Postdemokratie und Sturschädel — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Neues aus der Kleingartensiedlung: Postdemokratie und Sturschädel

Andi Wahl

Der Winter ist bei uns KleingärtnerInnen ja die ruhige Zeit im Jahr. Da wird höchstens die Gartengerätschaft wieder in Stand gesetzt oder das Saatgut für das kommende Jahr gesichtet. Ansonsten werden Marmeladen und Schnäpse verkostet, liebe Menschen mit Lagerobst versorgt oder Salben und Tinkturen gerührt und destilliert. Kurz, man genießt die Früchte seiner Arbeit.

Wie ich Ihnen ja schon letztes Mal schrieb, haben wir uns in unserem Kleingärtnerverein dazu entschlossen, diesen Winter zur allgemeinen Fortbildung zu nutzen. Etwas großspurig gaben wir diesem Vorhaben den klingenden Namen „wirtschaftspolitische Alphabetisierung“, da wir uns vorgenommen hatten, uns in Fragen der Wirtschaft so fit zu machen, dass uns keiner mehr ein Handelsbilanzdefizit-X für ein Bruttoinlandsprodukt-U vormachen kann.

Und fesche Burschen wie wir sind, haben wir auch gleich losgelegt mit Fachliteraturkauf und ReferentInnensuche. Alles super gelaufen, sozusagen. Bis wir draufgekommen sind, dass da trotz unseres Fleißes viele Fragen doch sehr im Dunkeln bleiben. Man müsste sich, hat der Franz gemeint, um eine Gesamtsicht von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bemühen. Vielleicht so mehr über einen kulturhistorischen Zugang. Oder, hat der Sepp gleich Feuer gefangen, doch mehr  ideengeschichtlich, indem man die ökonomischen Erklärungsmodelle seit dem Merkantilismus genauer unter die Lupe nimmt und mit den jeweiligen technologischen Entwicklungen in Verbindung setzt. Die Rote Hilde hat dann auf den Tisch gehaut und wollte wieder zurück zu ihrem Marx-Lesekreis. Die ganze Sache wurde, gelinde gesagt, ein wenig orientierungslos, sodass wir uns doch wieder den Marmeladen- und Schnapsverkostungen zuwandten. Zumindest für kurze Zeit. Denn dann legte jemand ein Taschenbüchel auf den Tisch. „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ heißt das, und wir haben uns gleich in diese Lektüre verbissen.

Jetzt kennen Sie mich ja schon eine Zeit lang und werden sich sicher schon gedacht haben, dass ich eigentlich nicht so einer bin, der immer gleich jeder neuen Mode hinterher rennt. Denn das mit der Postdemokratie (darum geht es nämlich auch ein wenig in dem Buch) ist ja wirklich schon ein bisserl eine Mode geworden. Ich war ja zu Beginn selber auch skeptisch, aber dann habe ich mir eben gesagt, eine neue Theorie ist eben wie ein neues Werkzeug. Man sollte zuerst einmal schauen, was es kann, bevor man es in die Werkstattecke schmeißt und nie wieder anschaut. Natürlich bekommt man jeden Schrauben auch mit der Kombizange irgendwie auf, aber man wäre blöd, wenn man es täte, wenn daneben ein neuer Schraubenschlüsselsatz liegt. Und so geht es mir auch mit dieser Postdemokratie-Theorie. Die kann wirklich was, auch wenn alle von ihr reden und man schnell in den Ruf gerät, ein Nachplapperer zu sein. Zumindest ich habe schon so manche festsitzende Schraube in meinem Denken damit lockern können. Und das heißt was bei einem Sturschädel, wie ich einer bin.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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