Vorwärts in die Vergangenheit — IG Kultur

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INHALT 04/2010

 

Vorwärts in die Vergangenheit

Andrei Siclodi

„Es macht (...) das Wesen einer Nation aus, dass alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, dass sie viele Dinge vergessen haben. (…) Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“
Ernest Renan, Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Religionswissenschaftler, Orientalist, Mitglied der Académie française und Antisemit in seiner Rede „Was ist eine Nation?“ vom 11. März 1882 an der Sorbonne.

Was konstituiert das heutige EUropa? Ist die EU tatsächlich primär ein Staatenverbund zum Zweck der Durchsetzung eines neoliberalen Binnenmarkts? Oder spielt das politische Zusammenwachsen des vormals in Ost und West geteilten Europas als eine „Werte- und Kulturgemeinschaft“ unter dem Mantel der „Reintegration zwecks Wohlstand und Stabilität“ darin eine wichtige, möglicherweise entscheidende Rolle im Prozess der Durchsetzung marktwirtschaftlicher Interessen des Westens im Osten? Nach der Osterweiterung 2004 entwickelt EUropa immer mehr Züge einer Nation im Sinne Benedict Andersons: einer als begrenzt und souverän vorgestellten Gemeinschaft. Die zwar politisch gescheiterte, jedoch immerhin bis 2004 aktiv betriebene Entwicklung einer EU-Verfassung sowie die immer aggressiver durchgeführte Abschottung der EU-Grenzen nach außen sind belegbare Anzeichen einer solchen Entwicklung. Angesichts dieser Lage stellt sich unmittelbar die Frage nach den dahinter liegenden sozio-politischen Absichten, aber auch nach den historischen Voraussetzungen, die eine Rolle als Grundlage für diese Entwicklung spielen könnten.

Unter dem Titel „Verhandlungssache / Matter of Negotiation“ fand im Sommer 2010 im Kunstpavillon der Tiroler Künstlerschaft in Innsbruck eine Ausstellung statt, die vor dem Hintergrund dieser Fragen künstlerische (Ver-)Handlungspolitiken vorstellte, die sich Strategien der Artikulation von Sprache und Erinnerung bedienen und im Prozess der Subjektivierung eines „neuen EUropas“ eine wichtige Rolle spielen könnten. Die Ausstellung entstand als Ergebnis der Auseinandersetzung mit Forschungsprojekten einiger gegenwärtiger und früherer TeilnehmerInnen am Internationalen Fellowship-Programm für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen. Die Untersuchungsfelder waren die Repräsentation der Suffragetten im frühen Kino (Madeleine Bernstorff), die Organisation von Sexualität im gegenwärtigen Europa (Ana Hoffner), die koloniale Bibliothek als Archiv von Dokumenten, Vorstellungslandschaften und erkenntnistheoretische Rahmungen (Brigitta Kuster), die Historie der postsozialistischen Gegenwart (Mona Vătămanu & Florin Tudor) sowie das performative Versprechen der Vereinten Nationen (Inga Zimprich).

Im Laufe der Diskussionen im Vorfeld der Ausstellung wurde klar, dass eine Konvergenz (post-)kolonialer und postsozialistischer Diskurse zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Lage zielführend ist. Es wurde zudem immer deutlicher, dass mögliche tragfähige Antworten auf die Frage, was das heutige EUropa konstituiere, kaum ohne ein besseres Verständnis der Vergangenheit formuliert werden können. Die nachfolgenden Recherchenotizen beschäftigen sich damit.

„Die Zukunft ist eine alte Vergangenheit“

Vergleicht man unsere Gegenwart mit der Welt vor 100 bis 120 Jahren, wird man in manchen Bereichen mitunter erstaunliche Ähnlichkeiten finden. Die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts befand sich in einer politischen Um- und einer kommunikationstechnologischen Aufbruchsphase, wobei letztere erstmals eine transglobale Koordination revolutionärer und anti-imperialistischer Aktivitäten auf unterschiedlichen Kontinenten ermöglichte. Wie Benedict Anderson überzeugend darlegt, fand ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Entwicklung statt, die man aus heutiger Sicht als „frühe Globalisierung“ bezeichnen könnte. Voraussetzungen hierfür waren die flächendeckende Etablierung der Telegrafie sowie die dramatische Beschleunigung der Verbreitung bereits etablierter Druckmassenmedien, die durch die Gründung der Universal Postal Union, des ersten weltweit agierenden Postnetzwerks, erstmals ermöglicht wurde. Die damals modernen technischen Errungenschaften in der Informationsübertragung dürften ähnlich empfunden worden sein wie die Einführung des Internets in unserem letzten Jahrzehnt. Darüber hinaus stellten das Hochsee-Dampfschiff und ein mittlerweile stark ausgebautes Eisenbahnnetz die technischen Voraussetzungen für die interkontinentale (Arbeits-)Migration. Und nicht zuletzt: Wie heute lebte die Welt im Zeichen eines „Kampfes gegen den Terror“. AnarchistInnen und NationalistInnen verübten Anschläge auf Monarchen und konservative Politiker, um ihre jeweiligen Anliegen durchzusetzen, aber auch, um auf diese hinzuweisen und sie damit in den Fokus von zum Teil weltweit agierenden Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Magazinen zu rücken. Die Maßnahmen zur Einschüchterung glichen auf frappierende Weise denjenigen von heute: Drakonische „Anti-Terror“-Gesetze, kurze, formlose Prozesse, Folteranwendung durch Polizei- und Militärkräfte gegenüber Verdächtigen.

Vor dem Hintergrund dieses Weltbildes erscheint der heute ein wenig in Vergessenheit geratene Kampf der Suffragetten um das Frauenwahlrecht in einem erstaunlich aktuellen Licht. Von der männlichen Gesellschaft verschmäht und nicht selten als hysterisch oder verrückt erklärt, polizeilich verfolgt und immer wieder eingesperrt, entwickelten die Suffragetten eine widerständische Kraft, die heute noch vorbildliches Potenzial besitzt. Die Filmkuratorin Madeleine Bernstorff hat sich mit der Repräsentation der Suffragetten im frühen Kino intensiv beschäftigt und kommt zu dem Schluss, dass darin die aufmerksamkeitsökonomischen Strategien und Kämpfe der Suffragetten um den öffentlichen Raum sowie dessen symbolische Aneignung sichtbar werden. Die radikalen und subversiven Kampfmethoden der Suffragetten gegen das normative Establishment finden heute ihr Pendant in den Kampfstrategien der GlobalisierungsgegnerInnen im Umfeld von Wirtschafts- und Finanzgipfelkonferenzen.

Humanismus und Rassismus, Hand in Hand

1882 hält der Historiker Ernest Renan an der Sorbonne seine berühmt gewordene Rede mit dem Titel „Was ist eine Nation?“. Heute gilt Renan als Visionär der europäischen Einigung, da er in seiner Rede eine Entwicklung formulierte, die langfristig das Konzept der (europäischen) Nation in dasjenige der europäischen Konföderation aufgehen sah. In seinen Ausführungen geht Renan einige Male auf die Problematik der „Rasse“ als die Nation konstituierender Begriff ein. Er wehrt sich – jedoch nicht immer eindeutig – gegen die Instrumentalisierung der „Rasse“ durch die Politik zum Zweck nationalistischer Bewusstseinsbildung. Seine zum Teil von einem pathetischen Ton gekennzeichnete Sprache und die wiederholte Betonung des Primats des Menschen gegenüber jeder Organisationsform erwecken den oberflächlichen Eindruck, Renan sei ein visionärer Demokrat. Dies mag vielleicht stimmen (obwohl ich daran zweifle), wie auch wahr ist, dass dies kein Ausschließungsgrund für die antisemitische Einstellung Renans darstellt, der Juden und Arabern die Fähigkeit zu wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen auf Grund der „Schlichtheit des semitischen Geistes, die den menschlichen Verstand jeder subtilen Vorstellung, jedem feinsinnigen Gefühl, jedem rationalen Forschen unzugänglich macht“, abspricht.

Die Rezeption Renans, die den Antisemitismus in seinem Denken weitgehend ignoriert, steht beispielhaft für die Art und Weise, wie die „Nation EUropa“ sich gegenwärtig konstituiert. Nämlich so, wie es Renan selbst postuliert hat: indem man das, was dem Prozess der Nationenbildung im Wege stehen könnte, kurzerhand vergisst. Es erscheint daher als unerlässlich, dass man beginnt, sich wieder daran zu erinnern, auf welchen ideologischen Fundamenten das neue EUropa – bewusster- oder unbewussterweise – errichtet wird. Deswegen ist es eminent wichtig, dass man sich daran macht, Vergessenes wieder auszugraben – wie die Künstlerin und Autorin Brigitta Kuster es in ihren Filmen und Texten tut, die etwa die durch den Nationalsozialismus historisch verdeckte Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus und dessen Rezeption thematisiert.

Homonormativität, Kolonialismus, Währungsunion

Dass Kolonialismus keine Frage der Vergangenheit, sondern eine der innereuropäischen Gegenwart ist, darauf weist die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Ana Hoffner in ihren jüngsten Lectureperformances hin. Hoffner geht davon aus, dass gegenwärtig bestimmte Formen gleichgeschlechtlicher Politik für die Konstruktion eines einheitlichen Europas von entscheidender Bedeutung sind. Die Einführung westlicher Diskurse der sexuellen Befreiung in Osteuropa und der damit verbundene Einschluss sexueller Andersartigkeit in nationalstaatliche Gefüge und den kapitalistischen Markt würden sexuelle Überlegenheit als wichtiges Instrument eines eurozentristischen kolonialen Projekts formieren. Denn nach der neoliberalen Umstrukturierung des europäischen Ostens und der damit einhergehenden sozialen Verelendung ganzer Bevölkerungsgruppen gehe es nun darum, diese Regionen wirtschaftlich, kulturell und sozio-politisch von westlichen Wahrheitsregimes abhängig zu machen. Die Implementierung westlicher Homonormativität verkörpere eines dieser Wahrheitsregimes und werde schließlich dazu benutzt, den ehemaligen Osten als sexuell unemanzipiert und rückständig zu stigmatisieren. Doch dieser Osten ist bereits großteils EU-angehörig und wird mittlerweile von innen kolonisiert. Der Druck auf die wenigen außen verbliebenen Regionen steigt, denn sie müssen nun allein die Bürde der nationalen Identitätsfindung EUropas tragen.

Dass es bei diesem Kolonialprojekt schließlich doch hauptsächlich um neoliberale wirtschaftliche Dominanz geht, zeigt sich erneut mit Hilfe von Renan. Er wird heute immer wieder von Granden der Europäischen Union zitiert, so etwa von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der EZB 2009 in einer Rede mit dem Titel „Europa – kulturelle Identität – kulturelle Vielfalt“ (!). Trichet bezieht sich auf Renans Definition dessen, was die Identität einer Nation ausmache („in der Vergangenheit ein gemeinschaftliches Erbe von Ruhm und von Reue, in der Zukunft ein gleiches Programm verwirklichen […]“), um daraufhin eine Lanze für die Währungsunion zu brechen: Nachdem es „Ruhm und Reue in der Vergangenheit“ in Europa im Überfluss gebe, ebenso wie eine tiefgreifende kulturelle Einheit in der Vielfalt, gelte es nun, die einheitliche Währung als ein Hauptbestandteil des „zu verwirklichenden gleichen Programms“ zu sehen. Identitätsbildung durch Geldpolitik: was für eine verheißungsvolle Zukunft …

Andrei Siclodi ist Leiter des Internationalen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen, Innsbruck.

Literatur
Anderson, Benedict (2007): Under Three Flags. Anarchism and the Anti-Colonial Imagination. New York
Kuster, Brigitta (2011): „L'avenir est un long passé“. In: Siclodi, Andrei (Hg.): Private Investigations. Innsbruck
Trichet, Jean-Claude (2009): „Europa – kulturelle Identität – kulturelle Vielfalt.“ Text
Uhl, Heidemarie (2004): „EU-Europa als visuelles Narrativ“. In: Kulturrisse Heft 4/2004

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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