Kreative Entwicklung? Netzkultur und Immobilienhaie.
Die vielen Kräne sind im East End Londons kaum zu übersehen. Was da gebaut
wird, sind vor allem Wohnungen, die als Luxury- oder City-Appartements zu
horrenden Preisen angeboten werden. Gated Communities, komplett mit Zaun,
Überwachungsanlage, Portier, eigenem Fitness-Club, etc., damit gestresste
Angestellte von Investmentbüros sich hier im Osten des Zentrums auch wohl
fühlen können. Denn eigentlich war Hackney – so heißt der Stadtteil – bisher
verrufen, ja sogar als besonders „gefährliches“ Viertel voll von „armen“ Einwanderern
verschrien. Bereits vor 20 Jahren hatte die Anarchistengruppe CRASS
„Keep the Yuppies out of Hackney“ auf Brückenpfeiler gesprüht. Hackney war
schon damals „attraktiv“ und „gefährlich“ zugleich, und so hat sich die Gentrifizierung
langsamer als erwartet eingestellt. Heute, im Herbst 2005 scheint ein
Point of no return erreicht zu sein. Als Sargnagel der alten Identität des Viertels
wird der Zuschlag für Olympia 2012 gesehen.
In diesem Artikel geht es um den Zusammenhang
zwischen zwei Begriffspaaren, den creative industries (CI) und der urban regeneration.
Der Begriff CI markiert eine Umdeutung des Kulturbegriffs. Nicht nur jene Teile
des Kulturbetriebs, die immer schon kommerziell orientiert waren, sondern alle
sollen von diesem Begriff erfasst werden. Nicht-kommerzielle Formen werden
zumindest indirekt instrumentalisiert. Hierzu gibt es verschiedene Modelle.
Eines ist das Museum als Tourismus-Hit, wobei die Kulturinstitution dank ihrer
Größe selbst zum lokalen Wirtschaftsfaktor wird und zur Attraktivität einer
Stadt beiträgt. Beispiele dazu gibt es genügend, wie etwa Paris in den 80er Jahren,
als das Centre Pompidou und eine Reihe weiterer kultureller Großprojekte
entstanden, oder London mit der Tate Modern Galerie und nicht zuletzt auch
Wien mit dem Museums Quartier (MQ). Ein weiteres Modell beruht darauf, dass
das Personal der kreativen Industrie freiwilligen Dienst als Vorhut der Entwickler
leistet. Künstler ziehen in eine heruntergekommene Gegend wegen günstiger
Mieten. Die Infrastruktur, die so ein kreativer Cluster eben braucht, wie Cappuccino-
Shops, Restaurants, Kunsthandwerkliches folgt. Das Viertel wird hip und
das zieht auch die Rechtsanwälte und Börsenleute an. Als Musterfall in London
gilt Shoreditch, das innerhalb weniger Jahre von einer leeren Warenhaus-Gegend
zum Mekka für Design, Kunst und Night-life wurde. Die alte, etwa auch aus New
York nur zu gut bekannte Formel hat in den 90er Jahren noch von selbst gewirkt,
heute ist sie offizieller Bestandteil der Policy von Arts Council und London Development
Agency.
Wie zwei ausgezeichnet recherchierte Artikel F.E.
Rakuschans (2001a/b) über das MQ belegen, hat man diesen Avantgarde-Effekt
auch in Wien zu nutzen gewusst, indem Gruppen und Initiativen in der Umbau phase
Räume zur Verfügung gestellt wurden, die der Baustelle MQ Leben eingehaucht
haben. Nun, nach der Fertigstellung, sind diese Gruppen nicht mehr da.
An ihrer Stelle gibt es einen Verband namens Quartier21, unter welchem sich
eine sehr arbiträre Vielfalt von Entitäten verbirgt. Lautete der Tenor des Artikels
damals schon, dass kritische soziopolitische Initiativen von einer Kultur-Shopping-
Mall abgelöst werden, so hat sich dieser Verdacht bis heute nur verstärkt.
Damit sollte keine Aussage über die Qualität der einzelnen Aktivitäten gemacht
werden, es geht allein um die kulturpolitische Tendenz. Im Wiener MQ zeichnet
sich ab, dass die Bewohner des Quartier21 bald ihre Schuldigkeit getan haben
werden, indem für die Verlebendigung des Geländes gesorgt wurde. Was noch an
„echter“ Kultur vorhanden ist, könnte bald von Luxus-Boutiquen ersetzt werden. Die
Kultur des Spektakels wird dann wieder einmal ihr logisches Ende erreicht haben.
Von der „Kulturindustrie“ zur „Kreativwirtschaft“
Überhaupt stellt sich beim Thema der Instrumentalisierung der Kunst und Kultur
für die Stadtentwicklung leicht ein deja vu-Effekt ein: Hat man das nicht alles
schon einmal gehört oder selbst erlebt? Gibt es zu diesem Thema einen neuen
Theorie-Layer? Begrifflich ist vor allem auf die Bedeutungsverschiebung zu achten,
die mit dem Wechsel von der Verwendung des Begriffs Kulturindustrie zu
dem der Creative Industries oder Kreativwirtschaft einherging. Dieser Entwicklung
geht eine Veränderung des Begriffs der Kulturindustrie in den 80er Jahren
voraus, die durch Cultural Studies die nötige theoretische Begleitung erfuhren.
Adornos Kritik wird – nach dieser Lesart – von seinem eigenen künstlerischen
Elitismus (Teddy didn’t like Jazz) allzu leicht ausgehöhlt. Im Postmodernismus
werde die Trennung zwischen Hoch- und Populärkultur aufgehoben, heißt es.
Damit schien die Analyse der kritischen Theorie passé zu sein.
Seit den 80er Jahren wird unter Schlagworten wie
Hybridisierung an einem Umbau des Kulturbegriffs gefeilt; zu den „alten“ elektronischen
Medien wie dem Fernsehen treten Computer, Games und andere vernetzte
und interaktive Formen. Diese Logik setzt sich fort mit dem Internet-
Boom ab 1995 und es sind vor allem diese neuen Dynamiken, die sich aus dem
Netz ergeben, die erneut eine begriffliche Neubestimmung erforderlich machen.
Aus der Kulturindustrie wird endgültig die CI, und London nimmt dabei eine
Vorreiterrolle ein. 1998 erscheint der erste Mapping-Bericht der Creative Industries
Task Force, gefolgt von einem zweiten 2001. Die frisch ins Amt gewählte
New Labour Regierung setzt sich auf den Hype um London als coolste Stadt des
Planeten, indem sie das Land als Cool Britannia zu vermarkten sucht: „Cool Britannia
may have been a media spectacle, but it was the need to attract foreign direct
investment (FDI), combined with the co-ordinates of a new service-based economy,
that underpinned Londons spectacular emergence as the coolest city on the planet.“
(Davies und Ford 2000). Doch auf den Hype ist längst der Hangover gefolgt.
Der kulturelle Bauboom in UK wird überwiegend aus den staatlichen Einnahmen
der Lotterie finanziert. Dabei hat man schon einige bittere Lektionen gelernt,
denn diese Interventionen gehen nicht immer gut aus. Der Millennium Dom, der
schon mehr als eine Milliarde Pfund Sterling (ca. 1.5 Milliarden Euro) gekostet
hat, wird allgemein als Debakel staatlichen Dirigismus verstanden.
Inzwischen klingen in der Saga um die Creative
Industries andere Töne an. Als der Diskurs um die CI unter Kulturminister Chris
Smith einen Zenit erreichte, 1999, auf dem Höhepunkt des Dot-Com Booms,
wurden naturgemäß etwas überoptimistische Annahmen getroffen. 2000 – 2001
erlebte die Kreativwirtschaft sogar eine Kontraktion ihrer Beschäftigtenzahlen.
Angepasst über 10 Jahre ist das durchschnittliche Wachstum zwar 6% und somit
höher als die Gesamtwirtschaft, doch Träume wie einst, dass die CI die Verluste
der alten Industrien mehr als nur kompensieren könnten, sind längst schnöderen
Realitäten gewichen. Die Musik-Industrie ist in der Krise, im Film wird versucht,
den Erfolg von z.B. Lock, Stock and Barrel zu wiederholen, doch die Gesetze
des Marktes in diesem Bereich sind launisch.
Die Aufweichung der Grenzen zwischen Business und Kultur
The London Particular (TLP) haben sich als freies Studienprojekt jahrelang mit
dem Thema auseinander gesetzt. Sie kritisieren die Diskrepanz zwischen einer
Zunahme an relativ billigen Community-Art Projekten und den tatsächlich nötigen
Investitionen für Stadterneuerung, Bildung, Kultur. Kritik an diesen neuen
hybriden Vernetzungsformen zwischen Business und Kultur klingt auch bei
Anthony Davies und Simon Ford durch. Netzwerkartige Organisationsformen
sind kein Vorrecht basisdemokratischer sozialpolitischer Bewegungen. Schon
seit längerem haben sich bestimmte Sektoren der Wirtschaft netzwerkartig organisiert.
Zu diesem Schluss kamen Davies und Ford 2000 in ihrer Abhandlung
über Culture Clubs, den neuen „Hubs“ der Kreativwirtschaft, wo neue Typen von
Intellectual Property Brokering auftauchen, wie bei First Tuesday oder dem Club des
ICA. Was bei diesen Vernetzungs-Meetings vielfach überschritten wurde, waren
herkömmliche Grenzen zwischen Business und Kultur.
Davies und Ford sehen diese Aufweichung der Grenzen
als ernste Gefahr, weil damit z.B. der Bereich der „Öffentlichkeit“, der in der
Vergangenheit mit dem Staat assoziiert wurde, nun von so genannten Private-
Public-Partnerships (PPPs) in Beschlag genommen wird. In ihrer Analyse kommen
sie zu dem Schluss, dass die Netzwerke es ermöglichen, dass wirtschaftliches
Denken und Methoden in den Kulturinstitutionen Einzug halten, was deren
Eigendefinition umkrempelt. Sie sehen sich nun nicht mehr als Inbegriff von
öffentlicher Kultur, sondern als Mitverwalter von Öffentlichkeit. Selbst radikaleren
Formen dezentralen, vernetzten Protests bliebe da nur noch wenig Spielraum.
Vier Jahre später stellt Anthony Davies (2005) in einem weiteren Text zum
Thema klar, dass sich der Hauptverdacht bestätigt, dass nun Kulturförderprogramme
im Rahmen dieser PPPs so strukturiert sind, dass Wirtschaftsunternehmen
die Fördergelder erhalten. Die Überschreitung der Grenzen hat die Querförderung
der Wirtschaft über Kultur als Feigenblatt zum Normalfall gemacht.
Dieses neue Nahverhältnis mit den Basic Instincts
äußert sich unter anderem darin, dass die Frieze Kunstmesse in diesem Jahr so
gut ging wie nie zuvor. Die Kaufwut einer neuen Kundenschicht, die sich bevorzugt
aus dem Star-Milieu zu rekrutieren scheint, bläst dem jungen Londoner
Kunst-Markt Leben ein. Doch der Fokus auf solche Phänomene wäre der kreativen
Buchführung verdächtig, schrieb James Heartfield schon 1999 im Guardian.
Denn tatsächlich ist das FDI seit den 90er Jahren empfindlich zurück gegangen
und die CI haben sich nicht als ausgleichende Kraft erwiesen. Die Spendierlust
der Reichen ist auch nicht unbedingt auf eine allgemein bessere Wirtschaftslage
zurückzuführen, eher im Gegenteil. Die Gewinne, die unter anderem aus der
Immobilienspekulation, dem Buy-to-Let (Kaufen um unter zu vermieten), entstehen,
werden nicht in die Wirtschaft reinvestiert, sondern für teure Luxusgüter
wie Galerienkunst ausgegeben. Das heißt, dass die Künstler, die neue Stadtteile
erschließen helfen, automatisch auch schon an ihrem eigenen displacement arbeiten,
da eine Menge Reichtum aus der Immobilienspekulation kommt. London schneidet
sich damit selbst die kreative Luftzufuhr ab, die es so dringend bräuchte.
Jenseits des mythischen Lala-Lands der CI
Auch auf anderen Gebieten und an anderen Orten gibt es diesen nicht nachlassenden
Druck. Es wird das Image einer Kreativindustrie beschworen, die es so
vielleicht gar nicht gibt. Trotzdem sind gerade in diesen Bereichen, die sich vage
mit Netzkultur umschreiben lassen, Konzepte und Realitäten geschaffen worden,
die paradoxerweise den Weg zu einer kreativen Wirtschaft neuen Stils weisen,
obwohl sie mit herkömmlichen Vorstellungen bezüglich derselben völlig
über Kreuz liegen. Während freie Software und copyleft eine immer größere
Bedeutung erlangen, proklamiert Ministerin Tessa Jowell, dass sie ihr Hauptaugenmerk
bei der Förderung der CI auf besseren gesetzlichen Schutz und mehr
„enforcement“ (Durchsetzungsgewalt) von geistigem Eigentum legen wird.
Solchen Missverständnissen begegnet man auch in
Österreich. Hier wie da befindet man sich in einem mythischen Lala-Land der CI.
In Wirklichkeit ist es so, dass wir zwar in einem gemischten Modell leben, und
dass wir alle den Expansionskräften des Marktes ausgesetzt sind. Auch nicht die
reinste Künstlerseele kann auf völlige Autonomie verweisen. Doch es zeichnen
sich immer mehr Nachteile der kreativen Bastardisierung des Kulturbegriffs ab,
welche tatsächlich bestehende Unvereinbarkeiten zwischen Kommerz und Inhalten
nur notdürftig übertünchen. Die Bestimmung dieser Grenzen ist ein Auftrag
an die Kulturschaffenden, wollen sie nicht gänzlich von den Netzen der Stadtentwickler
eingefangen werden.
Literatur
Davies, Anthony /
Ford, Simon (2000): Culture
Clubs. In: Mute magazine
18/2000
Davies, Anthony (2005):
Basic Instinct: trauma and
retrenchment 2000-4. In: Mute
magazine 29/2005
F.E. Rakuschan (2001a):
Glanz und Elend der Institutionen.
Depot und Public Netbase
am Scheideweg. In: Kulturrisse
04/01
F.E. Rakuschan (2001b):
MuQua: Hammer oder Spiegel?
Kursorische Anmerkungen
zum MuseumsQuartier Wien.
Auf: Telepolis (www.heise.de/tp)
Armin Medosch
ist Autor und Medienkünstler
und lebt in
London und Wien. Er
unterrichtet Network
Media am Ravensbourne
College of Design and
Communication.
