„Float like a butterfly, sting like a bee“ — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

„Float like a butterfly, sting like a bee“. Zum Theaterstück Gipsy Stop Dancing von Romano Svato.

Marty Huber

Dass Sport immer schon  mehr als ein Schauplatz des (körperlichen) Kräftemessens ist, liegt auf der Hand, gibt es doch seit geraumer Zeit zahlreicher werdende Analysen zu Männlichkeitsproduktion, zu Fragen des Nationalismus und der Identitätsstiftung und dergleichen mehr. Sport ist aber nicht nur die Arena der Mächtigen, des Hegemons, sondern auch eine derer, denen Machtansprüche regelmäßig verwehrt und abgesprochen werden. Beispiele von Interventionen gibt es zahlreiche in der Geschichte, wie etwa der polemische Begriff des „Muskeljuden“, der von Max Nordau geprägt wurde und der Effemination, also Verweiblichung von jüdischen Männern durch antisemitische Diskurse entgegen wirken sollte. Nordau rief zur körperlichen Ertüchtigung auf, was zu zahlreichen Gründungen von jüdischen Sportvereinen wie der Hakoah Wien (Hakoah bedeutet Kraft) führte.

In Erinnerung rufen möchte ich weiters eines der vermutlich bekanntesten Bilder einer olympischen Siegerehrung, die gehobenen Fäuste von Tommie Smith und John Carlos – kurz nach der Ermordung von Martin Luther King jr. und Bobby Kennedy – als Zeichen des stillen Protestes und der Black Power. Beide Athleten wurden suspendiert und mussten die Heimreise antreten. Der dritte am Podest, der Australier Peter Norman, trug aus Solidarität eine Plakette der Menschenrechtsbewegung Olympic Project for Human Rights (OPHR).

Die Geschichte eines Boxers als historische Folie

An dieser Stelle gäbe es einiges zu den Strömungen des Caporeiras zu sagen, eine als Tanz getarnte Kampfsportart, aber das ist eine andere Geschichte und dennoch eine mögliche Überleitung zu Gipsy Stop Dancing, denn das Stück ist eine Aufforderung, den Tanzboden des Klischees der musizierenden und tanzenden Roma und Sinti zu verlassen und sich auf die Matte eines Boxringes zu bewegen. Es ist die Erstproduktion des von Sandra Selimovic und Simonida Jovanovic gegründeten Theatervereins Romano Svato, der sich mittels politischem Engagement und emanzipatorischen Ansätzen aus unterschiedlichen Perspektiven Diskriminierungen und Vorurteilen annähern will.

Zu Beginn des Stückes wird das Publikum an die Geschichte des Sinto Johann Rukeli Trollmann erinnert, ein deutscher Boxer (trainiert vom jüdischen Boxer Erich Seelig), der 1933 – noch bevor die Nazis an die Macht kamen – den Deutschen Meister im Mittelgewicht gewann. Der von Nazis bereits durchsetzte Boxverband verweigerte ihm den verdienten Meistertitel, weil ihm sein „tänzerischer“ Stil ein Dorn im Auge war („zu undeutsch, zu zigeunerisch“). In einem von Nazis regulierten und inszenierten Kampf zwischen Trollmann und Gustav Eder war es Trollmann verboten, seinen Stil zu boxen, sich durch flinke Bewegungen Treffern zu entziehen und auf Distanz zu kontern. Aus Protest kam Johann Rukeli Trollmann mit blond gefärbten Haaren und weiß gepudertem Körper. Er verlor nicht nur den Kampf, der die Überlegenheit der „arischen Herrenrasse“ aufzeigen sollte, sondern alsbald auch seine Boxlizenz. Im Zweiten Weltkrieg wurde Trollmann von der Wehrmacht eingezogen, 1942 verhaftet und ins KZ Neuengamme verfrachtet, wo er nach einem gewonnenen Schaukampf vom besiegten Kapo mit einem Prügel erschlagen wurde.

Wenn sich Geschichte wiederholt …

Diese historischen Ereignisse dienen als Folie für das weitere Stück, das sich in der Folge um eine Romni in Ungarn dreht, die Boxmeisterin werden will. Nur Ungarn erscheint gerade als unpassender Ort für eine Romni, um eine Boxkarriere zu machen. Als ob die Boxerin als Frau und Lesbe nicht schon genug Schwierigkeiten ins Auge zu fassen hätte, verschlimmert sich die Situation für Roma in Ungarn auch noch zusehends. Der Boxverband versucht, sie zu korrumpieren, aber sie verweigert sich dem Erpressungsversuch und gewinnt schließlich den Meistertitel. Wiederholt sich die Geschichte, fragen sich die beiden Gründerinnen von Romano Svato, die den Text gemeinsam mit Nehle Dick (Regie) entwickelt haben? Steuert Ungarn auf eine Katastrophe zu, die darauf abzielt, Roma wiederum als nicht integrierbare, asoziale, den „Staatskörper“ gefährdende Menschengruppe zu stigmatisieren?

Leider versäumt es die Inszenierung, hier mit Treffsicherheit zu kontern. Nur kurz wird die Aktualität der Übergriffe in den Videos (Alexandra Reill) aufgegriffen, dabei könnten sich gerade an dieser Aktualität des Themas das Stück und der Kampf um Anerkennung entbrennen. Die rechtsextreme Partei Jobbik, die durch ihre Vorschläge, Gettos für Roma zu erbauen oder Zwangsarbeit unter Aufsicht von pensionierten Polizist_innen einzuführen, für Aufregung sorgte, marschierte im Frühjahr 2011 durch die Roma-Siedlung von Gyöngyöspata und verbreitete mit der „Bürgerwehr für eine schönere Zukunft“ Angst und Schrecken, bis sie die Regierungspartei Fidesz zurückpfiff. Mittlerweile ist ein Parteiangehöriger der Jobbik Bürgermeister von Gyöngyöspata. Die Aufmärsche der uniformierten Bürgerwehr sind im Video zu sehen, doch könnten diese Bilder eine bessere Einbettung vertragen, denn die Ernsthaftigkeit der Lage und die Zuspitzung des grassierenden Antiziganismus sind unbestritten. Das Stück selbst versäumt diese Zuspitzung, belässt sie zu sehr im Feld des persönlichen Schicksals der Boxerin. In der Boxsprache ausgedrückt würde sich ein gut ausgeführter Uppercut anbieten, ein kraftvoller Aufwärtshaken gegen einen nach vorne drängenden Gegner – oder eben Muhammad Alis im Titel zitierter „sting like a bee“!

Link

www.romanosvato.at

Marty Huber ist Aktivistin im Lila Tipp, der Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa, Radiomacherin und Sprecherin der IG Kultur Österreich.

 
 

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