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INHALT 04/2011

 

die pampa, das facebook und ein jahr der verlorenen wörter

christina nemec

nach 13-stündigem flug landen wir in buenos aires und werden von unserer gastfamilie (juana von den kumbia queers und ihrer mutter) herzlichst aufgenommen. das flugzeug war, wie wir der durchsage entnehmen konnten, ausgebucht. jedes flugzeug war ausgebucht. alle fliegen oder immer weniger flieger fliegen, daher sind jetzt alle flieger viel voller – auch der umwelt zuliebe –, und ich traue meinen augen nicht, die passagier_innen der ersten klasse dürfen im flugzeug in einem extrakammerl rauchen.

schuldenbremse – das war gestern. da war ich noch in berlin; war die schuldenbremse schon der kanonisierung des begriffs krautrock gewichen; und der frage, wie weit die musik in den white cube reichen soll und ob dann z. b. aus techno e-musik werden würde, wenn nur genug hirngeschmalzt wird. wenn virtuosität den maschinensound ablöst.

krautrock als utopie: ein podiumsgast, akademisch geprüft, schüttelt den kopf über die attestierte naivität des künstlers. ich sitze am podium in hundertfacher ausführung und rolle. und damit eigentlich – attestiert – völlig dem anekdotentum verbunden – oder den sogenannten fakten. wie ist das denn, mit dem arbeiten und mit der kunst oder und mit dem überleben in diesem feld? und mit der versicherung?

nix da, sagt susanna, meine freundin, und raucht sich am balkon eine an. wir sind jetzt in argentinien, wir performen mit vielen freund_innen und fahren die nächsten zwei wochen sorgenfrei durch die pampa. wir wohnen ja in der pampa.

rauf aufs dach zum swimmingpool. wir fühlen uns wie jetlagged allstars.

vor einigen tagen noch hätte ich mich aufgeregt über die nachrichtenmoderationen der zib2, ich will keine formulierungen, die mit „sogar“ oder „sogenannte“ beginnen. ich will keinen sido, der der gescheiteste österreicher sein soll. sido bei grissemann und stermann und dann mit charlotte roche – ich sehe es mir an, obwohl mir dabei langweilig ist. eine postfeministin, die es den alten feministinnen zeigen will, und ein rapper, der in österreich zu den integren intellektuellen hochgelobt wird – wobei grissemann ihn eh amwadelbeißt! und jägermeister trinkt der sido. ja, weil der jägermeister den zweck eines guten alkohols erfüllt, er macht schnell betrunken, wenn schnell getrunken. spaßbremsen alle, sagt charlotte, alle spaßbremsen. schuldenbremsen alle, sagt fekter, alle schuldenbremsen.

am podium wird diesmal nicht gebremst, da die energie schon vor der öffnung des panels fürs publikums verpufft ist. niemand stellt mehr fragen, niemand will sich mit den experten messen. die zeit der verlorenen wörter bricht an. widerspruch nicht geduldet. definitionsmacht rulez!

hier sitze ich neben dem balkon, die sonne brennt, alles ist grün und der himmel ist hellblau. der taxifahrer hat uns mit seinem engagement sehr weitergeholfen, unsere destination zu finden. die sprache findet rasch ihren rhythmus in unseren köpfen und körpern. und wir lachen bei dem gedanken, dass es fast 200 cordobas gibt auf der ganzen welt. so und damit können wir getrost ins 12er jahr gehen, wir haben ja weder was zu verschenken, noch was zu verlieren.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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