Traditionelle Toleranz und moderne Ängste — IG Kultur

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INHALT 04/2010

 

Traditionelle Toleranz und moderne Ängste

Evgenia Ivanova

Der öffentliche Diskurs in Bulgarien wird von dem wie ein Mantra wiederholten Klischee der traditionellen bulgarischen Toleranz „Anderen“ (Minderheiten, Randgruppen, Außenseitern etc.) gegenüber beherrscht. Die klassischen Beispiele, die dafür herangezogen werden, sind die Rettung der bulgarischen Juden und Jüdinnen während des Zweiten Weltkrieges sowie die „Akzeptanz“ der muslimischen Minderheit, wobei für letzteres Beispiel die Belege ausbleiben. Nach der Gründung des Nationalstaates im Jahre 1878 wurde in Bulgarien tatsächlich, im Gegensatz etwa zu Serbien oder Montenegro, die muslimische Minderheit nicht vertrieben, jedoch fußt dieses Faktum weniger auf einer „traditionellen Toleranz“ als vielmehr auf der vergleichsweise hohen Zahl von Muslim_innen auf den nunmehr bulgarischen Territorien, die wiederum im Vergleich zu anderen südostslawischen Staaten viel länger im innersten Kreis des Osmanischen Reiches gelegen waren. Darüber hinaus war Bulgarien durch eine Reihe internationaler Abkommen zur Toleranz gegenüber den Muslim_innen verpflichtet. In der kommunistischen Ära erhielten die muslimischen Minderheiten sowie die bulgarischen Roma vollständige Bürgerrechte und wurden durch eine Art affirmative action, wie z. B. Minderheitenquoten für die Aufnahme an den Universitäten, vorerst gestärkt. Bevor man dies allerdings unter der „traditionellen Toleranz“ subsumiert, muss man sich in Erinnerung rufen, dass diese Minderheitenpolitik nach dem Motto „Proletarischer Internationalismus“ von Moskau inspiriert wurde. Im ehemaligen Jugoslawien firmierte sie unter den Schlagworten „Einheit und Brüderlichkeit“.

Der Aufstieg des parteiförmigen Nationalismus

Nach der Wende 1989 gab es in Bulgarien keine Entwicklungen wie in Jugoslawien, wofür wiederum das Erklärungsmuster der „traditionellen Toleranz“ beansprucht wurde. Im Gegensatz zu Rumänien, wo stets nationalistische Parteien ca. ein Viertel der Wähler_innenstimmen auf sich vereinigen konnten, gab es in Bulgarien keine nationalistischen Parteien im Parlament. Diese „Tradition“ wurde abrupt und überraschend 2005 durch den Einzug der Ataka-Partei ins Parlament (mit ca. 8% der Wähler_innenstimmen) beendet, deren politische Akteure sich in hohem Maß nationalistischer Instrumentarien bedienten. Bei der von mir 2006 und 2007 durchgeführten Wahlanalyse zeigte sich jedoch, dass die Wahlmotive der Ataka-Anhänger_innen mehr populistischer denn spezifisch nationalistischer Natur waren. Nicht so sehr die antimuslimischen bzw. allgemein minderheitenfeindlichen Stimmungen motivierten diese Wähler_innen, sondern der Elitarismus bzw. Ressentiments gegen die Reichen. In diesem Sinne kann Ataka trotz ihrer Kontakte zu Jean-Marie Le Pen und Alessandra Mussolini nicht unbedingt als klassische rechtsradikale Partei definiert werden. Bei den letzten Parlamentswahlen 2009 machten sich alle Parteien (inkl. der Sozialisten) das nationalistische Instrumentarium der Ataka zu Eigen und bauten überwiegend auf Gegnerschaft und Abgrenzung zur „türkischen“ Partei DPS (Bewegung für Rechte und Freiheiten). Einen konkreten Anlass bot eine provokante Äußerung des DPS-Parteiobmanns Ahmed Dogan, der behauptete, die Regierungshebel in der Hand zu haben. Daraufhin wurde der Begriff „Doganisierung“ – ein Synonym für Korruption und Amtsmissbrauch – in Umlauf gebracht.

Eine grundsätzliche Frage besteht darin, welche Botschaft nun durch das Betonen der Gegnerschaft zur DPS vermittelt wird und wie der Charakter dieser Botschaft definiert werden kann. Ist es eine politische Botschaft, durch die man einer gewöhnlichen gegnerischen Partei die Macht und den Einfluss entziehen will, oder ist es eine ethnisierende Botschaft, die tief sitzende Einstellungen und Traumata (fünf Jahrhunderte unter dem „türkischen Joch“) wieder reaktivieren möchte? Die Analyse der Wahlrhetorik zeigte ein Übergewicht der politischen Botschaft, d. h. die sogenannte „Doganisierung“ wurde mehr als Korruption denn als „Türkisierung“ definiert. Andererseits wurde inoffiziell die Theorie propagiert, dass „die Türken“, die uns „fünf Jahrhunderte lang unterjocht haben“ (und nicht die DPS), wieder regieren und „wir“ erneut unter dem „türkischen Joch“ zu leiden haben. Möglicherweise war es das Ziel der Anti-DPS-Artikulation, antiislamisch und antitürkisch zu wirken, denn eine weitere korrupte Parteispitze würde einfach keine Sensation im politischen Raum darstellen. Wenn jedoch diese Parteispitze eine „fremde“ wäre und sogar die Interessen eines fremden Staates oder (noch angsteinflößender!) irgendeines „radikalen Islams“ verfolgen würde, dann könnte die journalistische Aufregung allmählich auf die Gesellschaft übergreifen.

Dies stand im Zentrum des Skandals über das „Aufdecken des radikalen Islams“ im sonst durch bunte Trachten und attraktive Hochzeitszeremonien bekannten Dorf Ribnowo; die Staatsagentur für nationale Sicherheit schickte Polizist_innen der Spezialeinheit in voller Ausrüstung dorthin, um den Bürgermeister und den Islamlehrer nachts im Pyjama festzunehmen. Die Gründe der Unzufriedenheit mit dem Bürgermeister waren lokalpolitischer Natur. Auf die Frage, warum der Bürgermeister nicht der Korruption beschuldigt wurde, gab ein Dorfbewohner die Antwort: „Wenn wir ihn der Korruption beschuldigt hätten, wäre keiner aufmerksam geworden.“

Dies kann als Indiz dafür gelten, dass die Sensibilität der bulgarischen Gesellschaft, ähnlich zu anderen Orten der Welt, gegenüber den Schlagworten „radikaler Islam“, „politischer Islam“, „Islamischer Fundamentalismus“, „Islamismus“ usw., über die es zumindest in Bulgarien nur sehr vage Vorstellungen gibt, steigt. Es scheint, dass die zur Normalität gewordene Korruption niemanden besonders beeindruckt; umso mehr zeigt aber alles das Wirkung, „was irgendwie mit dem Islam zusammenhängt“ bzw. löst es eine an masochistische Befriedigung grenzende Aufregung aus. Kritisch zu hinterfragen bleibt allerdings die Beteiligung wichtiger staatlicher Institutionen an diesem Spiel mit der Angst.

Der „Batak-Skandal“

Eine solche Beteiligung wurde im April 2007, einige Monate nach dem EU-Beitritt Bulgariens und nur einen Monat vor den ersten EU-Wahlen, unternommen, wobei Personen, die dem Präsidenten nahestanden, involviert waren. Es handelt sich um den sogenannten „Batak-Skandal“, in dessen Fahrwasser staatliche Institutionen, Medien und öffentliche Meinung im Kampf gegen „feindliche Angriffe“ auf ein „nationales Heiligtum“ mobilisiert wurden. Zu „Feinden“ avancierten in diesem Fall zwei Wissenschaftler der Freien Universität Berlin, hinter deren schmalen intellektuellen Schultern Patrioten und Nationalisten ein Komplott Deutschlands und beinahe des gesamten Westens sahen, dessen Ziel die Desavouierung des historischen Ruhmes Bulgariens wäre.

Der sogenannte Angriff war ein bescheidenes wissenschaftliches Projekt (1) mit dem Forschungsgegenstand Batak, einem Ort traumatischer Erinnerung und daher ein bulgarisches „Heiligtum“. Bis zu diesem Zeitpunkt galten die Orte als symbolische Topoi der bulgarischen nationalen Revolution gegen die osmanische Herrschaft im April 1876, in denen der Aufstand ausgerufen wurde (Koprivschitsa, Panagjurishte und Klissura ), und nicht die Orte, wo der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, wie z. B. Batak. Die heroischen Orte, in denen der Aufstand begann, bekamen – als Austragungsstätten der Nationalfeierlichkeiten – eine besondere Symbolik; die traumatische Orte der Pogrome wie Batak hatten lediglich lokale Bedeutung. Im ersten Jahr der europäischen Mitgliedschaft Bulgariens verschoben sich allerdings diese Werte; plötzlich wurde man sich bewusst, dass das Trauma „heiliger“ sein und mehr „Ruhm“ bringen könnte als die Heroik. Daher wurde das Andenken an das Massaker von Batak vom Präsidenten persönlich geehrt, indem er an der Gedenkstätte eine öffentliche „Lektion“ für die gesamte Nation abhielt. Das Ergebnis dieser massiven Propaganda waren Todesdrohungen an die beiden Wissenschaftler, und das erst kürzlich aufgenommene EU-Mitglied Bulgarien zog internationale Kritik auf sich.

Ein paar Monate nach dem Skandal klang das Medieninteresse an der „Heiligtumsschändung“ ab, und in den folgenden Jahren fanden die Gedenkfeiern wieder im April in den bereits gewohnten Orten Koprivschitsa, Panagjurishte und Klissura ohne Anwesenheit des Präsidenten oder anderer politischer Entscheidungsträger_innen statt. Nur die Partei „Ataka“ sowie einige andere nationalistische Bewegungen profitierten länger, aber immer schwächer von dem Kasus „Batak“.

Ein drohendes Ende der „bulgarischen Toleranz“?

Batak war jedoch nicht mit der traumatischen Symbolik des Kosovo zu vergleichen, der Generationen von Serb_innen und ihren Märtyrernationalismus prägte. Die „Schändung des Heiligtums“ konnte nicht genug Märtyrerenergien produzieren, um eine ernst zu nehmende nationalistische Mobilisierung entstehen zu lassen. Immerhin steckt hinter der Erschaffung des Kosovo-Mythos ein jahrhundertlanges Bemühen seitens Ideolog_innen der Nation, die der Bevölkerung das Bewusstsein eines „auserwählten Volkes“ sowie einer Märtyrerheiligkeit suggerierten. Die bulgarischen Ideolog_innen der Nation setzten dagegen immer auf die Heroik und nicht auf traumatische Ereignisse als bevorzugtes Identifikationsmuster. Kollektive Einstellungen diametral zu verändern respektive einen neuen Identifikationscode zu implementieren, gelingt in der postmodernen Gesellschaft auch dem Präsidenten nicht auf Anhieb. Womit nicht gesagt ist, dass – mangels ernsthafter Bestrebungen in Bezug auf die Erschaffung einer stabilen nationalistischen Tradition – die Bulgar_innen immun gegen das Aufkommen nationalistischer und antimuslimischer Einstellungen sind. Tatsächlich rufen die in der letzten Zeit häufig gewordenen Aktionen gegen den „radikalen Islam“ in den Dörfern der Berge von Rodopen mehr skeptisches Staunen als Angst hervor. Dennoch würde eine massivere Medienpropaganda über einen längeren Zeitraum das skeptisch-verwunderte Lächeln verschwinden lassen.

Auf der anderen Seite zeigen die letzten Meinungsforschungsanalysen aus dem Sommer 2010 auch in Bezug auf die muslimische Gemeinschaft in Bulgarien eine voranschreitende Abkapselung, ein schwaches Interesse an Kommunikation mit nicht-muslimischen Mitbürger_innen und nicht, wie bisher, ein Meiden nur der nationalistischen und antimuslimischen Stimmungsmacher_innen. Sogar in den 1980er Jahren – die Jahre der stärksten Spannungen nach dem sogenannten Wiedergeburtsprozess (2) – unterschieden die Muslim_innen zwischen „kommunistischen Machthaber_innen“ und „Bulgar_innen“ und sahen die Bulgar_innen, wie sich selbst, als Opfer des Regimes. Zum ersten Mal seit vielen Jahren manifestiert sich nun eine klare gesellschaftliche Demarkationslinie zwischen „uns“ und den „Anderen“. Dies ist das Ergebnis der gemeinsamen Bestrebungen sowohl seitens der nationalistischen Parteien als auch seitens der DPS, deren jeweiligen Parteispitzen sich ihre Wähler_innenstimmen durch Angstpropaganda sichern. Die Angst der Mehrheit vor einem radikalen Islam und die Angst der Minderheit vor einem neuen „Wiedergeburtsprozess“ lassen, so Ernest Gellner (1999: 61), gegenseitig die „dunklen Geister“ des Nationalismus entstehen. Die Gefahr, dass die modernen Ängste die „traditionelle“ bulgarische Toleranz ins Reich der Märchen verbannt, ist klar erkennbar.

Anmerkung
1 Ein Projekt, im Rahmen dessen eine Ausstellung und eine Konferenz stattfinden sollten, die Batak als Ort des Erinnerns kritisch hinterfragen wollten.
2 Die offizielle Bezeichnung der Zwangsänderung der Namen der bulgarischen Türk_innen in den Jahren 1984-85 bzw. ihre erzwungene Aussiedlung im Jahre 1989. Diese stellten die Kulminationspunkte einer konsequenten Politik seitens der regierenden Kommunistischen Partei dar, die seit Ende der 1960er Jahre mit dem Aufbau einer „einheitlichen bulgarischen Nation“ begann. Die Namen der bulgarischen Muslim_innen – die Pomaken – wurden bereits in den 1970er Jahren geändert. Durch sprachliche Ähnlichkeit referiert der Begriff auf die „Wiedergeburtsperiode“ des 19. Jahrhunderts, die Zeit der Formierung eines bulgarischen Nationalbewusstseins.

Literatur
Gellner, Ernest (1999): Nationen und Nationalismus, Sofia.

Evgenia Ivanova ist Professorin an der Neuen Bulgarischen Universität Sofia. Ihre Forschungsgebiete sind Nationalismus und nationenbildende Prozesse, nationales Gedächtnis, Minderheitspolitik sowie Vergleichende Südosteuropastudien.

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Albena Zlatanova unter Mitwirkung von Walter Amtmann

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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