Strafanstalt — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 04/2011

 

Strafanstalt

Martin Wassermair

Wer die Avenue Kakatare an ihrem stadtauswärts gelegenen Ende nach rechts verlässt, erreicht nach einigen hundert Metern die Haftanstalt von Maroua. Diesen Weg nahm auch der deutsche Botschafter in Kamerun, der sich im März 2011 für ein paar Tage aufmachte, um sich im entlegenen Norden des Landes näher umzusehen. Im Gefängnis konnte er sich ein Bild davon machen, dass aus Mitteln des Bundesministeriums für Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in bauliche Maßnahmen investiert worden war, um dem sanierungsbedürftigen Verwahrungstrakt zur dringend gebotenen Instandsetzung der desolaten Dachanlage zu verhelfen. Auf engstem Raum sind hier mehrere hundert männliche Häftlinge zusammengepfercht, die – vor allem angesichts der Hitze im ersten Jahresdrittel – ein trostloses Dasein fristen. Unter ihnen befinden sich Taschendiebe, Schlägertypen, organisierte Wegelagerer und auch vier Kapitalverbrecher, deren Todesurteil bislang niemand vollstrecken wollte.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit trat kurzfristig in Aktion, nachdem in der Regenzeit die Opfer-Zahl der Cholera-Epidemie unter den Häftlingen geradezu dramatische Ausmaße angenommen hatte. Das Telegraphenamt der benachbarten Avenue Kakatare wurde aber auch deshalb hellhörig, weil der Kameruner Strafvollzug bei näherer Erforschung auf die Spuren der deutschen Kolonialzeit führt. Im Gegensatz zur späteren französischen Inbesitznahme des Territoriums legte das Wilhelminische Kaiserreich bis 1916 großen Wert darauf, zivilrechtliche und erstinstanzliche Entscheidungen in der Hand einer lokalen Gerichtsbarkeit zu wissen. Dass damit nicht das moderne Verständnis einer dezentralen Gewaltenteilung Anwendung finden sollte, wurde spätestens im Februar 1903 ersichtlich, als Joseph Fugger von Glött, der Leiter der deutschen Residentur Adamaua, wenige Meter vor dem Lamidat einem Attentat zum Opfer fiel.

Die Chroniken erzählen davon, dass der vergiftete Pfeil eines von Emir Subeira entsandten Fulbe-Kriegers eigentlich Graf Fuggers Amtsvorgänger hätte treffen sollen. Der war aber von der Kolonialabteilung wenige Wochen zuvor aus Maroua abberufen worden, um die individuelle Geltungssucht unter den deutschen Schutztruppen im Norden des Landes wieder etwas einzudämmen. Der langjährige Richtungsstreit, wie nachdrücklich die Knute der deutschen Herrschaft zum Einsatz kommen soll, machte für die Unterworfenen in der Folge keinen Unterschied. Die Vergeltungsmaßnahmen setzten kurz nach Fuggers Tod alle Rechtsbestände außer Kraft und forderten ihren blutigen Tribut. Nicht nur der Emir wurde mitsamt seiner Gefolgschaft gejagt und brutal dahin geschlachtet, auch mit dem Polizeichef von Maroua machte ein militärisches Standgericht wegen angeblicher Mitwisserschaft kurzen Prozess.

Es ist nicht überliefert, ob die Vorfälle vor mehr als einem Jahrhundert beim Besuch des Botschafters zur Sprache gekommen sind. Ebenso wenig kann das Telegraphenamt davon berichten, dass im hohen Norden auch nur ein Mahnmal an die Gräuel der deutschen Kolonialjahre im „Fünfundzwanzigerland“ erinnert. So wurde Kamerun zu Beginn des 20. Jahrhunderts geheißen. 25 Stockhiebe galten als die gesetzlich normierte Sanktion für den einheimischen Disziplinarverstoß. Ganz allgemein bescherte die eiserne Faust dem Alltag vor allem Steuern, Prügel und Zwangsarbeit – dem Handel mit Kolonialwaren jedoch ein florierendes Geschäft. Damit bleibt abschließend die Frage offen, ob vielleicht ein Gefängnisinsasse dem deutschen Botschafter bei seinem Besuch in Maroua etwas von später Gewinnausschüttung zugemurmelt hat.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien