„Der siebente Brunnen“ — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

„Der siebente Brunnen“. Fred Wanders Versuch einer anderen Darstellung der Shoah in der DDR-Literatur.

Steffen Rudolph

Mit seiner 1971 in der DDR veröffentlichten Erzählung „Der siebente Brunnen“ hat Fred Wander einen bedeutenden Beitrag zur Darstellung der Shoah in der Literatur geleistet. Zu Unrecht blieb ihm jedoch eine breitere Rezeption verwehrt. (1) Dass seine Veröffentlichung keine größere Wirkmächtigkeit erlangte, lag nicht zuletzt an der Dominanz der spezifischen Geschichtsdeutung in der DDR, die jede Abweichung vom Selbstkonzept sanktionierte oder ihr lediglich den Status einer randständigen Stimme zubilligte. Allein der Bezug auf die NS-Vergangenheit erschien als unmittelbare Positionierung im Diskurs um die Gründungsmythen der DDR (vgl. Rudolph 2011) und gewann vor diesem Hintergrund entschieden an politischer Brisanz. Von besonderem Wert sind daher die Arbeiten von Autor_innen wie Fred Wander, die entgegen der kollektiven Subsumtion der jüdischen Opfer der Shoah unter eine Geschichte des siegreichen Kommunismus über den Faschismus auf der Individualität der Opfer, ihres Lebens und Leidens beharren. Schon darin, dass in Wanders Erzählung mehrere Perspektiven auf die Shoah nebeneinander bestehen können – bspw. eine rabbinische Sichtweise, repräsentiert durch den „Geschichtenerzähler“ Mendel Teichmann, in der die Shoah als Prüfung des jüdischen Volkes ausgelegt wird, ebenso wie eine kommunistische Perspektive, dargestellt durch die „Politischen“ Pépé und Jacques, die alles Leiden dem notwendigen Weg zur Revolution unterordnet –, kann eine Subversion der damals gültigen Imperative der Kulturpolitik konstatiert werden. Insbesondere die Selbstthematisierung des Erzählens lässt dieses beständig reflexiv werden und stellt einer vermeintlich objektiven Wahrheit über den Nationalsozialismus, wie sie die DDR propagierte, die subjektive Authentizität von Wanders Figuren entgegen. Über die Darstellung eines reichen und bunten, unterschiedliche gesellschaftliche Schichten umfassenden jüdischen Lebens bricht Wander zudem die Reduktion der späteren Opfer des Nationalsozialismus auf einen bloßen Opferstatus auf und gibt ihnen damit einen Teil ihrer Menschlichkeit wieder. Ihm gelingt dabei nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Kenntnis der Lagerrealität das, was Walter Benjamin zufolge charakteristisch für den Erzähler/die Erzählerin ist: „Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören.“ (Benjamin 1977: 389)

Der sozialistische Realismus als Leitkonzept

Als normative Bezugsgröße für die Ausgestaltung künstlerischer Arbeiten galt in der DDR bis zu ihrem Ende fast ausschließlich das Konzept des „sozialistischen Realismus“, wobei die Vormachtstellung dieser Doktrin in den ersten beiden Jahrzehnten der DDR am stärksten war. Der Grundgedanke zeigt sich bereits in dem von Josef Stalin 1932 geäußerten Wunsch, die Schriftsteller_innen als „Ingenieure der Seele“ (zitiert nach Westerman 2003: 40) zu instrumentalisieren, die Proklamation folgte anschließend 1934 durch Andrej Schdanow und den Verband der russischen Schriftsteller. Mittels vorbildhafter Darstellungen, positiver Held_innen, der Verklärung der Wirklichkeit hin zu einer Idealisierung des Arbeiter_innenstaats sowie der sozialistischen Produktion sollte auf die Bevölkerung eingewirkt werden, um diese über Identifikationsangebote und Nachahmungsgebote zum Sozialismus zu erziehen. Als „Klassiker“ in der Tradition des sozialistischen Realismus gelten u. a.  Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“ (1932) und Michail Scholochows „Der stille Don“ (1928-1940). Ein Vorbild und die früheste Ausformung findet sich bereits in Maxim Gorkis „Die Mutter“ (1906/1907). Vertreter einer solchen Aufbau- und Produktionsliteratur von teils zweifelhafter Qualität waren in der DDR insbesondere Eduard Claudius, Hans Marchwitza und Erik Neutsch. Mit dieser Doktrin ging zugleich auch eine formale Beschränkung einher, die zu einer Orientierung am bürgerlichen Realismus und der Klassik führte und den Ausschluss moderner, „dekadenter“ Literatur wie Kafka, Joyce oder Beckett aus dem kulturellen Leben bewirkte (vgl. hierzu auch Emmerich 2007 über die Formalismus-Debatte in der DDR). Die Indienstnahme der Schriftsteller_innen gemäß dem Anspruch des sozialistischen Realismus ließ entsprechend die Veröffentlichung ambivalenter, wenn nicht gar gegenhegemonialer Sichtweisen als wenig opportun erscheinen. Nicht zuletzt aufgrund dieser rigiden Kulturpolitik fanden kritische Positionen zum großen Teil nur im Bereich klandestiner Nischen und „illegaler“ Aktivitäten Raum. Dies galt umso mehr, wenn es sich um die Korrektur und Infragestellung offizieller Selbstbilder und Anschauungen handelte.

Desto bemerkenswerter ist es, dass trotz der offensichtlichen Abweichungen von den offiziellen Leitbildern des mythologischen Antifaschismus Wander für „Der siebente Brunnen“ eine der höchsten kulturellen Auszeichnungen der DDR, der Heinrich-Mann-Preis, verliehen wurde. Dennoch, eine öffentliche Kritik an der Darstellung der Befreiung Buchenwalds blieb nicht aus. Das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (KAW) (2) hatte zwar versäumt, die Druckgenehmigung des Buches zu verhindern – ein Schicksal, welches etwa Primo Levis Text „Ist das ein Mensch?“ 1981 widerfuhr –, für eine nachträgliche Diffamierung war man sich jedoch nicht zu schade (vgl. Taterka 2000: 349, 358). Wander blieb in der Folge eine breitere Anerkennung seiner Arbeit weitestgehend verwehrt, was dazu führte, dass Autor und Werk auch heute noch größtenteils unbekannt sind.

Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang auch die Ablehnung einer Verfilmung des Stoffes aus „Der siebente Brunnen“. Nachdem der renommierte Theaterregisseur Alexander Lang bereits eine Übernahme der Regieaufgaben zugesagt, auch die DEFA-Dramaturgen ihre Zustimmung gegeben hatten und selbst der ORF zu einer Kooperation bereit war, wurde durch das Kulturministerium die Verfilmung letztlich doch abschlägig beschieden. Als Gründe gab man hierbei den vermeintlich fehlenden „politischen Aktivismus der Helden“ sowie die Massenuntauglichkeit des ernsten Stoffes an. Darüber hinaus sei die angebliche „Passivität der Figuren“, deren Ursache in ihrer Religiosität läge, „für die antifaschistische Traditionslinie, wie sie die DEFA versteht, nicht verfilmungswürdig“. (Görner 2005: 58)

Fred Wander

Fred Wander, als Fritz Rosenblatt 1914 in Wien geboren, war als Jude in den späten 1930er Jahren in Frankreich inhaftiert worden. Darauf folgte die Deportation nach Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald. Nach der Befreiung ging Wander nach Wien und lebte dort, bis er 1955 als erster Jahrgang am Literaturinstitut Johannes R. Becher (3) in Leipzig ein Studium anfing. Auf die Übersiedlung in die DDR folgten viele Jahre in der „Künstlerkolonie“ Kleinmachnow, die Wander nach mehreren Schicksalsschlägen 1982 wieder verließ, um nach Wien zurückzukehren. Im Jahr 2005, 20 Jahre nach der letzten Ausgabe im deutschsprachigen Raum, erschien „Der siebente Brunnen“ in einer Neuauflage; Wander verstarb 2008. Während der gesamten Zeit in der DDR blieben die Wanders österreichische Staatsbürger_innen, was ihnen einen gleichsam distanzierten Blick von innen auf die DDR ermöglichte und sie vor direkten politischen Repressalien verschonte.

„Der siebente Brunnen“ und das Erzählen der Shoah

Die paradigmatische Ausformung der Rede über die nationalsozialistischen Konzentrationslager in der DDR findet sich in Bruno Apitz’ „Nackt unter Wölfen“. Damit war bereits 1958 alles gesagt, was im Sinne des sozialistischen Realismus – eben als ideologische Überformung einer vermeintlich objektiven Wahrheit – über den Alltag im Lager der Überlieferung wert schien. Genau dieser Verkürzung und Verengung der Shoah auf einen letztlich siegreichen kommunistischen Widerstand versucht Wander mit seiner Erzählung entgegenzuwirken. Schon das erste Kapital „Wie man eine Geschichte erzählt“ beginnt mit der Selbstreflexion über die Kunst des Erzählens, welche von Anfang an in ihrer humanisierenden Qualität begriffen wird. Das Erzählen selbst wird bei Wander zum existenziellen Mittel, ohne dessen humanisierende Kraft kein Überleben möglich scheint. Dabei besitzt die_der Erzählende jene von Walter Benjamin gepriesene Eigenschaft des „Rat wissens“, insofern sie_er weniger eine direkte Antwort auf eine gestellte Frage geben kann, als vielmehr die Vermittlung von Erfahrung ermöglicht. Nicht die Auskunft, die Information, sondern der Rat als „ein Vorschlag, die Fortsetzung einer (eben sich abrollenden) Geschichte angehend“ (Benjamin 1977: 388), steht im Vordergrund.

Hier zeigt sich sogleich die doppelte Funktion des Erzählens: Auf der einen Seite bezieht das Erzählen alle unmittelbar Beteiligten mit ein, ist Form des Widerstands, da es sich der Entmenschlichung und Brutalität der Lagerrealität entgegenstellt – etwa im Beschwören einer gemeinsamen, jüdischen Geschichte, deren Zukunft noch nicht vollkommen unmöglich geworden ist und die dadurch Hoffnung spendet. Allein diese Thematisierung des Jüdischen erschien in der DDR als Affront gegenüber der offiziellen Perspektive auf die NS-Zeit. Auf der anderen Seite erweitert Wander mit der Veröffentlichung seiner Erzählung zugleich den Kreis seiner Zuhörer_innen und macht jene Erfahrung – in den Ansätzen, in denen dies möglich ist – für nachfolgende Generationen vermittelbar. Als überlieferter Text wird dieser selbst zum Zeugnis einer fortbestehenden jüdischen Tradition, deren Vernichtung die Nationalsozialist_innen zum Ziel hatten. Auch Ambivalenzen und Widersprüche bleiben hierbei nicht ausgespart, etwa wenn der 16-jährige, jüdische Kapo Menasse Rubinstein als kalter „Engel mit der Peitsche“ (Wander 2005: 33) in Auschwitz gezeichnet wird, sich später in Buchenwald die Rollen aber verkehren und Rubinstein selbst die unmittelbare Vernichtung durch die SS droht. Ohne ihn zu denunzieren, gelingt es Wander, jenes „infame Band der aufgezwungenen Mittäterschaft“ (Levi 1993: 53f.) darzustellen. Deutlich wird zudem, dass Widerstand nicht für jede Person möglich war, mithin daraus kein Vorwurf zu formulieren ist. In Abhängigkeit von unterschiedlichen moralischen, religiösen oder politischen Positionen, aber auch von körperlichen Verfassungen vermochten die Inhaftierten verschieden lange der Gewalt und Brutalität der Lager zu widerstehen – oder sogar aktiv Widerstand zu leisten. Eine alleinige Fixierung auf diesen Widerstand jedoch verschweigt – um den Blick auf einige wenige Privilegierte (4) willen – den bei Weitem größeren Teil der Opfer.

Wanders Erzählung ist als Zeugnis deshalb bedeutungsvoll, als hier gerade nicht von einer privilegierten Position im Lager aus gesprochen wird – wie etwa bei Apitz, aber auch bei Levi und Jorge Semprún –, sondern jene zu Wort kommen, die kaum eine Chance zum Überleben hatten, da sie keiner illegalen Lagerorganisation angehörten (vgl. z. B. Levi 1993: 14). So gewinnt der Text nicht nur vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte, wo dieser Blick auf die Shoah untergründig an der Demontage verkürzter Leitbilder und verengter Deutungsmuster der Geschichte arbeitete, seine Bedeutung. Vielmehr gelingt Wander mit dem Anspruch, „einigen von den Millionen Toten ihr Gesicht wieder[zu]geben“ (Wander 1996: 241), ein in Anbetracht der abnehmenden Zahl Überlebender der Nazigräuel umso wertvolleres Zeugnis für das kulturelle Gedächtnis der Nachgeborenen.

Fußnoten

(1) Im Gegensatz dazu erreichte Wanders Frau Maxie mit ihrer Veröffentlichung „Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband“ (1977) eine massenwirksame Auflage von 300.000 Exemplaren. Als dokumentarisch angelegtes Buch über Frauen in der DDR kann es als ein Klassiker feministischer Literatur gelten und gibt Wolfgang Emmerich zufolge auch heute noch beredte Auskunft über die gesellschaftliche Situation und den Lebensalltag in der DDR (vgl. Emmerich 2007: 290).

(2) Simone Barck zufolge hatte das KAW als Nachfolgeorganisation des in der DDR aufgelösten Vereins der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) über die „mediale Matrix des Antifaschismus“ (Barck 2003: 193) zu wachen und konnte so entschieden Einfluss auf Veröffentlichungsmöglichkeiten nehmen.

(3) Das 1955 gegründete Literaturinstitut widmete sich in erster Linie der „ideologischen“ Ausbildung der Schriftsteller_innen, bot diesen aber zugleich intern einen gewissen Freiraum. Zu den Gastdozent_innen gehörten in den frühen Jahren u. a. Ernst Bloch, Wieland Herzfelde, Victor Klemperer und Hans Meyer (vgl. Haslinger 2009: 1548).

(4) Mit „privilegiert“ sind hier ohne jede Kritik diejenigen gemeint, die aufgrund ihrer meist politischen Stellung – z. B. Kommunist_innen oder Spanien- und Résistancekämpfer_innen – in den Konzentrationslagern eine Position einzunehmen vermochten, in der es möglich war, die Unterdrückung und Willkür des NS-Systems zumindest in gewissem Maße abzuschwächen. Buchenwald ist insofern besonders, als mehrere wichtige Orte von Kommunisten eingenommen wurden, etwa in der Arbeitsstatistik, wo „Kameraden“ geschont oder Transportlisten geändert werden konnten. Entsprechend war es für Kommunisten einfacher, aktiven Widerstand zu leisten.

Literatur

Barck, Simone (2003): Antifa-Geschichte(n). Eine literarische Spurensuche in der DDR der 1950er und 1960er Jahre. Köln.

Benjamin, Walter (1977): „Der Erzähler“. In: Ders. (1977): Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt/M., S. 385–410.

Emmerich, Wolfgang (2007): Kleine Literaturgeschichte der DDR. Berlin.

Görner, Eberhard (2005): „Der siebente Brunnen von Fred Wander. Die Geschichte eines Films, der nicht gedreht wurde“. In: Grünzweig, Walter/Seeber, Ursula (Hg.): Fred Wander. Leben und Werk. Bonn, S. 47–69.

Haslinger, Josef (2009): „Deutsches Literaturinstitut Leipzig“. In: Hehl, Ulrich von/John, Uwe/Rudersdorf, Manfred (Hg.): Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009. Band 4.2. Leipzig, S. 1542-1570.

Levi, Primo (1993): Die Untergegangenen und die Geretteten. München.

Rudolph, Steffen (2011): „Konfigurationen des Antifaschismus. Aspekte der Literatur über die Shoah in der DDR“. In: Kulturrisse. Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik H.3/Oktober, S. 56–59.

Taterka, Thomas (2000): „,Buchenwald liegt in der Deutschen Demokratischen Republik‘. Grundzüge des Lagerdiskurses in der DDR“. In: Dahlke, Birgit/Langermann, Martina/Taterka, Thomas (Hg.): LiteraturGesellschaft DDR. Stuttgart, S. 312–365.

Wander, Fred (2005): Der siebente Brunnen. Göttingen.

Westerman, Frank (2003): Ingenieure der Seele. Schriftsteller unter Stalin. Berlin.

Steffen Rudolph ist Kulturwissenschaftler und lebt in Hamburg.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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