Alle bleiben! (*) Eine Roma-Renaissance — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Alle bleiben! (*) Eine Roma-Renaissance

Marty Huber

Ein junger Mann in schwarzer Lederjacke, weißem Hemd und roter Krawatte betritt ein von Unkraut überwachsenes Stadium. Er beginnt eine Rede über die Sehnsucht nach den in der Shoa ermordeten und vertriebenen jüdischen Mitbürger_innen. Sie fehlten in dieser Gesellschaft, eine Gesellschaft, die, auf sich selbst zurückgeworfen, wie eine weiße Leinwand ist, auf die nur weiße Farbe aufgetragen wird. Er fordert in vehementer Rede die Rückkehr von 3,3 Millionen Jüd_innen, die in ihr Land Polen zurückkommen sollen. So beginnt Yael Bartanas Biennale-Beitrag 2011, eine Videoinstallation, mit der sie den polnischen Pavillon in eine Propagandamaschine verwandelte. Mit ihrer provokanten, im November in der Wiener GarageX gezeigten Installation, die ein jüdisches – nicht nur das zionistische Denken subvertierendes – „Heim nach Polen“ zu etablieren vermag, stellt die Künstlerin eine andere (polnische) Welt in Aussicht; eine, die der jüdischen Diaspora ebenso wie dem Zionismus eine Tür öffnet und den immer noch schwelenden europäischen Antisemitismus herausfordert: das Recht, in Europa zu Hause zu sein. Yael Bartana geht im Manifest der von ihr gegründeten „Jüdischen Renaissance Bewegung“ noch weiter, wenn sie den Redner sagen lässt: „Mit nur einer Religion können wir nicht hören/Mit nur einer Farbe können wir nicht sehen/Mit nur einer Kultur können wir nicht fühlen/Ohne Euch können wir uns nicht einmal erinnern/Schließt Euch uns an, und Europa wird überwältigt sein!“

Yael Bartanas Einsatz von Pathos und propagandistischer Ästhetik ist – mit kalkulierter Absicht, wie ich meine – der Versuch, Ansprüche auf Heimat neu zu verhandeln. Braucht es eine Nation, die für – wie auch immer definierte – Gruppen entsprechenden Schutz bieten kann, oder braucht es Gesellschaften, die erst durch das Bewusstsein der Diversität in ihren Bevölkerungen eine friedvolle, solidarische Gemeinschaft ermöglichen? Die Videos haben mich durch ihre offen gelegten Ambivalenzen aber auch deshalb auf eine weitere Weise berührt, weil ich sie nur ein paar Tage nach der Konferenz Romanistan. Crossing Spaces in Europe zu sehen bekam. So wurde selbst dort die Frage nach einem Nationalstaat für Roma, Sinti, Lovara etc. heftig diskutiert. Zum einen ist der Wunsch nach einem gemeinsamen Staat aus Sicht einer Bevölkerungsgruppe, die immer wieder als „staatenlos“ erklärt und all ihrer Rechte beraubt wurde, verständlich. Zum anderen gibt es vehemente Kritik innerhalb der Community, dass diese Forderung erst recht Antiziganismus, Pogrome und Vertreibungen auslösen bzw. verstärken könnte. Erst 1993 wurden die seit Jahrhunderten in Österreich lebenden Roma als Volksgruppe anerkannt – angesichts der fast völligen Auslöschung und Vernichtung der österreichischen Roma während des Porajmos (Romanes für „das Verschlingen“), der Verfolgung durch die rassistische Nazi-Ideologie, ein wichtiger und dennoch kleiner Schritt.

Was aber, wenn wir die Intervention der „Jüdischen Renaissance Bewegung“ ernst nehmen und auf die Migration von Roma aus Drittstaaten anwenden? 200.000 bis 500.000 Roma und Sinti wurden während des Porajmos in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis ermordet. Niemand kann diese Toten ersetzen, aber insbesondere Österreich und Deutschland als postnazistische Länder müssen – ihnen wie auch den europäischen Jüd_innen gegenüber – ihre Verantwortung wahrnehmen und antisemitische wie antiziganistische Tendenzen durch entsprechende Zuwanderungspolitiken und Strukturänderungen Rechnung tragen, die eine verstärkte Partizipation von Roma ermöglichen.

Anmerkung

„Alle bleiben“ ist eine Bleiberechts-Selbstorganisation von Roma www.alle-bleiben.info

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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