Hegemony and Heteronormativity. Revisiting „The Political“ in Queer Politics
Der Titel beschreibt das Buch als Projekt: mit „Hegemonie“ und „Heteronormativität“ zwei Schlüsselbegriffe auf den Tisch zu legen, um dann – entlang der beiden Begriffe und im Feld der Spannung zwischen ihnen – zu fragen, was „das Politische“ queerer Politiken ist und was das Queere an einer Konzeption des „Politischen“.
„Das Politische“ verweist, darauf besteht Susanne Lummerding in ihrem Beitrag, auf genau jene (sprach-)logisch begründete Dimension einer fundamentalen Kontingenz und Ambiguität jeder Setzung, jeder Wirklichkeit und damit auch jeder Politik. So schlägt sie vor, queer als analytische Kategorie zu verwenden, mit der die unlösbare Spannung zwischen der Notwendigkeit, eindeutig zu sein, und einer immer bestehenden, immer wirksamen und daher auch zu nutzenden Ambivalenz bezeichnet werden kann. Daraus leitet sich aber auch ab, dass ein queerer, das heißt identitätskritischer Diskurs nicht das eindeutige Gegenteil dominanter, identitärer Diskurse ist, sondern immer auch in sie verwickelt, immer kompliz*innenhaft an ihnen beteiligt – das ist Ausgangspunkt aller im Buch versammelten Beiträge. Auf eine derartige Verwickeltheit verweist z. B. der kritische Begriff des Homonationalismus, der benennt, wie gegenwärtig im globalen Norden/Westen erhobene Forderungen um die Gleichstellung und Gleichberechtigung lesbischer, schwuler, intersexueller, bisexueller und transsexueller Lebensformen oft an der Reproduktion nationalistischer und rassistischer Politiken des Nordens/Westens beteiligt sind. Auf eine Kompliz*innenschaft genau dieser Kritik aber als einer im Norden/Westen formulierten an eben dessen Vorherrschaft weisen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan hin. Denn diese Kritik werde oft von einer Universalisierung der Interessen von Queers of Color des Nordens/Westens begleitet. Zudem monopolisiert diese sich als imperialismuskritisch verstehende Konstruktion diasporischer oder im Globalen Süden lebender Queers of Color als „Opfer“ (eines queeren Imperialismus) neuerlich Handlungsfähigkeit bei jenen, die in der Ersten Welt mit Bürger*innenrechten und harter Währung ausgestattet seien.
Auf die profunde Verwickeltheit queerer mit neoliberalen Politiken weisen zahlreiche Beiträge hin: Denn die expansive Kraft neoliberaler Formen beruht gerade auf ihrem integrativen Potenzial und das heißt auf Offenheit, Inkonsistenz, auf paradoxalen Gleichzeitigkeiten – all dies Qualitäten, deren Forcierung queere Politiken längst mit den Anforderungen eines sich als allumfassend gerierenden Kapitalismus teilen, der den Einzelnen abverlangt, Ambiguität, Heterogenität, radikale Kontingenz und Prekarität als Grundlage ihres Lebens zu akzeptieren. Teil dieser mit Neoliberalismus bezeichneten gesellschaftlichen Prozesse sind aber eben auch Flexibilisierungen und das heißt auch Öffnungen und Verschiebungen der Definitionen des Normalen und des Abnormen – das zeigt Kateřina Kolářovás Arbeit über ein Skript neoliberaler Inklusion von Behindertheit. Das bringt uns schließlich zu Konsens und Begehren als jeweils zentrale Kategorien einerseits der Hegemonietheorien (Konsens) und andererseits queerer Heteronormativitätstheorien (Begehren). Im Spannungsfeld dazwischen liest Volker Woltersdorff BDSM-Praktiken als Formen der Dramatisierung der libidinösen Mechanismen der Hegemonie, und Antke Engel denkt Konsens als Begehrensmaschine, wobei Begehren sich hier auf irreduzible Andersheit richtet (und nicht nur auf bestimmte Identitäten).
Mit weiteren Beiträgen von Lisa Duggan, Randi Gressgård, Gundula Ludwig und Michael O’Rourke.
María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan, Antke Engel (Hg.): Hegemony and Heteronormativity. Revisiting „The Political“ in Queer Politics. Farnham u. a.: Ashgate 2011
