Mainstreaming Intercultural Dialogue? — IG Kultur

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INHALT 04/2009

 

Mainstreaming Intercultural Dialogue?

Patricia Köstring

Auf Initiative des von Brüssel aus agierenden NGO-Zusammenschlusses Platform for Intercultural Europe (PIE) konzipierte die IG Kultur Österreich Ende November in Wien die zweitägige Veranstaltung Regional Practice Exchange. Intercultural Capacity-Building lautete der Untertitel des Meetings für ca. 30 geladene und vorwiegend aus der Kulturarbeit kommende AkteurInnen; es war – nach der Premiere in Malmö im Juli 2009 – die zweite Ausgabe im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, mit der die PIE den Erfahrungsaustausch zu interkulturellen Strategien zwischen mit Fragen der Interkulturalität befassten NGOs befördern will.

Gleichzeitig ist die PIE Teil des so genannten „Strukturierten Dialogs“ der Europäischen Kommission mit dem Kultursektor, der eine in der 2007 veröffentlichten Kommissions-Mitteilung „über eine europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“ festgeschriebene Strategie ist: Ein weiteres Ziel der Veranstaltungen für die PIE ist es also, aus dem „geschützten Raum“ (so der alle Meetings begleitende Moderator François Matarasso in seiner Einführung) Aussagen, Vorgaben, Ergebnisse und Splitter mit nach Brüssel zu nehmen, die sich dann wiederum in die politische Arbeit der Platform fügen. Der geschützte Raum bezog sich zum einen darauf, dass Aussagen vertraulich behandelt werden und im Protokoll deren UrheberInnen anonymisiert sind (eine Praxis, an die sich auch dieser Text halten wird). Zum anderen gehe es, so Matarasso, zunächst auch einmal darum, einen Dialog im eigenen Kreis zu führen.

Die Platform und das Rainbow Paper
Basis der Reihe, Mission auch der PIE ist das Strategiepapier Rainbow Paper, das Ende 2008 (Europäisches Jahr des Interkulturellen Dialogs) nach einer Online- Konsultation der zivilgesellschaftlichen Basis veröffentlicht wurde. Unter dem Header Interkultureller Dialog: Aus der Praxis zur Politik und zurück präsentiert die PIE darin Vorgaben und Maßnahmen dazu, wie dem Begriff des interkulturellen Dialogs als „Ergebnis sozialer Aktion und sozialen Wandels“ Leben eingehaucht werden könne.

„Interkultureller Dialog ist eine Form gewollten Zusammentreffens zwischen Mitgliedern soziokultureller Gruppen, die es ihnen erlaubt, auf einen grundlegenden Wertkonsens hin zu arbeiten und abgestimmte, gemeinsame Maßnahmen zu treffen. Es ist unser zentrales politisches Anliegen und unsere Mission, interkulturellen Dialog in den Dienst von lokalem sozialen Wandel, friedlicher Koexistenz und Kooperation in unseren Arbeits- und Lebenswelten zu stellen“, heißt es im Rainbow Paper. Und: Interkultureller Dialog sei zwar ein Dialog zwischen Individuen, diese aber seien wiederum Teil von Organisationen und über Organisationen – seien es nun öffentliche Institutionen, privatwirtschaftliche Betriebe oder NGOs – und über deren Strukturen und Regeln definiere sich auch, inwieweit sich interkultureller Dialog in einer Gesellschaft umsetzen lasse.

Begriffe präzisieren
Das Rainbow Paper ist bis zu einem gewissen Teil Ergebnis einer partizipatorischen Praxis, aber es ist auch ein Kompromiss, in dem nicht um jeden Begriff gerungen wurde bzw. das Ringen um Begriffe sich letztlich in der Wahl der vagsten Formulierung äußert.

Ohne preaching to the converted zu betreiben und ohne – andererseits – die Platform als zu bekehrendes Gegenüber zu begreifen, war es ein Anliegen der IG Kultur, Handlungsfelder für Selbstorganisation und Selbstrepräsentation zu verorten sowie Wordings und Begriffe zu präzisieren. Auch das Rainbow Paper und der Begriff des interkulturellen Dialogs, zu dessen Reputation das bereits erwähnte gleichnamige Europäische Jahr 2008 nicht viel beitragen konnte, sollten einer kritischen Betrachtung unterzogen und mit den Forderungen aus dem Katalog des politischen Antirassismus verschränkt werden, der Rassismus als eine Normalität begreift, die durch die Bekämpfung diskriminierender Strukturen geändert werden muss. Anders als in Malmö, wo der Fokus der Veranstaltung auf (existierender) Best Practice lag und auf der Frage, wie nun Kulturinstitutionen interkulturellen Dialog umsetzen könnten, war der Ansatz der Veranstaltung in Wien der, den Begriff des interkulturellen Dialogs in seiner politischen Dimension zu umreißen, um dann später zur Problematik der Implementierung (Wovon? Wogegen? Auf welcher Basis? Wer mit wem? Und mit welchem zu wählenden Ton?) im Einzelnen und für den/die Einzelne/n zu gelangen.

Für die IG Kultur Österreich stand die Veranstaltung weiters in Kontinuität zum Projekt fields of TRANSFER – Kooperation durch Vernetzung. MigrantInnen in der Kulturarbeit, das zwischen 2005 und 2007 Praxen migrantischer Kulturarbeit untersuchte und diese Untersuchung mi einer kritischen Bestandsaufnahme des autonomen Kulturbereichs als (potenziell) Arbeit gebendem Sektor verband. Und das Meeting war für die IG – nach den Konferenzen EU-Strategien und Modelle für den Kultursektor (2007) und Vernetzung und Gestaltung im Rahmen des EU-Arbeitsplans für Kultur 2008-2010 (2008), die sich inhaltlich stark auf die eingangs erwähnte Mitteilung der EU-Kommission bzw. den folgenden Gesamtprozess bezogen und gemeinsam mit dem BMUKK veranstaltet worden waren – eine weitere maßgebliche Beteiligung an einer Veranstaltung zu EU-Kulturpolitik; diesmal aber zum einen unter der Prämisse einer internationalen Öffnung (neben Vertreterinnen der PIE waren auch TeilnehmerInnen aus Spanien, Italien, Ungarn und Rumänien zu Gast) und zum anderen der Nähe zum kulturellen Feld – in Bezug darauf, für wen und von wessen Standpunkt aus diskutiert wird.

Arbeitsfelder des Meetings: eine Nacherzählung
Einleitenden und die Veranstaltung sowie die Motivation der VeranstalterInnen umreißenden Statements folgten am Vormittag des ersten Tages zwei Inputs: Radostin Kaloianov, Philosoph und Fellow am Institut für Konfliktforschung in Wien, sprach zu Affirmative Action – Ziele, Praxis und Folgen. Kaloianov, der auch zum fields of TRANSFER-Reader beigetragen hat, definierte Affirmative Action auch als eine Maßnahme, die von Diskriminierung als etwas strukturell Existentem ausgehe; Antidiskriminierungspolitiken an sich würden hingegen Diskriminierung als Erscheinung werten, die immer wieder auftrete und adhoc mit rechtlichen Mitteln bekämpft werden könne. Maßnahmen der Affirmative Action, wie Quoten, Zeitpläne etc., arbeiteten an der strukturellen Dimension von Integration und brächten unter anderem auch soziale Gruppen dort zusammen, wo sie sich sonst nicht träfen.

Rubia Salgado, Mitbegründerin und Mitarbeiterin von maiz – Autonomes Zentrum von & für Migrantinnen in Linz, setzte sich kritisch mit dem Begriff der Interkulturalität auseinander, mit seiner Kompatibilität mit restriktiven Politiken und seinem Charakter als Mainstreamkonzept. Hier galt ihre Kritik auch dem Rainbow Paper, das zu sehr auf Harmonisierung ziele und Machtverhältnisse ignoriere.

In der anschließenden Diskussion wurden die Thesen und Fragestellungen der Inputs mit persönlichen Arbeitsfeldern verzahnt: Es ging um Diskriminierung von MigrantInnen und die Diskriminierung autochthoner Gruppen (z. B. ein Thema bei den ungarischen Teilnehmerinnen in Zusammenhang mit der Roma-Minderheit) und darum, ob es eine Falle sei, zwischen verschiedenen „Graden“ von Diskriminierung zu unterscheiden. Um Fragen des Reframings interkultureller Konzepte und deren Integration in einen größeren Zusammenhang (z. B. auch Arbeitspolitik). Darum, wie Menschen erreicht werden könnten, die der interkulturelle Dialog schlichtweg nicht zu interessieren scheint. Darum, wie überhaupt weiter vorzugehen sei: im Infight oder auf Kuschelkurs?

Cornelia Kogoj, Geschäftsführerin der Initiative Minderheiten, stellte sich in ihrer Funktion als Beirätin der Abteilung 7 des BMUKK einem Gespräch zu Fördermöglichkeiten für interkulturelle Projekte. Zwei Workshops, geleitet von Ljubomir Bratic´ (Philosoph, Publizist Kulturrisse-Redaktionsmitglied) und Tarafa Baghajati (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und PIE-Vorstandsmitglied), diskutierten die Möglichkeiten migrantischer Allianzen (samt deren Geschichte in Österreich; Bratic´) bzw. Fragen der Sichtbarkeit von MigrantInnen (Wer repräsentiert eine Community?, Quotenregelungen; Baghajati). Als Respondent begleitete Therese Kaufmann, Mitarbeiterin des eipcp und Kulturrisse-Redaktionsmitglied, alle Programmpunkte und Debatten, unter anderem betonend, dass es gelte, nicht „humanistisch“ zu argumentieren, sondern sich der Politisierung zu öffnen und nicht zu vergessen, dass es um konkrete Kämpfe ging und geht; die Kolonialität Europas mit zu bedenken und entsprechende Diskurse in die Arbeit der Platform einzubeziehen; und den Bereich der Bildung, der bereits eine wesentliche Funktion in der Plattform zugeschrieben wird, nicht – wie auch Rubia Salgado angemerkt hatte – zu einem Instrument der Normativisierung und Kolonisierung im Sinne einer „Erziehung der/s Anderen“ zu machen.

Der Open Space – gerne auch einmal ein Gruppenmoderationstool, das eingeschlafene Füße erzeugt – am zweiten Tag erwies sich in seiner offenen Struktur als adäquate Arbeitsmethode für eine sehr heterogene Gruppe von TeilnehmerInnen; heterogen in Bezug auf ihre Motivation, an dem Treffen teilzunehmen, auf die Arbeitsfelder, auf den Community-Background.

Epilog
„mit der veränderten rolle des staates haben sich im postfordismus auch neue politikstile entwickelt, was oft als übergang von government zu governance beschrieben wird, bzw. als übergang zur steuerung politischer prozesse durch policy-netzwerke. angesprochen ist damit einerseits die einbeziehung eines erweiterten teilnehmer/innenkreises: in die gestaltung und implementierung von politiken werden auch unternehmensverbände, interessenvertretungen, ngos usw. einbezogen. hinter der beschönigenden formel ,übergang vom vormundschaftlichen zum ermächtigenden staat‘ ist aber auch der rückzug aus politischer verantwortung greifbar“, hat Raimund Minichbauer 2004 in seinem Text „regionale strategien – zu räumlichen aspekten in der europäischen kulturpolitik“ geschrieben. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass sich die konstruktive Stimmung des Treffens, die Gespräche in größeren und kleineren Runden, die auf Moderationskärtchen platzierten Bausteine in konkrete Politiken der Schritte – diverser Größenordnungen – übersetzen lassen.

Ein Anliegen, das auf offene Ohren traf, war, dass die Platform über punktuelle Vernetzung mit jeweils aktuellen Protestbewegungen (amBeispiel der Uniproteste in Österreich) erweitertes politisches Profil zeigen solle. Die ebenfalls geforderte politische Schärfung des Rainbow Paper angesichts einer restriktiven politischen Realität ist allerdings, auch aus Ressourcengründen, nicht absehbar. Die gültige Version können Institutionen wie einzelne AkteurInnen übrigens über einen Link auf der PIE-Website unterzeichnen. Der nächste Regional Practice Exchange soll 2010 in Rom stattfinden.

Anmerkungen
Rainbow Paper (deutsche Fassung):

fields of TRANSFER – Kooperation durch Vernetzung. MigrantInnen in der Kulturarbeit

Kulturagenda-Konferenz 2007

Kulturagenda-Konferenz 2008 (Konferenzbericht)

Minichbauer, Raimund: regionale strategien zu räumlichen aspekten in der europäischen kulturpolitik, online unter: eipcp

Platform for Intercultural Europe

Patricia Köstring ist freie Kulturpublizistin, Teil des Kulturrisse-Koordinationsteams und hat die im Text angesprochene EU-Kulturpolitik-Veranstaltung mit organisiert.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

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