Neues aus Kleingartensiedlung: Schöne Worte — IG Kultur

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INHALT 04/2008

 

Neues aus Kleingartensiedlung: Schöne Worte

Andi Wahl

Dass eine Kleingartensiedlung eine kleine Welt in sich ist, das habe ich Ihnen gegenüber doch sicherlich schon einmal erwähnt. „Zerrspiegel der Gesellschaft“ hat das einmal ein Theaterregisseur, der kurz bei uns auch einen Kleingarten hatte, genannt. Der hat immer alles so schön sagen können, aber für die Gartenarbeit war er einfach nicht geschaffen. Und als seine Parzelle dann eine all zu wilde Verzerrung eines Garten war, hat ihm der Vereinsvorstand nahe gelegt, es mit dem Garteln wieder sein zu lassen. Er hat es damals mit Fassung getragen und noch eine schöne Abschiedsrede gehalten. „Ich bin eben ein Mann der Kunst“, hat er gesagt, „und nicht des Kunstdüngers. Ein Mann der Muse und nicht des Mulchens!“

Aber jetzt bin ich ganz von dem abgekommen, was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte: In unserem Kleingartenverein gibt es natürlich VertreterInnen der unterschiedlichsten politischen Ansichten und Philosophien, wir sind ja ein ausgesprochen liberaler Verein. Und so zählen wir auch eine alte Kommunistin, die „Rote Herta“, zu unseren ältesten Vereinsmitgliedern. Sie macht im übrigen die süßeste Brombeermarmelade und den schärfsten Schnaps in der ganzen Anlage. Schon alleine deshalb genießt sie hier hohes Ansehen, und auch ich schaue gerne bei ihr auf ein Plauscherl vorbei. Da mögen der Schnaps und die Brombeermarmelade durchaus mitspielen, aber ich höre mir auch gerne an, wie sie die aktuellen Entwicklungen kommentiert. Gerade gestern war ich wieder bei ihr, weil ich mir gedacht habe, dass sie sicherlich in Feierlaune sein wird, jetzt wo doch überall davon gesprochen wird, dass der Markt sich nicht selbst reguliere und dass die Staaten wieder verstärkt regulierend in die Märkte eingreifen wollen. Das muss doch – so dachte ich mir – Labsal sein für die „Rote Herta“. Aber nein. Wie ich zu ihr komme, da ist sie fuxteufelswild und stutzt ihre Brombeerstauden zurück, dass einem das Gärtnerherz verbluten könnt’. Auf die Frage, was ihr denn für eine Laus über die Leber gelaufen sei, lässt sie von den Brombeerstauden ab und winkt mich auf einen Schnaps herein. Als ich dann bei ihr im Gartenhüttel sitz’, knallt sie mir mit den Worten „Schau dir das an!“ die Zeitung auf den Tisch, holt aus und bohrt die Gartenschere durch zwei Artikel der Titelseite. „Nur nicht weiter provozieren“, denk’ ich und lese mir die beiden Artikel durch. In einem wird darauf hingewiesen, dass nun zwei ausgewiesene Sozialpartner in der Regierung sitzen und im anderen steht, dass sich die Banken, die Staatshilfe beantragen wollen, ausbedungen hätten, dass sie trotzdem Dividenden an ihre Aktionäre auszahlen dürfen. Warum die „Rote Herta“ gerade diese zwei Artikel so aufregen, dass ihr sogar zwei tiefe Kerben und die halbe Brombeerernte des nächsten Jahres wurscht sind, habe ich leider nicht sofort verstanden. Aber die Herta hat ohnehin gleich zu schimpfen begonnen.
„So sind sie, die Arschlöcher!“, hat sie gefaucht und ihre Gartenschere auf den Tisch geworfen, dass es fast mein Schnapsstamperl erwischt hätte, „wenn die Profitrate zu sinken droht, dann holen sie sich wieder die Vertreter des sozialen Friedens in die Regierungen. Ist ja auch notwendig, sonst würden es sich die Leute nämlich nicht gefallen lassen, dass überall gespart wird und der Staat gleichzeitig den Reichen das Geld vorn und hinten hineinstopft!“ Ich habe alles versucht, um sie zu beruhigen, aber es hat nichts geholfen. Wenn die „Rote Herta“ einmal in Fahrt kommt, dann ist sie nicht mehr zu bremsen. Zum Schluss hat sie mir noch einen Absatz in einem ihrer dicken Bücher angestrichen und mich aufgefordert, darüber einmal nachzudenken: „Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird das Kapital kühn. 10 Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“ Ein Karl Marx hat das geschrieben. Wahrscheinlich auch ein Theaterregisseur, so schön wie der schreiben kann.

 
 

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