Nahsehen in Fernsicht — IG Kultur

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INHALT 04/2008

 

Nahsehen in Fernsicht

Ingo Leindecker

Der Verein matrix will nun endlich auch in Linz einen freien Fernsehkanal etablieren. Als Startschuss veranstaltete er Mitte November die Konferenz Nah-sehen/fern-sehen an der Kunstuniversität Linz. Das Thema Community TV wurde dabei in eine größere (politische) Öffentlichkeit gerückt und die Forderung nach einer derartigen Einrichtung durch die Einbindung von lokalen Initiativen, Vorzeigeprojekten und künstlerischen Positionen bekräftigt. So lieferten neben einer Reihe von Projektpräsentationen auch wissenschaftliche Beiträge sowie eine Gesprächsrunde mit politischen VertreterInnen Impulse für eine Diskussion über freies Fernsehen in Linz, die nun hoffentlich fortgesetzt wird. 

Bereits im Herbst 2006 präsentierte sich das Linzer Fernsehprojekt – damals noch unter dem Namen CoDy – Collective Dynamics – mit einem ersten Konzept. Das Projekt sah sich zu diesem Zeitpunkt noch als eine Internetplattform, über die Videos hochgeladen und im lokalen Kabelkanal digital ausgestrahlt werden sollten. Das hehre Ziel laut Selbstbeschreibung: „Das Maximieren des interaktiven Potenzials digitalen Fernsehens“. Das Potenzial war aber offenbar schnell ausgeschöpft – erwartungsgemäß brachte das Aufwärmen des inflationären „interaktiven Potenzials“ keine großen Handlungsspielräume geschweige denn einen neuen Partizipationsbegriff hervor. Nachdem man sich also zuvor gemeinsam mit der Kunstuniversität auf die Suche nach den verborgenen Kräften der Interaktivität begeben hatte, näherte man sich nun wieder dem „klassischen“ Modell an und forderte erstmals wörtlich mit großem Schielen nach Wien auch ein Community Fernsehen für Linz.  Tatsächlich konnte die Veranstaltung unterschiedlichste lokale (Stadtteil-)Fernsehprojekte versammeln und noch kaum gesehene Medienarbeit an die Oberfläche bringen. Die vielfältigen Ansätze und Wirkungsbereiche zeigen auch den breiten Bedarf nach einem (Minderheiten-)Programm mit starkem Lokalbezug, das von den Menschen selbst und nach den eigenen Kommunikationsbedürfnissen gestaltet wird. 

Wie sich ein solches Projekt organisieren lässt und wie vielfältig sein Programm aussehen kann, zeigt bereits Wiens freies Fernsehprojekt Okto TV. Aber auch international gäbe es genügend Vorbilder und funktionierende Modelle. Denn Österreich ist ohnehin – wie so oft – Schlusslicht, was die Verbreitung und Ausstattung des dritten Sektors angeht. Jener nicht-kommerzielle, öffentlich zugängliche Rundfunksektor, der auch denen eine Stimme gibt, die in den Mainstreammedien keinen Platz haben und damit einen wichtigen Beitrag zur Meinungs- und Medienvielfalt leistet.  Die gesetzliche Verankerung dieser dritten Säule – für die insbesondere die freien Radios seit Jahren kämpfen – würde die tatsächlich beachtlichen Leistungen freier Medienprojekte endlich auch in Österreich anerkennen und vor allem absichern. Dass aber bis dato sowohl die Lobbyingarbeit der freien als auch die der privat-kommerziellen Sender auf Bundesebene nicht mehr als Lippenbekenntnisse hervorgebracht hat, macht die Ignoranz der rotschwarzen Medienpolitik evident: Im jüngsten Koalitionsübereinkommen ist die lange versprochene Bundesmedienförderung abermals auf Eis gelegt worden –sie wurde schlichtweg nicht mehr ins Papier mit aufgenommen. 

Denn dass in Österreich ein Projekt wie Okto TV möglich ist, liegt nicht zuletzt an der guten Ausstattung durch die Stadt Wien. Für freie Medienprojekte außerhalb der Bundeshauptstadt sind die Rahmenbedingungen wesentlich schlechter, weshalb man sich zu Recht fragt, wieso so etwas in Wien, aber nicht in den Ländern möglich ist. Auf eine bundesweite Lösung wird deshalb umso mehr gedrängt.  Dennoch möchte man in Oberösterreich zumindest auf Landesebene eine Lösung erreichen und den politischen Druck mit Hilfe der Veranstaltung vergrößern. Zu diesem Zweck sind als Hauptprogrammpunkt des ersten Konferenzabends VertreterInnen aus Landes- und Kommunalpolitik sowie Medienbeauftragte aus Österreich und Deutschland eingeladen. Man war sich zwar sowohl um den Bedarf eines freien Fernsehsenders als auch um jenen einer Landesmedienförderung im Großen und Ganzen einig, es liege am politischen Willen, eine Mehrheit im Landtag gebe es leider nicht. Teilweise waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fast schon euphorisch, was die Community TV-Idee betraf, allerdings traten umso mehr grobe Auffassungsunterschiede über das Selbstverständnis freier Medienprojekte zu Tage, wie LAbg. Wolfgang Schürrer (ÖVP) eindrucksvoll beweist, der in Oberösterreich am liebsten flächendeckend freies Fernsehen, bespielt über eine Art „Versorgungsraster“, hätte. Ob die Sender dann am besten gleich direkt von den Gemeinden selbst betrieben werden sollten, blieb unangesprochen.   Man müsse das Thema zwar stärker aufgreifen, so zwar der politische Tenor, ob den Worten diesmal Taten folgen, bleibt abzuwarten. Hier muss also noch viel Bewusstseinsarbeit geleistet werden, und der Erfolg ist nicht zuletzt davon abhängig, wie stark sich die Initiative in nächster Zukunft – vor allem hinsichtlich ihrer lokalen Verankerung – machen kann. Denn auch innerhalb der Linzer Kulturszene sickert das Community TV Vorhaben nur langsam durch und daran beteiligt sind nur wenige. Will man aber nicht ewig politische pressure group sein, sondern auch tatsächlich einen Fernsehkanal schaffen, ist zu hoffen, dass matrix seine Türen noch weiter öffnet und ein klares Angebot an die potenzielle Community formuliert, sich an der Weiterentwicklung des Projektes zu beteiligen. 
 
 

Ingo Leindecker ist Künstler und Vorstandsmitglied des Vereins Radio FRO. Lebt in Linz.

 
 

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