Roma als Grenzgänger_innen Europas — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 04/2011

 

Roma als Grenzgänger_innen Europas. Oder Regeln und Vorschriften sind dazu da, umgangen zu werden.

Teodora Tabacki

Da wir hier auf dem alten Kontinent langsam und mit großer Verspätung anfangen, uns mit unserem eigenen „Social Rights Movement“ zu beschäftigen, werde ich versuchen, entlang der Schriften von Édouard Glissant (1986) über die Kreolisierung der Welt („Le Discours Antillais“, zugleich schön und etwas verwirrend auf Deutsch unter dem Titel „Zersplitterte Welten“ veröffentlicht) eine Geschichte der Emanzipation in skizzierter Form zu übersetzen. Ich gebe zu: Ich habe dafür kein Mandat, und alles wird „komplett erfunden“ sein. Es wird die Rede von Roma bzw. Menschen sein, von den Träger_innen einer inhärent kosmopolitischen Perspektive, die – über den Atlantik versetzt – mit der kreolischen Tradition aus der Karibik vergleichbar wäre. Europa wird sich dagegen als eine andere Figur aus den Antillen entpuppen, nämlich die des „Blanc Matignons“: aus Generationen von Inzucht unter französischen Großgrundbesitzer_innen entstandene und schwer bewaffnete weiße Enklave in konstanter Panik vor ihrer Umgebung. Und es wird schließlich die Rede von Bewegungen sein, die solch völlig perverse Identitätskonstruktionen trotz aller Ausrüstung allmählich erodieren.

Inspiriert von Michel Foucaults Konzeption von „Parrhesia“, die er in seinen Berkeley-Vorlesungen von 1983 entwickelte (vgl. Foucault 1996), und dem Ethos der „Kriegsmaschine“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari (1974, 1992), möchte ich versuchen, der unumgänglichen Strategie der Inklusion/Integration etwas entgegenzusetzen und die bereits verbreitete europäische Panik vor diesem Spuk der schwärmenden NomadInnen zu verstärken. Das ist selbstverständlich – genau wie Fluchen – eine leere und nicht ernst zu nehmende Drohung. Doch gerade solche Drohungen können sehr wirksam werden, wenn sie einmal aufs schlechte Gewissen der Täter_innen treffen. Ich will damit nicht sagen, dass man Roma/Menschen ausgeschlossen halten sollte, oder dass reale Individuen aus dieser „Minderheit“ irgendeinen Auftrag zu erfüllen hätten, sondern dass wir von gesellschaftlicher Partizipation erst dann reden können, wenn alle den gleichen Zugang zu Ressourcen haben. Und es wäre naiv zu glauben, dass die Herrschenden ihre gesellschaftlichen Privilegien freiwillig aufgeben. Es geht mir nämlich darum, eine Selbstermächtigung über die Grenzen des Erlaubten hinweg und über die missionarische Logik (anklagen, aufklären, überzeugen) hinaus zu denken. Ich glaube nämlich nicht so sehr an das Einfordern von gleichen Rechten (und schon gar nicht des Rechts auf die Teilnahme an der repräsentativen Demokratie), sondern an die Anerkennung einer universellen Bastard- und Migrant_innenlage. Es sei denn, man nimmt die Verwurzelungsmetapher wörtlich und pflegt noch einen gewissen Stolz darauf, „Kartoffel“ zu sein. Aber lasst uns erst die Akteur_innen vorstellen:

Roma/Menschen

Die bis heute erhaltene und dem Sanskrit ähnliche Sprache (und angeblich auch die Genforschung) verweisen auf den indischen Subkontinent als ihr „Herkunftsland“. In Ermangelung schriftlicher Dokumente lässt sich nur vermuten, dass ihre Migration nach Europa zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert begann und Verfolgung als Beweggrund hatte. In Europa stammen die ersten schriftlichen Erwähnungen der „Unberührbaren“ aus dem Byzanz des 13. Jahrhunderts, und seither kumuliert ihre Geschichte weitere Beispiele der Verfolgung: von 500-jähriger Sklaverei in Walachien und Moldawien, über verpflichtendes Rasieren des Kopfhaars in Frankreich, Vertreibungen und Hinrichtungen in England, Kinderraub, Zwangsarbeit und ethnischer Säuberung bis hin zum Porajmos, also dem Völkermord an den europäischen Roma im Zweiten Weltkrieg.

Über Generationen in Europa „sesshaft“ lebende Roma/Menschen nehmen bereitwillig Landessprachen, Religionen und Alltagskulturen auf. Da sie jedoch meist ein sichtbares Zeichen der Alterität tragen, sind sie sowohl den Angriffen der „braunen Mobs“, als auch rassistischer „Normalität“ (Bürokratie, Justiz, soziale Not, Alltagsrassismen in Beruf, Schule und Wohnhaus etc.) ausgesetzt. Sie funktionieren in der Regel als Projektionsfläche entweder für kulturelle Paranoia, für gutmeinenden Paternalismus oder für entpolitisierende Zwangskulturalisierung. Ob es sich dabei um Schreckensbilder von „Parallelgesellschaften“, um sozialhygienischen Wahn von sich ausbreitenden „Ghettos“ oder um Naturmetaphern von „Wellen“ und „Strömen“ handelt, um kolonial-manierierte „Sorge“ und ebensolchen „Beistand“ oder um Exotisierung der nobles sauvages mit musikalischem Talent – am Umgang der „Mehrheitsgesellschaft“ ist das rassistische Muster deutlich zu erkennen.

Europa

Es ließe sich behaupten, dass koloniale Expansion, Gewalt und Diskriminierung keineswegs das Gegenteil der Rationalität darstellen, sondern gerade im Fundament des modernen Subjektbegriffs stehen. Initiiert von Renée Descartes in der Philosophie und Sir Isaac Newton in der Wissenschaft etabliert die rationalistische Revolution das neue Paradigma der Vermessung und Eroberung der Welt. Genau wie die Spaltung zwischen Körper und Geist unüberwindbar wird, werden auch unterschiedliche Systeme als inkommensurabel betrachtet. Der zweite wesentliche Bruch zur Renaissance ist der Übergang vom Partikularen zum Universellen. In einer Welt, die allmählich kolonial globalisiert wird, werden Gesetze mit universalistischer Prätention formuliert, und der bisher implizite Respekt für den anderen wird mit den neuen Strategien der Domination unvereinbar. Foucault hatte wahrscheinlich Recht zu sagen, dass der Nationalsozialismus die neuen, seit dem 18. Jahrhundert etablierten Machmechanismen bloß zum Paroxysmus treibt.

Rassismus ist in den Strukturen des Nationalstaates (und folglich auch der supranationalen EU) verankert und beginnt mit dem Satz „ … vor dem Gesetz sind alle Staatsbürger gleich“. Wie ein Wasserzeichen schimmert durch jede (und nicht nur Deutschlands) Handlung seit 1945 Auschwitz – Toleranzpathos, Integration und Dialog sind bloß paternalistische Herrschaftsinstrumente. Die „Toleranzschwelle“ ist schon immer überschritten (besonders wenn man sich nicht mit dem Niedrigstlohn zufrieden gibt), es ist eine sich immer wiederholende Geschichte: Ob es sich dabei um Araber_innen, Afrikaner_innen oder eben Roma handelt, die Zuschreibungen von „Faulheit“, „Triebhaftigkeit“ und „Gewalttätigkeit“ aus Kolonialzeiten bleiben erhalten. Das deutsche Selbstverständnis (wie auch das französische usw. – das ist wahrscheinlich eine par excellence germanische Macke) beruht auf romantischen Ideen wie Blutrecht, Kulturnation und Volksgemeinschaft. Gesetzlich geregelte Menschenjagd (oder polizeiliche Morde) sind keine Anomalien in der sonst egalitären Gesellschaft, sondern die Normalität/Regel.

Grenzen

Wie wir aus Deleuzes Analyse gelernt haben, ist der Kapitalismus untrennbar vom Nationalstaat, der die Grenzen kontrolliert, für eine gewisse Halbdurchlässigkeit – bzw. für eine differenzierte Handhabung verschiedener „Flüsse“ – sorgt, die absolute Mobilität des Kapitals mit einer möglichst regulierten Sesshaftigkeit der Arbeit verbindet und als conditio sine qua non die Profitmaximierung durchsetzt. Damit erklärt sich die unglaubliche Gewalt, mit der die der Migration innewohnende, objektiv kosmopolitische Forderung nach Freiheit mit dem Gebot der Kontrolle über die Arbeitsbewegungen zusammenstößt.

Alle modernen disziplinären Institutionen und die ganze Polizeiwissenschaft widmen sich dem „Anormalen“. Die Abwehr der als Vagabund_innen bezeichneten Armen war und bleibt eine allgemein akzeptierte Vorgangsweise (noch heute existiert in Frankreich das Vagabund_innengesetz, dem zufolge sich jede Person ohne fünf Euro Bargeld in der Tasche strafbar macht): „Code de l’Indigenat“ aus dem Jahr 1874 sanktionierte behördlich u. a. „aufständische Handlungen“ und die „Beleidigung von Repräsentanten der Obrigkeit“. Als Zeichen der Kontinuität des Polizeistaates können die Aufenthaltsgenehmigungen jederzeit wegen nebulöser „Gefahr für die öffentliche Ruhe und Sicherheit“ entzogen werden. Im „Europa ohne Grenzen“ wurde die Kontrolle nur disseminiert und allgegenwärtig. (Immer neue bilaterale Verträge mit „Herkunftsländern“ sollen reibungslose Abschiebungen ermöglichen.) Privatstatistisch bleibt das polizeiliche Interesse erwartungsgemäß auf Busreisende und nicht auf Vielflieger_innen gerichtet. In vergleichbarer Form ist die antimuslimische Hetze in der Schweiz gegen Flüchtlinge aus Bosnien gerichtet, während die Züricher Hoteliers gleichzeitig mit täglich wechselnden Halal-Menüs versuchen, Ölmagnat_innen zu locken. Der Kapitalismus war trotz weitverbreiteter Illusionen nie liberal, sondern staatlich.

Und zurück zu Glissant

Eine ethnische Identitätspolitik, die die binäre Logik des „wir“ und der „anderen“ nicht verlassen kann und im rassistischen Manichäismus gefangen bleibt, scheitert gerade, weil sie so einfach erfolgreich ist. Die divide-et-impera-Segregation der „Betroffenen“ macht es unter anderem möglich, dass Millionen von den Armen an die Reichen transferiert werden, um die Spekulationslöcher zu stopfen. Reformistischer Zynismus des Bürgertums ist immer mit dem vulgärsten Faschismus gekoppelt.

Es gibt keine partielle Emanzipation und keine Freiheit in der Reaktion, man muss die Politik als Prozess ohne Subjekt denken und aus verschiedenen Kampferfahrungen rhizomatische Verbindungen herstellen. Erst die Zusammensetzung unterschiedlicher Gruppen von Verbannten lässt eine wirklich internationalistische Erfahrungsgemeinschaft ohne chauvinistische Hintergedanken entstehen. Eine kritische Gegenmacht bildet sich, wenn die Nicht-Zugehörigkeit in neue Zugehörigkeiten aufgebrochen werden kann und die vermeintliche Heimatlosigkeit der Befreiung von Heimat Platz macht (María do Mar Castro Varela).

Gewiss streben viele Roma/Menschen danach, als „einfach normal“ wahrgenommen zu werden und sich niemals mit der Politik beschäftigen zu müssen. Und nichtsdestoweniger sind viele Erfahrungen und Überlebensstrategien aus dem unfreiwilligen Exodus – vom Misstrauen gegenüber dem Staat, über Solidarität und Verwandtschaft jenseits der Kleinfamilie bis hin zur verschlüsselten Kommunikation – universell politisch nützlich. In populistischen Zeiten, die aufs Engste mit der Delegitimierung der politischen Macht verbunden sind, bleiben Reden mit den Nachbar_innen und das initiale Betreten des Rasens die Voraussetzung für ein kollektives Revolutionär-Werden. Der generalisierte soziale Ausschluss macht die fundamentale politische Frage um Gerechtigkeit immanent.

Was schließlich alternative staatliche Projekte angeht, fing ich bei der Konferenz Romanistan. Crossing Spaces in Europe, die von 25. bis 26. November 2011 in Wien stattfand, an, davon zu delirieren, wie ganz plötzlich und über Nacht alle EU-Flaggen in Brüssel, Straßburg und im world wide web mit romanistanischen ersetzt werden – und dann auch die ganze europäische Administration mit kostenlosem Wohnen und freier Bildung und Gesundheit für alle. Wissensaneignung und Dekontamination von der Angst gegenüber den Herrschenden sind bereits der Kern der Rebellion. Ich hoffe, den Rest übernehmen die „IT-Expert_innen“;).

Teodora Tabacki engagiert sich seit den 1990er Jahren für verschiedene Menschenrechtsorganisationen sowie im Bereich der Minderheitenrechte und lebt derzeit in Paris und Berlin.

Literatur

Deleuze, Gilles/Félix Guattari (1974 [1972]): Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt/M.

Deleuze, Gilles/Félix Guattari (1992 [1980]): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin.

Foucault, Michel (1996 [1983]): Diskurs und Wahrheit. Berkeley-Vorlesungen 1983. Berlin.

Glissant, Édouard (1986 [1981]): Zersplitterte Welten, Der Diskurs der Antillen. Heidelberg.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien