Allein im Freilichtmuseum — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Allein im Freilichtmuseum. Der kulturelle Stillstand in Bozen zeigt sich auch im Umgang mit Nachtleben und Off-Kultur.

Judith Innerhofer

Herr H. hat heute Morgen vermutlich den falschen Fuß voraus über das Bett in Richtung Pantoffel gemüht. Als dann gegen 11 Uhr auch noch Musikgeräusche aus der Fußgängerzone in Herrn H.s Appartement im Altstadtzentrum schwappen, läuft das Fass der Geduld endgültig über. Herr H. langt nach dem Telefonhörer, wählt die Nummer der städtischen Polizeistelle, der Wortwechsel ist schnell beendet. Und zehn Minuten später auch der „Lärm“ vor den Fenstern. Zwar protestieren auf der Straße nicht nur Musiker, gezielt angetretenes Publikum und zufällige Passanten über den von den Ordnungshütern gezogenen Stecker, sondern auch ein Kulturlandesrat, der die ordnungsgemäß gemeldete Veranstaltung initiiert hatte. Ausrichten können sie gegen Herrn H.s schlechte Laune nichts. Denn in Bozen, Ort des Geschehens, wiegt in der juristischen Angelegenheit „Lärmverschmutzung“ das Empfinden des Einzelnen stärker als das Interesse des Kollektivs.

Bozen ist die Hauptstadt der italienischen Provinz Südtirol. Bozen ist kulturelle Provinzhauptstadt. Nun handelte es sich bei besagtem Vorfall um ein Unterhaltungskonzert, dennoch manifestiert sich daran der Geist im Umgang mit Kultur und Urbanem. Wer in der 100.000-Einwohner-Stadt abseits von Großevents nach Off-Kultur und Nachtleben sucht, bleibt meist einsam im Freiluftmuseum zurück. Live-Musik nach 23 Uhr? Fehlanzeige. Clubs, Lokale, Veranstaltungsstätten, die nach 2 oder 3 Uhr Einlass gewähren? Fehlanzeige, sieht man von Table-Dance-Betrieben und sporadischen Ausnahmen ab. Nachtleben ist in der politischen wie öffentlichen Debatte Synonym für komatrinkende Jugendliche und Randale. Die Lösung sucht man in stets neuen Restriktionen, wie etwa einem Glasverbot in der Innenstadt, während kreative Impulse im Keim erstickt werden.

Kultur als Instrument, Verschiedenheit als Gefahr.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahren durchaus etwas getan. Die freie Szene mag klein sein, aber sie existiert, initiiert und organisiert. Nur wirklich entfalten kann sie sich und damit das kulturelle Leben der Provinz bislang nicht. Für jede noch so kleine Veranstaltung muss unter enormem bürokratischem Aufwand angesucht werden. Ob dem dann stattgegeben wird, entscheidet sich nicht selten erst wenige Stunden zuvor. Transparenz in der Lizenzvergabe fehlt, dazu kommen horrend hohe Abgaben.

Das Problem hinter dem restriktiven Auftreten der Ordnungshüter wiederum sind weniger strenge Verbote, sprich Überregulierung. Vielmehr fehlen Regeln, an die man sich halten könnte. In jüngerer Zeit haben sich Einzelkämpfer, Veranstalter und Künstler zu Interessenvereinigungen wie Safe the Nightlife und Freie Musica/Musik Libera zusammengeschlossen und arbeiten u. a. an rechtlichen Lösungen. Einfach ist das nicht, weil zwischen Staat, Land und Gemeindeebene die Zuständigkeiten dermaßen unklar verteilt sind, dass Behörden und Politiker selbst eingestehen, ihre Befugnisse nicht zu kennen. Der Beamtenwillkür ist damit freie Hand gewährt.

Das nachtkulturelle Sanatorium ist aber mehr als nur einem rechtlichen Dickicht geschuldet. Dahinter steht ein Kulturverständnis, das instrumentell und ausgrenzend ist. Instrumentell, weil Kultur als Dienstleistung für den Tourismus betrachtet wird. Und ausgrenzend, weil die Kulturpolitik noch immer ethnischen Paradigmen folgt. Die Grundfrage lautet: Bringt es dem Tourismus einen Nutzen, oder dient es der Volkstumspolitik? Beides zeigt beispielhaft die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2019. „Kultur und Wirtschaft ist das Thema, an dem sich die Kandidatur orientiert“, hieß es bei der Präsentation, bezeichnenderweise abgehalten in der Verkaufs- und Erlebniswelt eines Weihnachtsengel-Herstellers.

Im selbst gewählten Hinterland Venedigs (die Kandidatur erfolgt im Schlepptau der Regionen im Nordosten Italiens) ist Kulturhauptstadt ein weiteres Etikett, das man zwischen pittoreske Dolomitengipfel auf Werbebroschüren kleben kann. „Wir können zeigen, dass wir nicht nur für Fleiß, für Zuverlässigkeit und für eine einmalige Landschaft stehen, sondern auch für eine sehr lebendige Kulturlandschaft aus Museen, Bibliotheken, Vereinen und Verbänden“, so die deutsche Kulturlandesrätin.

Weil aber die Idee zur Bewerbung der italienischen Kulturabteilung entsprungen ist – ja, es gibt tatsächlich nach Sprachgruppen getrennte Abteilungen für Kultur ebenso wie für Bildung –, hält sich die seit über 60 Jahren praktisch im Alleingang regierende Volkspartei sowieso zurück. Ihr Kulturverständnis, festgehalten im Regierungsprogramm, spricht für sich: „Kultur ist Identität stiftend und daher für ethnische Minderheiten die eigentliche Grundlage ihrer Existenz und ihres Fortbestehens.“ Kultur ist demnach das, was man vor den Anderen schützen muss, verwachsene Wurzel, kein Prozess. Und wenn man sich schützen muss, dann ist soziokulturelle Verschiedenheit, wie sie durch Bottom-Up-Initiativen entstehen könnte, eine Gefahr.

Eng und starr ist hinter den Bergen allerdings nicht nur der politische und behördliche Rahmen. Erstarrt ist auch die Gesellschaft selbst. Das ist ein Resultat eines eigentlich beneidenswerten Zustandes: Wie kaum irgendwo sonst wurden Gelder von der öffentlichen Hand bislang im Gießkannenprinzip (und nach Ethnien getrennt) verteilt. An diese Bequemlichkeit hat man sich so sehr gewohnt, dass Eigeninitiativen oft genau dort stecken bleiben: Man fordert von der Politik nicht Freiraum, sondern Mauern, beispielsweise eine Art Kultur- und Jugendzentrum, das dann bitte doch schlüsselfertig übergeben werden soll, technische Anlagen und Übernahme aller Betriebskosten inklusive.

Es bleibt zu hoffen, dass die Impulse der zuvor genannten Initiativen den festgefahrenen Mechanismen der politisierten Kulturförderung standhalten und ihre kulturelle Dynamik weiter in den urbanen, sozialen und kulturellen Raum hineinwächst. Ansonsten trocknet die Provinz mit ihrer Hauptstadt weiter in ihrer „lebendigen Kulturlandschaft aus Museen, Bibliotheken, Vereinen und Verbänden“ aus.

Judith Innerhofer ist Redakteurin des Wochenmagazins ff.

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