Zahlen und Bilder hinter der Ideologie des Fortschritts — IG Kultur

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INHALT 04/2007

 

Zahlen und Bilder hinter der Ideologie des Fortschritts

Dimitar Denkov

Von 24. September bis 2. November 2007 streikten mehr als 90% der bulgarischen LehrerInnen mit den Forderungen nach einer Gehaltserhöhung um 100%, nach einer Erhöhung der staatlichen Bildungsausgaben um mindestens 5% des Bruttosozialproduktes und verlangten das Erarbeiten einer Entwicklungsstrategie für diesen Bereich. Die Koalitionsregierung der sozialistischen und der zwei liberal-zentristischen Parteien – eine davon monarchistisch, die andere ethnisch-türkisch orientiert – hat seriöse Verhandlungen stets verschoben mit dem Vorwurf, dass das Schulsystem nicht reformiert sei – als ob diese Reform Sache des LehrerInnenstandes wäre.

Dieser Vorwurf wurde dabei von den meisten Mainstreammedien, die in den LehrerInnenprotesten Erpressungsversuche und eine Bedrohung der finanziellen Stabilität sahen, unterstützt. Die stärkste, obwohl verdeckte Form der Unterstützung der Regierung kam aber vom Bankensektor durch die Übermittlung von Warnbriefen mit der Aufforderung, die Monatsschulden zu bezahlen. Die meisten LehrerInnen haben derart langfristige Schulden, dass sie mehr als einen Monat ohne Gehälter nicht auskommen könnten.

Der Streik klang ab mit dem Versprechen über eine Erhöhung des Einstiegsgehalts um ca. 48%. (Im Moment liegt es bei rund 165 Euro.) Es wurde auch eine Mindesterhöhung des Budgets für Bildung und Wissenschaft von 4,18 auf 4,2 % des Bruttosozialproduktes versprochen. Die Gewerkschaften warnten, dass am 21. November, am Tag der Budgetbesprechung, LehrerInnen, WissenschafterInnen und TaxifahrerInnen vor dem Parlament protestieren werden. Während des Streiks nahmen mehr als 50.000 LehrerInnen an den Protestkundgebungen teil; am 21. November waren es nur noch knapp 150.

Dieses traurige Ende des längsten Streiks in der bulgarischen Geschichte verfestigt den Eindruck, dass die Kräfte des LehrerInnenstandes erschöpft sind und die außerordentliche Krisenlage der Bildung und der Wissenschaft eigentlich die Norm ist, an die man sich zu gewöhnen hat. Im Bereich der Bildung bedeutet sie das endgültige Sich-Trennen von den mit dem Nationalstaat verbundenen Einstellungen, von den aufklärerischen Illusionen über persönliche Verwirklichung durch Bildung – und ihre Ersetzung durch Kriterien der Verwertbarkeit und globalen Konvertibilität des Wissens.

Das ist die Norm einer Gesellschaft, in der das heuchlerische Gerede über Bildung ihr eigentliches Hintergehen im Namen des schnellen Gewinns mit minimalen Investitionen kaum verbirgt. Diese Realität ist nicht unbedingt etwas „typisch Bulgarisches“, doch zeigt das bulgarische Beispiel am krassesten den ideologischen Gehalt der Lissabon Strategie-Schwüre um die „Wissensgesellschaft“, die offensichtlich nur für jene zugänglich ist, die von Geburt aus die Chance haben, in das Bildungssystem eines reichen Landes eingebunden zu sein. Das bulgarische Beispiel steht umso mehr für jene, die so eine Chance nicht mehr haben, weil sie diese dank der neoliberalen Politik verloren haben.

Das bulgarische Bildungssystem im europäischen Vergleich

Geographisch und formal-statistisch gesehen scheint der Bildungsbereich in Bulgarien für eine relativ schmerzlose Einbettung in den von der EU vorgegebenen Rahmen geeignet zu sein. Nach Kriterien wie Umfang und Alphabetismus gemessen, ist er „gänzlich europäisch“. Das Niveau des Alphabetismus unter Volljährigen ist Befragungen zufolge hoch (98,6%), somit ist das Land am 37. Platz unter 202 Ländern. Bulgarien ist unter den ersten 50, was die Teilnahme der Bevölkerung an den Bildungsprozessen auf den unteren Bildungsstufen anbelangt. Es wird berichtet, dass der Anteil der Schulkinder in der Altersgruppe zwischen 5 und 14 in den letzten Jahren ständig steigt und sich den EU-Kriterien nähert.

Auch bezüglich der TeilnehmerInnenzahlen auf den höheren Bildungsstufen gleicht das Niveau Bulgariens jenem der EU. Der AkademikerInnenanteil der Bevölkerung für die Zeit 2000-2005 liegt bei ca. 21%. Und obwohl es im Vergleich zu den im Bildungswesen führenden Ländern wie Finnland, Niederlande, Belgien, Dänemark, Schweden, Irland und Tschechien zurück bleibt, ist es mit Griechenland, Portugal, Spanien und sogar Italien durchaus vergleichbar. Wobei gerne übersehn wird, dass dies einerseits dem schwindenden Bildungskapital aus sozialistischen Zeiten zu verdanken ist, andererseits handelt es sich oft auch um formale Vergleiche.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die akademische Bildung, von der eine Höchstqualität erwartet wird. Sie ist aber selbst schon durch die Tatsache verdächtig, dass es über 100 staatlich anerkannte Hochschulen und deren Filialen gibt und zusätzlich noch ca. 30 nicht gesetzlich zugelassene. Diese bilden einen geschlossenen Markt, worin der Anstieg der Zahl von DiplomakademikerInnen mit jenem der Inflation – ca. 12% – vergleichbar ist, ohne dadurch jedoch eine bessere Zukunft zu versprechen. Denn die Krise zeichnet sich sehr deutlich in rein quantitativen Kriterien ab, etwa im Index der HochschülerInnen im Alter von 20-29 Jahren. Sein Durchschnittswert in Europa (jetzt 22,2%), so die Erwartungen, wird bis 2015 auf 30% steigen. Die Tendenz in Bulgarien ist genau umgekehrt, von 16,4% 1999 sank der Anteil der HochschülerInnen in dieser Altersgruppe auf 15,2% 2002. Es besteht durchaus ein Grund anzunehmen, dass 2015 dieser Anteil noch niedriger sein wird.

Das ist eine Folge vor allem der Tatsache, dass demnächst die Generationen des „Übergangs“ (von der sozialistischen zur marktwirtschaftlichen Gesellschaft) in das höhere Bildungsalter kommen werden. Außer dass die in diesen Jahren Geborenen zahlenmäßig höchstens die Hälfte der SchülerInnen bis 1989 ergeben, unterscheiden sie sich auch qualitativ von diesen, da sehr viele keinen Maturaabschluss mehr vorweisen können. Ganz zu schweigen davon, dass manche von ihnen kaum eine Grundschule abgeschlossen haben, obwohl in der Verfassung die Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahr festgelegt ist. Dass solche Verfassungstexte oft den Charakter eines Wunschzettels haben, bezeugt der Index des vorgymnasialen Abschlusses: 2002 wuchs er auf 84,4%, 2004 weiter auf 88%, aber 2006 sank er wieder auf 85,5% und somit war er weit von den für 2015 angestrebten 95% entfernt. Das ist der erste wesentliche Unterschied zur EU – in Bulgarien wächst die Anzahl der SchülerInnen ohne Maturaabschluss.

Das zweite Merkmal ist der Mangel an Möglichkeiten zur effizienten Autodidaktik, ein charakteristischer Bereich für die Generation, die sich die Welt ohne Fernseher und Computer nicht vorstellen kann. Einen technischen Zugang zu Mitteln der Autodidaktik dieser Art besitzen die meisten Menschen bis zum 18. Lebensjahr in Nordamerika, Westeuropa, Australien und Japan. Die Beteiligung an diesen Kommunikations- und Informationsnetzen aber verlangt das Beherrschen seines Idioms – basic English. In dieser Hinsicht steht Bulgarien auf der untersten Mittelstufe, was technischen Zugang und Sprachmöglichkeiten betrifft. Noch dazu ist eine solche Form der Autodidaktik vor allem in den Großstädten möglich. Deswegen benützen lediglich ca. 50% der SchülerInnen in Bulgarien Internet und ca. 20% Englisch beim Arbeiten im Netz. Und es ist gar nicht überraschend, dass die StudentInnen durchschnittlich nur zwei Stunden pro Woche mit Computern arbeiten und viele davon keinen eigenen besitzen.

Bildungschancen: Analphabetismus vers. AkademikerInnengroßexport?

Der dritte wesentliche Unterschied zu den EU-Ländern: Alle Prüfungs- und Forschungsergebnisse weisen eine sinkende Sprach- und Informationskompetenz und einen stabilen Prozentsatz an schlechten Schulnoten auf. Nach qualitativen Bildungsmerkmalen rutscht Bulgarien den Vergleichswerten nach von einem Platz unter den ersten zehn Mitte der 1990er Jahre auf einen Platz unter den ersten 30 EU-Ländern ab, am schlechtesten schneiden hier die Naturwissenschaften, der muttersprachliche Unterricht und die Mathematik ab. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Gesellschafts- und Eigeneinsatz nicht der formell erhaltenen Qualität entspricht. Ein wesentlicher Teil der MaturantInnen – jährlich über 8.000 – realisiert seine Hoffnungen auf bessere Ausbildung im Ausland.

Der Anzahl der im Ausland Studierenden nach ist Bulgarien innerhalb der ehemaligen sozialistischen Länder mit jährlich über 17.000 StudentInnen der mächtigste „Exporteur“ in diesem Bereich. Die Bildungsperspektiven außerhalb des Landes sind mit besseren Arbeitsmöglichkeiten jenseits der Grenzen Bulgariens verbunden. Das pumpt aber ständig das intellektuelle Potenzial aus dem Land und führt zu einer allgemeinen „Rückständigkeit“. Sowohl Bulgarien als auch sein Bildungssystem kehren damit dorthin zurück, wo sie sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befanden. Angesichts dieser Tendenz ist der Slogan „Allgemeiner Zugang zur höchsten Qualität in der Bildung“ ein rein ideologischer, und dient lediglich der Propaganda.

In der Realität sieht es anders aus. Die demographische Krise, die Migration Richtung Großstadt, die ungleiche Entwicklung der ländlichen Regionen, die ethnischen Unterschiede und die strukturelle Arbeitslosigkeit beschränken den Zugang vieler Kinder zu der ihnen formell garantierten Bildung. Die Konzentration der Bevölkerung in einigen wenigen Regionen und die Entvölkerung anderer befestigt zentralistische Regierungspraktiken, die den Großstädten zugute kommen. In der Hauptstadt Sofia und Umgebung leben und arbeiten ca. 25% der bulgarischen Bevölkerung, ungefähr ebenso viel in den restlichen sieben Großstädten. Diese Tatsache hat die soziale Marginalisierung der Menschen vor allem in den Grenzregionen, Dörfern und kleinen Gemeinden zur Konsequenz, ebenso wie deren Mangel an Qualifikation. Diese Tendenzen, die in den letzten Jahren stark in den Vordergrund treten, betreffen alle, jedoch treffen sie mit besonderer Härte die Roma/Romni und die türkische Minderheit, deren Kinder ohne genügend Bulgarischkenntnisse in die ersten Schuljahre eintreten müssen. So setzt man ab dem ersten Volks- schuljahr ein Bildungsmodell ein, das – zynisch auf den Punkt gebracht – als die bulgarische Variante des modernen „lebenslangen Lernens“ gelten kann.

Dieses Modell resultiert aus dem Bildungsumfang: 22,6% der BulgarInnen, 55% der TürkInnen und 46,2% der Roma und Romni haben nur einen Grundschulabschluss. Einen Maturaabschluss haben 54% der BulgarInnen, 24% der TürkInnen und 7,8% der Roma und Romni. Besonders markant sind die Angaben bezüglich der Hochschulausbildung: Hier sind es ca. 23,5% der BulgarInnen gegenüber 2,7% der TürkInnen und 0,2% – 0,4% der Roma und Romni. Die Perspektiven für eine Veränderung sind überhaupt nicht vorhanden, egal wie oft man über „Bildungswirtschaft“ spricht. Korrekter wäre es, über Bildungssegregation zu sprechen, die jegliche Integration aufgrund eines gemeinsamen Arbeits- und Alltagslebens unmöglich macht. Am meisten beunruhigt hier vor allem der Anteil der Menschen ohne Grundschulausbildung.

Er liegt bei den BulgarInnen nahezu bei 0% , aber bei den TürkInnen bei 5,6% und bei den Roma/Romni erreicht er 20,5%. In der Mehrheit sind diese Menschen AnalphabetInnen und geben diesen Analphabetismus weiter. So gibt es im Bulgarien des 21. Jahrhunderts, ähnlich wie am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts, eine dritte Generation AnalphabetInnen. Der Anstieg des Analphabetismus hat auch ethnisch-religiöse, sowie gender- und altersspezifische Aspekte. So ist er etwa für muslimische Romni im Alter zwischen 12 und 14 besonders prägend. Dieser Zustand kommt übrigens der politischen und wirtschaftlichen Koterie zugute, die große Gruppen schlecht gebildeter Menschen für ihre Eigenlegitimation, bei Wahlen, beim Treffen von politischen Entscheidungen und bei Projektfinanzierungen durch staatliche oder andere Subventionen ausnutzt. Auf diese Weise vertieft die Beibehaltung sozialer Ungleichstellungen zunächst die ethnische Verschlossenheit und letztendlich garantiert sie die Stabilität jener Politik, die kein Interesse an einer Verringerung oder Überwindung dieser Ungleichstellung durch Bildung hegt.

Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass Bulgarien sich unter jenen im Bildungsbereich stagnierenden Ländern einreiht, in denen das Allgemeinbildungs- und Qualifikationsniveau degradiert wird und wir mit dem Paradox konfrontiert sind, dass die älteren Generationen über ein höheres Bildungsniveau als ihre Kinder und Enkelkinder verfügen.

Dimitar Denkov lehrt Philosophie- und Sozialgeschichte an der Sofioter Universität und ist Kolumnist der Zeitung Sega.

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Albena Zlatanova

 
 

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