiven System, wo Migrant_innen auf Dokumente und Erlaubnisse angewiesen sind.“

Partizipation – wessen Acker?

Am nächsten Tag fahre ich mit Matej zu den community-gardens, einem Projekt, welches in einer Gegend mit vielen Wohnblöcken innerhalb eines Jahres verwirklicht wurde. Der Garten, in dem 81 Personen oder Familien 50 oder 100 Quadratmeter zur Verfügung haben, ist voll mit Gemüse und Blumen, ein umzäunter bunter Fleck zwischen Wohnblocks und Wiesen am Stadtrand. Es gibt kleine Holzhäuser für Geräte, Gemeinschaftsflächen und ein Gemeinschaftshaus. Interessent_innen waren schon von Anfang an gefunden, sodass in der konkreten Gestaltungsphase des Gartens fast alle Interessierten bereits mitwirkten. Auf der Warteliste stehen heute 40 Namen. Die Idee ist, Menschen in der Stadt eine Möglichkeit zur (teilweisen) Eigenversorgung zu geben und einen Bezug zu selbst angebauten Lebensmitteln (wieder) herzustellen. Der Garten ist vollständig nach ökologischen Kriterien (eco-gardening) gestaltet und bepflanzt. „Es dürfen nur organic seeds hier verwendet werden. Weil das schwer nachzuprüfen ist und einige Gärtner_innen die Saat doch irgendwo kaufen und nicht von einer Stelle, wo man lokale organische Saat bekommt, lassen wir den Garten jährlich von der Universität prüfen.“

Genau diesen Punkt kritisiert Mojca, die Urban Furrows eine Zeit lang begleitet hat und einige Projekte kennt. „Urban Furrows ist kein grassroots-Projekt. Das sieht man beispielsweise am community-garden, wo doch relativ wohlhabende Familien ihren Garten haben und nicht etwa Roma oder Migrant_innen. Das Projekt wurde, auch aufgrund des engen Zeitrahmens der Kulturhauptstadt Europa, eher implementiert als wirklich aus den Lebenszusammenhängen entwickelt. So kommt es, dass Leute dabei sind, die nicht wirklich überzeugt von einer biologischen Anbauweise sind, und man muss es kontrollieren. Dieser Garten ist mit einem Budget von 100.000 Euro entstanden, das macht einen Unterschied.“ Ein anderes Beispiel sei die Versorgung von Kindergärten und Schulen mit ökologischen Produkten aus der Umgebung – „es wurden nicht die Bauern/Bäuerinnen angesprochen, die das eh schon tun und durchaus für die Idee zu begeistern waren, sondern andere ,überzeugt‘, ökologisch anzubauen. Dadurch sind einige Konflikte entstanden“, erzählt Mojca. Der Rahmen von Kulturhauptstadt Europa als temporärem Projekt bringt tatsächlich in Bezug auf Langfristigkeit, Community-Orientierung, Zielrichtung und Verteilung von kulturpolitischen Initiativen zahlreiche Probleme und Konflikte mit sich. „Cancel capital of culture“ versucht Mojca diese Probleme auszudrücken und auch auf einer strukturellen Ebene des Projektes zu verorten. Sollte man die Kulturhauptstadt Europa abschaffen?

Eingesparte Kulturförderungen – Harter Boden

Auch wenn Zeitrahmen und Förderrichtlinien Projekte mit dem Anspruch auf langfristige und aus den Communitys entwickelten Projekten sehr schwierig oder unmöglich machen, so haben Urban Furrows doch versucht, genau hier einen Bruch mit „Kultur“ zu machen und Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik zu verstehen. Urban Furrows wollen keine konsumierbaren Events veranstalten, sondern mit einem gesellschaftskritischen Anspruch soziale und ökologische Projekte initiieren – beispielhaft und am besten dauerhaft. Wie Mojca beobachtet, ist es aber eben sehr schwierig, innerhalb eines kurzen Zeitraumes langfristige Projekte zu starten – das brauche viel Vertrauen, genaues „Erforschen“ der Bedürfnisse und Diskussionen.

Bis November hatte das Urban-Furrows-Team, welches noch bis Juni 2013 zusammenarbeiten wird, ein kleines Büro in der Innenstadt. Gerade ist das CAAP (Center for Alternative and Autonomous Production) fertig renoviert und ausgebaut – dort untergebracht werden mehrere Teilprojekte als Organisationen, ein Kooperativen-Laden und ein Veranstaltungsraum sowie Infopunkt. Ob sich alle Projekte, nachdem es die Förderung nicht mehr gibt, selbst erhalten können, ist fraglich und wird sich zeigen. 2012 haben allerdings lokale kulturelle Projekte und NGOs mit weniger Budget als zuvor gearbeitet – das sei der bleibende Eindruck der Kulturhauptstadt Europa, erzählt Tomaz. Das Projekt wird zu je einem Drittel von der EU, vom Land und der Stadt Maribor bezahlt – welche bis September nicht überwiesen oder Budgets für 2012 gestrichen hat. „Von 2007 bis 2010 ist viel Zeit vergeudet und viel Geld in Infrastruktur gesteckt oder in NGOs umgelegt worden. 2012 haben die Initiativen von der Stadt einfach keine Förderung bekommen für ihre dauerhaften Projekte – laut Stadt gab es ja die Kulturhauptstadt-Förderung. Die kann allerdings nicht für den laufenden Betrieb, sondern nur für zusätzliche Projekte verwendet werden.“ Auch Urban Furrows musste 2011 massiv Projekte kürzen und hat zwei aus ihrem Plan gestrichen. Und trotzdem: Ein inspirierendes „Manifest“ stand am Anfang der Urban-Furrows-Aktivitäten – „es ist, innerhalb kürzester Zeit, alles noch vielfältiger und interessanter geworden, als wir uns am Anfang gedacht haben“, grinst Tomaz.

Bente Gießelmann lebt in Wien und studiert Kulturwissenschaften und Pädagogik.

Literatur

Urban Furrows-Website (Slowenisch)
Urban Furrows Manifest (nur als Website)
Zur Eröffnung des Center for Alternative and Autonomous Production (CAAP) PDF

Anmerkung

(*) Zu den Namen: Einige Namen wurden verändert, um Personen, die zum Beispiel im Bereich Flüchtlingspolitik aktiv und von Repression betroffen sind, nicht zu gefährden.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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