Der „Ausländer“ und seine Erziehung — IG Kultur

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INHALT 04/2007

 

Der „Ausländer“ und seine Erziehung

Ljubomir Bratić

Wenn man aus Männern, Frauen, Kindern, Arbeitern und Arbeiterinnen, Angestellten, KulturproduzentInnen und vielen anderen mehr die allgemeine Vorstellung „Ausländer“ bildet, und – mehr noch – wenn ich mir einbilde, dass die aus den wirklichen Individuen gewonnene, abstrakte Vorstellung „Ausländer“ ein existierendes Wesen ist, vielleicht sogar „das wahre Wesen“ all dieser Individuen, dann erklärt man damit diese Vorstellung zum wesentlichen Element von Männern, Frauen, Kindern, ArbeiterInnen, Angestellte usw.

Das Wesentliche an diesen Individuen ist damit nicht ihre in der Gesellschaft eingenommene Funktion, das was wir jeden Tag und überall um uns herum beobachten können, sondern das Wesen, das ihnen durch gewisse Vorstellungen – in der westlichen Gesellschaft real konkretisiert durch die Fremdengesetzgebungen – zugeschrieben wird: eben jenes des „Ausländers“! Und mehr noch, die wirklichen Existenzen werden zu bloßen Attributen dieses Begriffs.

Im Alltag, auf der Straße, im Gemeinwesen und in der Gesellschaft werden die realen Existenz- und Funktionsweisen der Individuen sehr wohl unterschieden, und wir alle verhalten uns entsprechend dem Wissen, das in unserem Mikrokosmos üblich ist. Der rassistische Verstand aber erklärt diese Art von Vielfalt für unwesentlich und für unveränderlich. Er sieht in den Männern dasselbe wie in den Frauen, in den Kindern dasselbe wie in den KulturproduzentInnen, nämlich den „Ausländer“. Nur das ist in rassistisch strukturierten Gesellschaften das wahre Wesen. Alles andere sind Scheinexistenzen. Gegenüber dem nationalstaatlichen, rassistischen Verstand gibt es eben nur „Ausländer“, denen gegenüber der Staat bestimmte eindeutige Vorgangsweisen definieren soll. Das war in toto die Vorgangsweise, die jahrzehntelang seitens der österreichischen „Ausländerpolitik“ ausgeübt wurde; ihr primäres Charakteristikum.

Nun ändert sich da etwas. Aus unterschiedlichen Gründen genügt das Wesen „Ausländer“ nicht mehr, um die Herrschaft zu rechtfertigen. Nach einer Übergangsperiode, in der die Figur der „kriminellen Ausländer“ eine wichtige Rolle innerhalb dieses ideologischen Konstrukts einnahm, scheint diese nunmehr von der Figur der „frauenfeindlichen Ausländer“ abgelöst zu werden. Diese eröffnet viele und reichhaltige Interventionsmöglichkeiten – und genau diese Möglichkeiten des Eingriffs in dieses Bevölkerungssegment sind auch das Ziel solcher Reduktionsmaßnahmen. Zum Bespiel die mit dem Zweck „Emanzipation“ eingeführten Zwangsdeutschkurse für Mütter von Schulkindern, oder die Rechtfertigung und der Aufbau von Restriktionen gegenüber Männern, die sowieso alle „Machos“ sind.

Die Konkretisierung des Abstrakten

Die „Ausländer“: Das abstrakte Wesen muss lebendig gedacht werden, denn sonst wäre es nicht glaubwürdig. Insofern sind nach dieser Vorstellung Männer, Frauen usw., die in einem anderen Nationalstaat geboren wurden und eingewandert sind, nichts anderes als „Ausländer“. Sie sind „Ausländer“, die sich auf einer zweiten Stufe konkretisieren und zwar in der oben erwähnten langen Reihe von Möglichkeiten. In diesen Konkretisierungen bilden sie eine Mannigfaltigkeit von Funktionsweisen, die aber als nichts anderes denn als Schein gilt.

Dieser Schein entsteht eben dadurch, dass das Wesen „Ausländer“ ein lebendiges ist und verschiedene Formen annehmen kann. Sie sind nur insofern wirklich, als sie sich auf das Wesen „Ausländer“ beziehen, indem sie per Gesetz (in Österreich nimmt das Ausländerbeschäftigungsgesetz die zentrale Position in diesem Prozess der Objektivierung ein) und über Institutionen (in Österreich nimmt das Innenministerium, also das Polizeiwesen, die Regulation vor) auf dieses Abstraktum bezogen werden. So ist der Mann nicht einfach Mann, sondern ein ausländischer Mann, und die Frau eine ausländische Frau und die Kinder sind die Zweite, Dritte usw. Generation – natürlich von „Ausländern“. In all diesen Individuen gibt es einen Kern, der an den Ursprung ihrer selbst, an das „Ausländer“-Sein, gebunden zu sein scheint. Und dieser Kern ist genauso ursprünglich wie auch der Ort, von dem die Menschen kommen, nicht Herkunfts-, sondern Ursprungsort genannt wird.

Die Modi der „Ausländer“

Darüber hinaus sind die Unterschiede zwischen den diversen Daseinsformen und Funktionen in der Gesellschaft nicht die zwischen Männern und Frauen usw., sondern die zwischen den verschiedenen Modi von „Ausländern“ ... Gewissermaßen handelt es sich dabei um eine Selbstunterscheidung des Realität gewordenen Begriffs „Ausländer“, der sich dadurch selbst in der Wirklichkeit des Geschichtsprozesses fortbewegt. In so einer Situation entscheidet sich der moralische, der herrschenden Moral zugeneigte Mehrheitsangehörige, für den einen oder den anderen Modus des Realität gewordenen Begriffs „Ausländer“ zu intervenieren.

Einmal sind das die „fleißigen Ausländer“ im Unterschied zu den „kriminellen“, ein anderes Mal ist das die „Zweite Generation“, der auf dem Weg der Emanzipation von den Eltern geholfen werden muss, ein drittes Mal sind das die „niedlichen Mädchen“ von nebenan usw. Und jetzt, da die westliche Welt den ultimativen Feind entdeckt hat – den Islam –, ist es der frauenunterdrückende, bärtige Bösewicht, der als böswilliger Gegenpart zu den analphabetischen, kopftuchtragenden, gutmütigen, unmündigen, weiblichen Personen präsentiert wird. Der weiße Mann schwingt seine Machete, um den braunen Mann zu zerhacken, weil dieser die braune Frau unterdrückt. Ein leiser Verdacht, dass der weiße Mann aus der braunen Frau wieder das machen will, was sie Jahrtausende lang für ihn war, nämlich seine Liebessklavin, drängt sich da auf. Aber das wäre nur ein Aspekt dieses Problemfeldes.

Jedenfalls bleibt das Hauptbetätigungsfeld der rassistischen ideologischen Betätigung, den Unterdrückungsmechanismus „Ausländer“ zu erhalten, des weiteren die Existenz seiner Modi zu bestätigen und in regelmäßigen Abständen die eine oder die andere als Objekt seines Unterstützungs- oder Ablehnungswillens auszuwählen. Immer wieder wird ein weiteres Objekt der Begierde ent-deckt, zu dessen Hauptcharakteristikum die Liebes- oder Hasswürdigkeit auserkoren wird. Diese Dualität der Vorstellung ist dabei charakteristisch. Es gibt eben nicht nur den guten Wilden sondern auch den bösen. Egal wie in diesem rassistischen Feld die Argumentation sich entwickelt, wenn ein Begriff erwähnt, gedacht oder aufgeschrieben wird, dann wird der zweite implizit mitgeliefert. Nur an der grundsätzlichen strukturellen Ausrichtung der Gesellschaft darf sich nichts ändern.

Die derzeitigen Objekte dieser Liebe, sowohl die Kinder der „Ausländer“, als auch die Frauen der „Ausländer“, werden in dieser Gesellschaft – die den Begriff „Ausländer“ zur allerlebendigsten Orientierungsidee ihrer Bevölkerungspolitik gemacht hat – das, was sie immer waren, auch weiterhin bleiben – nämlich Menschen zweiter Klasse. Nur eben dieses Mal mit der Unterstützung der Guten, mit der Unterstützung von denjenigen, die zur ersten Klasse gehören und in der Öffentlichkeit gehört werden. Sie, diese Mitleidvollen, dürfen ihre bitteren Tränen über das Schicksal der armen Wesen vergießen, mit ihren Schicksalen Symposien, Konferenzen, Zeitschriften und Studien ausfüllen. Das Fest der Herrschaft wird einfach fortgesetzt; nur das Angebot der Attraktionen wird vervielfältigt. Gerade dieser Aspekt trägt wesentlich zum Erfolg des neuesten Schlagwortes der Verwaltung bei, desjenigen der „Diversitätspolitik“.

Welche Erziehung?

Was bedeutet in diesem Zusammenhang die ständige Betonung der Erziehung von MigrantInnen? Zunächst einmal ist es ein implizites Zugeständnis, dass viele Nationalstaaten Einwanderungsländer geworden sind. Es handelt sich bei den MigrantInnen, egal wie dies in der Öffentlichkeit potenziert wird, keineswegs mehr um „Ausländer“, wie zum Beispiel das rassistische Ausländerbeschäftigungsgesetz in Österreich schon in den 1970ern festlegte, sondern um Bürgerinnen und Bürger des Staates. Es handelt sich um diejenigen, denen aufgrund der Macht dieses Zustandes und nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung eine Bildung wie auch sonst jedem und jeder anderen auf diesem Territorium Anwesenden notwendigerweise zusteht. Auch deswegen, weil sie schon mehr als ein halbes Jahrhundert zur Entwicklung des Gemeinwesens beitragen.

Aber was für eine Erziehung will der Staat für MigrantInnen und deren Kinder? Um „normal“ zu funktionieren, eben auch um beherrscht zu funktionieren, ist in unserer Gesellschaft eine gewisse Edukation notwendig. Über die Jahrzehnte hinweg wurde allmählich erkannt, dass Dienstleistungen mit Niveau denen ohne vorzuziehen sind. Es geht also in dieser gesamten Diskussion darum, die Erziehung der MigrantInnen voranzutreiben, sie in den Bereich der Gebildeten einzuführen. Es handelt sich um die Verpassung eines eleganten Schliffs und keineswegs um eine Ermächtigung oder um eine Forcierung von Mündigkeit. Denn nach wie vor wird die überwiegende Zahl der MigrantInnen nicht zu IngenieurInnen, nicht zu Computerfachkräften und schon gar nicht zu JuristInnen oder ÄrztInnen. Sie werden nur ein besser dienendes Personal für diese herrschenden Berufe.

DIE BERUFE sind für die Mehrheitsangehörigen reserviert und diese werden dazu berufen. Die Berufung für MigrantInnen in den westeuropäischen Gesellschaften scheint die zum Bedienstetenpersonal zu sein. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn da andauernd die Tugend der MigrantInnen betont wird. Die Haupttugend der MigrantInnen innerhalb eines rassistischen Systems ist deren Folgsamkeit (und sie kann es nur sein!). Eben Unterordnung in einem rassistischen System, innerhalb dessen allen Mitgliedern der Bevölkerung eindeutige Rollen zugeteilt werden. „Ersatzarbeitskraft“ und „arbeitsmarktpolitische Verschubmasse“ bleibt das, was sie immer war. Nur die Anforderungen an diese Masse scheinen sich von Zeit zu Zeit zu ändern. Kurz, die Erziehung von MigrantInnen und von deren Kindern im Rahmen des Nationalstaates Österreich ist auf die Mehrheitsangehörigen abgerichtet. Es geht darum, den Mehrheitsangehörigen zu gefallen, ihnen als InhaberInnen der ökonomischen Machtpotenziale nützlich zu sein, ihnen als AlleinbesitzerInnen der Kultur das Leben angenehm zu machen. Die MigrantInnen sollen bessere und fügsamere ArbeiterInnen werden, denn in einer expandierenden Wirtschaft (übrigens gerade in Richtung jener Länder, aus denen die MigrantInnen kommen) geht es nicht, dass jemand nicht versteht, wovon der Boss redet.

Ausbildung führt zu analytischem Vermögen

Niemand erwähnt die politische Mitbestimmung der MigrantInnen. Alle tun so, als ob Erziehung und Politik kaum etwas miteinander zu tun hätten. Das Recht auf Ausbildung und dessen Wahrnehmung bedeutet aber nicht nur, wie die in die Defensive geratenen ApokalyptikerInnen warnen, Zurichtung durch ideologische Staatsapparate. Vielmehr wird dadurch auch der Kern der Rebellion gelegt. Das ist der dialektische Moment, der zu oft in Vergessenheit gerät. Das Anwachsen von Wissen führt mit der Zeit zur Möglichkeit der Wissensaneignung. Die Lektionen in deutscher Sprache führen auch zu analytischem und organisatorischem Vermögen für und in dieser Gesellschaft.

Genau dies führt zur Steigerung der Machtpotenziale der MigrantInnen und wird trotz aller rassistischen Ungleichheitsregeln langfristig zur Gleichheit führen. Das erste Zeichen der Wiederdurchsetzung der Idee der Gleichheit wird ein allgemeines und freies Wahlrecht für alle auf einem Territorium anwesenden Individuen sein. „Alle, die hier sind, sind von hier!“ Und wenn es so weit ist, dann werden wir sehen, ob manche Gruppen von Menschen in der Gesellschaft bereit sind, um ein Drittel weniger zu verdienen und um ein Drittel mehr für ihre Wohnungen zu zahlen. Die Bildung zu einem rationalen, analytischen und widerständigen Vermögen ist eben ein wichtiger Weg, nicht nur die Vorherrschaft, sondern auch das Rülpsen der machtgierigen Cliquen zu durchbrechen.

Ljubomir Bratić ist Philosoph und freier Publizist.

 
 

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