Auf die Ekstase — IG Kultur

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INHALT 04/2007

 

Auf die Ekstase

Marty Huber

Über das Kopieren oder auch das Covern von Musiktiteln gibt es verschiedene Meinungen. Wurde in den 1960er Jahren noch jeder Italo-Sommerhit von Peter Alexander oder von Peter und Conny eingedeutscht, gibt es in der Tanz- und Clubkultur oft aufwendig gestaltete Remixes und Mash-Ups, die es in die Sphären künstlerischer Tätigkeit geschafft haben. Für die einen ist es ein billiges Supermarkt-Shoppen in der musik-historischen Beatsammlung, für andere höchst anspruchsvolles Assoziieren zwischen verschiedenen Musikstilen und Epochen.

Eine – salopp gesprochen – Coverband der anderen Art sind in diesem Feld die Lesbians on Ecstasy, die mit ihren mittlerweile zwei Alben einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen haben, der sich in etwa so antut, wie eine Dissertation zum Thema Deutschsprachige feministische Literatur und Humor. Ihr Ziel ist es, lesbische (Pop-)Kultur zu covern und somit zu prolongieren, und das ist ihnen nach zwei Alben weiterhin möglich, genauso wie es eine Dissertation zum Thema Feminismus und Humor gibt.

Die Lesbians on Ecstasy, gegründet 2004, sind eine vierköpfige Montrealer Band, die hauptsächlich durch ihren tanzfreundlichen Ansatz beliebt wurde. Gab es in schwuler Clubkultur längst eigene Schwerpunktsetzungen im Terrain der Unterhaltung, wie eben die allerorts beliebten House-Clubs, so sah es auf Seiten lesbischer Clubkultur immer ein wenig mager aus. Diesem Mangel hat die Montrealer Band den Kampf angesagt. Ihr erstes Album widmet sich den nicht nur innerhalb der Community bekannten Ikonen lesbischer Popkultur wie zum Beispiel Melissa Etheridge, Tracy Chapman oder K.D. Lang, welche die Hitparaden der 1980er und 1990er stürmten und die mehr oder weniger als Lesben bekannt sind.

Den Lesbians on Ecstasy geht es aber nicht um das simple Remixen und Überführen von Popsongs in Musikstile wie Techno, Gothic und Industrial, sondern um eine kritische Neudichtung. So singen sie zum Beispiel in Konstant Kraving, nach einer Liebesschnulze von K.D. Lang, statt über Liebe über das unbändige Verlangen in einer konsumorierentierten Gesellschaft. In einem Interview (1) stellten sie fest, dass es für sie nicht unbedingt notwendig ist, dass ihr Publikum die Lieder (er)kennt, sie möchten aber den Effekt, lesbische Musikgeschichte in die Jetztzeit zu transferiert, nicht missen. Für Kennerinnen ist das Bezugnehmen auf diesen Teil der Musikgeschichte nicht unbedeutend, da gerade lesbisches Kulturschaffen öfters unsichtbar gemacht wird.

Wir wissen – du weißt

Der spielerische Umgang mit dieser Geschichte ermöglicht es, Bezüge zu einer Historizität sowie zu einer Partykultur herzustellen. Unterschiedliche Communities stellen diese Verbindungen auch sehr different her, wie sich sehr gut am Beispiel des zweiten Albums We know You know aufzeigen lässt. Die Lesbians on Ecstasy ließen es sich nicht nehmen, englischsprachige Lieder der 2. Frauen- und Lesbenbewegung zu verarbeiten, die heute eher selten gesungen, geschweige denn in Medien gespielt werden. Erfreut sich die junge Lesbe bei Liedern wie The Cold Touch of Leather eher an den Beats, so erinnert sich manch andere an lange Lagerfeuernächte.

Völlig anders rezipiert werden Lieder der womyn loving womyn-Generation natürlich auf Musikfestivals, wie auf dem Women’s Music Festival in Michigan, die in ihrer 30jährigen Geschichte die Entwicklungen lesbischer Musikgeschichte mitgeprägt haben. Die Lesbians on Ecstasy sehen ihr Verhältnis zu diesen Utopien der 1970er Jahre aber auch als ein sehr ambivalentes: Auf die Frage nach der Fortführung dieser Utopien in den Liedern, bewundern sie einerseits die Naivität, mit der in den 1970er Jahren Frauencommunities glorifiziert wurden, können sich heute jedoch nicht mehr mit diesen identifizieren.

Sie transferieren in ihren Coverversionen immer auch Ironisch-Politisches, nicht nur anhand von Liedern aus den 70er Jahren, sie machen auch nicht vor der einzigen aktuellen Fernsehserie mit lesbischen Protagonistinnen halt. The L Word, bisher vom ORF immer noch als nicht herzeigbar eingestuft, ist eine Hochglanz-Serie à la Sex and the City, die lesbisches Leben in Los Angeles in den Mittelpunkt stellt. Von vielen geliebt ob ihrer einfachen Existenz im Mainstreammedium Fernsehen an sich, von anderen kritisiert, ob der konsumorientierten, apolitischen Ausrichtung der Protagonistinnen. Die Kennmelodie hat es jedoch schon in den Status eines Lesbians on Ecstasy-Covers geschafft. Heißt es im Originalrefrain noch „This is the way we live“, so heften die Lesbians on Ecstasy durch das Umdrehen des Titels zu „Is this the way we live“ ein kritisches Fragezeichen an die Bildproduktion der Serie The L Word.

Lesbisch in Zeiten von Queer

Erstaunlich ist dennoch, dass in Zeiten von Queer, das die Aufhebung der Kategorien von Geschlecht und sexueller Orientierung vorantreibt, eine Band sich geradezu programmatisch lesbischer Kulturen und Musikproduktion annimmt, selbst wenn sie ihr Tun mit viel Ironie und Selbstkritik anreichert. Aber wie sie selbst feststellten, gibt es in Musik-, wie auch in Theorieproduktion gleichermaßen aktuelle Gesellschaftskritiken, wie jene, die sie in Victoria’s Secret besingen:„The subject of lesbianism is very ordinary: It’s the question of male domination, that makes everybody angry!“

Anmerkung

(1) Das Interview wurde anlässlich des FM Queer-Konzertes der Lesbians on Ecstasy am 20. Oktober 2007 in Wien geführt. Auszüge daraus finden sich in der Radio Orange-Sendereihe Bauch, Bein, Po, siehe: sendungsarchiv.o94.at

Marty Huber ist Aktivistin im Lila Tipp, der Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa, Radiomacherin und Sprecherin der IG Kultur Österreich.

 
 

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