Prekär wählen, Protest leben! Ein Aufruf zur Neuverkettung. — IG Kultur

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INHALT 04/2008

 

Prekär wählen, Protest leben! Ein Aufruf zur Neuverkettung.

Magdalena Freudenschuß und Clemens Apprich

Prekär gelebt, Protest gewählt? Die aktuelle politische Situation, in der ein Drittel des österreichischen Parlaments von selbsternannten „VertreterInnen des kleinen Mannes“ besetzt wird, verlangt nach neuen Alternativen. Wie Martin Birkner bereits in der ersten Runde der Linkskurven-Debatte festgestellt hat, kommt eine alternative Politik dabei nicht mehr ohne den unmittelbaren Bezug auf soziale Bewegungen aus. Wir wollen daher den Verlauf einer politischen Verkettungspraxis exemplarisch anhand des EuroMayDay darstellen und sein Potenzial für ein neues linkes Wahlbündnis zur Diskussion stellen. Dabei verknüpft sich auf symbolischer Ebene die neue soziale Frage nach Prekarität mit der medialen Prominenz des/der Protestwählers/in.

Explosion von Prekarität

Seit 2001 erleben wir in verschiedenen europäischen Städten eine politische Mobilisierung, die sich kritisch und intensiv mit den gegenwärtigen Umstrukturierungen von Arbeits- und Lebensverhältnissen auseinandersetzt. Mit der Prekarisierung als einem verbündendem Konzept schafft der EuroMayDay Brücken zwischen den verschiedenen Positionen der Prekarität. Das gemeinsame Moment bildet eine strukturell produzierte Unsicherheit, deren Bedingungen sowohl materiell als auch symbolisch zu denken sind (vgl. „Precarias a la Deriva“ 2004). Dass es hier nicht nur um den weißen, mittelständischen, jungen, hoch qualifizierten und männlichen Freelancer geht, zeigen die konkreten Aktivitäten, Textualitäten und Visualitäten der verschiedenen EuroMayday-Paraden. Die performative Vielfalt der italienischen Bewegung liefert dafür zahlreiche Beispiele: So wird mit der fiktionalen Figur der Designerin Serpica Naro aufgezeigt, wie die symbolische Ebene auf die Partizipation und Handlungsmacht prekärer Subjekte zurückwirkt und diese – hier: migrantische Frauen in der italienischen Modebranche – politischen Protest mittragen (vgl. Doerr/Mattoni 2007). Das Konzept von Prekarität bündelt damit eine vielfältige soziale Wirklichkeit und wird zum treibenden Motor einer politischen Mobilisierung über tradierte (Gruppen)Grenzen hinaus.

Mit dem Erscheinen des Konzepts im öffentlichen Diskurs wurde sein emanzipatorischer Bedeutungsgehalt allerdings zusehends aufgebrochen. Im Jahr 2006 lässt sich eine diskursive Explosion im Aussagenfeld feststellen. Die bundesdeutsche Debatte um Unterschicht und Prekariat, die im Oktober 2006 durch eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung in Gang gesetzt wurde, stellt eine Gegenlektüre zur kritischen Lesart von Prekarisierung dar. Im Gegensatz zur verkettenden Praxis der EuroMayDay-Bewegung ordnet dieser Entwurf von Prekarität den Diskurs in weitgehend affirmativer oder zumindest den Protest neutralisierender Weise: Die jungen, hoch qualifizierten Wissens- und KulturarbeiterInnen wählen ihre Prekarität in selbstbestimmter Weise und setzen sich damit vor jene Gruppe unqualifizierter arbeitsloser Männer und Frauen, die über den Prekarisierungsdiskurs jeder Handlungsfähigkeit beraubt werden. Die affirmative Bestätigung neoliberaler Anrufungen durch die „Generation Praktikum“ ebenso wie die „Selbst-Prekarisierung“ von Kulturschaffenden (Lorey 2007) stehen der Konstruktion einer Unterschicht gegenüber, der Versagen zugeschrieben wird. Das Konzept der Prekarisierung verknüpft sie zwar immer noch formal, aber ohne explizite Verkettungen zu produzieren: Die unterschiedlichen Subjektentwürfe vermitteln sich nicht mehr wechselseitig im Sinne einer politisierbaren Gemeinsamkeit oder gar Solidarität.

Intervenieren in Öffentlichkeiten

Die österreichische Variante des Konzepts Prekarität lässt das passivierte Subjekt des Prekariats nur als leisen Widerhall der deutschen Debatte erklingen, reflektiert sie sich doch im vertrauten Bild einer alle Unterschiede ignorierenden Mittelstandsgesellschaft. Dies resultiert in einer weitgehenden Engführung von Prekarität auf hoch qualifizierte, junge Leute, die entweder in der Wissenschaft oder im Kulturbetrieb unterwegs sind. Die kritische Ambivalenz bleibt hier zwar auch im öffentlichen Diskurs präsent, das Konzept büßt aber dennoch einen Teil seiner kritischen und vor allem mobilisierenden Kraft ein. Prekarität wird verhandelt als Partikularproblem einer kleinen, privilegierten Gruppe sich selbst prekarisierender Subjekte, wodurch eine Politisierung konsequenterweise auf diese beschränkt bleibt. Die Verengung des Konzepts Prekarisierung auf eine bestimmte Subjektposition, ebenso wie seine Segmentierung in einander unvermittelt bleibende Subjektivierungsweisen, nimmt ihm seine politische Schlagkraft. Damit schließen sich die engen Freiheitsräume, die sich für reale Subjekte über Prekarisierungsprozesse bisher (zumindest punktuell) ergeben haben. Denn gerade auf symbolischer und materieller Ebene liegt das Potenzial des Konzepts in der Sichtbarmachung unterschiedlicher Positionen und Formen von Prekarisierung, die das bisherige „Normalarbeitsverhältnis“ zwar begleiteten, über dessen Normalisierung aber weitgehend unsichtbar gemacht wurden. Insofern öffnete Prekarisierung vorerst sowohl auf politischer als auch auf symbolischer Ebene Spiel- und Handlungsräume, die durch Bedeutungsverengungen im öffentlichen Diskurs tendenziell wieder verloren zu gehen drohen.

Das erfolgreiche Wiedereinhaken in den öffentlichen Diskurs kann nur unter der Voraussetzung gelingen, radikale Kritik als Doppelbewegung zu begreifen (vgl. Raunig 2008): Eine linke Bündnispolitik müsste also in einem permanenten Prozess der Selbsthinterfragung erneut in die aktuelle Debatte eingreifen, um damit eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse voranzutreiben. Mit dem Konzept der Prekarisierung ist die Linke allerdings erst auf der Hälfte dieser Schleife angelangt, insofern sie das Konzept in seiner aktuellen Fassung noch auf einen eigenen Prekarisierungsbegriff zurückbringen muss. Linke Politik hätte dann die Aufgabe, symbolische Verkettungen aktiv zu gestalten und damit an verschiedenen Orten zwischen unterschiedlichen Kollektivitäten und Individualitäten Verbindungen herzustellen. Nicht (nur) das Festhalten an spezifischen Konzepten sollte den Inhalt eines linken Wahlbündnisses bestimmen, sondern dessen diskursive Dynamik zu reflektieren und kontinuierlich an seiner Verschiebung zu arbeiten. Intervenieren hieße hier, Widersprüche produktiv zu machen und dadurch den eigenen Diskurs offen zu halten. Die permanente Dynamisierung des Konzepts Prekarisierung ergibt sich dabei aus einer Verkettung unterschiedlicher Subjektpositionen. Dies steht in Kontinuität zur Konzeption der EuroMayDay-Bewegung, hält aber darüber hinaus die Ambivalenz der Umstrukturierungsprozesse von Arbeits- und Lebensverhältnissen sichtbar.

Aneignung von Protest

Hierzulande läuft die diskursive Verengung dagegen Gefahr, die mögliche Anschlussfähigkeit an jene Gruppen zu verlieren, die zum prekären „Anderen“ gemacht werden. Die Figur des/der Protestwählers/in mag daher in ihrer strukturellen Ähnlichkeit zum hegemonialen Bild des/der passiven Unterschichtsangehörigen als Anknüpfungspunkt ernst genommen werden. Denn linke Politik kann es sich weder auf symbolischer noch auf organisatorischer Ebene leisten, diese Gruppen als politische Subjekte zu ignorieren. Wird Prekarisierung verstanden als die neue soziale Frage (vgl. Castel 2000), scheint das Potenzial politischen Protests durchaus gegeben. Noch bleibt der Protest aber scheinbar nur solange progressiver Bestandteil linker Politik, solange er nicht gewählt, sondern in Bewegung bleibt. Der zur Verharmlosung rechtsextremen Gedankengutes vielerorts strapazierte Begriff des/der „Protestwählers/in“ muss daher im Hinblick auf ein alternatives Bündnis aufgesprengt werden. Über den bunten Straßenprotest hinaus sollte sich eine linke Bündnispolitik um die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit ihrer Positionen kümmern und sich bestehende Debatten erneut aneignen. Die Herausforderung liegt also in einer politischen Mobilisierung auch solcher Positionen, die im links-intellektuellen Diskurs häufig marginal bleiben. Die inhaltlichen und organisatorischen Verkettungen auf transnationaler Ebene wären dann eine notwendige und produktive Korrektur, um den diskursiven Rahmen eines auf nationaler Ebene antretenden Wahlbündnisses beständig auszuweiten.

Protest als attraktiver Einsatz eines solchen Wahlbündnisses müsste die dadurch freigewordenen Energien nutzen, um die zunehmend verschlossenen Diskursräume wieder zu öffnen. Angesichts von Wohlfahrtchauvinismus und einer über Rassismus ermöglichten Selbstvergewisserung österreichischer Identität bietet die angesprochene Diskursivierungsstrategie zum Konzept der Prekarisierung ein mögliches Modell für eine reflexive linke Bündnispolitik, die über den Tellerrand hinaus zu agieren im Stande ist. Die aufbegehrende Rede geht dabei immer das Risiko ein, entweder von bestehenden gesellschaftlichen Kräften vereinnahmt oder selbst Teil dieser herrschaftlich verfassten Strukturen zu werden. Doch linke Politik soll in diesem Sinne nicht vor einer parlamentarischen Repräsentation zurückschrecken, sondern muss selbst versuchen, in diese einzugreifen. Nur so können die sie notwendigerweise konstituierenden sozialen Bewegungen auch sichtbarer und ihre Inhalte hörbarer gemacht werden. Denn den besseren Protest wählen immer noch wir!

CASTEL, ROBERT (2000): Die Metarmorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.

LOREY, ISABELL, Isabell (2007): „Vom immanenten Widerspruch zur hegemonialen Funktion. Biopolitische Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung von KulturproduzentInnen“ In: Raunig, Gerald; Wuggenig, Ulf (Hg.): Kritik der Kreativität. Wien: Verlag Turia + Kant, S. 121–136.

MATTONI, ALICE; DOERR, NICOLE (2007): “Images within the Precarity Movement in Italy” In: Feminist Review, H. 87, S. 130–135.

PRECARIAS A LA DERIVAPrecarias a la deriva (2004): Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit. Online verfügbar unter http://republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.pdf, zuletzt geprüft am 11.09.2008.

RAUNIG, GERALD (2004): Die doppelte Kritik der parrhesia. Beantwortung der Frage „Was ist eine progressive (Kunst-)Institution?“ In: transversal. Online verfügbar unter http://eipcp.net/transversal/0504/raunig/de, zuletzt geprüft am 06.11.2008.

Clemens Apprich und Magdalena Freudenschuß promovieren an der Humboldt Universität zu Berlin. Beide sind derzeit als Junior Visiting Fellows am IWM in Wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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