Neues aus der Kleingartensiedlung — IG Kultur

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INHALT 04/2009

 

Neues aus der Kleingartensiedlung

Andi Wahl

Jetzt habe ich Ihnen schon so viel über Kleingärten erzählt, dass Sie wohl denken, Sie könnten mit dem bisher akkumulierten Wissen bald selbst einen Kleingarten betreiben. Das ist aber weit gefehlt! Um der Tätigkeit eines Kleingärtners, einer Kleingärtnerin nachzugehen, bedarf es nicht nur fundierten Fachwissens, sondern auch charakterlicher Stärke und eines gefestigten Weltbildes. Kleingartenanlagen darf man sich nämlich nicht als idyllisches Nebeneinander kleiner Hüttchen und gemütlicher Gärtchen vorstellen, sondern eher wie die deutschen Kleinstaaten nach dem Dreißigjährigen Krieg: ein wildes Durcheinander von Ansprüchen und Interessen; ständige Kleinkriege, Neidereien und unüberschaubare, weil ständig wechselnde Koalitionen. Ein einziges Tohuwabohu, um es einmal mit einem alttestamentarischen Begriff zu fassen.

Aber ich will Sie nicht gänzlich abschrecken. Schließlich brauchen wir KleingärtnerInnen ja auch Nachwuchskräfte, die die von uns gestaltete Kulturlandschaft dereinst weiterpflegen. Daher will ich Sie in dieser Ausgabe mit einem Grundkonflikt der Kleingärtnerei vertraut machen: der Frage nach dem Verhältnis zwischen Natur und Kultur. Oder, um es weniger schönfärberisch zu sagen: Wie viel Chemie ist in einem Kleingarten erlaubt? Sie machen sich wahrscheinlich keinen Begriff davon, wie tief die Gräben sind, die hier zwischen den einzelnen Fraktionen verlaufen. Die einfache Formel „Je weniger man von natürlichen Abläufen versteht, desto mehr Chemie ist erforderlich“ greift nämlich zu kurz. Das Ganze ist viel eher als religiöser Konflikt zu verstehen und hat viel mit Gottesbildern zu tun. KleingärtnerInnen verstehen sich nämlich nicht als KönigInnen in ihren kleinen Reichen (wie der Vergleich mit den deutschen Kleinstaaten weiter oben vielleicht nahe legen würde), nein, sie sind GöttInnen, die über ihre jeweilige Schöpfung wachen und gebieten. Und je nachdem, ob man eher einer christlichen Erzähltradition (in der Gott Himmel und Erde aus dem Nichts erschuf ) oder einer jüdischen (in der Gott das – vorhandene – Chaos ordnet) anhängt, gestaltet sich auch der Umgang mit der eigenen kleinen Schöpfung. Die einen kaufen das bewährte Spritzmittel „Roundup“ (seit Jahrzehnten der Kassenschlager der Firma Monsanto) im Großpack und schaffen zuerst einmal eine Tabula rasa. Erst danach wird angesiedelt, was in dieser Schöpfung sein darf. Die anderen gehen von dem Pflanzenmaterial aus, das sie antreffen, und versuchen, dieses nach ihren Vorstellungen zu ordnen: Neues einzuführen, Willkommenes zu fördern und Missliebiges zu verdrängen.

Diese beiden Gruppen bekämpfen sich mit religiösem Eifer, und im günstigsten Fall bewerfen sie sich mit Begriffen wie Biodiversität, Herbizide, Grundwasser, Unkraut, Vollkorntrottel usw. In schlechteren Fällen bewerfen sie sich mit Hacken und Schaufeln. Bei all diesen Streitereien geht es im Grunde um eine einzige Frage: Was darf Gott? (Und was darf der Miniaturgott Mensch?) Darf er ausrotten, patentieren und verändern, wie er will, oder ist er aufgerufen zu bewahren, was ihm übertragen wurde? Und inwieweit darf ein Gott in die Rechte anderer Götter eingreifen?

Hausaufgabe: Googeln Sie Monsanto, Biodiversität, Roundup, und bilden Sie sich eine Meinung.

Sie sehen an diesem einen kleinen Beispiel, was Sie noch alles zu lernen und zu bedenken haben, bevor Sie auch nur daran denken können, sich in einem Kleingartenverein einzuschreiben.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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