Freiheit für den letzten Gefangenen der RAF – Abschwören jetzt! — IG Kultur

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INHALT 04/2007

 

Freiheit für den letzten Gefangenen der RAF – Abschwören jetzt!

Klaus Kindler

Am 5. September 1977 erscheint im Nachrichtenmagazin Spiegel ein Artikel (des Terrorismusforschers Walter Laqueur) mit dem Titel: „Terroristen – die Superunterhalter unserer Zeit“. Am Abend dieses Tages wird Hanns Martin Schleyer in Köln entführt. Die vier Männer seines Begleitschutzes werden erschossen.

Dreißig Jahre, zwei weitere Dutzend Tote und eine Auflösungserklärung später haben wir soeben die konzertierte Medienoffensive zum Thema „Deutscher Herbst“ endlich überstanden. Die RAF ist als unangefochtener „Superunterhalter“ verlässlicher Quotenbringer und Aufreger geblieben. Dabei ist – verglichen mit 1997 – die Dramaturgie der medialen Inszenierungen noch perfekter, das Marketing noch professioneller und die (aufmerksamkeits-)ökonomische Verwertungskette noch umfassender ausgefallen. Der Spiegel übernahm im medial vermittelten öffentlichen Diskurs die unangefochtene Führungsrolle als Leitmedium der Auseinandersetzung und Stefan Aust krönte sein monothematisches Lebenswerk als „Schnittlauch auf allen RAF-Suppen“.

Erinnerungsmanagement

Den modernen Kommunikationsmedien fällt eine zentrale Rolle beim Agenda Setting relevanter Themen einer kollektiven Erinnerung sowie der strategischen Fokussierung und Intensivierung von spezifischen Inhalten und Interpretationsmustern zu. Da es dabei besonders um die Organisation der Bedeutungsgehalte und die Richtung der kollektiven öffentlichen Erinnerung sowie den Modus des Erinnerns selbst geht, versucht der Spiegel seinen Anteil an hegemonialer Deutungshoheit und Definitionsmacht zu sichern und auszubauen. Wenn, wie dort unterstellt, sich die Ereignisse von 77 „tief in die kollektive Erinnerung der Westdeutschen eingegraben“ (37/2007) haben, so ist das nicht zuletzt auch der Verdienst des Nachrichtenmagazins und seiner jahrzehntelangen publizistischen Begleitung und Betreuung der Stadtguerilla.

Der Kampf der RAF war nicht zuletzt einer um mediale Repräsentanz, der Kampf der Medien einer um die stärksten Bilder und die schärfsten Geschichten (von BILD bis Spiegel). Aus dieser Komplementarität wurde beim Spiegel eine seltsame Symbiose mit den Objekten der Berichterstattung, seit den 1980er Jahren personifiziert und kristallisiert im Journalisten Stefan Aust und seinem „Nachrichtenhändler“ und Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Aust identifiziert in seiner aktuellen Deutung als „Doppelspitze“ (bisher nur als Organisationsvariante für Parteivorsitze oder aus dem Fußball bekannt) der RAF Baader (Gruppenstratege) und Ensslin (moralische Gruppeninstanz) mit Meinhof als Mobbingopfer und Randfigur. Ein Bild, das formal auch auf ihn selbst und Boock passen würde.

Es ist ein deutsches Spezifikum, dass die öffentlich wahrgenommene Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Kampf trotz einer kaum überschaubaren (auch wissenschaftlichen) Literatur eine nahezu monopolisiert journalistische geblieben ist. Die im öffentlichen Diskurs – besonders der letzten Jahre – dominierenden Texte (Austs „Baader-Meinhof Komplex“ oder Gerd Koenens „Das rote Jahrzehnt“) und Autoren wie Wolfgang Kraushaar oder Jan Philipp Reemtsma haben neben dem kolportagehaften Stil mit ihrer linken Vergangenheit zudem einen Distinktionsvorteil, den sie effizient zu nutzen wissen. Ihre Deutungshoheit speist sich dabei in doppelter Weise aus Zeitgenossenschaft und biographischer Nähe zu Thema und Milieu bei gleichzeitiger entschiedener Distanz zur Praxis der Stadtguerilla. Sie wird funktional als privilegierter Authentizitätsbonus und als Legitimitätsnachweis eingesetzt, im Bestreben, jede um emanzipatorische Aufhebung von Staat und Kapital bemühte antagonistische Politik durch Entpolitisierung und Delegitimierung glaubwürdig zu denunzieren. Entlang der Eckpunkte „Krieg der Bürgerkinder (aus der Mitte der Gesellschaft) gegen das Land, das ihre Eltern wieder aufgebaut hatten“ und „Zeit der Konfrontation und Bewährung“ wird die „Offensive 77“ der RAF aktuell als tragischer Generationenroman und als machtpolitische Herausforderung – in der Dimension den amerikanischen Nationaltraumata Pearl Harbour und 9/11 gleichgesetzt – erzählt, in jedem Fall aber als nationales deutsches Schlüsselereignis auf dem Weg zur vollen staatlichen Souveränität durch die Verfügung über den Ausnahmezustand verhandelt.

Die Aufwärmrunde

Die richtungsweisende Aufwärmrunde zum „Deutschen Herbst“ begann Anfang 2007 mit einer in ihrer Verbissenheit fast unwirklich anmutenden Debatte um ein Gnadengesuch des RAF-Gefangenen Christian Klar und die Umwandlung der Reststrafe in eine bedingte Freilassung für Brigitte Mohnhaupt. Es ging um gerade mal 20 Monate vorzeitiger Haftverschonung. Die reflexhafte und um-standslose Aktualisierung alter Frontbildungen der vergangenen Jahrzehnte strafte alle Beteuerungen über die historische Abgeschlossenheit und politaktuelle Bedeutungslosigkeit des Themas Bewaffneter Kampf Lügen. Eine erste auffällige Diskursverschiebung zeigt sich in der geballten Reaktion der liberalen Magazine Spiegel, Stern und Zeit. Über Spiegel-online werden im Tagesrhythmus Artikel lanciert, die in einer Spiegel-Titelstory („Gnade für die Gnadenlosen?“) gipfeln. In den verschiedenen Artikeln trifft eine ungehemmte Abrechnungsmentalität auf juristisches Halbwissen im Gewand eines Polizeijournalismus, der von den Militanten tätige Schuldeingeständnisse in Form von Aufklärung offener Tatbeiträge, Selbstbezichtigung und Denunziation als materiellen Beweis der Reue einfordert.

Der Boden einer unangenehm vertrauten, sinn- und gemeinschaftsstiftenden Hysterie war aufbereitet und das Gnadengesuch Klars wurde wie erwartet abgelehnt (die CSU steuerte als Entscheidungshilfe für den Bundespräsidenten den dezenten Hinweis auf die potenzielle Selbstmarginalisierung seiner Wiederwahlchancen im Falle einer positiven Erledigung des Gnadengesuchs bei).

Der erste Coup

Aust landet mit seinem Lieblingskronzeugen Boock den ersten Coup: die in der Diskussion um Christian Klar vehement vertretene Forderung nach aktiver Mithilfe von ehemaligen Militanten bei der Aufklärung noch ungeklärter Attentate oder Tatkomplexe bereicherte „der Karl May der RAF“ mit der Bekanntgabe des Schützen beim Attentat auf den Generalbundesanwalt Buback. Wie immer hatte Boock die Information nur vom Hörensagen, aber ein Alibi für den bisher angenommenen Schützen Knut Volkerts. Spiegel-online brachte die Story, Spiegel-TV die Bilder vom Besuch Boocks bei der Bundesanwaltschaft, dem mutmaßlichen Schützen Stefan Wisniewski brachte es ein neues Ermittlungsverfahren und dem Spiegel eine Titelstory („Der dritte Mann. Wer erschoss Siegfried Buback?“).

Damit erhielt der RAF-Diskurs eine neue Facette. Bereits in der Kritik an der Konzeption der RAF-Ausstellung 2005 in Berlin war die „Einbeziehung der Opferperspektive“ von Politikern und einzelnen Angehörigen gefordert worden. Publizistische Verstärkung fand diese Position durch das Buch der Journalistin Anne Siemens („Für die RAF war er das System, für mich der Vater“), das von der Presse breit rezensiert und in Talkshows behandelt wurde. Es folgte eine ARD-Diskussion mit Bubacks Sohn, dem Göttinger Uniprofessor Michael Buback, Boock und seinem Mentor Aust. Unprogrammgemäß äußerte sich Michael Buback in diversen Interviews im Verlauf des Jahres zunehmend schärfer über die Arbeit der Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung des Attentats und die dubiose Rolle der Geheimdienste.

Die Verdichtung der Inszenierungen

In immer kürzeren Abständen verdichtet sich die Inszenierung des Spiegel, sodass Nachricht und Marketing zwanglos in eins fallen. Als Nächstes werden kurze Tonbandmitschnitte aus dem Stammheimer Prozess veröffentlicht, auf welchen die Stimmen von Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe zu hören sind. Der „Sensationsfund“, so die einhellige Meinung der Medien, war im Zuge der Recherchen für Austs zweiteilige ARD-Dokumentation gefunden worden und dient als Promotion für die Ausstrahlung Anfang September.
Einen Tag nach der Enthüllung von Plaudertasche Boock über eine angedachte Entführung Helmut Schmidts und ein Attentat auf Außenminister Genscher folgt kurz vor Redaktionsschluss der Wochenendausgaben die Meldung auf Spiegel-Online, dass Boock die Namen der mutmaßlichen Schleyer-Mörder genannt habe (Heißler und Wisniewski). Das hatte er zehn Jahre früher, dazu in der Spiegel-Jubiläumsdokumentation 1997 befragt, noch strikt abgelehnt, aber sichtlich mit seinem Wissen kokettiert. Zur Steigerung der Dramatik wird einen Tag später bei Spiegel-Online die Frage nachgeschoben: „Was wussten die Geheimdienste?“

Keine Details der Doku werden veröffentlicht, die Pressemappe enthält lediglich zwei Interviews mit Aust, davon eines aus der Frankfurter Allgemeinen, worin er seine Moby Dick-Leseerfahrungen zur Charakterisierung der Decknamen der RAF-Mitglieder anwendet. Die Dokumentation selbst bleibt ohne größeren Erkenntniswert, die Liste der InterviewpartnerInnen ist so vorhersehbar wie einschlägig (darunter Auschwitzleugner und NPD-Mitglied Mahler und der rechtsextreme Klaus-Rainer Röhl). Aust bekräftigt die Selbstmordversion, eine kollektive Tat, aber quasi unter staatlicher Aufsicht. Der kriminologische Tonfall dominiert, es werden Zitate montiert, Indizienketten gebastelt und begründete Vermutungen geäußert. Die vollständige Öffnung der Archive als einzige Möglichkeit zur Klärung der offenen Fragen ist kein zentrales Anliegen. Dafür kann man diversen Beamten beim Lavieren zwischen Mauern und Leugnen, Vergessen und Verschwiegenheitspflicht und dem Einsatz des Jokers „Aktenverlust“ zusehen.

Das Finale

Am Jahrestag der Schleyer-Entführung und zum Start der 8-teiligen Spiegel-Serie wird die Verhaftung einer islamistischen Terrorzelle in Süddeutschland bekannt gegeben. Laut Spiegel wurde damit der wohl gefährlichste Anschlag der bundesdeutschen Geschichte verhindert. Und woher kamen die Terroristen? Richtig: aus der Mitte der Gesellschaft. Die Bedrohung bleibt, die Herausforderung für den starken und souveränen, aber besonnenen Staat ebenso.

Der Spiegel wird berichten, wenn auch demnächst mit neuem Chefredakteur. Austs 2008 auslaufender Vertrag wurde dieser Tage nicht verlängert. Der Geschäftsführer der Mitarbeiter KG begründete dies laut Süddeutscher Zeitung (15.11.) mit einem nötigen Modernisierungsschub für das Blatt und dem Bedarf an einer frischen, neuen Kraft, um mehr junge Leute an das Blatt zu binden. Das könnte das Ende der „Doppelspitze“ Aust/Boock sein. Der RAF-Kinofilm von Produzent Eichinger und Regisseur Edel nach einem Drehbuch von Aust kommt 2008 heraus. Dann wird schon das Jubiläum „40 Jahre 68“ abgefeiert.

Klaus Kindler langjähriges Studium der Politikwissenschaft, Mitarbeiter im Archiv der sozialen Bewegungen, Wien.

 
 

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