Medienaktivismus in Ost-Asien. Teil 1: Japan — IG Kultur

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INHALT 04/2006

 

Medienaktivismus in Ost-Asien. Teil 1: Japan

Gabriele Hadl

Weltweit machen immer mehr Leute ihre eigenen Medien. Die Gründe sind in allen Mediengesellschaften dieselben: Weil bei den kommerziellen Medien genau das drin ist, was draufsteht. Weil die „öffentlichen“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit operieren. Weil sie es satt haben, von oben herunter angeredet zu werden – missrepräsentiert, ignoriert oder einfach für blöd verkauft. Weil sie müssen. Weil sie können. Und nicht zu vergessen: Weil es Spaß macht, die Antenne, Kamera oder Webseite selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn dafür gar mancher Kampf aufgenommen werden muss. Ein Bericht aus der ostasiatischen Wahlheimat.

„War das ein Erdbeben?“

„War das ein Erdbeben?“ „Nein die Hochschaubahn. Die müssen sie hin und wieder anwerfen, damit sie nicht einrostet.“ Das ist nur eine kleine Unterbrechung in der Diskussion um die DVD Precarity, eine Video-Compilation 2004 made in everywhere zum Thema Prekarisierung, die gerade unter mühseligem Simultanübersetzen gemeinsam angeschaut wurde. In einem großteils stillgelegten Vergnügungspark in Osaka hat eine Gruppe von Kulturvereinen eine Bleibe gefunden, darunter die Recording, Expression and Media Organization, kurz [remo]. Hier gibt es einen riesigen Raum zum Nulltarif zu mieten, wenn auch unter prekären Konditionen – dazu bot ein Finanzskandal um den Vergnügungspark und die progressiven Ideen eines engagierten Beamten vom Kulturamt eine Gelegenheit. Der Impetus kam aus der Notwenigkeit.

Zweckentfremdete Consumer Technologies

Es gibt in Japan kaum Infrastruktur und Gelder für Kunst, Medien- und Erinnerungskultur, geschweige denn für und von sozial engagierten Experimentalkünstlern, Einwanderern und anderen Leuten aus sozialen Minoritäten. Da bleibt nur handgestrickte Selbsthilfe und cleveres Ausnützen sich bietender Möglichkeiten. Einen großen Vorteil haben die potentiellen Erzeuger von Neben-, Alternativ- und Gegenöffentlichkeiten in Japan aber: Im Land von Sony, Nikon, NTT und Canon sind Kommunikationstechnologien leicht in die Hand zu bekommen (was mit dem Sondermüll dann geschieht, ist eine andere Frage).

So boten etwa in den 1970ern Kopiermaschinen die Infrastruktur für eine Welle der Minikomi (lokale Newsletter und hausgemachte Magazine im Gegensatz zur Massenkommunikation, Masskomi). In den frühen 1980ern bastelten vereinsamte Autonomia-inspirierte Tokyoiten ihr eigenes – und einwandfrei a-legales – Micro-Radio-Netzwerk mit handgelöteten Transistoren. Videokameras made in Japan wurden für politische Dokumentarfilme und visuell Experimentelles „zweckentfremdet“. Anfang der 1990er Jahre begann eine Gruppe engagierter Computerkundiger, die verstreuten Bürgerinitiativen auf die Möglichkeiten von Computernetzwerken aufmerksam zu machen. JCA, Teil des globalen Netzwerks Association for Progressive Communications, betreute bald Hunderte solcher zivilgesellschaftlicher Organisationen mit Mailinglisten, Speicherplatz und Workshops und adaptierte bzw. entwickelte Software für japanische Schrift. 1996, als japanische Firmen noch wenig Interesse am Internet zeigten, zählte man schon über 300 Gruppen – von autochtonen Ainu bis zu arbeitenden Müttern, Friedensgruppen und Anti-Raucherkampagnen – mit eigenen Internetseiten. Seit den späten 1990ern sind Mobiltelefone nicht nur mit Foto und Video, sondern auch mit E-Mail und Internet ausgerüstet. Während die meisten Benützer sich brav an die ungeschriebene Regel halten und Medientechnologien nur zum Infoempfangen, Chatten und Shoppen verwenden, gehen andere damit auf Sendung. Prekarisierte oder Obdachlosengruppen können sich via E-Mail-Listen, Bulletin Board-Systemen (BBS), Blogs oder Open Publishing-Nachrichtenseiten wie Indymedia etwas Gehör verschaffen oder sich zumindest mit anderen, gleich Schlechtgestellten organisieren.

Blick in die Realität des wirtschaftsliberalen Kulturkonservativismus

Wie jagt man Kulturförderungen in einem Land, wo es keine gibt? Eher ungläubig hören die in [remo] Versammelten zwei Leute von Las Agencias in Barcelona erzählen, dass sie für ihre wilden Aktionen – prêt-á-revolter (fesche Schutzkleidung für Demonstranten) – öffentliche Gelder aus dem regionalen Kulturbudget bekamen. Oder ein andermal: Wie die damalige Public Netbase vom österreichischen Bundeskanzleramt unterstützt wurde. Denn was es in Japan an Kulturbudget gibt, fließt in die während der Selbst-Kolonialisierung (sprich Modernisierung mit westlichem Messer an der Kehle) erst fast ausgehungerte und dann zur Nationalidentitätserzeugung hastig aufgepäppelte Traditionskultur – Tempel, Tee und Kimono. Von der Regierung in Tokyo ist also nichts zu erhoffen, erst recht nicht, seit von dort aus Wirtschaftsliberalismus und rechter Nationalsinn regiert. Einzelne Städte und Regionen versuchen sich hin und wieder als „Gegenwartskulturzentren“ zu stylen. Auch gibt es dort zuweilen Bürokraten mit Interesse am Wohlergehen der Bürger und der lokalen Vereine. Das bietet auch Chancen für Gruppen wie [remo], die sich als Inkubatoren für kreative Innovationen präsentieren.

Nichts ist so teuer wie etwas Geschenktes

Doch das mit dem Anpreisen der Kreativität abseits der professionellen Design- und Medienindustrie ist zweischneidig. Sehen die Gemeinden, Prefekturen und die Nationalregierung die lieben „Bürger“ (shimin, wörtlich Stadt-Leute) – möglichst brave NGO/NPOs und Bürgerinitiativen – als Weg, billig und „bürgernah“ Sozialleistungen anzubieten, so erntet die Medienindustrie gerne die Ideen von Subkulturen und sozialen Bewegungen – eine Art ausgelagertes Research & Development-Department. Die Ökobewegung z.B. war lange Zeit ein Haufen von Einzelkämpfern gegen dieses Atomkraftwerk und jenen Damm oder die Sorge um Pestizide im Reis. Doch um 2002 entwickelte die Slow Life-Bewegung eine Eigendynamik mit Hilfe verschiedenster „kleiner Medien“. Die Veranstalter von Öko-Events waren oft dankbar über Sponsoring, mitunter auch von „großen Namen“ wie der Toyota Stiftung. Wenige Jahre später werben McDonalds und Toyota mit Slow Life-Slogans.

Doch es geht auch anders herum: 2001 gelang es einem Team von Culture-Jammern (inspiriert vom kanadischen Magazin Adbusters) sich in die Chefetage des Industriemagazins Kokoku („Werbung“) einzuschleusen. In ihrer ersten Ausgabe erklärten sie kurzerhand, es sei vorbei mit dem Fördern der Konsumgier, ab jetzt werde eine nachhaltige Zukunft designt. „Werbung“ gab es nur für „laugh and peace“. Der Rest galt Themen wie dem First Things First Designer Manifesto, Kaufnixtag (Buy Nothing Day), Regionalwährungen und tschechischem Experimentalfilm.

„In Japan gilt Kultur und Medienmachen als Hobby“, seufzt Kazuya Sakurada, ein [remo]-Mitarbeiter. Philanthropie ist selten. Kyoto Journal, eine elegante englischsprachige Zeitschrift für alles Mögliche aus Asien, von Schreibern und Designern ehrenamtlich herausgegeben, hatte Glück: Die Stiftung eines kleinen Kalligraphieimperiums zahlte jahrzehntelang anstandslos. Doch neuerdings gibt es auch hier Forderungen, den Inhalt mehr auf die Zielgruppe der potentiellen Kalligraphieschüler abzustimmen.

Dazu kommt das rudimentäre Vereinswesen. Das NPO-Gesetz wurde erst im Jahre 1998 eingeführt, unter dem Eindruck der Bürgerinitiativen, die sich 1995 spontan organisiert hatten, um angesichts des Versagens der Behörden die Rettung und Betreuung der Erdbebenopfer in Kobe, Osaka und Awaji selbst in die Hand zu nehmen. Bis dahin mussten Bürgergruppen und Projekte entweder informell arbeiten oder als Firma. Der multi-kulturelle Radiosender FM YY (spr. Waiwai), ein Pionier der Community-Radios, war ursprünglich ein Selbsthilfeprojekt Koreanisch und Vietnamesisch sprechender Einwohner Kobes in den Wirren des Erdbebens. Um legal zu werden, musste YY eine AG gründen – mit limitierter Anzahl von Nicht-Japanern im Aufsichtsrat. Erst 2003 gelang es erstmalig einem Verein, Radio Café in Kyoto, eine Sendegenehmigung zu erhalten. Nun überlegt Waiwai auch eine NPO zu werden. Nur: Die Vorteile sind gering. Förderungen oder steuerliche Begünstigungen gibt es kaum, und das System der Mitgliedsbeiträge und Spenden etabliert sich nur langsam.

Unter solchen Umständen ist sozial engagiertes Arbeiten sehr prekär. Doch gibt es Medienprojekte, die ihre Bewegung langfristig unterstützen wollen – mit „ordentlicher Buchhaltung“. Einen kleinen Rekord hält dabei femin, seit 60 Jahren ein Medium der Frauenbewegung. Die kleine Mitarbeiterinnengruppe versorgt ihre AbonnentInnenbasis dreimal im Monat mit feministischer Berichterstattung zu Friedens-, Demokratie- und Frauenfragen. Das Zeitungsformat ist billig zu produzieren und verschicken, und moderate Werbung hilft auch das Konto im Schwarzen zu halten. Allerdings: Große Innovationen gehen sich bei diesem Modell nicht aus. Bei der Straßenzeitung Big Issue Japan, die im Unterschied etwa zum Grazer Megaphon ganz ohne Rückhalt von Spendenorganisationen funktionieren muss, heißt es bei der Auswahl der Titelseiten und Werbeeinschaltungen zuerst an das Geld denken, das für die obdachlosen Verkäufer hereinkommen soll – und die kritischen Artikel weiter hinten bringen.

I participate. You participate. We participate. They profit.

„Shimin Kisha“ (Bürgerjournalisten) ist ein neues Buzzword. Die weltweite Indymedia-Bewegung führt seit den späten 1990ern „Jeder ist ein Journalist“ als inoffiziellen Slogan gegen die gefilterten, elitären und kommerzialisierten Mainstreammedien und ermöglicht mittels Open Publishing-Webseiten Nachrichten von allen für alle – besonders soziale Bewegungen. Die Organisation ist informell, anti-kommerziell und anti-hierarchisch. Alles basiert auf Freiwilligkeit und Teilhabe. Indymedia Japan wird von Suchern nach innovativen Geschäftsideen und guten Bürgern natürlich ignoriert. Besser bekannt ist JANJAN, eine Internetnachrichtenorganisation, die hautpsächlich Beiträge von „Bürgerjournalisten“ veröffentlicht: Intellektuellen, unabhängigen Journalisten, Leuten von Bürgerinitiativen sowie NGO/NPOs und Privatpersonen. Ihre Artikel werden nach Mainstream-Methoden redaktionell aufbereitet. Geld ist dabei Mittel zum Zweck: „Wir brauchen nur genug zum Weitermachen.“

Anders bei OhMyNews Japan, Tochter der koreanischen Online-Zeitung OhMyNews. Obwohl gleichfalls „Bürgerjournalismus“ auf deren Fahnen steht, hat man hier wenig Scheu vor Geld und Macht. Ursprünglich ein radikales Medium der Demokratisierungsbewegung in Korea, hat sich OhMyNews in Korea zum neuen Establishment gemausert. OhMyNews Japan ging im Sommer 2006 mit Hilfe von Investitionen vom Telekommunikationsriesen Softbank online – doch mit alternativer Kommunikation hat das nur mehr wenig gemein.

Bewegungen für demokratische Kommunikation

In Japan spürt man eine „Bewegung der Bewegungen zu Kommunikationsthemen“ im Entstehen, ein weltweites facettenreiches Phänomen. Waren bis vor wenigen Jahren die einzelnen Projekte und ihre Aktionen relativ getrennt, so verstärkt sich nun die Vernetzung. Es gilt, Strategien zu entwickeln gegen die Prekarisierung, Ausbeutung, Kriminalisierung und Marginalisierung von demokratischeren Kommunikationsformen und für die Reform der Mainstreammedien. Viele Fragen sind noch immer offen: Wie von der Nebenöffentlichkeit zur Öffentlichkeit, von der Kritik zur Alternative? Einige Antworten kristallisieren sich gerade heraus. Es ist höchste Zeit. Denn mit den derzeit dominanten Kommunikationssystemen werden die Probleme der Welt kaum zu bewältigen sein.

Links

Indymedia Japan

[remo]

Femin

FM YY

JANJAN

Kyoto Sanjo Radio Café

DVD Precarity

Big Issue Japan

Tetsuo Kogawa/Micro-Radio Manifesto

JCA

Obdachlosen Blog

Gabriele Hadl ist Medienwissenschaftlerin an der Universität Tokyo und aktivistisch tätig, u.a. in Netzwerken wie OURMedia/NUESTROSMedios, Communication Rights in the Information Society und Indymedia.

 
 

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  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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