„Kein kolonialistischer Akt“ — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

„Kein kolonialistischer Akt“. Ein unbehaglicher Ausstellungsbesuch

mit Sylvia Köchl

Angelo Soliman, dessen wahrer Name unbekannt ist, wurde um 1721 möglicherweise im Gebiet der heutigen Sahelzone geboren. Als er sieben Jahre alt war, wurde er von Sklavenhändlern seiner Familie geraubt und etwa ein Jahr später einer sizilianischen Adeligen verkauft, die ihn auf den Namen „Angelo Soliman“ taufen ließ. Als er 13 Jahre alt war, kam er als „Geschenk“ in den Besitz des österreichischen Feldmarschalls, Waffenherstellers und Gouverneurs von Sizilien, Fürst Lobkowitz, 1754 in den Besitz des Fürsten und Kaiserberaters Liechtenstein in Wien und wurde Kammerdiener, später Kammerherr. 1764 gewann er bei einem Glücksspiel so viel Geld, dass er unabhängig hätte leben können. Er kaufte heimlich ein Haus in Wien und heiratete Magdalena Kellermann. DienerInnen hatten jedoch kein Recht zu heiraten – SklavInnen schon gar nicht –, und als die Ehe bekannt wurde, wurde er entlassen. Damit endete sein Status als rechtloser Sklave.

Vier Jahre später kam die Tochter Josephine zur Welt. 1781 wurde Soliman Mitglied der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, die radikal die sozialen Verhältnisse kritisierte. Soliman selbst engagierte sich für die Rechte der DienerInnen. Am 21. November 1796 erlitt er einen Schlaganfall und verstarb. Bereits zuvor hatte der Direktor des k.k. Hofnaturalienkabinetts, Abbé Simon Eberle, um Erlaubnis angesucht, Haut und Knochen von Soliman zur Herstellung eines „Stopfpräparats“ überlassen zu bekommen. Nur eine Woche nach seinem Tod war das Präparat bereits fertig und sollte nun zehn Jahre lang ausgestellt werden. Danach wurde es wie einige andere menschliche Präparate auch im Depot des Kabinetts verwahrt, wo es während der Unruhen 1848 verbrannte. Josephine Soliman hatte zuvor vergeblich versucht, die Herausgabe der restlichen Körperteile zu erreichen. Trotz der Unterstützung durch die katholische Kirche, da Angelo Soliman ja getauft war, wurde ihr das verweigert.

Ein „geglücktes Migrantenleben“

Die aktuelle Spezialausstellung des Wien Museums Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien beginnt mit dem einzigen Porträt, das nachgewiesen Angelo Soliman zeigt. Darauf trägt er einen weißen Turban und einen Ohrring, seinen Gehstock ziert eine Löwenfigur, im Hintergrund sind Pyramiden und eine Palme zu erkennen. Im einleitenden Text heißt es: „Der gesellschaftliche Aufstieg eines schwarzen Sklaven zu einer geachteten Wiener Persönlichkeit ist auch die Geschichte eines geglückten Migrantenlebens. Voraussetzung dafür war bedingungslose Anpassung.“ Und damit beginnen schon die Probleme dieser Ausstellung, die sich zum Ende hin häufen werden. Die traumatisierende Verschleppung und Versklavung eines Kindes, das anschließende Verkaufen und Verschenken als „Migration“ zu bezeichnen, seine Lebensgeschichte dann auch noch als „geglücktes Migrantenleben“ zusammenzufassen, ist der reine Hohn. Daran ändert auch der Verweis auf die notwendige „bedingungslose Anpassung“ nichts, die noch dazu wiederum Solimans Leistungen, etwa als Freimaurer, konterkariert.

Sehen wir uns die Ausstellung nun gemeinsam an. In Teil 1, Wie Europäer sich Afrika vorstellten, beschäftigt sich eine eigene kleine Kammer mit jener Gegend, in der Soliman vielleicht geboren wurde. Ausgestellt sind Leihgaben des Museums für Völkerkunde: Waffen, Kleidung, rituelle und Haushaltsgegenstände, die zwischen 1880 und 1950 (!) datiert sind. Dazu Philipp Blom, neben Eva-Maria Orosz Kurator der Ausstellung: „Die Objekte müssen in einer Spannung arrangiert sein. (...) Man kommt von den Fantasiekonstruktionen der Europäer und sieht dann Einblicke in eine islamische Kultur Afrikas, die nichts mit Tanzmasken und Fetisch-Symbolen zu tun hat, sondern ästhetisch sehr geometrisch, abstrakt und nüchtern ist.“ (dastandard.at) Worüber die Objekte aber v. a. etwas aussagen, ist eine offenbar bis heute im Westen so wahrgenommene Geschichtslosigkeit, oder besser gesagt, sich nie verändernde Geschichte Afrikas. Was sonst haben kulturelle Objekte aus einem Zeitraum von 1880 bis 1950, deren Herkunftsgeschichte noch nicht einmal angedeutet wird (wurden sie regulär erworben oder gestohlen und von wem?), mit der Kindheit von Angelo Soliman 160 oder 230 Jahre zuvor zu tun?

Alles, was die Bestände hergeben

Nach einem erhellenden Kurzabriss der Geschichte der Sklaverei nach Europa betreten wir den nächsten Teil der Ausstellung, die wohl zeigen soll, welche Verhältnisse, Ansichten und Bilder Angelo Soliman vorfand, als er nach Europa kam. Der Raum wird beherrscht von mehreren großen M***-Figuren, meist in der Darstellung als Kaffee servierende, orientalische Diener. Riesige Gemälde zeigen adelige Frauen mit ihren exotisierend ausstaffierten „M***-Kindern“, die hier Prestigeobjekte und Accessoires gleichermaßen sind. Die Kinder wurden mit Beginn ihrer Pubertät aus den reichen Häusern hinausgeschmissen, Armut und Obdachlosigkeit waren die Folgen. Der einzige Ausweg der männlichen Sklaven war der Kriegsdienst – auch Angelo Soliman war mindestens 20 Jahre lang Soldat.

Aber muss denn alles, was die Bestände hergeben, auch ausgestellt werden? Selbst wenn es sich um offen rassistische Objekte handelt, und zwar nicht nur aus heutiger Perspektive, denn die Objekte wurden ja hergestellt, um die europäische Überlegenheit zu demonstrieren? Die Bilder, auf denen Angelo Soliman selbst zu sehen ist, bzw. die Zeugnisse der Zeit zu seinem Leben klären gut genug darüber auf, dass er, egal in welcher Stellung er sich befand, immer auch als „exotisches Objekt“, als Objekt von Imaginationen dienen musste. Nie trägt er zeitgenössische Zivilkleidung oder eine normale Dieneruniform, stets muss er zumindest einen Turban und Pluderhosen tragen.

Kalkulierte Schauer

In jenem Raum, in dem seine letzten Jahre dargestellt sind, taucht völlig unvermutet ein Zitat aus einem Brief von Angelo Soliman auf. Wir gehen noch einmal durch die Ausstellung zurück: Haben wir übersehen, dass dieser Brief bereits zuvor zitiert wurde? Sind Briefe von ihm schon als Quelle genannt worden? Nein, wir haben uns nicht getäuscht – dieses eine Zitat taucht einfach so auf, ein oder zwei Sätze, die nicht einmal eine besondere Aussage haben. Waren seine Briefe langweilig? Wie viele Briefe sind erhalten geblieben? Enthalten sie denn gar nichts, was Aufschluss darüber gibt, wie er selbst sein Leben und die Gesellschaft, in die er gewaltsam geworfen wurde, betrachtete? Oder sind sie geprägt von der erwähnten „bedingungslosen Anpassung“, geprägt von einer taktischen Vorsicht seinen Besitzern und der potenziell feindlichen Umgebung gegenüber? Wir können nur raten, denn darüber verliert die Ausstellung kein Wort. Angelo Soliman konnte nicht nur lesen und schreiben, er sprach sechs Sprachen, war vor seiner Pensionierung Erzieher fürstlicher Kinder. Wie hätte die Ausstellung bisher auf uns gewirkt, wenn an ihrem Beginn ein Zitat von Soliman gestanden wäre statt der Reproduktion des zeitgenössischen europäischen Blicks auf Afrika?

Der vorletzte Teil beschäftigt sich mit seinem Tod und der anschließenden Leichenschändung. Vor uns steht ein hoher Vitrinenschrank, daneben eine leere Kulisse mit aufgemalter Landschaft – und ein wohl sorgfältig einkalkulierter Schauer läuft uns über den Rücken. Mit Lendenschurz, Federkrone und Muschelketten bekleidet stand hier nämlich das „Stopfpräparat“ aus der Haut Solimans. Der Kampf seiner Tochter Josephine um die Herausgabe der Überreste ihres Vaters wird zwar genau nachvollzogen, am Ende des Raums jedoch stehen wir vor neun weißen Kopfabgüssen verschiedener Menschen, von denen einer Angelo Soliman zeigen soll. Diesen Abgüssen beigestellt ist ein menschlicher Schädel, auf dem Hirnregionen und ihre Bedeutung für den Charakter gemäß der Schädellehre von Franz Joseph Gall eingezeichnet sind – nebst dem Hinweis, dass Kopfabgüsse prominenter Persönlichkeiten ganz normal waren. Noch einmal Philipp Blom: „Dr. Gall (…) sammelte alle Menschen, die außergewöhnlich waren, auch gute Wissenschaftler zum Beispiel. (…) Der Abguss war also kein kolonialistischer Akt.“ (dastandard.at) Seltsam nur, dass unter den neun ausgestellten Kopfabgüssen gar keine Prominenz vertreten ist – das Außergewöhnliche, das Gall hier sah, war offensichtlich nur der Umstand, dass diese Menschen nicht dem europäischen Mehrheitsaussehen entsprachen.

Revision harmonisch

Was nun noch folgt, ist ein wilder Galopp durch die kommenden Jahrhunderte – erneut gespickt mit rassistischen Bildern, z. B. der „Völkerschauen“ der Jahrhundertwende, aber auch von Werbesujets, Plakaten und Kinderbüchern des 20. Jahrhunderts. Ab den 1920er Jahren wurden vereinzelt kritische Texte (auch zu Angelo Soliman) in Österreich publiziert, zunehmend befassten sich KünstlerInnen mit dieser Geschichte. In der Chronologie der Ausstellung sollte jetzt aber eigentlich ein Bruch thematisiert und v. a. als solcher benannt werden, nämlich jener Moment, ab dem Schwarze ÖsterreicherInnen begannen, diese Geschichte selbst zu erforschen, zu interpretieren, aufzuzeichnen und mit verschiedenen Mitteln publik zu machen. Aber nur so, indem alle antirassistischen Interventionen, die mehr oder weniger direkt mit den Themenkreisen rund um Angelo Soliman zu tun hatten, in eine Kontinuität gestellt werden, erreicht die Ausstellungsdramaturgie einen versöhnlichen Ausklang: Spätestens seit den 1960er Jahren kämpfen weiße KünstlerInnen und zunehmend Schwarze AktivistInnen und WissenschaftlerInnen in schöner Eintracht gegen den rassistischen Normalzustand.

So löblich es ist, dass die Ausstellung z. B. den Tod von Marcus Omofuma und die Operation Spring erwähnt und mit der Anti-Meinl-Aktion sowie anderen Arbeiten der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte endet, so nett Büchertisch und Rahmenprogramm auch sind – das alles ändert nichts an den aufgezeigten „Fehlleistungen“ der Ausstellung. Bevor wir sie jedoch verlassen, sehen wir uns Videostatements mehrerer Schwarzer ÖsterreicherInnen und MigrantInnen von heute an, die uns ihre Überlegungen zur Frage „Wie wäre Angelo Solimans Leben in Österreich heute?“ mitteilen. Er wäre kein Sklave mehr, die Sklaverei wurde in Österreich 1811 abgeschafft, aber sonst hätte sich für ihn nicht viel geändert. Seine gesellschaftlichen Chancen wären genauso gering, er müsste sich heute genauso in einer Umgebung zurechtfinden, die von strukturellem und offenem Rassismus geprägt ist, in der er immerwährend als „anders“ im negativen Sinn wahrgenommen wird und in der er aufgrund seiner Hautfarbe unter ständiger Beobachtung steht.

Noch einmal der einleitende Text der Ausstellung: „Bis heute ist er eine Projektionsfläche: Je nach Perspektive Vorbild und Opfer, bürgerlicher Aufsteiger und ewiger Sklave.“ Schwingt hier etwa die Klage darüber mit, dass Geschichtsschreibungen politische Prozesse sind? Dass wir sie nicht den HistorikerInnen überlassen sollten?

Das „Unbehagen im Museum“ war jedenfalls enorm.

Sylvia Köchl ist Redakteurin der an.schläge.

Anmerkung

Angelo Soliman – Ein Afrikaner in Wien
Mehr Infos unter: www.wienmuseum.at

Quellen & Literatur:

dastandard.at/1317018919963/Ein-Afrikaner-in-Wien-Es-gibt-viele-Angelo-Solimans (Interview mit Philipp Blom, 30.9.2011)

dastandard.at/1317018901861/Angelo-Soliman---Ein-Afrikaner-in-Wien-Der-Mensch-hinter-dem-Mythos (Güler Alkan, 30.9.2011)

diepresse.com/home/panorama/integration/694682/Angelo-Soliman_Umstrittene-Symbolfigur (Niko Katsivelaris, 20.9.2011)

www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/11/23/wdr3-wdr5-zeitzeichen-soliman-wien.xml (Radiobeitrag von Heiner Wember, 23.11.2011)

Belinda Kazeem, Charlotte Martinz-Turek, Nora Sternfeld (Hg.) (2009): Das Unbehagen im Museum. Postkoloniale Museologien. Wien.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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