Tür und Tor — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Tür und Tor

Radostina Patulova

Die Roma-Dekade samt feierlicher Beteuerungen geht langsam zu Ende. Ursprünglich hieß sie übrigens Decade of Roma Inclusion 2005-2015, die Inklusion ging anscheinend „lost in translation“, und wir dürfen (uns) fragen, inwieweit dadurch für Roma Tür und Tor zu gesellschaftlicher Inklusion geöffnet wurden.

Türen und Tore führen jedoch ein eigenes und eigenwilliges Leben. Kürzlich fiel mir dazu ein Büchlein in die Hände: „Türe öffnen. Draußen und drinnen, ein Ratgeber für Ahnungslose“, stand da schlicht, das Cover in der nüchternen Aufmachung der 1980er Jahre gehalten. Folgende Begriffsbestimmung ist der definitorischen Leistung des Buches verpflichtet: „Türen sind variable Flächenteile, die an Hohlkörpern zu dem Zwecke angebracht wurden, Menschen oder Objekten auf Veranlassung und durch Lenkungen von ersteren den Eintritt oder den Austritt zu gestatten.“ Um die Auseinandersetzungen des Buches zu würdigen und weiter zu treiben, muss hier gefragt werden, ob es nur verschiedenste Türen und Tore gibt, oder ob auch verschiedenen Menschen bzw. Gruppen von Menschen unterschiedliche Türen und Tore offen bzw. geschlossen zu deren Nutzung zur Verfügung stehen.

Einige Menschen wachsen auf, gehen durchs Leben und werden sogar greis, ohne je mit Tür und Tor in Berührung gekommen zu sein, zuweilen sogar ohne sie bemerkt zu haben. Weil sie sich in Räumen bewegen die – symbolisch gesprochen – mit automatischen Türen ausgestattet sind. Sobald man hereinritt, schaltet sich schon ein Bewegungsmelder, eine Lichtschranke oder eine ähnlich nützliche Einrichtung ein – und schwups, die Tür steht schon geöffnet, und man ist ohne Müh und Not ins ersehnte oder auch einfach als Ziel gesetzte Innen gekommen. Andere hingegen dürfen ein erfahrungsreiches Leben führen und sämtliche Türtypen von außen kennenlernen: getarnte und unsichtbare Türen, solche ohne Klinken und mit festklemmenden Scharnieren oder Türen, die so schwer sind, als wären sie Burgtore; solche, die sich gar nicht öffnen lassen oder aber die Flügel plötzlich aufschlagen; solche, die leicht ausschauen, sich später aber als Drehtüren entpuppen, die einen – wie in den guten alten Stummfilmen – erfassen und mitreißen, bis man in der klaustrophobischen Glaszelle eingeschlossen ist, die weder ein Außen noch ein Innen zulässt und vor allem einem horizontal aufgestellten Hamsterrad drohend ähnlich wird …

Wem stehen also Tür und Tor offen und wem eben nicht? An welchen Türmechanismen liegt es, dass einige hineinspazieren und andere es nicht mal gebacken kriegen, die Tür zu öffnen? Was erwartet sie, wenn sie es doch schaffen? Falls hier der Verdacht auf Rhetorik aufkommt, machen wir es ein Stück expliziter und konkreter: Wie sind solche Türen ausgestattet, wenn es auf der Schwelle – z. B. in einem EU-Strategiepapier in der englischen Originalversion – noch von der Inclusion von Roma die Rede ist – das heißt immerhin gleiche Rechte bzw. Zugang zu Ressourcen –, im Deutschen aber plötzlich von Integration? Wer soll sich wie integrieren, wenn es um eine (nationalstaatliche) Minderheit geht, die seit 600 Jahren im deutschsprachigen Raum lebt? Wie viele Generationen müssen gezählt werden, bis man integriert ist? Ist es genug, bis Gutenberg zurück zu zählen, oder soll sicherheitshalber doch bis Adam und Eva zurückgezählt werden, bevor die ominöse Tür wie die sagenumwobene Sesamtür sich – natürlich nur für die gut in das Geheimnis der  Integration Integrierten – öffnen darf? Die Roma-Dekade neigt sich dem  Ende zu.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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